Nachspielzeit (18. Spieltag): Die richtigen Spieler im Auge behalten

30.1.17 2 Kommentare
Das Spiel der Schalker gegen die Eintracht aus Frankfurt fühlte sich nicht wie ein klassischer Rückrundenauftakt an, hatte die Begegnung Freiburg – Bayern eine Woche zuvor das Bundesligajahr 2017 doch bereits eingeläutet. Zum Ärger der Schalker blieb das erhoffte Erfolgserlebnis vor heimischer Kulisse nach schwacher Gesamtleistung aus.

Auch das Unparteiischenteam um Schiedsrichter Robert Hartmann (Wangen) dürfte sich im Zuge der Spielanalyse über das einzige Tor des Abends geärgert haben. Es läuft die 33. Spielminute (> s. Video), als Makoto Hasebe einen berechtigten Freistoß von der rechten Seite flach – und offenbar einstudiert – in den Schalker Strafraum passt. Plötzlich taucht Alexander Meier auf und schiebt den Ball relativ unbedrängt in die untere Ecke des Schalker Gehäuses ein. Was in Realgeschwindigkeit kaum zu erkennen ist: Dem Tor geht ein Foulspiel des Spielers Abraham voraus. Die Zeitlupen zeigen, dass Schalkes Innenverteidiger Naldo seinen zugeteilten Spieler (Meier) zwar kurz ziehen lässt, ihn dann aber in die Strafraummitte verfolgen will. Dabei wird er von David Abraham aufgehalten – in regelwidriger Weise, wie die Bilder belegen. Der Frankfurter versperrt Naldo mit ausgestreckten Armen den Weg, umarmt ihn nahezu. Ob Naldo den davon eilenden Meier ohne Foul noch erreicht hätte, ist ungewiss. Fest steht aber, dass er durch das regelwidrige „Sperren mit Körperkontakt“ (Spielregeln, S. 84) gar keine Chance dazu hatte.

Das sagen die Zeitlupen. Auf dem Platz und in Realgeschwindigkeit sieht das Ganze natürlich anders und weit weniger klar aus. Während der flachen Hereingabe durch Hasebe befanden sich vier Frankfurter Angreifer in einem Zweikampf mit jeweils einem Schalker Verteidiger. Hinzu kamen Meier sowie zwei weitere Schalker Verteidiger. Schiedsrichter Hartmann musste demnach vier Spielerpaaren seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, zwischen denen jeweils Körper- oder sogar leichter Textilkontakt bestand. Dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist, liegt auf der Hand, zumal Hartmann aus seiner korrekten Position keine freie Sicht auf alle vier Spielerduos hatte. Bei solchen Situationen kann es also nur darum gehen, die richtigen Spielerpaare im Auge zu behalten, potentiellen Regelverstößen vorzubeugen und problematische Zweikämpfe zu antizipieren.

Belgische Forscher – darunter der UEFA-Fitnessexperte Werner Helsen – haben sich genau diesem Problembereich angenommen. In ihrem in der Zeitschrift Cognitive Research erschienenen Artikel beschäftigen sich die Wissenschaftler mit der visuellen Suche in Zweikampfsituationen, die sich entweder im freien Spiel oder bei Eckstößen innerhalb des Strafraums oder in Strafraumnähe ereignen. Methodisch gelang dies wie folgt:

-        Amateurfußballer haben Zweikämpfe im freien Spiel und bei Eckstößen simuliert.
-        Diese Szenen wurden über Videokameras aus der Sicht eines zusätzlichen Schiedsrichterassistenten (landläufig auch als Torrichter bezeichnet, offiziell Additional Assistant Referee) aufgenommen.
-        20 aus insgesamt 90 Videoclips wurden ausgewählt, von Pierluigi Collina, Marc Batta und Hugh Dallas (den drei Schiedsrichterchefs der UEFA) mit Blick auf Vergehen und Disziplinarstrafe beurteilt und anschließend 39 Versuchspersonen vorgelegt.
-        Bei den 39 Probanden handelte es sich um 20 Elite-Schiedsrichter und 19 niedrigklassige Schiedsrichter aus Belgien.
-        Das visuelle Suchverhalten wurde durch Eye-Tracking-Methoden erfasst (d.h. es wurde experimentell untersucht, wie lange welche möglichen Kontaktzonen visuell fixiert wurden).
-        Es wurde für beide Gruppen untersucht, wie intensiv die Probanden relevante Kontaktzonen (= Zonen, in denen ein Kontakt oder Vergehen wahrscheinlich sind) und irrelevante Zonen fokussieren.

Die Ergebnisse zeigen nicht nur, dass Elite-Schiedsrichter erwartungsgemäß akkuratere Entscheidungen treffen als ihre niedrigklassig agierenden Kollegen. Vielmehr richteten Elite-Schiedsrichter im Experiment ihre visuelle Aufmerksamkeit stärker auf diejenige Zone auf dem Bildschirm bzw. Spielfeld, in der später tatsächlich ein Vergehen erfolgte. Sie waren also besser darin, irrelevante Zonen und Zweikämpfe auszublenden und sich stärker auf tatsächlich relevante Spielerpaare und Problemzonen zu fokussieren. Dieser Effekt zeigte sich vor allem für Situationen im freien Spiel (dort wurden die Unterschiede zwischen den Experimentalgruppen statistisch signifikant, d.h. es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese auf den Zufall zurückzuführen sind). Die Unterschiede zeigten sich auch in Bezug auf die Eckstoßsituationen, hier lag aber nur ein statistischer Trend vor. Insgesamt konnten die Autoren aber dennoch nachweisen, dass eine effektivere und effizientere visuelle Suche bei erfahreneren und erfolgreicheren Schiedsrichtern tendenziell zu korrekteren Entscheidungen führt – oder zumindest ihre Trefferquote erhöht.

In Situationen, in denen sich Spielerpaare im Strafraum versammeln, sollten Schiedsrichter demnach versuchen, Anzeichen für potentielle Vergehen antizipatorisch wahrzunehmen und diese Spielerpaare verstärkt zu fokussieren. Im Fall von David Abraham wäre ein solches Anzeichen gewesen, dass sich er und Schalkes Verteidiger Nastasic schon vor dem späteren Sperren gegen Naldo mit ausgestreckten Armen voneinander ferngehalten haben. Dies hätte die Aufmerksamkeit des Schiedsrichters wecken können. Gut möglich ist, dass auch der Unparteiische von Meiers einstudiertem Laufweg überrascht wurde und er seine Aufmerksamkeit kurzzeitig (aber entscheidend) von Abraham und seinen Gegenspielern gelöst hatte.

Grundsätzlich kann es natürlich immer sein, dass durch eine stärkere Fokussierung auf ein Spielerpaar ein unerwartetes Vergehen an anderer Stellle übersehen wird. Dieses Risiko müssen Schiedsrichter aber eingehen. In Spielen auf Champions und Europa League Ebene kommt noch hinzu, dass sich Unparteiische hier Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche mit ihren zusätzlichen Schiedsrichterassistenten hinter der Torlinie teilen können. Auch der bevorstehende Videobeweis könnte hier natürlich Abhilfe schaffen. Diesen Luxus hat der gemeine Amateurschiedsrichter freilich nicht. Daher gilt:  

“Referees must learn what to look at and when.”

Ein positives Beispiel, wo dies gelang, ereignete sich nur wenige Stunden zuvor in der Münchener Allianz Arena. 2.-Liga-Schiedsrichter Sven Jablonski (Bremen) verhängte einen in der Situation überraschenden, aber wohl berechtigten Elfmeter zugunsten der Löwen (> s. Video). Der Fürther Narey hatte seinen Gegenspieler im Halsbereich gehalten. Auch wenn es die Zeitlupen aufgrund von ungünstigen Einstellungen nicht endgültig auflösen können: Jablonski hat sehr wahrscheinlich frühe Anzeichen eines potentiell regelwidrigen Haltens erkannt und die beiden Spieler verstärkt fokussiert. So konnte er auch den Verlauf des Haltens einschätzen und zu der Einschätzung kommen, dass es sich hierbei um ein zu sanktionierendes Vergehen handelt. Seine Entscheidung konnte er somit auch mit der nötigen Bestimmtheit, Sicherheit und Souveränität „verkaufen“. Ein weiteres Positivbeispiel findet sich z.B. hier.

Abseitsstellung beim Gladbacher Anschlusstreffer

Auch im Topspiel zwischen Leverkusen und Mönchengladbach wurde das Thema „den richtigen Spieler im Auge behalten“ relevant – aber in einem anderen Kontext. Bei Gladbachs 2:1-Anschlusstreffer, der den Startschuss für die Auf- und Überholjagd der Fohlen markierte, lag eine strafbare Abseitsposition vor, die von dem Schiedsrichterassistenten leider so nicht wahrgenommen wurde (> s. Video). Zum Zeitpunkt des ersten Schusses auf das Tor steht Lars Stindl knapp, aber doch sichtbar im Abseits. Der Ball wird allerdings von einem Verteidiger absichtlich abgewährt, prallt in hohem Bogen zurück vor die Füße von Verteidiger Jonathan Tah. Stindl antizipiert das und bedrängt Tah. Ohne weiteren Ballkontakt gewinnt er den Zweikampf und schießt den Ball aus rund 20 Metern in das rechte Toreck.

Im Gegensatz zu dem, was bspw. im Sport1 Doppelpass verbreitet wurde, lag in diesem Fall keine neue Spielsituation vor – denn die kann es nur geben, wenn der Ball zwischen der Abwehraktion, die das Abseits nicht aufhebt, und Stindls Schuss noch eine Ballberührung von einem nicht im Abseits stehenden Spieler gespielt oder berührt worden wäre (bspw. wenn Tah den Ball kontrolliert, bevor Stindl ihn bedrängt). Eine solche Ballberührung gab es aber nicht, so dass der Assistent spätestens in dem Moment, wo Stindl Tah aktiv bedrängt hat die Fahne hätte heben müssen.

In solchen Situationen ist es wichtig, das Szenario im Moment der Ballabgabe so lange im inneren Auge abzuspeichern, bis a) sich eine neue Spielsituation ergibt oder b) der im Abseits stehende Spieler aktiv ins Spielgeschehen eingreift. Dies ist natürlich leichter gesagt als getan. Auch Sky-Experte Peter Gagelmann vermutete, dass der Assistent Stindl wahrscheinlich „nicht mehr auf dem Zettel“ gehabt hat. Dies verdeutlicht nochmals, wie wichtig es ist, die richtigen Spieler im Auge zu behalten.

In dem Zusammenhang ebenfalls interessant: Auch > Collinas Erben thematisieren einen Vorfall des letzten Spieltags, bei dem der Schiedsrichter ein Spielerpaar leicht aus den Augen verlor...

Noch eine Seite über Schiedsrichter - Über Schirilogie

29.1.17 Kommentarbereich
Noch eine Seite über Schiedsrichter. Muss das denn sein? Es kann auf jeden Fall. Auch wenn der Banner oben vermutlich schon einige Rückschlüsse zulässt und Assoziationen hervorruft, worum es hier in etwa gehen soll, sollen die 'schirilogischen' Ziele im Folgenden erläutert werden. 


Fußballschiedsrichter leisten einen ebenso unverzichtbaren wie anspruchsvollen – und manchmal auch undankbaren – Beitrag zum Spielbetrieb.

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28.1.17

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Zur Person

27.1.17
Mein Name ist Niclas Erdmann. Ich studiere Wirtschaftspsychologie im Master of Science an der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum, an der ich bereits 2016 einen Bachelorabschluss erlangt habe.

Seit 2013 bin ich zudem aktiver Fußballschiedsrichter und - das ist für einen Unparteiischen sicher eine ungeschriebene Voraussetzung - Fußballliebhaber.

Meine akademische Ausbildung und Passion fürs 'Pfeifen' habe ich im Zuge meiner Abschlussarbeit mit dem Thema "Führungspersonen auf dem Fußballplatz - zum Persönlichkeitsprofil und Selbst-verständnis von Fußballschiedsrichtern" beim Projektteam Testentwicklung der Ruhr-Universität Bochum kombiniert:

Im Rahmen einer breit angelegten Befragung und mit freundlicher Unterstützung durch zahlreiche Landes- und Nationalverbände wurde dazu die Persönlichkeitsstruktur von mehr als 2.000 Fußballschiedsrichtern aus dem deutschsprachigen Raum unter Einsatz eines etablierten Persönlichkeitsverfahrens (dem sog. BIP-6F) erhoben. Derzeit befinde ich mich in der Analyse, Aufbereitung und Kommunikation der Ergebnisse.

Mein Streben, aus einer wissenschaftlichen Fundierung heraus Erkenntnisse, Tipps und dadurch einen Mehrwert für die Schiedsrichterpraxis zu generieren, wird auch Schirilogie prägen.

Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (4/9): Steigerung der effektiven Spielzeit - Sofort umsetzbare Maßnahmen

26.1.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel




2. Steigerung der effektiven Spielzeit (Teil 1: Sofort umsetzbare Maßnahmen)

Die zweite Säule der Überlegungen des IFAB zur Erhöhung der Attraktivität des Spiels ist die Erhöhung der effektiven Spielzeit. Als sofort umsetzbar sieht das IFAB eine strengere Berechnung der Nachspielzeit. Insbesondere könnten die Schiedsrichter die Uhr bei Strafstößen, Toren, Verletzungen, persönlichen Strafen, Auswechslungen und der Mauerstellung anhalten bzw. die dabei verloren gegangene Zeit mitstoppen. Zudem könne die Sechs-Sekunden-Regel streng angewandt werden.

Da das Zeitspiel ein großes Ärgernis ist, besteht hier dringender Handlungsbedarf. Die Forderung nach einer besser berechneten Nachspielzeit ist grundsätzlich richtig. Die praktische Umsetzung - wie vom IFAB gewünscht - dürfte aber schwierig werden.


Wenn die Zeit angehalten werden soll, braucht man letzten Endes einen Zeitnehmer, da der Schiedsrichter in der Hitze des Gefechts auf dem Platz wahrscheinlich das Stoppen der Zeit hin und wieder vergessen wird. Wenn man aber einen Zeitnehmer einführt, kann man auch direkt zur Nettospielzeit übergehen, was ebenfalls in der Praxis Umsetzungsprobleme nach sich ziehen wird, vor allem im Amateurbereich (dazu unten mehr). Also bleibt nur die Möglichkeit, die verloren gegangene Zeit mitzustoppen. Dies könnte ein Schiedsrichterassistent machen. Doch auch hier stellt sich die Problematik, dass man in der Situation das Stoppen durchaus vergessen kann. Darüber hinaus muss man sich fragen, ob das mitstoppende Gespann dafür nicht eine zweite Uhr braucht. Alles in allem ist festzuhalten, dass ein Stoppen der verloren gegangenen Zeit – sei es durch Anhalten oder separates Mitstoppen – in der Praxis mehr Probleme aufwirft, als es Vorteile bringt.

Zielführender dürfte es sein, das Verantwortungsbewusstsein der Schiedsrichter auch im Bereich der Nachspielzeit zu wecken, sodass eine akkuratere Berechnung der Nachspielzeit erfolgt und nicht die Standardnachspielzeit (eine Minute und drei Minuten) verhängt wird.

Eine konsequente Anwendung der Sechs-Sekunden-Regel wäre wünschenswert. Sechs Sekunden sind deutlich ausreichend, damit der Torhüter den Ball wieder freigeben kann. Wenn in der Praxis dieses Vergehen erst nach frühestens zehn Sekunden geahndet wird, bedeutet das vier Sekunden möglichen Zeitgewinn pro Szene. Somit gewinnen die Torhüter schon nach 15 solcher Situationen eine Minute, die erfahrungsgemäß nicht nachgespielt wird. Eine strikte Ahndung könnte dem einen Riegel vorschieben.




Ein seltenes Ereignis: Im Halbfinale von Olympia 2012 der Frauen griff Schiedsrichterin Pedersen durch...

Einen massiven Eingriff in das Spiel muss man dabei nicht befürchten, da eine konsequente, ligaübergreifende Ahndung schon nach wenigen solchen Szenen bereits die notwendige Abschreckung nach sich zieht, weil der indirekte Freistoß innerhalb des Strafraums eine gute Gelegenheit für das gegnerische Team ist. Im Profibereich dürfte wahrscheinlich sogar schon die ernsthafte Ankündigung vor Saisonbeginn ausreichen, damit die Torhüter gewarnt sind und den Ball nach sechs Sekunden wieder freigeben. Und Handlungsdrang besteht auch hier: In der vergangenen Bundesligaspielzeit konnte der Pay-TV-Sender Sky etwa zeigen, dass mancher Torhüter - wie etwa Hamburgs René Adler - den Ball zum Teil 30 Sekunden in den Händen hielt, ohne dass ein Schiedsrichter eingegriffen hätte.



Zu den anderen Teilen der Serie:

Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (3/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Offen zur Diskussion

23.1.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts 
(Teil 3: Offen zur Diskussion)

Als offen zur Diskussion sieht das IFAB einen Handschlag zwischen Trainern und Schiedsrichtern in der technischen Zone vor dem Spiel als Zeichen des Respekts sowie eine Reduzierung des Auswechselkontingents im laufenden Spiel – oder, wenn die Mannschaft ihr Auswechselkontingent bereits voll ausgeschöpft hat, im nächsten Spiel –, wenn ein Auswechselspieler eine Rote Karte erhält.

Den symbolischen Handschlag vor dem Spiel kann man durchaus einführen. Allerdings sollte man es dann so machen, dass die Trainer mit den Mannschaften einlaufen und der Handschlag im Rahmen des allgemeinen Handshakes vor dem Spiel abläuft. Wenn der Schiedsrichter hierfür vor dem Spiel noch zu den technischen Zonen laufen muss, geht zu viel Zeit vor dem Anstoß verloren – nicht nur im Profibereich, sondern vor allem im Amateurbereich, wo die technischen Zonen teilweise auf unterschiedlichen Spielfeldseiten sind. 


Dazu kommt noch, dass es den Schiedsrichter in eine Rolle drängt, in die er nicht stehen soll: Bei seiner Tour durch die technischen Zonen steht der Schiedsrichter im Mittelpunkt des Interesses, alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Dabei ist der beste Schiedsrichter bekanntermaßen derjenige, der nicht auffällt. Diesen Widerspruch sollte man nicht für eine bloß symbolische Geste eingehen, zumal es ohnehin bereits üblich ist, dass Schiedsrichter und Trainer vor dem Spiel die Hände schütteln, entweder in der Vorbereitungsphase auf das Spiel oder unmittelbar vor dem Betreten des Feldes. Ein großer Nutzen ist davon also nicht zu erwarten, die Nachteile überwiegen die aktuell angedachte Regelung. Wenn die Trainer hingegen mit den Teams einlaufen und am üblichen Handshake teilnehmen, ist die Symbolik noch stärker, da der Respekt nicht nur vor dem Schiedsrichtergespann, sondern auch vor dem Gegner betont wird. Dazu kommen noch ein geringerer Zeitverlust und keine Beschneidung der gewünschten Unauffälligkeit der Schiedsrichter.

Die Idee der Reduzierung des Auswechselkontingents bei einer Roten Karte gegen Auswechselspieler ist zu begrüßen. In den seltenen Fällen, in denen ein Auswechselspieler aus dem Innenraum verwiesen wird, schlagen sich dadurch negativ für das ganze Team ins Gewicht. Das ist stimmig, da auch ein Feldverweis gegen einen Spieler auf dem Platz das Team – wie vom Regelwerk gewünscht – negativ beeinflusst. Klarmachen muss sich das IFAB aber noch, ob diese Reduzierung auch bei Gelb-Roten Karten gewünscht ist. Wenn man, wie oben befürwortet, einen Innenraumverweis gegen Trainer oder Teamoffizielle mit einer angemessenen Spielstrafe belegt, kann man auch darüber nachdenken, ob man dies nicht auch bei Roten Karten gegen Auswechselspieler macht.



Zwischenfazit nach 1 von 3 Kategorien 


Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Ideen des IFAB, um das Verhalten zu verbessern und den Respekt zu erhöhen, sind in ihrer Grundkonzeption durchaus begrüßenswert. 

Das striktere Vorgehen gegen Anpöbeln, Meckern und Umzingeln von Spieloffiziellen sollte auf jeden Fall erfolgen und von Verbänden und Schiedsrichterbeobachtern entsprechend gefördert werden. Auch die Einbindung von Trainern und Teamoffiziellen in das Kartensystem ist eine sehr gute Sache, die man sogar auch auf abschreckende Spielstrafen ausdehnen sollte. Dasselbe gilt für die Reduktion des Auswechselkontingents bei Roten Karten gegen Auswechselspieler. 

Symbolische Maßnahmen wie der Handschlag vor dem Spiel und der Verantwortungskodex für Spielführer sind bei einer sinnvollen Ausgestaltung kein Schaden, man sollte von ihnen aber keine Wunderdinge erwarten. 

Meines Erachtens sollte man von der Einräumung eines Exklusivrechts des Kapitäns, bei kontroversen Entscheidungen den Schiedsrichter anzusprechen, und von weiteren Strafen oder gar Punktabzügen gegen ein Team, das sich wegen Anpöbelns strafbar gemacht hat, allerdings die Finger lassen.


Zu den anderen Teilen der Serie:
Teil 1/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbar
> Teil 2/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - bereit für Testlauf/Experiment


Dieser Artikel ist urheberrechtlich geschützt und bedarf bei Weiterverwendung einer vorherigen Genehmigung durch den Herausgeber und Verfasser.

Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (2/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Bereit für Testlauf/Experiment

21.1.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts 
(Teil 2: Bereit für Testlauf/Experiment)

Bereit für einen Testlauf im Bereich "Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts" seien mögliche Sanktionen für das Anpöbeln und Umzingeln von Spieloffiziellen. Genannt wird hier ein strengeres Vorgehen der Schiedsrichter, das zuvor bereits genannte Exklusivrecht des Spielführers, den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen anzusprechen und Strafen oder Punktabzüge für ein pöbelndes Team. Zudem könnten Gelbe und Rote Karten nun auch gegen Trainer oder andere Teamoffizielle ausgesprochen werden.

Ein strikteres Vorgehen gegen Anpöbeln und Umzingeln wäre tatsächlich wünschenswert. Allerdings muss sich hier dann auch das Denken der Verbände und Schiedsrichterbeobachter ändern. Es darf keine Schande mehr für einen Schiedsrichter sein, wenn er in einem Spiel mehrere persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten, insbesondere Meckereien, gibt. Bislang hieß es nach solchen Spielen meistens: „Die persönlichen Strafen haben nicht gewirkt, der Schiedsrichter war nicht die gewünschte Persönlichkeit“. In dieser Denkweise, persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten möglichst zu vermeiden, da es bei zu vielen Karten Probleme mit dem Beobachter gibt, liegt die Grundwurzel der üblen Entwicklung beim Meckern. Dadurch ließen die Spieloffiziellen den Spielern immer längere Leine, was diese dann schrittweise ausnutzten. Das Vorhaben eines strikteren Vorgehens kann nur gelingen, wenn Verbände und Beobachter an diesem Punkt umdenken, sodass die Hemmungen der Schiedsrichter, die Karten schneller zu zücken, fallen können. Andernfalls ist der Vorschlag schon von Vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die Idee, dem Spielführer ein Recht einzuräumen, den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen anzusprechen, halte ich für das falsche Signal. Der aktuelle Regelstand ist immer noch der, dass kein Spieler den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen ansprechen darf. Ändert man die Regel dahingehen, weicht man sie sogar auf, was genau das Gegenteil dessen aussagt, was es eigentlich sollte. Das Problem beim Meckern liegt nicht im Regelwerk, sondern in der zu laxen Umsetzung desselben. Dem Kapitän ein solches (Exklusiv-)Recht einzuräumen, hieße in der Praxis, dass der Kapitän bei jeder kontroversen Entscheidung beim Schiedsrichter vorspricht und eben nicht mehr ohne Weiteres mit einer Gelben Karte bestraft werden kann, weil er sich ja immer darauf zurückziehen kann: „Ich bin der Kapitän, ich darf mit Dir reden!“.

Strafen oder Punktabzüge für ein fehlbares Team sind meines Erachtens unverhältnismäßig und nicht notwendig. Wenn das bestehende Regelwerk strikt umgesetzt wird, sind die daraus resultierenden persönlichen und Spielstrafen bei Vergehen durch Spieler ausreichend, um abschreckend zu wirken. Darüber hinaus wäre es drakonisch, eine Mannschaft schon bei einmaligen Vergehen mit einem Punktabzug zu bestrafen.


Man stelle sich nur die Situation vor, dass im wichtigen Spiel am vorletzten Spieltag eine Mannschaft im Abstiegskampf mit 0:1 zurückliegt und in der 90. Minute eine Situation deutlich zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen bekommt, in der zwei Angreifer alleine auf den Torwart zulaufen. Dass man in dieser Drucksituation derart emotionalisiert ist, dass man sich nicht mehr ganz zurückhalten kann, ist menschlich durchaus nachvollziehbar. Durch einen Punktabzug dann die letzte Hoffnung auf den Klassenerhalt zu nehmen, schießt weit über das Ziel hinaus.

Deshalb kann man nicht bei einem einmaligen Vergehen gleich mit Punktabzug kommen. Wenn man hingegen eine Erheblichkeitsschwelle oder wiederholte Begehung fordert, geht das automatisch mit einer gewissen Unbestimmtheit einher. Diese fördert die ohnehin schon vorhandene Paranoia der Vereine und Fans gegenüber den Verbänden und Sportgerichten. Die Förderung des Respekts setzt aber Akzeptanz seitens aller Beteiligten voraus. Dazu kommen noch praktische Umsetzungsprobleme, besonders im Amateurbereich. Das Sportgericht kann nur durch eine Meldung des Schiedsrichters nach dem Spiel von solchen Situationen erfahren. Damit hängt es vom guten Willen des Schiedsrichters ab, ob er nach dem Spiel sagt: „Jetzt ist es vorbei, alles ist gut“ oder „Denen würge ich noch eins rein!“. Das öffnet Tür und Tor für Missbrauchspotential seitens der Schiedsrichter und für Beeinflussungsversuche nach dem Spiel seitens der Vereine. Aus Umsetzungsgründen, aber auch weil das vorhandene Regelwerk bei Vergehen durch die Spieler bereits ausreicht, ist dieser Vorschlag nicht überzeugend.

Zu begrüßen ist hingegen die Idee, die Trainer und Teamoffizielle in das System der persönlichen Strafen mit Karten einzugliedern. Dat hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen wird nach außen deutlicher klar, wenn der Trainer schon „angezählt“ ist. Gerade im Profibereich unter Einsatz der Vierten Offiziellen bekommt man als Zuschauer nicht mit, ob der Trainer jetzt fliegt, weil er seit 50 Minuten jede Entscheidung des Schiedsrichters kommentiert, oder ob er fliegt, weil er den Schiedsrichter beleidigt hat. Eine vorgelagerte Gelbe Karte würde deutlicher machen, dass der Trainer schon im Vorfeld auffällig war und nicht wegen einer Einzelaktion des Feldes verwiesen wurde. Darüber hinaus wüsste der Trainer, der die Gelbe Karte gesehen hat, sowohl im Amateur- als auch im Profibereich klarer, dass er die Grenze erreicht hat, wenn er das Spiel zum Schlusspfiff noch im Innenraum erleben möchte. Zudem würden solche Trainer, die immer wieder bis zur Grenze gehen, aber danach lammfromm sind, aufgedeckt. Gerade im Amateurbereich ist das ein nicht zu unterschätzender Aspekt, da Schiedsrichter bei entsprechender Spielvorbereitung bereits informiert sind, welcher Trainertyp auf sie wartet und wie man am besten mit ihm umgeht. Zudem bekämen die Verbände mit, ob solche Trainer ein flächendeckendes Problem oder nur nervige Einzelfälle sind. Eine erste erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips konnte beim > gestrigen U-21-EM-Spiel zwischen Serbien und Mazedonien beobachtet werden.

Man sollte sich überlegen, ob man bei einer Eingliederung in die persönlichen Strafen stoppen will. Vielmehr ist es eine erwägenswerte Option, an eine Karte gegen den Trainer oder Teamoffizielle eine ihnen unerwünschte Spielstrafe zu hängen. Die aktuelle Regelung ist da unbefriedigend. Wenn ein Trainer nicht unerlaubt das Feld betritt – was in der Praxis selten der Fall ist –, wird das Spiel mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt, solange der Innenraumverweis nicht (wie meist) in einer anderweitig verursachten Spielunterbrechung ausgesprochen wird. Das ist keine wirklich abschreckende Spielfortsetzung. Auch schreckt ein drohender Innenraumverweis nicht immer ab. Dies gilt besonders in der hitzigen Schlussphase oder im Amateurbereich, wo sich der Trainer nach einem Innenraumverweis einfach neben der Trainerbank hinter die Bande stellen kann und das einzige Mittel ein kompletter Sportplatzverweis ist, wovor die Schiedsrichter üblicherweise zurückschrecken, da sie hierfür die Ordner als Hausrechtsinhaber benötigen und sich der Trainer auch einfach wieder hereinschleichen kann. Mit einer schmerzhaften Spielstrafe kann man die Trainer gerade bei knappen Spielständen deutlich besser disziplinieren.


Beispielsweise könnte eine Gelbe Karte gegen den Trainer mit einem indirekten Freistoß für das gegnerische Team auf dem Strafstoßpunkt und eine (Gelb-)Rote Karte mit einem Strafstoß für das gegnerische Team geahndet werden – und zwar (im Rahmen der Vorteilsbestimmung) unabhängig davon, ob das Spiel ausschließlich für die Kartenverteilung unterbrochen wurde. So hätte Fehlverhalten der Trainer und Teamoffiziellen analog zum technischen Foul im Basketball auch auf dem Platz spürbar unvorteilhafte Auswirkungen. Das entspräche voll und ganz dem Geist der Regeln, unsportliches Fehlverhalten möglichst hart zu bestrafen, und dem Willen des IFAB, das Spiel durch Verbesserung des Verhaltens attraktiver zu machen.


Zu den anderen Teilen der Serie:
> Teil 1/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbar


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Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (1/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbare Maßnahmen

20.1.17 3 Kommentare
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



Das IFAB unterteilt die hinter den Vorschlägen stehenden Probleme und Zielsetzungen zutreffend in drei Kategorien, nämlich Verbesserung des Verhaltens bzw. Erhöhen des Respekts, Erhöhung der effektiven Spielzeit und Steigerung von Fairness und Attraktivität des Spiels. Damit trifft man sicherlich den Nagel auf den Kopf: Alle drei Aspekte sind Probleme, die den Fußball aktuell ausmachen. Die Problemstellen sind also korrekt lokalisiert worden. 

Ferner gliedert das IFAB seine vorgeschlagene Maßnahmen in drei verschiedene Stadien der Umsetzung: Während manche Ideen sofort umsetzbar wären, schlägt das Gremium für andere Vorschläge einen Testlauf vor. Andere und teilweise sicher umstrittenere Vorschläge bedürfen laut IFAB einer offenen Diskussion in der Fußballgemeinschaft.


1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts (Teil 1: sofort umsetzbar)

Sofort umsetzbar sei eine erhöhte Verantwortlichkeit für Spielführer bzw. Teamkapitän. Er sei der Hauptsprecher und Ansprechpartner für den Schiedsrichter, der einzige Spieler, der den Schiedsrichter in einer kontroversen Situation ansprechen dürfe und solle Schiedsrichter dabei helfen, hitzige Situationen und Spieler zu beruhigen. Zudem ziehe man die Ausarbeitung eines Verantwortungskodexes in Betracht.

Ich habe Zweifel an der Wirksamkeit dieses Plans, sowohl im Amateur- als auch im Profibereich, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Im Profibereich geht es um Millionen. Ein Verantwortungskodex wird dabei ziemlich schnell zur Seite gewischt, solange er nicht von allen Beteiligten, inkl. Trainern und Fans, mitgetragen wird. Ohne eine dahinterstehende Sanktion, die den Spielern auch wirklich wehtut (anders als vierstellige Geldstrafen), ist ein solcher Kodex ein „zahnloser Tiger“. 

Man müsste die Trainer dazu bringen, ihren Spielführer nicht mehr aufzustellen, wenn er über die Stränge schlägt. Man müsste die Fans dazu bringen, ihren eigenen Kapitän auszupfeifen, wenn er zu oft meckert. Man müsste Spielsperren oder zumindest „Kapitänssperren“ aussprechen, wenn ein Kapitän sich danebenbenimmt. Nur dann kann der Kodex wirksam durchgesetzt werden und droht nicht beim ersten wichtigen Ligaspiel gleich über Bord geworfen zu werden. 

Im Amateurbereich hingegen werden häufig die vereinstreuesten Stammspieler, die Trainerlieblinge oder (bei Wahlen) die beliebtesten Mitspieler zum Spielführer gemacht – ohne Rücksicht darauf, ob sie für das Amt die notwendigen Charakterzüge und Fähigkeiten mitbringen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann werden sie sich nicht um den Kodex kümmern. Auch diese Spieler könnte man nur mit der Sanktionsdrohung erreichen. Daher sehe ich den Nutzen eines Verantwortungskodexes oder generell einer höheren Verantwortlichkeit der Spielführer als sehr überschaubar an. 

Allerdings ist eines auch klar: Schaden wird diese Maßnahme nicht, wenn sie nur komplementär zu anderen Maßnahmen ist und durch sie ergänzt wird.


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