Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (4/9): Steigerung der effektiven Spielzeit - Sofort umsetzbare Maßnahmen

26.1.17
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel




2. Steigerung der effektiven Spielzeit (Teil 1: Sofort umsetzbare Maßnahmen)

Die zweite Säule der Überlegungen des IFAB zur Erhöhung der Attraktivität des Spiels ist die Erhöhung der effektiven Spielzeit. Als sofort umsetzbar sieht das IFAB eine strengere Berechnung der Nachspielzeit. Insbesondere könnten die Schiedsrichter die Uhr bei Strafstößen, Toren, Verletzungen, persönlichen Strafen, Auswechslungen und der Mauerstellung anhalten bzw. die dabei verloren gegangene Zeit mitstoppen. Zudem könne die Sechs-Sekunden-Regel streng angewandt werden.

Da das Zeitspiel ein großes Ärgernis ist, besteht hier dringender Handlungsbedarf. Die Forderung nach einer besser berechneten Nachspielzeit ist grundsätzlich richtig. Die praktische Umsetzung - wie vom IFAB gewünscht - dürfte aber schwierig werden.


Wenn die Zeit angehalten werden soll, braucht man letzten Endes einen Zeitnehmer, da der Schiedsrichter in der Hitze des Gefechts auf dem Platz wahrscheinlich das Stoppen der Zeit hin und wieder vergessen wird. Wenn man aber einen Zeitnehmer einführt, kann man auch direkt zur Nettospielzeit übergehen, was ebenfalls in der Praxis Umsetzungsprobleme nach sich ziehen wird, vor allem im Amateurbereich (dazu unten mehr). Also bleibt nur die Möglichkeit, die verloren gegangene Zeit mitzustoppen. Dies könnte ein Schiedsrichterassistent machen. Doch auch hier stellt sich die Problematik, dass man in der Situation das Stoppen durchaus vergessen kann. Darüber hinaus muss man sich fragen, ob das mitstoppende Gespann dafür nicht eine zweite Uhr braucht. Alles in allem ist festzuhalten, dass ein Stoppen der verloren gegangenen Zeit – sei es durch Anhalten oder separates Mitstoppen – in der Praxis mehr Probleme aufwirft, als es Vorteile bringt.

Zielführender dürfte es sein, das Verantwortungsbewusstsein der Schiedsrichter auch im Bereich der Nachspielzeit zu wecken, sodass eine akkuratere Berechnung der Nachspielzeit erfolgt und nicht die Standardnachspielzeit (eine Minute und drei Minuten) verhängt wird.

Eine konsequente Anwendung der Sechs-Sekunden-Regel wäre wünschenswert. Sechs Sekunden sind deutlich ausreichend, damit der Torhüter den Ball wieder freigeben kann. Wenn in der Praxis dieses Vergehen erst nach frühestens zehn Sekunden geahndet wird, bedeutet das vier Sekunden möglichen Zeitgewinn pro Szene. Somit gewinnen die Torhüter schon nach 15 solcher Situationen eine Minute, die erfahrungsgemäß nicht nachgespielt wird. Eine strikte Ahndung könnte dem einen Riegel vorschieben.




Ein seltenes Ereignis: Im Halbfinale von Olympia 2012 der Frauen griff Schiedsrichterin Pedersen durch...

Einen massiven Eingriff in das Spiel muss man dabei nicht befürchten, da eine konsequente, ligaübergreifende Ahndung schon nach wenigen solchen Szenen bereits die notwendige Abschreckung nach sich zieht, weil der indirekte Freistoß innerhalb des Strafraums eine gute Gelegenheit für das gegnerische Team ist. Im Profibereich dürfte wahrscheinlich sogar schon die ernsthafte Ankündigung vor Saisonbeginn ausreichen, damit die Torhüter gewarnt sind und den Ball nach sechs Sekunden wieder freigeben. Und Handlungsdrang besteht auch hier: In der vergangenen Bundesligaspielzeit konnte der Pay-TV-Sender Sky etwa zeigen, dass mancher Torhüter - wie etwa Hamburgs René Adler - den Ball zum Teil 30 Sekunden in den Händen hielt, ohne dass ein Schiedsrichter eingegriffen hätte.



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