Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (2/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Bereit für Testlauf/Experiment

21.1.17
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts 
(Teil 2: Bereit für Testlauf/Experiment)

Bereit für einen Testlauf im Bereich "Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts" seien mögliche Sanktionen für das Anpöbeln und Umzingeln von Spieloffiziellen. Genannt wird hier ein strengeres Vorgehen der Schiedsrichter, das zuvor bereits genannte Exklusivrecht des Spielführers, den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen anzusprechen und Strafen oder Punktabzüge für ein pöbelndes Team. Zudem könnten Gelbe und Rote Karten nun auch gegen Trainer oder andere Teamoffizielle ausgesprochen werden.

Ein strikteres Vorgehen gegen Anpöbeln und Umzingeln wäre tatsächlich wünschenswert. Allerdings muss sich hier dann auch das Denken der Verbände und Schiedsrichterbeobachter ändern. Es darf keine Schande mehr für einen Schiedsrichter sein, wenn er in einem Spiel mehrere persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten, insbesondere Meckereien, gibt. Bislang hieß es nach solchen Spielen meistens: „Die persönlichen Strafen haben nicht gewirkt, der Schiedsrichter war nicht die gewünschte Persönlichkeit“. In dieser Denkweise, persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten möglichst zu vermeiden, da es bei zu vielen Karten Probleme mit dem Beobachter gibt, liegt die Grundwurzel der üblen Entwicklung beim Meckern. Dadurch ließen die Spieloffiziellen den Spielern immer längere Leine, was diese dann schrittweise ausnutzten. Das Vorhaben eines strikteren Vorgehens kann nur gelingen, wenn Verbände und Beobachter an diesem Punkt umdenken, sodass die Hemmungen der Schiedsrichter, die Karten schneller zu zücken, fallen können. Andernfalls ist der Vorschlag schon von Vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die Idee, dem Spielführer ein Recht einzuräumen, den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen anzusprechen, halte ich für das falsche Signal. Der aktuelle Regelstand ist immer noch der, dass kein Spieler den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen ansprechen darf. Ändert man die Regel dahingehen, weicht man sie sogar auf, was genau das Gegenteil dessen aussagt, was es eigentlich sollte. Das Problem beim Meckern liegt nicht im Regelwerk, sondern in der zu laxen Umsetzung desselben. Dem Kapitän ein solches (Exklusiv-)Recht einzuräumen, hieße in der Praxis, dass der Kapitän bei jeder kontroversen Entscheidung beim Schiedsrichter vorspricht und eben nicht mehr ohne Weiteres mit einer Gelben Karte bestraft werden kann, weil er sich ja immer darauf zurückziehen kann: „Ich bin der Kapitän, ich darf mit Dir reden!“.

Strafen oder Punktabzüge für ein fehlbares Team sind meines Erachtens unverhältnismäßig und nicht notwendig. Wenn das bestehende Regelwerk strikt umgesetzt wird, sind die daraus resultierenden persönlichen und Spielstrafen bei Vergehen durch Spieler ausreichend, um abschreckend zu wirken. Darüber hinaus wäre es drakonisch, eine Mannschaft schon bei einmaligen Vergehen mit einem Punktabzug zu bestrafen.


Man stelle sich nur die Situation vor, dass im wichtigen Spiel am vorletzten Spieltag eine Mannschaft im Abstiegskampf mit 0:1 zurückliegt und in der 90. Minute eine Situation deutlich zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen bekommt, in der zwei Angreifer alleine auf den Torwart zulaufen. Dass man in dieser Drucksituation derart emotionalisiert ist, dass man sich nicht mehr ganz zurückhalten kann, ist menschlich durchaus nachvollziehbar. Durch einen Punktabzug dann die letzte Hoffnung auf den Klassenerhalt zu nehmen, schießt weit über das Ziel hinaus.

Deshalb kann man nicht bei einem einmaligen Vergehen gleich mit Punktabzug kommen. Wenn man hingegen eine Erheblichkeitsschwelle oder wiederholte Begehung fordert, geht das automatisch mit einer gewissen Unbestimmtheit einher. Diese fördert die ohnehin schon vorhandene Paranoia der Vereine und Fans gegenüber den Verbänden und Sportgerichten. Die Förderung des Respekts setzt aber Akzeptanz seitens aller Beteiligten voraus. Dazu kommen noch praktische Umsetzungsprobleme, besonders im Amateurbereich. Das Sportgericht kann nur durch eine Meldung des Schiedsrichters nach dem Spiel von solchen Situationen erfahren. Damit hängt es vom guten Willen des Schiedsrichters ab, ob er nach dem Spiel sagt: „Jetzt ist es vorbei, alles ist gut“ oder „Denen würge ich noch eins rein!“. Das öffnet Tür und Tor für Missbrauchspotential seitens der Schiedsrichter und für Beeinflussungsversuche nach dem Spiel seitens der Vereine. Aus Umsetzungsgründen, aber auch weil das vorhandene Regelwerk bei Vergehen durch die Spieler bereits ausreicht, ist dieser Vorschlag nicht überzeugend.

Zu begrüßen ist hingegen die Idee, die Trainer und Teamoffizielle in das System der persönlichen Strafen mit Karten einzugliedern. Dat hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen wird nach außen deutlicher klar, wenn der Trainer schon „angezählt“ ist. Gerade im Profibereich unter Einsatz der Vierten Offiziellen bekommt man als Zuschauer nicht mit, ob der Trainer jetzt fliegt, weil er seit 50 Minuten jede Entscheidung des Schiedsrichters kommentiert, oder ob er fliegt, weil er den Schiedsrichter beleidigt hat. Eine vorgelagerte Gelbe Karte würde deutlicher machen, dass der Trainer schon im Vorfeld auffällig war und nicht wegen einer Einzelaktion des Feldes verwiesen wurde. Darüber hinaus wüsste der Trainer, der die Gelbe Karte gesehen hat, sowohl im Amateur- als auch im Profibereich klarer, dass er die Grenze erreicht hat, wenn er das Spiel zum Schlusspfiff noch im Innenraum erleben möchte. Zudem würden solche Trainer, die immer wieder bis zur Grenze gehen, aber danach lammfromm sind, aufgedeckt. Gerade im Amateurbereich ist das ein nicht zu unterschätzender Aspekt, da Schiedsrichter bei entsprechender Spielvorbereitung bereits informiert sind, welcher Trainertyp auf sie wartet und wie man am besten mit ihm umgeht. Zudem bekämen die Verbände mit, ob solche Trainer ein flächendeckendes Problem oder nur nervige Einzelfälle sind. Eine erste erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips konnte beim > gestrigen U-21-EM-Spiel zwischen Serbien und Mazedonien beobachtet werden.

Man sollte sich überlegen, ob man bei einer Eingliederung in die persönlichen Strafen stoppen will. Vielmehr ist es eine erwägenswerte Option, an eine Karte gegen den Trainer oder Teamoffizielle eine ihnen unerwünschte Spielstrafe zu hängen. Die aktuelle Regelung ist da unbefriedigend. Wenn ein Trainer nicht unerlaubt das Feld betritt – was in der Praxis selten der Fall ist –, wird das Spiel mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt, solange der Innenraumverweis nicht (wie meist) in einer anderweitig verursachten Spielunterbrechung ausgesprochen wird. Das ist keine wirklich abschreckende Spielfortsetzung. Auch schreckt ein drohender Innenraumverweis nicht immer ab. Dies gilt besonders in der hitzigen Schlussphase oder im Amateurbereich, wo sich der Trainer nach einem Innenraumverweis einfach neben der Trainerbank hinter die Bande stellen kann und das einzige Mittel ein kompletter Sportplatzverweis ist, wovor die Schiedsrichter üblicherweise zurückschrecken, da sie hierfür die Ordner als Hausrechtsinhaber benötigen und sich der Trainer auch einfach wieder hereinschleichen kann. Mit einer schmerzhaften Spielstrafe kann man die Trainer gerade bei knappen Spielständen deutlich besser disziplinieren.


Beispielsweise könnte eine Gelbe Karte gegen den Trainer mit einem indirekten Freistoß für das gegnerische Team auf dem Strafstoßpunkt und eine (Gelb-)Rote Karte mit einem Strafstoß für das gegnerische Team geahndet werden – und zwar (im Rahmen der Vorteilsbestimmung) unabhängig davon, ob das Spiel ausschließlich für die Kartenverteilung unterbrochen wurde. So hätte Fehlverhalten der Trainer und Teamoffiziellen analog zum technischen Foul im Basketball auch auf dem Platz spürbar unvorteilhafte Auswirkungen. Das entspräche voll und ganz dem Geist der Regeln, unsportliches Fehlverhalten möglichst hart zu bestrafen, und dem Willen des IFAB, das Spiel durch Verbesserung des Verhaltens attraktiver zu machen.


Zu den anderen Teilen der Serie:
> Teil 1/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbar


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