Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (1/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbare Maßnahmen

20.6.17
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



Das IFAB unterteilt die hinter den Vorschlägen stehenden Probleme und Zielsetzungen zutreffend in drei Kategorien, nämlich Verbesserung des Verhaltens bzw. Erhöhen des Respekts, Erhöhung der effektiven Spielzeit und Steigerung von Fairness und Attraktivität des Spiels. Damit trifft man sicherlich den Nagel auf den Kopf: Alle drei Aspekte sind Probleme, die den Fußball aktuell ausmachen. Die Problemstellen sind also korrekt lokalisiert worden. 

Ferner gliedert das IFAB seine vorgeschlagene Maßnahmen in drei verschiedene Stadien der Umsetzung: Während manche Ideen sofort umsetzbar wären, schlägt das Gremium für andere Vorschläge einen Testlauf vor. Andere und teilweise sicher umstrittenere Vorschläge bedürfen laut IFAB einer offenen Diskussion in der Fußballgemeinschaft.


1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts (Teil 1: sofort umsetzbar)

Sofort umsetzbar sei eine erhöhte Verantwortlichkeit für Spielführer bzw. Teamkapitän. Er sei der Hauptsprecher und Ansprechpartner für den Schiedsrichter, der einzige Spieler, der den Schiedsrichter in einer kontroversen Situation ansprechen dürfe und solle Schiedsrichter dabei helfen, hitzige Situationen und Spieler zu beruhigen. Zudem ziehe man die Ausarbeitung eines Verantwortungskodexes in Betracht.

Ich habe Zweifel an der Wirksamkeit dieses Plans, sowohl im Amateur- als auch im Profibereich, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Im Profibereich geht es um Millionen. Ein Verantwortungskodex wird dabei ziemlich schnell zur Seite gewischt, solange er nicht von allen Beteiligten, inkl. Trainern und Fans, mitgetragen wird. Ohne eine dahinterstehende Sanktion, die den Spielern auch wirklich wehtut (anders als vierstellige Geldstrafen), ist ein solcher Kodex ein „zahnloser Tiger“. 

Man müsste die Trainer dazu bringen, ihren Spielführer nicht mehr aufzustellen, wenn er über die Stränge schlägt. Man müsste die Fans dazu bringen, ihren eigenen Kapitän auszupfeifen, wenn er zu oft meckert. Man müsste Spielsperren oder zumindest „Kapitänssperren“ aussprechen, wenn ein Kapitän sich danebenbenimmt. Nur dann kann der Kodex wirksam durchgesetzt werden und droht nicht beim ersten wichtigen Ligaspiel gleich über Bord geworfen zu werden. 

Im Amateurbereich hingegen werden häufig die vereinstreuesten Stammspieler, die Trainerlieblinge oder (bei Wahlen) die beliebtesten Mitspieler zum Spielführer gemacht – ohne Rücksicht darauf, ob sie für das Amt die notwendigen Charakterzüge und Fähigkeiten mitbringen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann werden sie sich nicht um den Kodex kümmern. Auch diese Spieler könnte man nur mit der Sanktionsdrohung erreichen. Daher sehe ich den Nutzen eines Verantwortungskodexes oder generell einer höheren Verantwortlichkeit der Spielführer als sehr überschaubar an. 

Allerdings ist eines auch klar: Schaden wird diese Maßnahme nicht, wenn sie nur komplementär zu anderen Maßnahmen ist und durch sie ergänzt wird.


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3 Kommentar/e
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Sehr lesenswerter Text. Ich teile die Einschätzungen des Autors weitestgehend. Grundsätzlich würde ich das Ganze aber ein bisschen positiver sehen. Dass der Ifab hier ein Grundsatzsignal "Wir tolerieren Fairplay-Verletzungen nicht" sendet und so fußballgesellschaftliche Debatten auslöst, ist doch mehr als begrüßenswert. Man denke nur an Sergio Ramos Aktion im Champions League Finale. Das hat mit Fairplay nun nichts mehr zu tun. Ich bin auch skeptisch, dass Symbole daran etwas ändern werden. Aber immerhin wurde eine Debatte angestoßen, was viel wert ist. Was ich wenig sinnvoll finde ist, alles auf den Spielführer zu verengen. Das reduziert die Verantwortung viel zu sehr auf eine einzelne Person, anstatt an alle Spieler zu appellieren.

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Ich stimme Johannes ebenfalls weitgehend zu und sehe das besonders mit Blick auf Sanktionen ähnlich. Aus psychologischer Sicht hätte es allerdings auch Sinn, neben stärkeren Maßnahmen der Bestrafung auch einen positiven Weg in Form von Belohnungen zu beschreiten. In Italien gab es vor kurzem ja die Einführung einer grünen Karte für besonders faires Verhalten. Ohne Zweifel nicht das Mittel der Wahl. Stattdessen könnte man - ähnlich wie die UEFA es bereits tut - Aufstiegs- oder Turnierteilnahmeentscheidungen von Fairplaywertungen (welcher Art auch immer) abhängig machen. Bspw. wenn es um Dinge wie Pokalauslosungen, Heim- und Gastrecht bei KO-Spielen oder Entscheidungen bei Punkt- und Torgleichstand geht. Bisher sind Fairplayvariablen da meist an 5. oder 6. Stelle (nach direktem Vergleich, der Anzahl geschossener Tore und dergleichen mehr) - warum das nicht weiter nach vorn ziehen und damit zeigen "Spiel fair und du hast was davon!"?

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Johannes Gründel 21. Juni 2017 um 19:48
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Die Idee, die Fairplay-Wertung stärker zu gewichten, finde ich ganz spannend. Mit der aktuellen Fairplay-Wertung ist das mE aber nicht umsetzbar. Die besteht ja nicht nur aus den persönlichen Strafen, sondern viel mehr auch aus "weichen Faktoren" wie dem Verhalten der Fans. Die Kriterien und Punktevergaben sind da völlig intransparent und muten recht willkürlich an. Wenn man der Fairplay-Wertung einen höheren Stellenwert einräumen will, dann muss man die Kriterien und Punktevergabe westentlich transparenter gestalten. Dazu kommt noch der Faktor "Schiedsrichterlinie". Eine Mannschaft wie der VfB Stuttgart, die von einem Schiedsrichter mit lockeren Karten, wie es bei Christian Dingert der Fall ist, nicht gepfiffen werden darf, hat gegenüber einem Verein, der von einem großzügigen Schiedsrichter wie Stegemann nicht gepfiffen werden kann, da einen Wettkampfvorteil. Bei den Punkten und Toren hat jede Mannschaft dieselben Grundvoraussetzungen (gleiche Torgröße, gleiche Zahl von Mit- und Gegenspielern). Bei der Kartenvergabe kommt hier ein Zerrfaktor hinzu.
Darüber hinaus habe ich auch erhebliche Zweifel, dass es von den Vereinen und Verbänden gewünscht ist, die ganz harten Fußballfakten (Punkte, Tore) zu entwerten, was einer Aufwertung des Fairplays, wie Du es vorschlägst, immanent wäre.

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