Nachspielzeit (Champions League Finale 2017): Nicht astrein, nicht verkehrt und irgendwie ok

4.6.17
Felix Brych hat mit der Leitung des diesjährigen Champions League Finals zwischen Juventus Turin und Real Madrid gleich in doppelter Hinsicht Geschichte geschrieben: Nicht nur, dass er als 4. Deutscher mit der ehrenvollen Aufgabe betraut wurde, das wohl wichtigste Vereinsfußballspiel zu pfeifen. Brych war vielmehr der erste Referee, der jemals eine Gelb-Rote Karte in einem Endspiel der Königsklasse ausgesprochen hat. Der Platzverweis kurz vor Schluss spiegelt indes auch Brychs Gesamtleistung wider: Nicht verkehrt, irgendwie ok, aber auch nicht vollkommen astrein.



Ein guter Start

Der 41-Jährige Münchener legte einen sehr guten Start hin. Die ersten Eindrücke waren allesamt positiv. Die ersten Freistöße saßen, die erste Gelegenheit zu einer frühen Gelben Karte bot sich bereits nach nicht einmal zwölf Minuten: Im Mittelfeld verlor Paulo Dybala die Kugel an Toni Kroos und wusste sich anschließend nur durch ein taktisches Vergehen zu helfen. Brych nahm dieses Geschenk dankend an und zeigte die für Schiedsrichter so wichtige Einstiegsverwarnung. Damit sendete er freilich auch eine klare präventive Botschaft an die übrigen Akteure: Aussichtsreiche Angriffe zu unterbinden wird nicht toleriert. Diese Message wurde von Sergio Ramos offenbar nicht gänzlich verstanden – nachdem der Madrider Kapitän trotz vorheriger Ermahnung während eines Konters erneut zugegriffen hatte, entschied sich Brych für den gelben Karton. Regeltechnisch war dies nicht unbedingt zwingend, taktisch aber sehr wohl: Mit der Karte sorgte der Referee für Balance und Ausgewogenheit – und für etwas ruhigere Folgeminuten.

Ein guter Start also, dessen Wichtigkeit Brych im obligatorischen Vorfinalinterview mit der UEFA unterstrich. Denn wie Spieler - so Brych - gewinnen auch Schiedsrichter das nötige Selbstvertrauen, wenn die Anfangsminuten gut laufen. Dazu trug auch sein Umgang mit nicht immer einfachen Spielercharakteren bei.

Denn mit den Herren Mandzukic, Alves, Marcelo, Ramos, Carvajal oder Arjen Robbens altem Bekannten Casemiro standen genügend potenziell problematische Spieler auf dem Platz, die – besonders wenn sie aufeinandertreffen – besser an der kurzen Leine gehalten werden sollten. Eine wesentliche Herausforderung bestand für Brych somit umso mehr darin, Konfliktherde früh zu erkennen, zu beseitigen und sie möglichst gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die ersten kleineren Nickeligkeiten, etwa zwischen Raphael Varane und Mario Mandzukic, ließen tatsächlich nicht allzu lang auf sich warten, wurden vom Unparteiischen jedoch schon in der Anfangphase mit Entschiedenheit und (vielleicht stellenweise zu) autoritärer Körpersprache aus dem Spiel genommen. Gut so. Auch das sorgte für eine Spielleitung, die praktisch jederzeit durch Akzeptanz und Kontrolle gekennzeichnet war. 


Schwächephase in der Mitte

Vielleicht lief das erste Drittel sogar zu gut. Brychs zuvor noch ausgewogene und berechenbare Linie litt zwischenzeitlich ebenso wie die Akkuratheit seiner Entscheidungen. Ab der 35. Minute unterliefen ihm ein paar Konzentrationsmängel und Unsauberkeiten – genannt seien hier ein falscher Eckstoß, ein übersehenes absichtliches Handspiel in der Mauer bei einem Juve-Freistoß (welches dann auch mit Gelb zu ahnden gewesen wäre) oder die angesichts einer früheren Ermahnung taktisch verständliche, technisch dennoch kaum vertretbare Verwarnung gegen Carvajal.

In der 51. Spielminute hätte die Deutsche Nr. 1 dagegen zwingend in die Brusttasche langen müssen: Marcelos Tritt auf Mandzukics Spann während eines Konters hätte – notfalls auch nachträglich in Anschluss an den gegebenen Vorteil – Gelb nach sich ziehen müssen. Besonders bitter werden fehlerhafte Einzelentscheidungen für Schiedsrichter immer dann, wenn ähnliche Situationen in zeitlicher Nähe unterschiedlich beurteilt werden. So war es auch hier. Nur zwei Minuten nach Marcelos Stollenvergehen trat Toni Kroos mit Stollen am anderen Ende des Platzes zu und erwischte Nationalmannschaftskamerad Sami Khedira leicht auf dessen Fuß. Hier gab es – völlig zu Recht – Gelb. Im Vergleich zu Marcelos Tritt war Letzterer allerdings noch eine Spur intensiver. Wenngleich es sich hierbei „nur“ um zwei Einzelentscheidungen handelte, so mangelte es auch dem neutralen Beobachter in diesen Minuten wohl etwas an Geradlinigkeit. Im weiteren Verlauf des Spiels, etwa ab der 60. Minute, fand Brych jedoch zu seiner klaren Linie zurück – wohl auch dank des zunehmend deutlichen Verlaufs des Spiels zugunsten der Madrilenen.


Gelb-Rot gegen Cuadrado

Nur einmal kam noch Hektik auf. Als Juan Cuadrado nach einem fairen Tackle von Sergio Ramos zum schnellen Einwurf lief und den Spanier dabei – unmittelbar vor Brychs Assistenten Stefan Lupp – zu Fall brachte. Während Lupp verständlicherweise auf die Oberkörper der beiden Spieler fixiert war, zögerte Brych nur kurz und schickte Cuadrado mit Gelb-Rot vom Platz.



Erst nach zwei Zeitlupen – eine aus der > Hintertorperspektive, eine andere > per Smartphone aus dem Stadion aufgenommen – lässt sich erahnen, dass Cuadrado Sergio Ramos mehr oder weniger bewusst ein Bein stellte oder gar auf die Zehen stieg.

Eindeutig aufschlüsseln lässt sich diese Szene wohl nicht. Die Entscheidung wirkt hart, gerade in einem Champions League Finale. In diesen Spielen hat es sich die letzten Jahre über etabliert, Regeln zu beugen und möglichst „alle Spieler leben zu lassen“, wovon nicht zuletzt Dante oder Franck Ribéry im Finale gegen Borussia Dortmund einst profitierten. Dass Brych hiervon abgewichen ist, spricht grundsätzlich dafür, dass er sich seiner Sache überaus sicher gewesen sein muss.

Sergio Ramos‘ geradezu schändlicher Faller sollte Cuadrados Aktion indes nicht relativieren. Er zeigt vielmehr, dass es eben nicht ausreicht, gegenüber modernen Formen der Schauspielerei und Simulation auf die Kraft der Zunge zu vertrauen. Eine andere Kultur und Selbstverständlichkeit im Umgang mit derlei antisportlichem Verhalten sind mehr als überfällig. 


Weder großartig, noch schwach

Schwierige Situation also. So tut sich auch die Community des Schiedsrichterblogs The3rdTeam in einer Umfrage schwer damit, sich trotz verfügbarer Zeitlupen eindeutig festzulegen.

Astrein war die Entscheidung gefühlt nicht. Ganz verkehrt, wie von vielen Medien dargestellt, aber auch nicht. Irgendwie war sie also ok. Eine Einschätzung, die in gleicher Weise auch für die wenig glänzende, aber keinesfalls schwache Leistung des deutsch-serbischen Schiedsrichterteams um Felix Brych steht.

Fernab von Einzelentscheidungen, die an manchen Stellen sicher Stringenz und Akkuratheit vermissen ließen, hat Felix Brych eine ordentliche Leistung gezeigt. Er hat etwas geschafft, das sonst nur selten anzutreffen ist: Den scheinbaren Widerspruch, Spielfluss zu ermöglichen und eine gewisse Nähe zu den Spielern aufzubauen, gleichzeitig jedoch autoritär aufzutreten und, wenn nötig, auch mit Karten einzuschreiten, aufzulösen und vielmehr in einen Kompromiss zu überführen. Damit ist es ihm gelungen, dass das Spiel nahezu stets in ruhigem Fahrwasser blieb, die Spieler trotz vergleichsweise vieler Karten im Vordergrund standen und er selbst nicht in großer Erinnerung bleiben wird – und das ist in solchen Spielen für Unparteiische bereits die halbe Miete.

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