Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (4/9): Steigerung der effektiven Spielzeit - Sofort umsetzbare Maßnahmen

26.6.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel




2. Steigerung der effektiven Spielzeit (Teil 1: Sofort umsetzbare Maßnahmen)

Die zweite Säule der Überlegungen des IFAB zur Erhöhung der Attraktivität des Spiels ist die Erhöhung der effektiven Spielzeit. Als sofort umsetzbar sieht das IFAB eine strengere Berechnung der Nachspielzeit. Insbesondere könnten die Schiedsrichter die Uhr bei Strafstößen, Toren, Verletzungen, persönlichen Strafen, Auswechslungen und der Mauerstellung anhalten bzw. die dabei verloren gegangene Zeit mitstoppen. Zudem könne die Sechs-Sekunden-Regel streng angewandt werden.

Da das Zeitspiel ein großes Ärgernis ist, besteht hier dringender Handlungsbedarf. Die Forderung nach einer besser berechneten Nachspielzeit ist grundsätzlich richtig. Die praktische Umsetzung - wie vom IFAB gewünscht - dürfte aber schwierig werden.


Wenn die Zeit angehalten werden soll, braucht man letzten Endes einen Zeitnehmer, da der Schiedsrichter in der Hitze des Gefechts auf dem Platz wahrscheinlich das Stoppen der Zeit hin und wieder vergessen wird. Wenn man aber einen Zeitnehmer einführt, kann man auch direkt zur Nettospielzeit übergehen, was ebenfalls in der Praxis Umsetzungsprobleme nach sich ziehen wird, vor allem im Amateurbereich (dazu unten mehr). Also bleibt nur die Möglichkeit, die verloren gegangene Zeit mitzustoppen. Dies könnte ein Schiedsrichterassistent machen. Doch auch hier stellt sich die Problematik, dass man in der Situation das Stoppen durchaus vergessen kann. Darüber hinaus muss man sich fragen, ob das mitstoppende Gespann dafür nicht eine zweite Uhr braucht. Alles in allem ist festzuhalten, dass ein Stoppen der verloren gegangenen Zeit – sei es durch Anhalten oder separates Mitstoppen – in der Praxis mehr Probleme aufwirft, als es Vorteile bringt.

Zielführender dürfte es sein, das Verantwortungsbewusstsein der Schiedsrichter auch im Bereich der Nachspielzeit zu wecken, sodass eine akkuratere Berechnung der Nachspielzeit erfolgt und nicht die Standardnachspielzeit (eine Minute und drei Minuten) verhängt wird.

Eine konsequente Anwendung der Sechs-Sekunden-Regel wäre wünschenswert. Sechs Sekunden sind deutlich ausreichend, damit der Torhüter den Ball wieder freigeben kann. Wenn in der Praxis dieses Vergehen erst nach frühestens zehn Sekunden geahndet wird, bedeutet das vier Sekunden möglichen Zeitgewinn pro Szene. Somit gewinnen die Torhüter schon nach 15 solcher Situationen eine Minute, die erfahrungsgemäß nicht nachgespielt wird. Eine strikte Ahndung könnte dem einen Riegel vorschieben.




Ein seltenes Ereignis: Im Halbfinale von Olympia 2012 der Frauen griff Schiedsrichterin Pedersen durch...

Einen massiven Eingriff in das Spiel muss man dabei nicht befürchten, da eine konsequente, ligaübergreifende Ahndung schon nach wenigen solchen Szenen bereits die notwendige Abschreckung nach sich zieht, weil der indirekte Freistoß innerhalb des Strafraums eine gute Gelegenheit für das gegnerische Team ist. Im Profibereich dürfte wahrscheinlich sogar schon die ernsthafte Ankündigung vor Saisonbeginn ausreichen, damit die Torhüter gewarnt sind und den Ball nach sechs Sekunden wieder freigeben. Und Handlungsdrang besteht auch hier: In der vergangenen Bundesligaspielzeit konnte der Pay-TV-Sender Sky etwa zeigen, dass mancher Torhüter - wie etwa Hamburgs René Adler - den Ball zum Teil 30 Sekunden in den Händen hielt, ohne dass ein Schiedsrichter eingegriffen hätte.



Zu den anderen Teilen der Serie:

Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (3/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Offen zur Diskussion

23.6.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts 
(Teil 3: Offen zur Diskussion)

Als offen zur Diskussion sieht das IFAB einen Handschlag zwischen Trainern und Schiedsrichtern in der technischen Zone vor dem Spiel als Zeichen des Respekts sowie eine Reduzierung des Auswechselkontingents im laufenden Spiel – oder, wenn die Mannschaft ihr Auswechselkontingent bereits voll ausgeschöpft hat, im nächsten Spiel –, wenn ein Auswechselspieler eine Rote Karte erhält.

Den symbolischen Handschlag vor dem Spiel kann man durchaus einführen. Allerdings sollte man es dann so machen, dass die Trainer mit den Mannschaften einlaufen und der Handschlag im Rahmen des allgemeinen Handshakes vor dem Spiel abläuft. Wenn der Schiedsrichter hierfür vor dem Spiel noch zu den technischen Zonen laufen muss, geht zu viel Zeit vor dem Anstoß verloren – nicht nur im Profibereich, sondern vor allem im Amateurbereich, wo die technischen Zonen teilweise auf unterschiedlichen Spielfeldseiten sind. 


Dazu kommt noch, dass es den Schiedsrichter in eine Rolle drängt, in die er nicht stehen soll: Bei seiner Tour durch die technischen Zonen steht der Schiedsrichter im Mittelpunkt des Interesses, alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Dabei ist der beste Schiedsrichter bekanntermaßen derjenige, der nicht auffällt. Diesen Widerspruch sollte man nicht für eine bloß symbolische Geste eingehen, zumal es ohnehin bereits üblich ist, dass Schiedsrichter und Trainer vor dem Spiel die Hände schütteln, entweder in der Vorbereitungsphase auf das Spiel oder unmittelbar vor dem Betreten des Feldes. Ein großer Nutzen ist davon also nicht zu erwarten, die Nachteile überwiegen die aktuell angedachte Regelung. Wenn die Trainer hingegen mit den Teams einlaufen und am üblichen Handshake teilnehmen, ist die Symbolik noch stärker, da der Respekt nicht nur vor dem Schiedsrichtergespann, sondern auch vor dem Gegner betont wird. Dazu kommen noch ein geringerer Zeitverlust und keine Beschneidung der gewünschten Unauffälligkeit der Schiedsrichter.

Die Idee der Reduzierung des Auswechselkontingents bei einer Roten Karte gegen Auswechselspieler ist zu begrüßen. In den seltenen Fällen, in denen ein Auswechselspieler aus dem Innenraum verwiesen wird, schlagen sich dadurch negativ für das ganze Team ins Gewicht. Das ist stimmig, da auch ein Feldverweis gegen einen Spieler auf dem Platz das Team – wie vom Regelwerk gewünscht – negativ beeinflusst. Klarmachen muss sich das IFAB aber noch, ob diese Reduzierung auch bei Gelb-Roten Karten gewünscht ist. Wenn man, wie oben befürwortet, einen Innenraumverweis gegen Trainer oder Teamoffizielle mit einer angemessenen Spielstrafe belegt, kann man auch darüber nachdenken, ob man dies nicht auch bei Roten Karten gegen Auswechselspieler macht.



Zwischenfazit nach 1 von 3 Kategorien 


Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Ideen des IFAB, um das Verhalten zu verbessern und den Respekt zu erhöhen, sind in ihrer Grundkonzeption durchaus begrüßenswert. 

Das striktere Vorgehen gegen Anpöbeln, Meckern und Umzingeln von Spieloffiziellen sollte auf jeden Fall erfolgen und von Verbänden und Schiedsrichterbeobachtern entsprechend gefördert werden. Auch die Einbindung von Trainern und Teamoffiziellen in das Kartensystem ist eine sehr gute Sache, die man sogar auch auf abschreckende Spielstrafen ausdehnen sollte. Dasselbe gilt für die Reduktion des Auswechselkontingents bei Roten Karten gegen Auswechselspieler. 

Symbolische Maßnahmen wie der Handschlag vor dem Spiel und der Verantwortungskodex für Spielführer sind bei einer sinnvollen Ausgestaltung kein Schaden, man sollte von ihnen aber keine Wunderdinge erwarten. 

Meines Erachtens sollte man von der Einräumung eines Exklusivrechts des Kapitäns, bei kontroversen Entscheidungen den Schiedsrichter anzusprechen, und von weiteren Strafen oder gar Punktabzügen gegen ein Team, das sich wegen Anpöbelns strafbar gemacht hat, allerdings die Finger lassen.


Zu den anderen Teilen der Serie:
Teil 1/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbar
> Teil 2/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - bereit für Testlauf/Experiment


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Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (2/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Bereit für Testlauf/Experiment

21.6.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts 
(Teil 2: Bereit für Testlauf/Experiment)

Bereit für einen Testlauf im Bereich "Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts" seien mögliche Sanktionen für das Anpöbeln und Umzingeln von Spieloffiziellen. Genannt wird hier ein strengeres Vorgehen der Schiedsrichter, das zuvor bereits genannte Exklusivrecht des Spielführers, den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen anzusprechen und Strafen oder Punktabzüge für ein pöbelndes Team. Zudem könnten Gelbe und Rote Karten nun auch gegen Trainer oder andere Teamoffizielle ausgesprochen werden.

Ein strikteres Vorgehen gegen Anpöbeln und Umzingeln wäre tatsächlich wünschenswert. Allerdings muss sich hier dann auch das Denken der Verbände und Schiedsrichterbeobachter ändern. Es darf keine Schande mehr für einen Schiedsrichter sein, wenn er in einem Spiel mehrere persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten, insbesondere Meckereien, gibt. Bislang hieß es nach solchen Spielen meistens: „Die persönlichen Strafen haben nicht gewirkt, der Schiedsrichter war nicht die gewünschte Persönlichkeit“. In dieser Denkweise, persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten möglichst zu vermeiden, da es bei zu vielen Karten Probleme mit dem Beobachter gibt, liegt die Grundwurzel der üblen Entwicklung beim Meckern. Dadurch ließen die Spieloffiziellen den Spielern immer längere Leine, was diese dann schrittweise ausnutzten. Das Vorhaben eines strikteren Vorgehens kann nur gelingen, wenn Verbände und Beobachter an diesem Punkt umdenken, sodass die Hemmungen der Schiedsrichter, die Karten schneller zu zücken, fallen können. Andernfalls ist der Vorschlag schon von Vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die Idee, dem Spielführer ein Recht einzuräumen, den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen anzusprechen, halte ich für das falsche Signal. Der aktuelle Regelstand ist immer noch der, dass kein Spieler den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen ansprechen darf. Ändert man die Regel dahingehen, weicht man sie sogar auf, was genau das Gegenteil dessen aussagt, was es eigentlich sollte. Das Problem beim Meckern liegt nicht im Regelwerk, sondern in der zu laxen Umsetzung desselben. Dem Kapitän ein solches (Exklusiv-)Recht einzuräumen, hieße in der Praxis, dass der Kapitän bei jeder kontroversen Entscheidung beim Schiedsrichter vorspricht und eben nicht mehr ohne Weiteres mit einer Gelben Karte bestraft werden kann, weil er sich ja immer darauf zurückziehen kann: „Ich bin der Kapitän, ich darf mit Dir reden!“.

Strafen oder Punktabzüge für ein fehlbares Team sind meines Erachtens unverhältnismäßig und nicht notwendig. Wenn das bestehende Regelwerk strikt umgesetzt wird, sind die daraus resultierenden persönlichen und Spielstrafen bei Vergehen durch Spieler ausreichend, um abschreckend zu wirken. Darüber hinaus wäre es drakonisch, eine Mannschaft schon bei einmaligen Vergehen mit einem Punktabzug zu bestrafen.


Man stelle sich nur die Situation vor, dass im wichtigen Spiel am vorletzten Spieltag eine Mannschaft im Abstiegskampf mit 0:1 zurückliegt und in der 90. Minute eine Situation deutlich zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen bekommt, in der zwei Angreifer alleine auf den Torwart zulaufen. Dass man in dieser Drucksituation derart emotionalisiert ist, dass man sich nicht mehr ganz zurückhalten kann, ist menschlich durchaus nachvollziehbar. Durch einen Punktabzug dann die letzte Hoffnung auf den Klassenerhalt zu nehmen, schießt weit über das Ziel hinaus.

Deshalb kann man nicht bei einem einmaligen Vergehen gleich mit Punktabzug kommen. Wenn man hingegen eine Erheblichkeitsschwelle oder wiederholte Begehung fordert, geht das automatisch mit einer gewissen Unbestimmtheit einher. Diese fördert die ohnehin schon vorhandene Paranoia der Vereine und Fans gegenüber den Verbänden und Sportgerichten. Die Förderung des Respekts setzt aber Akzeptanz seitens aller Beteiligten voraus. Dazu kommen noch praktische Umsetzungsprobleme, besonders im Amateurbereich. Das Sportgericht kann nur durch eine Meldung des Schiedsrichters nach dem Spiel von solchen Situationen erfahren. Damit hängt es vom guten Willen des Schiedsrichters ab, ob er nach dem Spiel sagt: „Jetzt ist es vorbei, alles ist gut“ oder „Denen würge ich noch eins rein!“. Das öffnet Tür und Tor für Missbrauchspotential seitens der Schiedsrichter und für Beeinflussungsversuche nach dem Spiel seitens der Vereine. Aus Umsetzungsgründen, aber auch weil das vorhandene Regelwerk bei Vergehen durch die Spieler bereits ausreicht, ist dieser Vorschlag nicht überzeugend.

Zu begrüßen ist hingegen die Idee, die Trainer und Teamoffizielle in das System der persönlichen Strafen mit Karten einzugliedern. Dat hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen wird nach außen deutlicher klar, wenn der Trainer schon „angezählt“ ist. Gerade im Profibereich unter Einsatz der Vierten Offiziellen bekommt man als Zuschauer nicht mit, ob der Trainer jetzt fliegt, weil er seit 50 Minuten jede Entscheidung des Schiedsrichters kommentiert, oder ob er fliegt, weil er den Schiedsrichter beleidigt hat. Eine vorgelagerte Gelbe Karte würde deutlicher machen, dass der Trainer schon im Vorfeld auffällig war und nicht wegen einer Einzelaktion des Feldes verwiesen wurde. Darüber hinaus wüsste der Trainer, der die Gelbe Karte gesehen hat, sowohl im Amateur- als auch im Profibereich klarer, dass er die Grenze erreicht hat, wenn er das Spiel zum Schlusspfiff noch im Innenraum erleben möchte. Zudem würden solche Trainer, die immer wieder bis zur Grenze gehen, aber danach lammfromm sind, aufgedeckt. Gerade im Amateurbereich ist das ein nicht zu unterschätzender Aspekt, da Schiedsrichter bei entsprechender Spielvorbereitung bereits informiert sind, welcher Trainertyp auf sie wartet und wie man am besten mit ihm umgeht. Zudem bekämen die Verbände mit, ob solche Trainer ein flächendeckendes Problem oder nur nervige Einzelfälle sind. Eine erste erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips konnte beim > gestrigen U-21-EM-Spiel zwischen Serbien und Mazedonien beobachtet werden.

Man sollte sich überlegen, ob man bei einer Eingliederung in die persönlichen Strafen stoppen will. Vielmehr ist es eine erwägenswerte Option, an eine Karte gegen den Trainer oder Teamoffizielle eine ihnen unerwünschte Spielstrafe zu hängen. Die aktuelle Regelung ist da unbefriedigend. Wenn ein Trainer nicht unerlaubt das Feld betritt – was in der Praxis selten der Fall ist –, wird das Spiel mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt, solange der Innenraumverweis nicht (wie meist) in einer anderweitig verursachten Spielunterbrechung ausgesprochen wird. Das ist keine wirklich abschreckende Spielfortsetzung. Auch schreckt ein drohender Innenraumverweis nicht immer ab. Dies gilt besonders in der hitzigen Schlussphase oder im Amateurbereich, wo sich der Trainer nach einem Innenraumverweis einfach neben der Trainerbank hinter die Bande stellen kann und das einzige Mittel ein kompletter Sportplatzverweis ist, wovor die Schiedsrichter üblicherweise zurückschrecken, da sie hierfür die Ordner als Hausrechtsinhaber benötigen und sich der Trainer auch einfach wieder hereinschleichen kann. Mit einer schmerzhaften Spielstrafe kann man die Trainer gerade bei knappen Spielständen deutlich besser disziplinieren.


Beispielsweise könnte eine Gelbe Karte gegen den Trainer mit einem indirekten Freistoß für das gegnerische Team auf dem Strafstoßpunkt und eine (Gelb-)Rote Karte mit einem Strafstoß für das gegnerische Team geahndet werden – und zwar (im Rahmen der Vorteilsbestimmung) unabhängig davon, ob das Spiel ausschließlich für die Kartenverteilung unterbrochen wurde. So hätte Fehlverhalten der Trainer und Teamoffiziellen analog zum technischen Foul im Basketball auch auf dem Platz spürbar unvorteilhafte Auswirkungen. Das entspräche voll und ganz dem Geist der Regeln, unsportliches Fehlverhalten möglichst hart zu bestrafen, und dem Willen des IFAB, das Spiel durch Verbesserung des Verhaltens attraktiver zu machen.


Zu den anderen Teilen der Serie:
> Teil 1/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbar


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Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (1/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbare Maßnahmen

20.6.17 3 Kommentare
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



Das IFAB unterteilt die hinter den Vorschlägen stehenden Probleme und Zielsetzungen zutreffend in drei Kategorien, nämlich Verbesserung des Verhaltens bzw. Erhöhen des Respekts, Erhöhung der effektiven Spielzeit und Steigerung von Fairness und Attraktivität des Spiels. Damit trifft man sicherlich den Nagel auf den Kopf: Alle drei Aspekte sind Probleme, die den Fußball aktuell ausmachen. Die Problemstellen sind also korrekt lokalisiert worden. 

Ferner gliedert das IFAB seine vorgeschlagene Maßnahmen in drei verschiedene Stadien der Umsetzung: Während manche Ideen sofort umsetzbar wären, schlägt das Gremium für andere Vorschläge einen Testlauf vor. Andere und teilweise sicher umstrittenere Vorschläge bedürfen laut IFAB einer offenen Diskussion in der Fußballgemeinschaft.


1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts (Teil 1: sofort umsetzbar)

Sofort umsetzbar sei eine erhöhte Verantwortlichkeit für Spielführer bzw. Teamkapitän. Er sei der Hauptsprecher und Ansprechpartner für den Schiedsrichter, der einzige Spieler, der den Schiedsrichter in einer kontroversen Situation ansprechen dürfe und solle Schiedsrichter dabei helfen, hitzige Situationen und Spieler zu beruhigen. Zudem ziehe man die Ausarbeitung eines Verantwortungskodexes in Betracht.

Ich habe Zweifel an der Wirksamkeit dieses Plans, sowohl im Amateur- als auch im Profibereich, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Im Profibereich geht es um Millionen. Ein Verantwortungskodex wird dabei ziemlich schnell zur Seite gewischt, solange er nicht von allen Beteiligten, inkl. Trainern und Fans, mitgetragen wird. Ohne eine dahinterstehende Sanktion, die den Spielern auch wirklich wehtut (anders als vierstellige Geldstrafen), ist ein solcher Kodex ein „zahnloser Tiger“. 

Man müsste die Trainer dazu bringen, ihren Spielführer nicht mehr aufzustellen, wenn er über die Stränge schlägt. Man müsste die Fans dazu bringen, ihren eigenen Kapitän auszupfeifen, wenn er zu oft meckert. Man müsste Spielsperren oder zumindest „Kapitänssperren“ aussprechen, wenn ein Kapitän sich danebenbenimmt. Nur dann kann der Kodex wirksam durchgesetzt werden und droht nicht beim ersten wichtigen Ligaspiel gleich über Bord geworfen zu werden. 

Im Amateurbereich hingegen werden häufig die vereinstreuesten Stammspieler, die Trainerlieblinge oder (bei Wahlen) die beliebtesten Mitspieler zum Spielführer gemacht – ohne Rücksicht darauf, ob sie für das Amt die notwendigen Charakterzüge und Fähigkeiten mitbringen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann werden sie sich nicht um den Kodex kümmern. Auch diese Spieler könnte man nur mit der Sanktionsdrohung erreichen. Daher sehe ich den Nutzen eines Verantwortungskodexes oder generell einer höheren Verantwortlichkeit der Spielführer als sehr überschaubar an. 

Allerdings ist eines auch klar: Schaden wird diese Maßnahme nicht, wenn sie nur komplementär zu anderen Maßnahmen ist und durch sie ergänzt wird.


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Felix Zwayer steigt in die UEFA-Elite-Gruppe auf

13.6.17 Kommentarbereich
Aufstieg für Felix Zwayer: Der 36-Jährige Berliner ist von der UEFA-Schiedsrichter-Kommission in die sog. Elite-Gruppe berufen worden. Neben Felix Brych und Deniz Aytekin ist er somit der aktuell dritte deutsche Schiedsrichter in der höchsten internationalen Schiedsrichterkategorie.

Elite-Schiedsrichter Felix Zwayer ©wikimedia

Zwayer pfeift seit 2007 Bundesliga und brachte es seitdem auf insgesamt 124 Spiele im deutschen Fußballoberhaus. Seit 2012 kommt er auch international regelmäßig zum Einsatz und durchlief nach starker Entwicklung die Second und First Group der UEFA.

Durch seinen Aufstieg in die Elite-Gruppe wird er künftig auch K.O.-Spiele der UEFA Champions League leiten können. Zudem darf er sich über eine deutliche Gehaltserhöhung in internationalen Einsätzen freuen (5.000 € statt wie bisher 2.700 € pro Gruppenspiel).

Der Norweger Svein Oddvar Moen ist hingegen abgestiegen: Wie Bas Nijhuis aus den Niederlanden steigt der EM-2016-Referee in die First Group ab. Mark Clattenburg, der im vergangenen Jahr die Endspiele der Champions League und Europameisterschaft pfiff und im Frühjahr seine Karriere überraschend beendete, zählt ebenfalls nicht mehr zum Kreis der europäischen Spitzenschiedsrichter. Neben Zwayer ist auch der Niederländer Danny Makkelie in die Elite-Gruppe befördert worden.

Gemeinsam mit Makkelie nahm Zwayer in den vergangenen Wochen als Video-Assistant an der U-20-Weltmeisterschaft teil und assisierte dort in insgesamt sieben Spielen. Gut möglich, dass die beiden Aufsteiger auch die "große" Weltmeisterschaft im kommenden Sommer vor dem Bildschirm verfolgen werden - dann aber vielleicht nicht auf dem heimischen Sofa sitzend, sondern stattdessen in einem TV-Studio der FIFA.

> Die Kategorien im Überblick

Nachspielzeit (Champions League Finale 2017): Nicht astrein, nicht verkehrt und irgendwie ok

4.6.17 Kommentarbereich
Felix Brych hat mit der Leitung des diesjährigen Champions League Finals zwischen Juventus Turin und Real Madrid gleich in doppelter Hinsicht Geschichte geschrieben: Nicht nur, dass er als 4. Deutscher mit der ehrenvollen Aufgabe betraut wurde, das wohl wichtigste Vereinsfußballspiel zu pfeifen. Brych war vielmehr der erste Referee, der jemals eine Gelb-Rote Karte in einem Endspiel der Königsklasse ausgesprochen hat. Der Platzverweis kurz vor Schluss spiegelt indes auch Brychs Gesamtleistung wider: Nicht verkehrt, irgendwie ok, aber auch nicht vollkommen astrein.



Ein guter Start

Der 41-Jährige Münchener legte einen sehr guten Start hin. Die ersten Eindrücke waren allesamt positiv. Die ersten Freistöße saßen, die erste Gelegenheit zu einer frühen Gelben Karte bot sich bereits nach nicht einmal zwölf Minuten: Im Mittelfeld verlor Paulo Dybala die Kugel an Toni Kroos und wusste sich anschließend nur durch ein taktisches Vergehen zu helfen. Brych nahm dieses Geschenk dankend an und zeigte die für Schiedsrichter so wichtige Einstiegsverwarnung. Damit sendete er freilich auch eine klare präventive Botschaft an die übrigen Akteure: Aussichtsreiche Angriffe zu unterbinden wird nicht toleriert. Diese Message wurde von Sergio Ramos offenbar nicht gänzlich verstanden – nachdem der Madrider Kapitän trotz vorheriger Ermahnung während eines Konters erneut zugegriffen hatte, entschied sich Brych für den gelben Karton. Regeltechnisch war dies nicht unbedingt zwingend, taktisch aber sehr wohl: Mit der Karte sorgte der Referee für Balance und Ausgewogenheit – und für etwas ruhigere Folgeminuten.

Ein guter Start also, dessen Wichtigkeit Brych im obligatorischen Vorfinalinterview mit der UEFA unterstrich. Denn wie Spieler - so Brych - gewinnen auch Schiedsrichter das nötige Selbstvertrauen, wenn die Anfangsminuten gut laufen. Dazu trug auch sein Umgang mit nicht immer einfachen Spielercharakteren bei.

Denn mit den Herren Mandzukic, Alves, Marcelo, Ramos, Carvajal oder Arjen Robbens altem Bekannten Casemiro standen genügend potenziell problematische Spieler auf dem Platz, die – besonders wenn sie aufeinandertreffen – besser an der kurzen Leine gehalten werden sollten. Eine wesentliche Herausforderung bestand für Brych somit umso mehr darin, Konfliktherde früh zu erkennen, zu beseitigen und sie möglichst gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die ersten kleineren Nickeligkeiten, etwa zwischen Raphael Varane und Mario Mandzukic, ließen tatsächlich nicht allzu lang auf sich warten, wurden vom Unparteiischen jedoch schon in der Anfangphase mit Entschiedenheit und (vielleicht stellenweise zu) autoritärer Körpersprache aus dem Spiel genommen. Gut so. Auch das sorgte für eine Spielleitung, die praktisch jederzeit durch Akzeptanz und Kontrolle gekennzeichnet war. 


Schwächephase in der Mitte

Vielleicht lief das erste Drittel sogar zu gut. Brychs zuvor noch ausgewogene und berechenbare Linie litt zwischenzeitlich ebenso wie die Akkuratheit seiner Entscheidungen. Ab der 35. Minute unterliefen ihm ein paar Konzentrationsmängel und Unsauberkeiten – genannt seien hier ein falscher Eckstoß, ein übersehenes absichtliches Handspiel in der Mauer bei einem Juve-Freistoß (welches dann auch mit Gelb zu ahnden gewesen wäre) oder die angesichts einer früheren Ermahnung taktisch verständliche, technisch dennoch kaum vertretbare Verwarnung gegen Carvajal.

In der 51. Spielminute hätte die Deutsche Nr. 1 dagegen zwingend in die Brusttasche langen müssen: Marcelos Tritt auf Mandzukics Spann während eines Konters hätte – notfalls auch nachträglich in Anschluss an den gegebenen Vorteil – Gelb nach sich ziehen müssen. Besonders bitter werden fehlerhafte Einzelentscheidungen für Schiedsrichter immer dann, wenn ähnliche Situationen in zeitlicher Nähe unterschiedlich beurteilt werden. So war es auch hier. Nur zwei Minuten nach Marcelos Stollenvergehen trat Toni Kroos mit Stollen am anderen Ende des Platzes zu und erwischte Nationalmannschaftskamerad Sami Khedira leicht auf dessen Fuß. Hier gab es – völlig zu Recht – Gelb. Im Vergleich zu Marcelos Tritt war Letzterer allerdings noch eine Spur intensiver. Wenngleich es sich hierbei „nur“ um zwei Einzelentscheidungen handelte, so mangelte es auch dem neutralen Beobachter in diesen Minuten wohl etwas an Geradlinigkeit. Im weiteren Verlauf des Spiels, etwa ab der 60. Minute, fand Brych jedoch zu seiner klaren Linie zurück – wohl auch dank des zunehmend deutlichen Verlaufs des Spiels zugunsten der Madrilenen.


Gelb-Rot gegen Cuadrado

Nur einmal kam noch Hektik auf. Als Juan Cuadrado nach einem fairen Tackle von Sergio Ramos zum schnellen Einwurf lief und den Spanier dabei – unmittelbar vor Brychs Assistenten Stefan Lupp – zu Fall brachte. Während Lupp verständlicherweise auf die Oberkörper der beiden Spieler fixiert war, zögerte Brych nur kurz und schickte Cuadrado mit Gelb-Rot vom Platz.



Erst nach zwei Zeitlupen – eine aus der > Hintertorperspektive, eine andere > per Smartphone aus dem Stadion aufgenommen – lässt sich erahnen, dass Cuadrado Sergio Ramos mehr oder weniger bewusst ein Bein stellte oder gar auf die Zehen stieg.

Eindeutig aufschlüsseln lässt sich diese Szene wohl nicht. Die Entscheidung wirkt hart, gerade in einem Champions League Finale. In diesen Spielen hat es sich die letzten Jahre über etabliert, Regeln zu beugen und möglichst „alle Spieler leben zu lassen“, wovon nicht zuletzt Dante oder Franck Ribéry im Finale gegen Borussia Dortmund einst profitierten. Dass Brych hiervon abgewichen ist, spricht grundsätzlich dafür, dass er sich seiner Sache überaus sicher gewesen sein muss.

Sergio Ramos‘ geradezu schändlicher Faller sollte Cuadrados Aktion indes nicht relativieren. Er zeigt vielmehr, dass es eben nicht ausreicht, gegenüber modernen Formen der Schauspielerei und Simulation auf die Kraft der Zunge zu vertrauen. Eine andere Kultur und Selbstverständlichkeit im Umgang mit derlei antisportlichem Verhalten sind mehr als überfällig. 


Weder großartig, noch schwach

Schwierige Situation also. So tut sich auch die Community des Schiedsrichterblogs The3rdTeam in einer Umfrage schwer damit, sich trotz verfügbarer Zeitlupen eindeutig festzulegen.

Astrein war die Entscheidung gefühlt nicht. Ganz verkehrt, wie von vielen Medien dargestellt, aber auch nicht. Irgendwie war sie also ok. Eine Einschätzung, die in gleicher Weise auch für die wenig glänzende, aber keinesfalls schwache Leistung des deutsch-serbischen Schiedsrichterteams um Felix Brych steht.

Fernab von Einzelentscheidungen, die an manchen Stellen sicher Stringenz und Akkuratheit vermissen ließen, hat Felix Brych eine ordentliche Leistung gezeigt. Er hat etwas geschafft, das sonst nur selten anzutreffen ist: Den scheinbaren Widerspruch, Spielfluss zu ermöglichen und eine gewisse Nähe zu den Spielern aufzubauen, gleichzeitig jedoch autoritär aufzutreten und, wenn nötig, auch mit Karten einzuschreiten, aufzulösen und vielmehr in einen Kompromiss zu überführen. Damit ist es ihm gelungen, dass das Spiel nahezu stets in ruhigem Fahrwasser blieb, die Spieler trotz vergleichsweise vieler Karten im Vordergrund standen und er selbst nicht in großer Erinnerung bleiben wird – und das ist in solchen Spielen für Unparteiische bereits die halbe Miete.