Nachspielzeit (31. Spieltag): Rot, 'Röter', Stollentreffer oberhalb des Schuhrandes

1.5.17
Der 31. Spieltag war vor allem durch ein Thema gekennzeichnet: Stollenvergehen oberhalb des Schuhrandes. Während Fürths Benedikt Kirsch und Unions Sebastian Polter in der 2. Bundesliga vollkommen zu Recht Rot sahen, kam Hamburgs Michael Gregoritsch gestern in Augsburg mit Gelb davon. Glück hatte auch der 1. FC Köln, dass der Schiedsrichterassistent zweimal goldrichtig lag und die vermeintlichen Dortmunder Führungstreffer wegen Abseits aberkannte - das eine Mal aus der Wahrnehmung, das andere Mal wohl eher aus dem Bauch heraus.



Augsburg – Hamburg: Gregoritsch im Glück

Als nach Michael Gregoritschs Foulspiel gegen den Augsburger Dominik Kohr die ersten Zeitlupen eingespielt wurden, war sich auch der Adel in Gestalt von Sky-Kommentator und Twittertrend Fritz von Thurn und Taxis (#fritzlove) sicher: „Das ist knallrot!“. Recht hatte er. Was aus der frontalen Perspektive des Schiedsrichters fraglos dunkelgelb ausgesehen haben muss, entpuppte sich vor allem aus Blickwinkeln von der Seite bzw. von schräg hinten als dunkelrot – denn die Kriterien für ein grobes Foulspiel waren vollauf erfüllt.

Ein grobes Foulspiel liegt gemäß Regel 12 dann vor, wenn ein Tackling oder Angriff im Kampf um den Ball übermäßig hart oder brutal von vorn, von der Seite oder von hinten mit einem oder beiden Beinen ausgeführt wird und dabei die Gesundheit des Gegners gefährdet.  

Besonders gesundheitsgefährdend sind Foulspiele meistens dann, wenn der Kontakt mit gestreckten Stollen – landläufig als „offene Sohle“ bekannt – erfolgt. Bei der Beurteilung von Stollenvergehen ist speziell der Trefferpunkt entscheidend. Während niedrige Trefferbereiche, wie z.B. der Schuh oder die Schuhspitze, meistens „nur“ für das Vorliegen eines rücksichtslosen Foulspiels sprechen (wofür es dann die Gelbe Karte geben muss), gelten Trefferpunkte oberhalb des Schuhrandes als klare Indizien für ein grobes Foulspiel. Medizintheoretisch lässt sich dies nicht zuletzt dadurch begründen, dass sich gerade im Bereich der Achillesferse, der Wade oder des Sprunggelenks die für Stollenvergehen anfälligsten Teile der Fuß-Bein-Region befinden. Ganz praktisch unterstreichen nicht allzu weit zurückliegende Verletzungen die Gefahr, die von solchen Foulspielen ausgeht: Johannes Geis‘ Tackle gegen Gladbachs André Hahn setzte Letzteren in der vergangenen Spielzeit für mehrere Monate außer Gefecht; Dortmunds Nuri Sahin konnte nach dem zwingend strafstoß- und feldverweiswürdigen Foul von Gladbachs Strobl von Glück sagen, dass seine Verletzung nicht so schlimm ausfiel, wie zunächst angenommen.

Der Kontakt ist hier schon erfolgt - die Trefferregion lässt sich noch erahnen


Den exakten Trefferpunkt zu lokalisieren, war für den Unparteiischen Manuel Gräfe hier allerdings kein Leichtes. Wie eine Einstellung in etwa aus seiner Position zeigt, sah es von vorn tatsächlich so aus, als habe der Kontakt eher unterhalb des Schuhrandes im Bereich der Hacke stattgefunden. Ob nicht selbst in diesem Fall die Intensität und Gesundheitsgefahr dieses Tacklings mehr für Rot denn für Gelb sprechen, kann dabei jedoch diskutiert werden. Denn trotz Schuhrand-Faustformel ist der Trefferpunkt bei extrem hoher Intensität mitunter nicht mehr ganz so entscheidend.

Idealerweise hätte der Referee einen Hinweis von draußen erhalten und daraufhin Rot gezückt. Der Vierte Offizielle Timo Gerach hatte eine für die Beurteilung der Schwere des Vergehens bessere, wenngleich ebenfalls keine optimale Position. Unklar bleibt für den nicht involvierten Betrachter, ob seine Sicht zum Zeitpunkt des Foulspiels unter Umständen leicht versperrt war.


Mit Teamwork zur richtigen Farbe

Den Durchblick hatte indes Markus Schüller, Vierter Offizieller beim Spiel Arminia Bielefeld gegen Greuther Fürth. Der Kleeblättler Benedikt Kirsch ging kurz vor dem Pausenpfiff mit gestrecktem Bein und offener Sohle in den Zweikampf und traf Bielefelds Tom Schütz dabei mit hoher Intensität im Wadenbereich. Auch hier konnte es nur eine Farbe geben: Rot. Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck war jedoch zunächst im Begriff, die Gelbe Karte zu zeigen. Daraufhin übermittelte der Vierte Offizielle ihm über das Headset die relevanten Informationen und den eindeutigen Hinweis, dass hier zwingend Rot zu geben sei. 

Dieses Beispiel illustriert auf anschauliche Weise, wie wichtig ein antizipatives, nicht-statistisches Stellungsspiel ist. Eigentlich hatte Schiri Dr. Matthias Jöllenbeck einen optimalen, seitlichen Blickwinkel. Sein Pech war, dass ihm ein anderer Fürther im entscheidenden Moment höchstwahrscheinlich im Blickfeld stand. In Situationen, bei denen zwei Spieler unterschiedlicher Teams zum Ball gehen und ihn voraussichtlich in etwa zeitgleich erreichen werden, ahnt man als Schiedsrichter in der Regel, dass es krachen muss und wird. So war es auch hier. Deshalb ist es immens wichtig, in Bewegung zu bleiben und, falls dann dennoch ein Spieler im Blickfeld steht, den Oberkörper bzw. Kopf entsprechend flexibel zu beugen, um nach Möglichkeit das Foul und besonders den Kontakttyp und Trefferpunkt erkennen zu können. Hätte Dr. Jöllenbeck, selbst praktizierender Mediziner im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie, den Trefferpunkt in seiner gefährlichen Form wahrgenommen, hätte er vermutlich ohne zu zögern Rot gegeben – wohl wissend um die Gefahr dieser Art des Tacklings.


Grobes Foulspiel oder Tätlichkeit?

Ähnlich klar waren die Verhältnisse in Berlin: Beim Spiel Union Berlin gegen SV Sandhausen langte Union-Angreifer Sebastian Polter an der Seitenlinie auf überraschende und üble Weise mal so richtig hin. Mit gestreckter Sohle traf (bzw. trat) er Sandhausens Tim Kister im Wadenbereich, der daraufhin vor Schmerzen schrie und glücklicherweise keine schlimme Verletzung davontrug.

Bundesligaaufstiegskandidat Sven Jablonski entschied zu Recht auf Rot. Der Kampf um den Ball war in diesem Moment bestenfalls zweitrangig, so dass es sich bei dem Foulspiel mindestens um einen Grenzbereich zwischen grobem Foulspiel und Tätlichkeit handelte. Auf ganz ähnliche Weise foulte Franck Ribéry vor einigen Jahren – damals noch im Juventus-Dress – Arturo Vidal in einem Champions League K.O.-Spiel. Die UEFA bewertete den Tritt in die Wade, der nicht dem Ball galt, damals folgerichtig als Tätlichkeit. Denn eine Tätlichkeit liegt per definitionem dann vor, wenn ein Spieler ohne Kampf um den Ball übermäßige Härte oder Brutalität einsetzt oder einzusetzen versucht. Da Polters Aktion nicht wirklich dem Ball galt bzw. rückblickend nicht unbedingt als Teil des Kampfs um den Ball zu bewerten ist, kann davon ausgegangen werden, dass das Strafmaß des DFB im Fall Polter trotz anschließend fairen Verhaltens keinesfalls milde ausfallen dürfte.

Pech hatte Sandhausen in der ersten Halbzeit, als ein Stollenvergehen der Berliner im Mittelfeld – allerdings weniger beabsichtigt und vor allem mehr fahrlässig als rücksichtslos oder gar übermäßig hart – nicht geahndet wurde: Im Anschluss an die daraus entstehende Ecke erzielten die Eisernen das 1:0.


Abseits in Dortmund: Wahrnehmung und Intuition

Das 1:0 bejubelten die Dortmunder Borussen gegen den 1. FC Köln gleich zweimal zu früh. Der Spielverderber hieß jeweils Sascha Thielert, 1. Schiedsrichterassistent von Tobias Stieler. Den Dortmundern dürfte Thielert noch bestens bekannt sein – schließlich war er es, der das späte Ausgleichstor der Leipziger in der letzten Minute der Nachspielzeit vor nicht allzu langer Zeit durch seine korrekte Abseitsentscheidung „weggewunken“ hatte.

In der 14. Spielminute hatte Thielert diesmal allerdings mehr Glück als … nun ja, akkurates Positionsspiel. Kurz vor Marco Reus‘ Pass auf den hauchdünn im Abseits stehenden Shinji Kagawa machte mindestens ein Kölner – nämlich Ex-Borusse Neven Subotic – einen entscheidenden Schritt zurück und ließ Kagawa so ins Abseits laufen. Der Assistent an der Seitenlinie machte es dem Kölner jedoch nicht gleich und schaltete eine halbe Sekunde zu spät: Statt ebenfalls zurückzulaufen und somit akkurat auf Höhe des zweitletzten Verteidigers zu stehen, lief er noch ein Stück weiter und machte erst dann einen Satz zurück Richtung Kölner Defensivreihe, als der Ball bereits gespielt wurde. Im Moment der Ballabgabe befand er sich somit 1-1,5 Meter zu weit zur Torlinie. Auffällig war, dass sich der Assistent mit der Seite dem Spielfeld zugewandt fortbewegte - es wäre hier womöglich besser gewesen, sich mit seitlichen Schritten dem Spielfeld zugewandt zu bewegen (denn dadurch kann schneller und flexibler auf gegenläufige Bewegungen bzw. Bewegungsänderungen der Verteidiger reagiert werden). Mit seinem ungenauen Stellungsspiel konnte der Assistent die marginale Abseitsstellung bestenfalls erahnen, aber keineswegs sicher treffen. Dort die Fahne korrekterweise zu heben war mehr oder minder pures Glück – oder, positiver gesprochen, Intuition, die mit der Erfahrung von 172 Spielen als Assistent in der Bundesliga selbstverständlich gereift ist. Denn wie sagte der ehemalige WM-Assistent und heutige Assistentenlehrwart des DFB Jan-Hendrik Salver einmal: „95 Prozent entfallen auf Wahrnehmung, die restlichen fünf Prozent muss ‚der Bauch‘ übernehmen.“ Ob hier nicht eher 95 Prozent auf den Bauch entfielen, sei an dieser Stelle offen gelassen.  

Mit wahrscheinlich nahezu 100 Prozent Wahrnehmung entschied Sascha Thielert dagegen in der 34. Minute erneut auf Abseits, als Marco Reus den Ball im Tor unterbrachte. Er befand sich im Moment des Kopfballs von Castro allerdings hinter dem Torhüter – zur Torlinie war in diesem Moment nur noch ein Verteidiger näher als Reus. Somit befand er sich in einer Abseitsposition, die nur dadurch strafbar wurde, dass er zum Ball ging und ihn spielte. Wäre er weggeblieben, hätte das Tor gezählt. So jedoch zählte es nicht – stattdessen gab es den Daumen von Sascha Thielert, vermutlich in Richtung seines Chefs Tobias Stieler. Und in der Tat, Daumen hoch: Beide wichtigen Entscheidungen saßen – wenn auch in einem Fall mit Glück, das man als Schiedsrichter allerdings auch mal haben muss.

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