Der Trickle-Down-Effekt: Bibiana Steinhaus als inspiratives Vorbild

26.5.17 Kommentarbereich
Bibiana Steinhaus wird als "First Lady" Spiele in der Bundesliga leiten. Selten hat der Aufstieg eines Referees ins deutsche Fußballoberhaus vergleichbar euphorische Reaktionen in den Medien ausgelöst. Während in der WELT vom „Fußballkrieg der Geschlechter“ die Rede war, verzettelte sich so mancher BILD-Kolumnist in einem Rundumschlag gegen die „Ü50-Machos“ des DFB und deren „Altherren-Denken“. Solche Reaktionen zeigen, dass es offenbar doch noch nicht selbstverständlich ist, dass Leistung vor Geschlecht kommt. So wünscht sich auch Bibiana Steinhaus, „als Schiedsrichterin, nicht als Frau“ beurteilt zu werden (s. Reviersport.de. Besonnener und produktiver reagierte dagegen der oft gescholtene Fußballweltverband FIFA in Person seiner vor fast genau einem Jahr ernannten Generalsekretärin Fatma Samoura: Steinhaus sei „eine Inspiration“. Und ja, genau darin liegt (die) ein(zig)e große Chance des Hypes um Bibiana Steinhaus: Junge Mädchen und Frauen zur Aufnahme einer Schiedsrichterinnentätigkeit zu inspirieren.



Der Trickle-Down-Effekt - ein Durchsickern von oben nach unten

Forscher der Universität Paderborn und der Deutschen Sporthochschule Köln haben untersucht, ob zwischen Aufstiegen von Schiedsrichtern in höhere Ligen und der Anzahl bereits aktiver und neuer Referees innerhalb des betroffenen Landesverbands ein positiver Zusammenhang besteht.

Die Autoren der Studie, Prof. Dr. Bernd Frick und Dr. Pamela Wicker, stützten diese Vermutung auf das Prinzip eines Trickle-Down-Effekts, der bereits in anderen Segmenten des Sports nachgewiesen werden konnte: Demnach nehme der Profisport eine inspirative Funktion für den Amateursport wahr, welche zu einer erhöhten Aktivität und Anzahl ihn ausübender Personen führe.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Tennis-Boom der 80er- und 90er-Jahre, der Deutschland nach Boris Beckers und Steffi Grafs Erfolgen erfasste und nicht nur zu steigenden TV-Quoten, sondern auch zu zunehmenden Mitgliedszahlen in deutschen Tennisvereinen beitrug.

Der sportliche Erfolg eines Modellathleten im Profibereich sickert demnach von oben nach unten durch und inspiriert zur Nachahmung, intensivierten Anstrengung oder gar erstmaligen Aufnahme der entsprechenden sportlichen Tätigkeit. 


Positive Vorbilder: Lernen am Modell

Psychologisch fußen diese Überlegungen auf der sozialkognitiven Lerntheorie (Modelllernen) nach Albert Bandura. Demzufolge kann Verhalten allein auf Basis von Beobachtungen des Verhaltens einer fremden Person (einem Modell) erlernt und gezeigt werden (Lern- und Imitationsphase).

Eine Nachahmung des beobachteten Verhaltens (hier: sich als weibliche Schiedsrichterin im Männergeschäft „Fußball“ engagieren, behaupten und stets an die eigenen Chancen und Stärken glauben) erfolgt speziell dann, wenn es positive Vorbilder gibt.

Lockwood (2006) definiert Vorbilder - sog. "role models" - "als Individuen, die ein Beispiel für jenen Erfolg sind, den man erreichen will und die häufig ein Muster an Verhaltensweisen zeigen, die zur Erreichung dieses Erfolgs notwendig sind" (S. 36, Übersetzung d. Verf.). Somit bilden Erfolg und Leistungsexzellenz ein zentrales Kriterium, das eine Person erfüllen muss, um als modellhaftes Vorbild in Frage zu kommen.

Entscheidend für die Nachahmung des Verhaltens ist zweitens die Frage, ob das modellhafte Verhalten neutrale oder sogar positive Konsequenzen nach sich zieht – also ob es belohnt wird (hier: Aufstieg in die Bundesliga, positive mediale Resonanz). Ist dies der Fall, so kann sich die Beobachterin vom beobachteten Modell inspiriert fühlen; die Hemmschwelle, das Verhalten zu zeigen (hier z.B.: selbst das Amt der Schiedsrichterin ergreifen), sinkt. Anders formuliert: Das Modell ist es wert, imitiert zu werden.

Drittens tritt dieser Effekt vor allem dann auf, wenn zwischen der Beobachterin bzw. dem Beobachter (hier: einer potenziellen Jungschiedsrichterin) und dem Modell (hier: Bibiana Steinhaus) eine hohe subjektiv empfundene Ähnlichkeit und Identifikation bestehen – etwa mit Blick auf das Alter, die Nationalität bzw. regionale Herkunft oder - im Zusammenhang mit Bibiana Steinhaus sehr relevant - das Geschlecht.


Mehr zur Trickle-Down-Studie

Die beiden oben erwähnten Forscher konnten den vermuteten Zusammenhang zwischen Aufstiegen in höhere Ligen und der Anzahl an Schiedsrichtern bzw. Neulingen in Teilen statistisch nachweisen.

Methodik 

Die Autoren erfassten für alle 21 Landesverbände des DFB Daten über die relative Anzahl vorhandener Schiedsrichter, die relative Anzahl neu rekrutierter Schiedsrichter (jeweils pro 1.000 SR) und die absolute Anzahl von Aufsteigern in die 3. Liga, 2. Bundesliga, 1. Bundesliga und auf die FIFA-Liste. Der betrachtete Zeitraum umfasste die Jahre 2005 bis 2014. Anhand dieser Datenbasis prüften die Forscher mittels einer sog. Regressionsanalyse, ob zwischen den jeweils ein Jahr zurückliegenden Aufstiegen potenzieller Vorbilder und der relativen Anzahl an vorhandenen und neu rekrutierten Unparteiischen statistisch bedeutsame Effekte bestanden.

Ergebnisse 

Zwischen Aufstiegen von Vorbildern in die drei höchsten deutschen Ligen sowie der Aufnahme in die FIFA-Liste und der Anzahl vorhandener Schiedsrichter in demselben Landesverband bestanden jeweils signifikante, positive Zusammenhänge. Zwischen Aufstiegen von Schiedsrichtern in die 1. Bundesliga und der Anzahl in seinem Landesverband ein Jahr später neu gewonnener Schiedsrichter bestand ebenfalls ein positiver und statistisch bedeutsamer Effekt. Zwischen einem Aufstieg auf die FIFA-Liste und der Anzahl neu gewonnener Schiedsrichter in dem betroffenen Landesverband zeigte sich hingegen ein negativer statistischer Effekt. Aufstiege in die 3. Liga oder 2. Bundesliga wiesen indes keine relevanten Zusammenhänge auf.

Diskussion

Für Landesverbände, die in ihrem Unparteiischenpool einen Aufstieg in höhere Ligen vermelden konnten, wirkte sich dieser laut der Autoren positiv auf die Gesamtzahl vorhandener Schiedsrichter im Folgejahr aus. Die Autoren ordnen dies als einen positiven motivationalen Effekt ein, der bereits aktive Schiedsrichter dazu motiviert, ihrem Amt treu zu bleiben. 

Auf die relative Anzahl neu rekrutierter Schiedsrichter wirkten sich in demselben Landesverband erzielte Aufstiege in die 1. Bundesliga positiv aus, nicht jedoch jene in die 2. Bundesliga oder 3. Liga. Dies erklären sich die Forscher damit, dass letztgenannte Ligen in den Medien seltener und weniger intensiv auftauchen und daher weniger Gelegenheit besteht, sich mit ihnen zu identifizieren. 

Aufstiege in die 1. Bundesliga seien hingegen mit einem inspirativen Effekt zu erklären, der gerade junge Personen dazu antreibt, Schiedsrichter zu werden. Bundesligaaufsteiger würden demnach als positive Vorbilder dienen, deren Verhalten und Erfolge zur Nachahmung inspirieren – also ganz im Einklang mit der sozialkognitiven Lerntheorie nach Bandura (1985). 

Aufstiege auf die FIFA-Liste hatten gemäß den Ergebnissen hingegen einen negativen Effekt auf die Neugewinnung von Schiedsrichtern im jeweiligen Landesverband. Frick und Wicker vermuten, dass dies auf das schlechte Image des Fußballweltverbands in Folge von Korruptionsaffären zurückzuführen sein könnte: Junge Menschen würden demzufolge vom Amt des Schiedsrichters abgeschreckt, anstatt durch einen FIFA-Neuling aus dem eigenen Verband positiv inspiriert zu werden. Ob dieser Kausalzusammenhang wirklich zutrifft, darf allerdings bezweifelt werden; dieser wäre nur dann schlüssig, wenn sich junge, meist fußballaffine Personen, die bis dato noch keiner Schiedsrichtertätigkeit nachgehen, a) um die Verbandszugehörigkeit eines FIFA-Neulings wissen, b) dahingehende Informationen aktiv einholen oder diese zumindest wahrnehmen und c) ihre Entscheidung, Schiedsrichter zu werden oder nicht zu werden, von diesen negativen Informationen abhängig machen würden. Weiterhin schließen die Daten auch die Jahre um die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland mit ein, in denen das Image der FIFA noch nicht die aktuellen Formen aufwies. All dies zusammengenommen muss der Erklärungsansatz als eher unwahrscheinlich beurteilt werden. 

Denkbar wäre folgender alternativer Erklärungsansatz: Verbände könnten sich nach einem erfolgreichen FIFA-Aufstieg eines ihnen zugehörigen Spitzenschiedsrichters auf diesen Lorbeeren ausruhen und im Folgejahr weniger Energie in die Anwerbung von Schiedsrichterneulingen investieren.


Steinhaus als Botschafterin für Schiedsrichterinnen und junge Mädchen?

Ein Trickle-Down-Effekt sollte sich für die drei anderen Bundesligaaufsteiger Sven Jablonski (Bremen), Martin Petersen (Württemberg) und Sören Storks (Westfalen), die in der medialen Berichterstattung nahezu komplett untergingen und auch in diesem Artikel bislang unerwähnt blieben, in ihren Landesverbänden ebenfalls bemerkbar machen. Dies bleibt zu hoffen, denn im Gegensatz zum weiblichen Teil der deutschen Referees sind die Zahlen der aktiven männlichen Schiedsrichter seit Jahren deutlich rückläufig (-9% zwischen 2009 und 2015; Frauen: praktisch keine Veränderung). 

Es wird dennoch äußerst interessant sein, die zahlenmäßige Entwicklung weiblicher Schiedsrichterinnen in den kommenden Jahren zu verfolgen. 

Den Überlegungen der sozialkognitiven Lerntheorie sowie den Befunden von Frick und Wicker folgend, kann davon ausgegangen werden, dass Steinhaus‘ Aufstieg positive Effekte auf die Neugewinnung weiblicher Schiedsrichterinnen haben dürfte - und zwar auch langfristig, wenn erstens die mediale Resonanz auf ihre Leistungen so ausfällt, wie sie es bei jedem anderen männlichen Referee tun würde, und zweitens mit Riem Hussein oder Katrin Rafalski zwei Schiedsrichter(assistent)innen künftig vielleicht noch höher aufsteigen und Steinhaus somit kein Einzelfall bleibt. Grundsätzlich wird es natürlich die Aufgabe des DFB und der einzelnen Landesverbände sein, das positive Rollenvorbild in der Bundesliga in ihren Kommunikations- und Werbestrategien zur Schiedsrichtergewinnung einzubeziehen.

Und deshalb – wie in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zitiert – sieht sich die Hannoveranerin selbst als „Botschafterin: für Schiedsrichterinnen und junge Mädchen, die es werden wollen“. Wenn der mediale Hype um ihren Aufstieg für etwas gut war, dann vielleicht genau dafür.


Literatur

Bandura, A. (1985). Social Foundations of Thought and Action: A Social Cognitive Theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.

Frick, B., & Wicker, P. (2016). Recruitment and Retention of Referees in Nonprofit Sport Organizations: The Trickle-Down Effect of Role Models. Voluntas, 27, 1304-1322.

Lockwood, P. (2006). "Someone like me can be successful": Do college students need same-gender role models? Psychology of Women Quarterly, 30, 36-46.

Lehreinheit Nr. 7 (2. Teil): Feedback & Schiedsrichter: Tipps für effektives Feedback

14.5.17 Kommentarbereich


Damit Feedback unabhängig von seinem Inhalt akzeptiert wird und positiv zur Weiterentwicklung eines Schiedsrichters beiträgt, sollten einige Feedbackregeln bzw. Handlungsempfehlungen seitens des Feedbackgebers beherzigt werden. 

Nachdem im zurückliegenden 1. Teil bereits der Grundstein für weitere Überlegungen zum Thema Feedback gelegt wurde, stehen daher im vorliegenden 2. Teil Tipps für Feedbackgeber im Mittelpunkt.

1. Teil (Theorie): Was ist Feedback und warum ist es für Schiedsrichter wichtig?
2. Teil (Praxis): Wie kann Feedback effektiv und akzeptiert vermittelt werden?
3. Teil (Praxis): An welche Regeln sollten sich Schiedsrichter halten, wenn sie Feedback erhalten?
4. Teil (Praxis): Welche Handlungsempfehlungen ergeben sich für Verbände und SR-Ausschüsse?

Denn: Nicht jedes Feedback ist besser als gar kein Feedback! Es kommt darauf an, Feedback effektiv, akzeptiert und, vereinfacht gesprochen, gut zu vermitteln!

Lehreinheit Nr. 7 (1. Teil): Feedback - Ein Motivations-, Steuerungs- und Weiterentwicklungsmittel für Schiedsrichter (1. Teil)

9.5.17 Kommentarbereich
Sucht man im Internet nach dem Begriff „Feedback“, so liefern einschlägige Suchmaschinen nicht weniger als 2,73 Milliarden Treffer (Stand: Mai 2017; zum Vergleich: beim Begriff "Football" erhält nur die anzahlmäßige Hälfte der Ergebnisse). Gerade im betrieblichen Kontext ist Feedback heute en vogue - so ist Feedback in vielen Organisationen ein fest verankertes Instrument zur Leistungssteuerung und Zielkontrolle. Auch für Fußballschiedsrichter sind fundierte Rückmeldungen über ihre gezeigte Leistung aus vielerlei Gründen überaus relevant. Bei Feedback handelt es sich um ein Steuerungsmittel, das - wenn es auf bestimmte Art und Weise erfolgt - positiv zur Motivation und Weiterentwicklung von Unparteiischen beiträgt. 


Nachspielzeit (31. Spieltag): Rot, 'Röter', Stollentreffer oberhalb des Schuhrandes

1.5.17 Kommentarbereich
Der 31. Spieltag war vor allem durch ein Thema gekennzeichnet: Stollenvergehen oberhalb des Schuhrandes. Während Fürths Benedikt Kirsch und Unions Sebastian Polter in der 2. Bundesliga vollkommen zu Recht Rot sahen, kam Hamburgs Michael Gregoritsch gestern in Augsburg mit Gelb davon. Glück hatte auch der 1. FC Köln, dass der Schiedsrichterassistent zweimal goldrichtig lag und die vermeintlichen Dortmunder Führungstreffer wegen Abseits aberkannte - das eine Mal aus der Wahrnehmung, das andere Mal wohl eher aus dem Bauch heraus.



Augsburg – Hamburg: Gregoritsch im Glück

Als nach Michael Gregoritschs Foulspiel gegen den Augsburger Dominik Kohr die ersten Zeitlupen eingespielt wurden, war sich auch der Adel in Gestalt von Sky-Kommentator und Twittertrend Fritz von Thurn und Taxis (#fritzlove) sicher: „Das ist knallrot!“. Recht hatte er. Was aus der frontalen Perspektive des Schiedsrichters fraglos dunkelgelb ausgesehen haben muss, entpuppte sich vor allem aus Blickwinkeln von der Seite bzw. von schräg hinten als dunkelrot – denn die Kriterien für ein grobes Foulspiel waren vollauf erfüllt.

Ein grobes Foulspiel liegt gemäß Regel 12 dann vor, wenn ein Tackling oder Angriff im Kampf um den Ball übermäßig hart oder brutal von vorn, von der Seite oder von hinten mit einem oder beiden Beinen ausgeführt wird und dabei die Gesundheit des Gegners gefährdet.  

Besonders gesundheitsgefährdend sind Foulspiele meistens dann, wenn der Kontakt mit gestreckten Stollen – landläufig als „offene Sohle“ bekannt – erfolgt. Bei der Beurteilung von Stollenvergehen ist speziell der Trefferpunkt entscheidend. Während niedrige Trefferbereiche, wie z.B. der Schuh oder die Schuhspitze, meistens „nur“ für das Vorliegen eines rücksichtslosen Foulspiels sprechen (wofür es dann die Gelbe Karte geben muss), gelten Trefferpunkte oberhalb des Schuhrandes als klare Indizien für ein grobes Foulspiel. Medizintheoretisch lässt sich dies nicht zuletzt dadurch begründen, dass sich gerade im Bereich der Achillesferse, der Wade oder des Sprunggelenks die für Stollenvergehen anfälligsten Teile der Fuß-Bein-Region befinden. Ganz praktisch unterstreichen nicht allzu weit zurückliegende Verletzungen die Gefahr, die von solchen Foulspielen ausgeht: Johannes Geis‘ Tackle gegen Gladbachs André Hahn setzte Letzteren in der vergangenen Spielzeit für mehrere Monate außer Gefecht; Dortmunds Nuri Sahin konnte nach dem zwingend strafstoß- und feldverweiswürdigen Foul von Gladbachs Strobl von Glück sagen, dass seine Verletzung nicht so schlimm ausfiel, wie zunächst angenommen.

Der Kontakt ist hier schon erfolgt - die Trefferregion lässt sich noch erahnen


Den exakten Trefferpunkt zu lokalisieren, war für den Unparteiischen Manuel Gräfe hier allerdings kein Leichtes. Wie eine Einstellung in etwa aus seiner Position zeigt, sah es von vorn tatsächlich so aus, als habe der Kontakt eher unterhalb des Schuhrandes im Bereich der Hacke stattgefunden. Ob nicht selbst in diesem Fall die Intensität und Gesundheitsgefahr dieses Tacklings mehr für Rot denn für Gelb sprechen, kann dabei jedoch diskutiert werden. Denn trotz Schuhrand-Faustformel ist der Trefferpunkt bei extrem hoher Intensität mitunter nicht mehr ganz so entscheidend.

Idealerweise hätte der Referee einen Hinweis von draußen erhalten und daraufhin Rot gezückt. Der Vierte Offizielle Timo Gerach hatte eine für die Beurteilung der Schwere des Vergehens bessere, wenngleich ebenfalls keine optimale Position. Unklar bleibt für den nicht involvierten Betrachter, ob seine Sicht zum Zeitpunkt des Foulspiels unter Umständen leicht versperrt war.


Mit Teamwork zur richtigen Farbe

Den Durchblick hatte indes Markus Schüller, Vierter Offizieller beim Spiel Arminia Bielefeld gegen Greuther Fürth. Der Kleeblättler Benedikt Kirsch ging kurz vor dem Pausenpfiff mit gestrecktem Bein und offener Sohle in den Zweikampf und traf Bielefelds Tom Schütz dabei mit hoher Intensität im Wadenbereich. Auch hier konnte es nur eine Farbe geben: Rot. Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck war jedoch zunächst im Begriff, die Gelbe Karte zu zeigen. Daraufhin übermittelte der Vierte Offizielle ihm über das Headset die relevanten Informationen und den eindeutigen Hinweis, dass hier zwingend Rot zu geben sei. 

Dieses Beispiel illustriert auf anschauliche Weise, wie wichtig ein antizipatives, nicht-statistisches Stellungsspiel ist. Eigentlich hatte Schiri Dr. Matthias Jöllenbeck einen optimalen, seitlichen Blickwinkel. Sein Pech war, dass ihm ein anderer Fürther im entscheidenden Moment höchstwahrscheinlich im Blickfeld stand. In Situationen, bei denen zwei Spieler unterschiedlicher Teams zum Ball gehen und ihn voraussichtlich in etwa zeitgleich erreichen werden, ahnt man als Schiedsrichter in der Regel, dass es krachen muss und wird. So war es auch hier. Deshalb ist es immens wichtig, in Bewegung zu bleiben und, falls dann dennoch ein Spieler im Blickfeld steht, den Oberkörper bzw. Kopf entsprechend flexibel zu beugen, um nach Möglichkeit das Foul und besonders den Kontakttyp und Trefferpunkt erkennen zu können. Hätte Dr. Jöllenbeck, selbst praktizierender Mediziner im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie, den Trefferpunkt in seiner gefährlichen Form wahrgenommen, hätte er vermutlich ohne zu zögern Rot gegeben – wohl wissend um die Gefahr dieser Art des Tacklings.


Grobes Foulspiel oder Tätlichkeit?

Ähnlich klar waren die Verhältnisse in Berlin: Beim Spiel Union Berlin gegen SV Sandhausen langte Union-Angreifer Sebastian Polter an der Seitenlinie auf überraschende und üble Weise mal so richtig hin. Mit gestreckter Sohle traf (bzw. trat) er Sandhausens Tim Kister im Wadenbereich, der daraufhin vor Schmerzen schrie und glücklicherweise keine schlimme Verletzung davontrug.

Bundesligaaufstiegskandidat Sven Jablonski entschied zu Recht auf Rot. Der Kampf um den Ball war in diesem Moment bestenfalls zweitrangig, so dass es sich bei dem Foulspiel mindestens um einen Grenzbereich zwischen grobem Foulspiel und Tätlichkeit handelte. Auf ganz ähnliche Weise foulte Franck Ribéry vor einigen Jahren – damals noch im Juventus-Dress – Arturo Vidal in einem Champions League K.O.-Spiel. Die UEFA bewertete den Tritt in die Wade, der nicht dem Ball galt, damals folgerichtig als Tätlichkeit. Denn eine Tätlichkeit liegt per definitionem dann vor, wenn ein Spieler ohne Kampf um den Ball übermäßige Härte oder Brutalität einsetzt oder einzusetzen versucht. Da Polters Aktion nicht wirklich dem Ball galt bzw. rückblickend nicht unbedingt als Teil des Kampfs um den Ball zu bewerten ist, kann davon ausgegangen werden, dass das Strafmaß des DFB im Fall Polter trotz anschließend fairen Verhaltens keinesfalls milde ausfallen dürfte.

Pech hatte Sandhausen in der ersten Halbzeit, als ein Stollenvergehen der Berliner im Mittelfeld – allerdings weniger beabsichtigt und vor allem mehr fahrlässig als rücksichtslos oder gar übermäßig hart – nicht geahndet wurde: Im Anschluss an die daraus entstehende Ecke erzielten die Eisernen das 1:0.


Abseits in Dortmund: Wahrnehmung und Intuition

Das 1:0 bejubelten die Dortmunder Borussen gegen den 1. FC Köln gleich zweimal zu früh. Der Spielverderber hieß jeweils Sascha Thielert, 1. Schiedsrichterassistent von Tobias Stieler. Den Dortmundern dürfte Thielert noch bestens bekannt sein – schließlich war er es, der das späte Ausgleichstor der Leipziger in der letzten Minute der Nachspielzeit vor nicht allzu langer Zeit durch seine korrekte Abseitsentscheidung „weggewunken“ hatte.

In der 14. Spielminute hatte Thielert diesmal allerdings mehr Glück als … nun ja, akkurates Positionsspiel. Kurz vor Marco Reus‘ Pass auf den hauchdünn im Abseits stehenden Shinji Kagawa machte mindestens ein Kölner – nämlich Ex-Borusse Neven Subotic – einen entscheidenden Schritt zurück und ließ Kagawa so ins Abseits laufen. Der Assistent an der Seitenlinie machte es dem Kölner jedoch nicht gleich und schaltete eine halbe Sekunde zu spät: Statt ebenfalls zurückzulaufen und somit akkurat auf Höhe des zweitletzten Verteidigers zu stehen, lief er noch ein Stück weiter und machte erst dann einen Satz zurück Richtung Kölner Defensivreihe, als der Ball bereits gespielt wurde. Im Moment der Ballabgabe befand er sich somit 1-1,5 Meter zu weit zur Torlinie. Auffällig war, dass sich der Assistent mit der Seite dem Spielfeld zugewandt fortbewegte - es wäre hier womöglich besser gewesen, sich mit seitlichen Schritten dem Spielfeld zugewandt zu bewegen (denn dadurch kann schneller und flexibler auf gegenläufige Bewegungen bzw. Bewegungsänderungen der Verteidiger reagiert werden). Mit seinem ungenauen Stellungsspiel konnte der Assistent die marginale Abseitsstellung bestenfalls erahnen, aber keineswegs sicher treffen. Dort die Fahne korrekterweise zu heben war mehr oder minder pures Glück – oder, positiver gesprochen, Intuition, die mit der Erfahrung von 172 Spielen als Assistent in der Bundesliga selbstverständlich gereift ist. Denn wie sagte der ehemalige WM-Assistent und heutige Assistentenlehrwart des DFB Jan-Hendrik Salver einmal: „95 Prozent entfallen auf Wahrnehmung, die restlichen fünf Prozent muss ‚der Bauch‘ übernehmen.“ Ob hier nicht eher 95 Prozent auf den Bauch entfielen, sei an dieser Stelle offen gelassen.  

Mit wahrscheinlich nahezu 100 Prozent Wahrnehmung entschied Sascha Thielert dagegen in der 34. Minute erneut auf Abseits, als Marco Reus den Ball im Tor unterbrachte. Er befand sich im Moment des Kopfballs von Castro allerdings hinter dem Torhüter – zur Torlinie war in diesem Moment nur noch ein Verteidiger näher als Reus. Somit befand er sich in einer Abseitsposition, die nur dadurch strafbar wurde, dass er zum Ball ging und ihn spielte. Wäre er weggeblieben, hätte das Tor gezählt. So jedoch zählte es nicht – stattdessen gab es den Daumen von Sascha Thielert, vermutlich in Richtung seines Chefs Tobias Stieler. Und in der Tat, Daumen hoch: Beide wichtigen Entscheidungen saßen – wenn auch in einem Fall mit Glück, das man als Schiedsrichter allerdings auch mal haben muss.