Tobias Stieler im Interview: "Dem System eine faire Chance geben" - über An- und Herausforderungen als Video-Assistent

4.4.17
Paris, 28. März, 80.000 Zuschauer im Stade de France in Erwartung des Klassikers Frankreich gegen Spanien. In einem kleinen Van vor dem Stadion sitzt FIFA-Referee Tobias Stieler, umgeben von moderner Technik und zahlreichen Bildschirmen, die ihm dabei helfen sollen, seine Kollegen auf dem Spielfeld (Felix Zwayer, Thorsten Schiffner, Marco Achmüller und Daniel Siebert) zu unterstützen. Als erster Deutscher überhaupt fungiert er in einem offiziellen Fußballspiel als Video-Assistent - und meistert den Härtetest. Gleich dreimal greift er entscheidend ein, korrigiert darunter zwei Entscheidungen der Assistenten im Zusammenhang mit Abseitsstellungen bei Toren (für alle relevanten Situation siehe dieses Video).

Wie Tobias Stieler das Spiel als Video-Assistent erlebt hat, welche Anforderungen mit dieser Tätigkeit gerade auf psychologischer und kommunikativer Ebene verbunden sind und was für eine erfolgreiche erste Bundesligaspielzeit mit "Videobeweis" entscheidend sein wird, beantwortet er im Interview mit Schirilogie.
Tobias Stieler (2.v.l.) zusammen mit Hellmut Krug (l.) und zwei Operators beim VAR-Test in Paris


Niclas Erdmann, Schirilogie: Lieber Tobias, der VAR-Testlauf (kurz für Video Assistant Referee) beim Länderspiel zwischen Frankreich und Spanien, bei dem Du als Video-Assistent fungiert hast, wurde insgesamt als sehr erfolgreich aufgenommen. Wie fällt Dein Fazit nach einigen Tagen Abstand aus?

Tobias Stieler: Sehr positiv. Ich bin ein totaler Befürworter des Video-Assistenten, alles andere ist nicht mehr zeitgemäß. Und eben jenes Länderspiel hat den Nutzen dieses neuen Systems eindrucksvoll bewiesen: Für die Assistenten, die nebenbei gesagt in der Bundesliga eine klasse Arbeit verrichten, waren die beiden Spielsituationen in Realgeschwindigkeit nicht mit absoluter Sicherheit zu lösen. Im Van im Stadion, dank modernster Technik und korrekt gezogener Abseitslinie, war es für mich relativ leicht und in kurzer Zeit möglich, beide Abseitsszenen richtig zu bewerten. Und auch der gegebene Strafstoß für Spanien konnte in einer nur sehr kurzen Zeitspanne bestätigt werden.

Schirilogie: Puls auf dem Spielfeld: 160 aufwärts. Und vor dem Bildschirm?

Stieler: Witzigerweise hat mich das auch interessiert, so dass ich das komplette Spiel hindurch meine Herzfrequenz aufgezeichnet habe. Normalerweise habe ich einen Ruhepuls von 53, zu Beginn des Spiels war dieser locker 40 Schläge höher als normal. Als sich in der 7. Minute ein Zweikampf im Strafraum ereignete, schnellte mein Puls mal eben so auf 125 hoch...

Schirilogie: Gab es vor der finalen Entscheidungsübermittlung nochmal einen Moment des Innehaltens, des Sich-Hinterfragens, vielleicht sogar des Zögerns?

Stieler: Bei der ersten Entscheidung mit Tragweite in der 48. Spielminute habe ich mir die Szene zur Sicherheit zweimal angesehen, obwohl mir schon beim ersten Durchlauf/Anhalten/Linie ziehen klar war, dass das Tor Abseits war. Nicht auszudenken, wenn bei diesem ersten Spiel von deutschen Schiedsrichtern etwas schief gegangen wäre. Auch vor dem Bildschirm gilt: Sicherheit vor Schnelligkeit. 

Schirilogie: Wie genau lief die Kommunikation innerhalb des Schiedsrichterteams ab?

Stieler: Wir üben ja bereits seit Beginn dieser Saison im Offline-Modus die Tätigkeit des Video-Assistenten. Ein wichtiger Bestandteil ist hierbei die Kommunikation: Möglichst kurz und präzise, Negationen wie z.B. „kein Abseits“ sind zu vermeiden. Beim aberkannten Tor für Frankreich lief es in etwa so ab:

Felix: „Check, ob Tor korrekt.“
Tobias: „Verstanden.“
Es folgte die Überprüfung und dann: 
Tobias: „Tor ungültig. Abseits. Indirekter Freistoß für Spanien.“
Felix: „Verstanden. Abseits. Indirekter Freistoß Spanien.“

Schirilogie: Zum Stichwort Kommunikation: Worauf wird es gerade beim "Verkaufen" von VAR-Entscheidungen ankommen? Nach dem 2:0 der Spanier wirkte es beinahe so, als habe sich Felix Zwayer bei Hugo Lloris dezent entschuldigt…

Stieler: Es gibt von der FIFA Vorgaben, wie so etwas zu kommunizieren ist: Sobald eine Überprüfung einer Szene durch den VAR in einer Spielruhe erfolgt, fasst sich der Schiedsrichter ans Ohr, um so deutlich zu machen, dass gerade eine Kommunikation stattfindet. Ändert der Schiedsrichter eine Entscheidung nach Rücksprache mit dem VAR, skizziert er mit den Händen die Umrisse eines TV. Daran werden sich die Zuschauer, aber auch wir Schiedsrichter gewöhnen müssen.

Zwayer skizziert die Umrisse eines TV: Doch kein Abseitstor


Schirilogie: Konkrete Spielsituationen ändern sich von Spiel zu Spiel. Nicht jedoch die Anforderungen an den Video-Assistenten – dazu zählt sicher auch die (gemeinsame) Spielvorbereitung auf technischer, taktischer und mentaler Ebene: Wie sieht diese als VAR aus und inwiefern unterscheidet sie sich von jener als Hauptschiedsrichter?

Stieler: Ich denke, dass es vor dem Spiel ein Briefing zwischen SR und VAR geben wird. Der SR sollte dann klar formulieren, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellt. Das ist durchaus vergleichbar mit der Absprache mit den Assistenten vor dem Spiel. Hier gibt es ja auch von Schiedsrichter zu Schiedsrichter Unterschiede. Gleichwohl ist es natürlich nicht möglich, alle denkbaren Spielsituationen durchzugehen. Weniger ist hier manchmal mehr. Als VAR in Frankreich bin ich noch einmal das maßgebliche „Protokoll“ der FIFA durchgegangen, habe mich gedanklich auf Spielsituationen vorbereitet und – wie oben beschrieben – Kommunikationscodes entworfen, um bei Bedarf nicht überlegen zu müssen, wie ich etwas formuliere. 

Schirilogie: Welche Faktoren sind sowohl für den Schiedsrichter und seine Assistenten als auch für einen VAR auf psychologischer Ebene ausschlaggebend – und welche gewinnen mit dem VAR vielleicht an Bedeutung?

Stieler: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich, 2 x 45 Minuten voll konzentriert zu sein. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist extrem hoch und die Möglichkeit, dass etwas Wichtiges übersehen wird, besteht naturgemäß, insbesondere aber dann, wenn man nicht fokussiert ist. Weiterhin sollten wir Schiedsrichter uns im Klaren über die Bedeutung und Tragweite unserer Tätigkeit vor dem TV sein. Damit meine ich nicht, Angst zu haben, einen Kollegen zu korrigieren, sondern vielmehr der eigenen Wahrnehmung bzw. Analyse von Spielszenen zu vertrauen und den Mut haben, korrigierend einzugreifen. 

Schirilogie: Als Schiedsrichter ist man ja „mittendrin statt nur dabei“. Als Video-Assistent ist man zwar sehr wohl dabei, aber eben nicht räumlich. In der kommenden Bundesligaspielzeit werden die Video-Assistenten die Spiele aus einem Studio in Köln verfolgen. Hilft diese räumliche Distanz?

Stieler: Frankreich war schon surreal. Ausverkauftes Stadion, tolle Stimmung auf den Rängen, klasse Fußballer auf dem Platz und wir saßen unter der Tribüne in einem Van, völlig abgeschottet von der Außenwelt, nur Fernseher vor uns und die Kommunikation der Schiedsrichter hörend. Gleichwohl hilft es natürlich, alle möglichen Störquellen auszublenden und das zu tun, wofür wir da waren.

Schirilogie: Vor 80.000 Zuschauern vom Video-Assistenten korrigiert zu werden, ist sicher nicht schön. Leidet darunter die Autorität und Akzeptanz des Schiedsrichterteams auf dem Platz?

Stieler: Ich bin davon überzeugt, dass weder Autorität noch Akzeptanz darunter leiden werden. Alle Beteiligten wissen doch, dass niemand frei von Fehlern ist, weder Spieler, noch Trainer oder wir Schiedsrichter. Wenn tatsächliche Fehler bei uns Schiedsrichtern dann auf dem Platz auch noch schnell korrigiert werden, macht das den Fußball gerechter und uns den Job ein wenig einfacher. In Paris konnte ich insbesondere beim Strafstoß von Felix feststellen, dass zunächst zaghafte Proteste der Franzosen vorhanden waren, nach meiner Bestätigung der richtigen Entscheidung hat Felix das so an die Spieler perfekt kommuniziert und siehe da – keinerlei Proteste mehr.
 
Schirilogie: Üblicherweise heißt es nach strittigen Szenen: Bis zum Spielende gedanklich ausblenden, konzentriert bleiben! Mit einem Video-Assistenten erhalten Schiedsrichter nun direkt eine Rückmeldung. Geht Ausblenden da so einfach - oder zweifelt man dann nicht an sich selbst?

Stieler: Ich kann ja nur für mich antworten: Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin und ich weiß, dass ich Fehler mache. Ziel ist und bleibt es natürlich, die spielentscheidenden Fehler weiterhin zu minimieren respektive zu vermeiden. Wenn dann doch ein solcher Fehler ab der neuen Saison korrigiert wird, werde ich mit Sicherheit nicht in Selbstzweifel verfallen, sondern dann geht Ausblenden ja noch besser, weil der Fehler ja nun nicht mehr ergebnisrelevant ist. Nach dem Spiel werde ich dann natürlich weiter etwaige Fehler analysieren und daraus lernen.

Schirilogie: Wenn Schiedsrichter mit einer Fehlentscheidung ein Spiel beeinflussen, wurde ihnen seitens der Spieler, Trainer, Medien und Öffentlichkeit bislang zumindest zugute gehalten, dass Irren und Fehler gerade mit Blick auf die Einmaligkeit des Sehens schnell ablaufender Spielsituationen menschlich sind. Dieses Argument dürfte bei einem potentiellen Fehler eines VARs medial ja nicht mehr gelten – bedeutet das nicht also auch eine Mehrbelastung?

Stieler: Wir müssen bis zum Start noch viel Aufklärungsarbeit leisten, wie die Arbeit eines VAR tatsächlich aussieht, insbesondere wann er eingreifen soll/darf/muss. In Frankreich z.B. gab es 28 Kameras, neben mir saßen zwei Operator, die mir bei den strittigen Szenen diverse Kamerabilder zur Verfügung gestellt haben. Man muss sich das so vorstellen: Das Spiel verfolge ich über einen Bildschirm, der mir nur die sog. Führungskameras zeigt (also nur die Bilder von den Kameras auf Höhe der Mittellinie). Sobald eine strittige Situation auftritt, schaue ich auf einen anderen Monitor, bei dem mir vier verschiedene Kameraperspektiven durch den Operator angeboten werden, die die strittige Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigt. Ich muss nun schnell entscheiden, welche Perspektive ich für die Beste halte und dann in Zeitlupe, Frame-by-Frame oder/und in Normaltempo die Szene analysieren und möglichst korrekt entscheiden. Überall, wo Interpretationsspielraum herrscht, wird es auch nachher Diskussionen geben. Und auch ein Video-Assistent wird Fehler bei der Interpretation der Bilder machen, das wird nicht ausbleiben. Was für den einen Schiedsrichter klar ist, ist für den anderen möglicherweise genau das Gegenteil.
 
Schirilogie:
Wie sieht Deine optimistische und realistische Erwartung an das VAR-Programm für die kommende Bundesligaspielzeit aus? Welche Hoffnungen, welche Befürchtungen hast Du?

Stieler: Optimistisch betrachtet: Die Zahl der klaren Fehler der Schiedsrichter ist am Ende der Saison (auch aufgrund des VAR) gleich Null. Realistisch gesehen wird das natürlich so nicht möglich sein. Wichtig ist, dass sowohl Zuschauer als auch Vereine (Spieler, Trainer, Manager etc.) dem System eine faire Chance geben und nicht gleich – auch aus totaler Unwissenheit – wie in den letzten beiden Wochen nach den Tests in Deutschland bei Freundschaftsspielen geschehen, eine ablehnende Haltung einnehmen. Gleichwohl wird die Erkenntnis am Ende der Spielzeit sein: Dank Video-Assistent ist der Fußball gerechter.

Schirilogie: Vielen Dank für das Gespräch und für die weiteren Spiele alles Gute!


Hintergrund: Ab der kommenden Saison werden die Schiedsrichter in Bundesligaspielen durch Video-Assistenten in vier definierten Bereichen unterstützt: Bei Entscheidungen der Kategorie Tor oder Kein Tor, bei Strafstoßentscheidungen, Roten Karten und bei Spielerverwechselungen im Zusammenhang mit persönlichen Strafen. 

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7 Kommentar/e
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Sehr schönes Interview! Sehr interessante Einblicke, die ich so in der Form bisher nicht gefunden habe. Ich stehe dem gesamten Experiment zwar selbst noch äußerst skeptisch gegenüber, nehme aber Stielers Ausführungen mal als Anlass, hoffnungsvoll in die nächste Saison zu blicken. Mir ist die mediale Debatte aber immer noch zu sehr auf dem Trip "alles wird besser" - das wird es eben nicht, zumindest wird nicht alles klar werden. Das stärker zu kommunizieren, also so wie es Stieler hier gemacht hat, wäre in den kommenden Monaten eine Aufgabe des DFB. Sonst sehe ich die Völlers der Bundesliga schon vor dem Mikro stehen und sagen "Der Video-SR hat alle Zeitlupen und trifft dennoch die falsche Entscheidung, er kennt die Regeln wohl nicht" (so oder so ähnlich).

Danke für dieses Interview (an beide Seiten)!

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Sehr schönes Interview. Aufschlussreich. Drei Fragen schließen sich für mich an:

Zum einen klang "dank (...) korrekt gezogener Abseitslinie" für mich zunächst, mit Verlaub, etwas naiv. Aus meiner Sicht ist zu Recht einer der größten Kritikpunkte an der medialen Darstellung "glasklarer Fehlentscheidungen" die kritiklos als richtig übernommene Abseitslinie. Die ein oder zwei Bilder vor oder zurück schon wieder ganz anders aussehen kann. Und niemand überprüft, ob wirklich das richtige Bild ausgewählt wurde bzw. ob überhaupt beim begrenzten Angebot an Bildern eine eindeutig richtiges Bild existiert. Die Formulierung erweckt den Eindruck, als würde sich auch der VAR auf die Zuspielung der Bild-Dienstleister verlassen.

Andererseits berichtet er (großartiges Bild btw), wie er selber aus verschiedenen Kameraperspektiven die für sich richtige auswählt und diese dann "in Zeitlupe, Frame-by-Frame oder/und in Normaltempo" analysiert. Heißt das, er entscheidet doch selber über das Frame mit der Abseitslinie? Die "von mir, also endlich korrekt gezogene Abseitslinie"?

Zum anderen bin ich mir nunmehr endgültig unsicher über die Aufgabenverteilung zwischen VAR und Hauptschiedsrichter ("HSR"?). So sehr ich als alter Freund ordentlicher Funkdisziplin die Ausführungen zur Kommunikation genossen habe - mein Verständnis war bisher immer, dass die Kompetenz über die Letztentscheidung beim HSR verbleibt. Das lese ich auch aus der Bezeichnung Video Assistant Referee. Dazu gehört aber aus meiner Sicht, dass er zwar Auge, nicht aber Hirn des HSR ist. Damit meine ich, der VAR bezeichnet, was er gesehen hat, überlässt die Subsumtion unter das Regelwerk aber dem HSR. Deswegen bin ich bisher davon ausgegangen, die Kommunikation laufe eher wie folgt (beliebige Beispiele): "Frage: Abseits. Berührte Spieler x den Ball/ befand sich Spieler y bei Ballabgabe in Abseitspostion?" - "Antwort: Spieler x hat den Ball nie berührt/ Spieler y war bei Ballabgabe in Abseitspostion". Und daraus zieht der HSR dann seine Schlüsse und korrigiert seine Einschätzung ggfs. unter Hinzuziehung der Wahrnehmung des VAR.

Hier aber serviert der VAR dem HSR bereits komplett die Entscheidung: „Tor ungültig. Abseits. Indirekter Freistoß für Spanien.“. Er liefert nicht mal seine Wahrnehmung und seine Beweggründe mit. Es gibt also keinerlei Möglichkeit für den HSR, diese Entscheidung des VAR in Zweifel zu ziehen. Er kann sie nur noch ausführen.

Ich finde das nicht schlimm. Ich finde nur, das wird völlig anders kommuniziert. Und ich finde die Bezeichnung Video Assistant Referee dann verfehlt.

Und daraus resultiert die dritte Frage: In allen Sportarten, die ich kenne, kommt der Entscheidung auf dem Feld eine Präjudiz zu. Die Betrachtung der Videobilder kann demnach die zunächst getroffene Entscheidung nur dann aufheben, wenn sie zu einem klar und eindeutig anderen Ergebnis führt. In jedem auch nur geringen Zweifelsfall verbleibt es bei der auf dem Feld getroffenen Entscheidung - selbst dann, wenn die Videobilder eine Tendenz zu einer anderen Entscheidung nahe legen. Dem Videoschiedsrichter fehlt gewissermaßen der Ermessenspielraum. Ich verstehe jetzt die Beschreibung von Stieler so, dass der VAR losgelöst von der ersten Entscheidung des HSR eine komplett eigene Entscheidung trifft. Das fände ich bemerkenswert.

Wobei man sagen muss, dass ich damit schon sehr mutig interpretiere. Gaben die beiden Beispiele doch gerade keinen Ermessensspielraum her.

Ich würde mich also wahnsinnig freuen, würdest Du versuchen, diese weiterführenden Fragen an Herrn Stieler für eine Klarstellung weiter zu leiten. Vielleicht ist er ja so nett, und findet sich dazu bereit. Zumindest mein immer währender Dank wäre ihm gewiss.

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[Teil 2]

Dessen ungeachtet finde ich die beschrieben, vorgeschriebene Gestik maximal unglücklich. Ich dachte bisher, das wäre von Zwayer nur so deswegen praktiziert worden, weil man seinen Umgang damit halt erst finden muss. Aber es scheint ja tatsächlich genau so gewollt zu sein. Wie anderswo schon geäußert: Ich will überhaupt nicht, dass man - wie anderswo - zu irgendwelchen Folklore-Telefonhörern eilt. Einer der wenigen Vorteile des Fußball-Schiedsrichterwesens ist schließlich, dass man sich angstfrei drahtloser Kommunikation bedient. Aber dieses Finger ans Ohr drücken und die Umstehenden um Ruhe für das Telefongespräch bitten ist ja wohl maximal würdelos. Beim Rugby wird diese Geste, wo mit den Fingern ein Rechteck als stilisierte Glotze in die Luft gemalt wird, angezeigt, bevor der Videoref ins Spiel kommt, sich breitbeinig hingestellt und klar gemacht: Jetzt haben erst mal alle anderen Pause. Genau das ist aus meiner Sicht die deutlich bessere Variante.

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Eine Ergänzung noch zur "Autorität und Akzeptanz des Schiedsrichterteams auf dem Platz". Die Frage war im Rahmen dieses Interviews sicherlich berechtigt, begleitet sie doch die Diskussion um "Videoschiedsrichter" seit ihrer Entstehung.

Verstanden habe ich dies noch nie.

Ich meine, in welcher Lebenssituation läuft es denn folgendermaßen: Ich möchte etwas von jemandem und der reagiert mit: "Ich sehe dies zwar so nicht, nehme Ihr Anliegen aber ernst und konsultiere eine weitere Instanz - einen Augenblick bitte." (...) "Ich habe die weitere Instanz konsultiert und demnach stellt es sich wie folgt dar: (...)". Und deswegen verliert derjenige an Autorität bei mir? Der gewinnt doch an Autorität durch die weitere, in die Entscheidung einbezogene Instanz. Das ist doch Quatsch.

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Mit Verspätung noch vielen Dank für Deine Rückfragen. In den kommenden Tagen wird zu den von Dir aufgeworfenen Aspekten noch eine Klärung erfolgen.
Kurz zur Klärung: Der Begriff "Assistent" im Zusammenhang mit Schiedsrichtern heißt nicht zwangsläufig, dass er dem SR nur "zuarbeitet". Stattdessen sollte mit der Einführung des Assistentenbegriff (statt jenem des "Linienrichters") ja betont werden, dass die Männer an der Linie den SR unterstützen ("Linie" allein suggeriert eine Kompetenzreduktion auf Dinge wie Einwurf-, Eckstoß- und maximal Abseitsentscheidungen). Dass die neue Person im Gespann nun "Video-Assistent" heißt, sollte also meiner Meinung nach ähnlich verstanden werden. Er unterstützt den Schiedsrichter, liefert ihm Informationen aus einem Blickwinkel, die der SR so nie hätte wahrnehmen können und führt in einem gut funktionierenden und vertrauensvollen SR-Gespann dann dazu, dass der SR der Einschätzung des Assistenten folgt. Das wichtige Stichwort ist hier "Verantwortungsteilung". Sprich: Schon heute sind manche Entscheidungen der Assistenten quasi final - bspw. in Szenen, wo es ausschließlich (!) darum geht, ob ein Spieler im Abseits stand oder nicht. Gleichwohl bleibt die formale Kompetenz beim Hauptschiedsrichter; er hat die Möglichkeit, sich bestimmte Situationen noch einmal anzuschauen:
Bestehen Unklarheiten, gibt es ein "Review" an der Seitenlinie. Das war bei den zwei Abseitssituationen sicher nicht der Fall - es lag mit "interfering with play" die einfachste Form des aktiven Eingreifens in einer Abseitsposition vor. Wie Du selbst korrekterweise sagst: Beide Entscheidungen waren daher ziemlich klar und eindeutig, liefen auf Wahrnehmungsebene ab. Für das gesamte Schiedsrichterteam wird ja klar gewesen sein, dass Abseitsstellung (Wahrnehmung) in dem Fall = Abseitsvergehen (Interpretation) ist. Anders wäre es sicher gewesen, wenn neben der Frage Abseits ja oder nein zusätzlich noch eine Interpretation - z.B. mit Blick auf Sichtbehinderung, Behindern des Torhüters o.Ä. hinzugekommen wäre. In solch einer Szene wäre der Zusammenhang Wahrnehmung = Interpretation weniger klar gewesen, es wäre wahrscheinlich dazu gekommen, dass der VAR die Abseitsstellung durchgegeben hätte, für die eigentliche Interpretation in einem Graubereich, wie es bei Sichtbehinderungen o.Ä. üblicherweise der Fall ist, aber womöglich keine finale Entscheidung übermittelt hätte. Das wäre stattdessen dann ein Fall für ein "Review" gewesen, wo der SR selbst noch einmal zum Bildschirm an der Seitenlinie hätte laufen können, um die Frage nach der Interpretation selbst zu beurteilen. Würde man ein solches Review auch bei 120% klaren Dingern vornehmen, so würde das Spiel womöglich 100 statt 90 Minuten dauern und die Akzeptanz und Effizienz des VAR-Systems leiden.

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Zum Akzeptanz- und Aurotitätsargument: Stimme vollkommen zu. Die Autorität, die der SR sonst durch seine Spielleitung, sein Amt und durch seine nach einmaliger Wahrnehmung vorgenommene Entscheidung mehr oder weniger bezieht, wird durch eine Mehrmaligkeit des Sehens von einer zusätzlichen Instanz sicher gestützt - vor allem dann, wenn die VARs gerade zu Beginn der nächsten Saison positive Entscheidungen treffen und sich so Kredit erspielen. In puncto Akzeptanz bin ich mir persönlich weniger sicher, das wird auf den Einzelfall ankommen. Bei Frankreich-Spanien lag es auf der Hand, dass es keinen Grund für Proteste gab. Jeder Spieler wusste: Da hat halt jemand die Linie gezogen, demnach Abseits. Anders sieht es bei Graubereichen aus: In Frankreich haben die Spieler nach dem zumindest nicht 100% eindeutigen Strafstoß zunächst protestiert, nach der VAR-Bestätigung, wie Tobias Stieler es beschrieb, aber aufgehört zu reklamieren. Anders war es bei der Klub-WM, wo Schiedsrichter Viktor Kassai nach draußen zur Review-Area lief, um sich eine Strafraumsituation anzusehen (https://vimeo.com/195614096). Die Proteste ebbten danach nicht ab - zwischen Situation und Elfmeterausführung lagen 4 Minuten (abgesehen davon, dass der später gefoulte Spieler bei Ballabgabe im Abseits stand und der von ihm ausgehende Zweikampf evtl. als aktives Eingreifen zu werten war - anderes Thema).

Ich habe mir vor allem nach Bartras Handspiel vorgestellt, wie das wohl abgelaufen wäre: Zwayer lässt weiterlaufen, der VAR befindet das Handspiel für nicht eindeutig strafbar - es kommt zum Review. Zwayer schaut sich die Szene draußen an und bleibt - so wie er es selbst noch 1h nach Abpfiff vor den Medienvertretern dargestellt hat - bei seiner Entscheidung "kein Handspiel". Hätten die Schalker dann weniger protestiert? Oder wäre das Hallendach erst recht weggeflogen?

Ich kann in keine Glaskugel gucken, könnte mir aber vorstellen, dass es durchaus zu Situationen kommen wird, in denen die positiven Akzeptanzeffekte ausbleiben. In der überwiegenden Mehrheit wird das aber, so denke ich, nicht der Fall sein. Die nächste Spielzeit wird es zeigen!

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Ein paar Eindrücke vom FIFA-Seminar, bei dem auch das VAR-Programm Thema war (inkl. "stilisierte Glotze"): https://www.youtube.com/watch?v=84BFQ1CmySw&feature=youtu.be

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