Nachspielzeit (29. Spieltag): Von Déjà-vus, Spraylinien und Respekt

19.4.17
Für den Schiedsrichter war das 5:3-Spektakel in Sinsheim gleich in doppelter Hinsicht ein Déjà-vu. Während David Alaba in Leverkusen beim Freistoß selbst zur Sprayflasche greifen darf, wird Pierre-Michel Lasogga in den Schlusssekunden des Nordderbies die vom gegnerischen Tor wohl am weitesten entfernte Spraylinie der Bundesligahistorie zu Teil. Und zu guter Letzt bieten einige der in der vergangenen Spielwoche ausgesprochenen Platzverweise Anlass zur kritischen Reflexion in Sachen "Respekt".

Verwarnungen und Platzverweise sollten idealerweise auf Augenhöhe ausgesprochen werden


Nicht nur in puncto Torreigen stand die Partie zwischen der TSG Hoffenheim und Borussia Mönchengladbach im Mittelpunkt – denn auch aus Schiedsrichtersicht bot sie einigen Gesprächsstoff. Für den vom DFB mit der Spielleitung betrauten Unparteiischen Christian Dingert war es das erste Wiedersehen mit den Kraichgauern seit deren im wahrsten Wortsinn erkämpften Nullnummer bei der Eintracht aus Frankfurt. Nachdem Dingert damals das Spiel komplett aus den Händen glitt und Frankfurt-Verteidiger David Abraham einem zwingenden Platzverweis für seinen Brutalo-Ellbogen entging, war seitens der DFB-Schiedsrichterkommission sicher Einiges an Aufbauarbeit zu leisten: Nach einer mehrwöchigen Pause legte Christian Dingert so ein durchaus ansehnliches Comeback hin und überzeugte mit überwiegend guten und unaufgeregten Spielleitungen.

Mediale Aufmerksamkeit erlangte er dabei besonders einmal: Als er Lars Stindls mit der Hand erzielten Treffer beim FC Ingolstadt als regulär anerkannte. Damals entbrannte im Nachgang der Partie weniger eine Debatte darüber, ob Stindl den Ball mit einem absichtlichen Handspiel ins Tor befördert hatte, sondern vielmehr eine Grundsatzdiskussion darüber, ob es allgemein im Sinne der Fußballregeln und -gemeinschaft ist, dass ein Tor auf legale Weise mit der Hand erzielt werden kann. Der Vorsitzende der DFB-Eliteschiedsrichter-Kommission, Lutz Michael Fröhlich, legte sich damals fest und beurteilte die leichte Bewegung von Stindls Hand zum Ball als ausschlaggebend dafür, das Handspiel als absichtlich und somit als strafbar einzustufen. Auch international herrscht in den höheren Schiedsrichterkreisen Konsens: Bei Toren, die mit der Hand erzielt werden, liegt die Latte für eine Beurteilung als absichtliches Handspiel deutlich tiefer als in anderen Szenarien.

'Always expect the unexpected!'

Nun war es in Hoffenheim wieder Lars Stindl, der seine Fohlen in Folge eines Handspiels jubeln ließ. Was war passiert? In der 35. Spielminute erhielt Hoffenheim-Keeper Oliver Baumann einen Rückpass, der ihn mächtig in Bedrängnis brachte: Denn gleich zwei Gladbacher liefen ihn an und setzten ihn so unter Druck. Baumann ließ sich einen Sekundenbruchteil zu viel Zeit – sein Klärungsschuss wurde von Jonas Hofmanns leicht geöffneter und abgespeizter Hand abgefälscht. An diesem Punkt war der Ausgleichstreffer nur noch Formsache, Stindl musste nach einem Querpass nur noch ins leere Tor einschieben. Christian Dingert war im Moment des Rückpasses gerade dabei, seine Kleidung zurechtzuziehen und sah den Lauf der Dinge offenbar nicht vorher – hier greift, wie so häufig, die in Schiedsrichterkreisen bekannte Sentenz „Always expect the unexpected!“. Als das Handspiel erfolgte, war der Referee rund 30 Meter entfernt – hatte aber dennoch freien Blick und sich dementsprechend schnell auf eine Entscheidung festgelegt. Wild gestikulierend war er sich sicher: Das war keine Absicht. Nun kann man dieses Handspiel regeltechnisch auseinandernehmen, von allen Seiten beleuchten und in seine Einzelteile zerlegen, um möglicherweise zu dem Schluss zu kommen, dass wir im Bereich 70:30 pro strafbares Handspiel liegen. Das wäre sehr detailorientiert. Mehr im Sinne des Fußballs wäre es mitunter, sich zu fragen, was gegeben sein müsste, dass ein Tor regulär mit der Hand erzielt werden kann. Gemäß des inzwischen auch regeltechnisch verankerten "Geists der Regeln" sollte das wohl nur dann der Fall sein, wenn wirklich alles gegen Absicht spricht (und gemessen an dem Dogma, das etwa in Nyon bei der UEFA verfolgt wird, wäre das noch eine sehr konservative Haltung). War das hier der Fall? Wohl eher nicht. Das Tor hätte nicht zählen sollen.

Ähnlich verhielt es sich beim 1:0-Führungstreffer. Dass Szalai im Moment des ersten Kopfballs auf Yann Sommer, den Letzterer noch abwehren konnte, lediglich mit der Fußspitze im Abseits stand, war allerdings nur mit Vergrößerungslupe zu erkennen. In der 63. Spielminute lag der Unparteiische leider ein weiteres Mal daneben: Als Mahmoud Dahoud mit beiden gestreckten Sohlen voraus Demirbay auf die Füße stieg, waren beide Kriterien für ein grobes Foulspiel – also sowohl übermäßige Härte als auch eine klare Gefährdung der Gesundheit des Gegenspielers – eindeutig erfüllt: Statt Gelb hätte es hier Rot geben müssen.

Weniger zurückhaltend mit der Farbe Rot war derweil Referee Guido Winkmann beim Spiel FC Augsburg - 1. FC Köln, der seine Führungsposition in Sachen Platzverweisanzahl damit weiter ausgebaut hat. Bemerkenswert war hier insbesondere der erste Feldverweis: Augsburgs Koo wurde nach einem gefährlichen Tackling in Kopf- bzw. Brusthöhe zu Recht mit Gelb-Rot vom Platz geschickt – bzw. vielmehr vom Platz getragen: Denn bei seinem Tackle hatte sich der Koreaner selbst schwer verletzt, so dass er mit der Trage abtransportiert werden musste. Wie für solche Fälle vorgesehen, zeigte Schiedsrichter Winkmann die Gelb-Rote Karte nicht dem schwerverletzten Sünder, sondern hielt die Karten in Anwesenheit des Augsburger Kapitäns mit Verweis auf die Trage zwecks Entscheidungskommunikation in die Höhe. Dies gebieten neben rein technischen Gründen auch Menschenverstand, ein Mindestmaß an Taktgefühl und der Respekt für den Spieler. Denn während ein Spieler am Boden oder gar auf einer Trage liegt, kann jede Form der Sanktionskommunikation im wahrsten Sinne des Wortes nur „von oben herab“ wirken.

Von der weit verbreiteten Philosophie, am Boden liegenden Spielern keine Karte zu zeigen, nahm am vergangenen Spieltag UEFA Second Group Referee Daniel Siebert hingegen Abstand: Der Berliner entschied nach Tin Jedvajs Ziehen und Zerren an Thomas Müller in der 58. Minute korrekterweise auf Gelb – und in der Konsequenz Gelb-Rot –, da der Leverkusener so obendrein einen vielversprechenden Angriff unterbunden hatte. Anstatt zu warten, bis Jedvaj wieder auf den Beinen und aufgestanden war, zeigte ihm Siebert ohne Latenzzeit erst Gelb und, als Jedvaj dann im Begriff war aufzustehen, Rot. Viel Respekt hat dies in dieser Situation nicht versprüht – dies hat Siebert aber womöglich bewusster- und nachvollziehbarerweise in Kauf genommen: Hätte er mit dem Aussprechen der beiden Karten noch etwas gewartet, hätte er beiden Seiten die Gelegenheit gegeben, für bzw. wider Gelb-Rot zu protestieren. In diesem Fall überwog somit der Nutzen einer möglichst zügigen Entscheidungskommunikation auf Kosten von respektvollem Spielermanagement – wenngleich natürlich ungewiss bleibt, ob es wirklich zu Protesten gekommen wäre, wenn Siebert den Mittelweg gewählt hätte: Karten herausholen, aber erst zeigen, sobald Jedvaj wieder auf den Beinen ist. Eine kuriose und gleichsam menschliche Reaktion zeigte Siebert dann auch gleich in Anschluss an Jedvajs Abgang: Als David Alaba seinen Wunsch äußerte, Siebert möge die gesprayte Freistoßlinie nicht allzu dick auftragen, drückte der Unparteiische ihm die Sprayflasche spontan in die Hand.

Für eine besondere Form der Spraytechnik sorgte einen Tag später auch Dr. Felix Brych im Nordderby: Als Pierre-Michel Lasogga in der 95. Spielminute – und somit eine halbe Minute vor der Derbyniederlage seiner Hanseaten – einfach nicht die vorgeschriebenen 9 Meter 15 bei einem Werderaner Freistoß tief in deren eigener Hälfte einhalten wollte und scheinbar auch auf Brychs Pfiffe und Zurufe nicht reagierte, lief Deutschlands Nr. 1 kurzerhand zu Lasogga und sprayte ihm seine ganz persönliche Linie - 70 Meter vom gegnerischen Tor entfernt. Was ohne Zweifel zu einigen Lachern im Weserstadion und vor dem TV-Bildschirmen geführt hat, kann man aus Schiedsrichtersicht durchaus kritisch beäugen. Nicht nur, dass das Spray eigentlich nur in Strafraumnähe (also maximal etwa 25 Meter vor dem Tor) als Ergänzung – und nicht als Ersatz – der Persönlichkeit des Schiedsrichters zum Einsatz kommen sollte und sich Brych dadurch selbst unter Zugzwang gesetzt hat – denn Lasogga ignorierte selbst die Spraylinie, ohne dass der Unparteiische darauf reagierte. Vielmehr wirkte Brychs Aktion einigermaßen impulsiv und glich letztlich einer Persiflage von Pierre-Michel Lasogga, die in einer entsprechenden Publikumsreaktion ihr wohl nicht gänzlich unbeabsichtigtes Echo fand. Eigentlich sollten sich Schiedsrichter darum bemühen, auch grenzdebil agierenden Spielern den nötigen Respekt entgegenzubringen – und der kam in dieser Aktion nicht wirklich herüber. Erheiternd war die Szene natürlich dennoch, genauso wie Brychs allgemein sehr souveräne Spielleitung, die lediglich dadurch getrübt wurde, dass sein Assistent Stefan Lupp Lewis Holtby beim sehr wahrscheinlichen 2:2 irrtümlicherweise in einer Abseitsstellung wähnte.

Ein Adlerauge bewies dagegen der italienische Assistent Filippo Meli in der Nachspielzeit des Champions League Viertelfinal-Hinspiels der Bayern gegen Real Madrid. Was in der Zeitlupe recht deutlich aussah, war in Realgeschwindigkeit wohl sehr schwierig zu sehen: Sergio Ramos stand bei der Flanke seines Mitspielers im Abseits und köpfte ins Tor ein, nachdem er mehrere Meter zurück in Richtung Mittelfeld gelaufen war. Dadurch entstanden gegenläufige Bewegungen, die für den Assistenten stets die Gefahr visueller Verzerrungen bergen. Meli ließ sich nicht täuschen – klasse Entscheidung, ohne die es Bayern gestern womöglich nicht einmal in die Verlängerung geschafft hätte. Melis Chef Nicola Rizzoli fiel abgesehen von seiner insgesamt guten und nur durch die Handspielfehlentscheidung getrübten Leistung dadurch auf, beim berechtigten Platzverweis gegen Javi Martínez seine Pfeife im Mund gelassen zu haben. Auch dies gilt in Schiedsrichterkreisen eigentlich als wenig respektvoll – nicht umsonst heißt es ja „eine Verwarnung / einen Platzverweis aussprechen“. Wenn es Rizzoli in der Situation jedoch wichtiger war, durch die sich selbst auferlegte verbale Kommunikationssperre zu signalisieren „Seht her: Ich lasse bei dieser Entscheidung nicht mit mir reden!“, ist dies akzeptabel.

Tipp: Idealerweise sollte bei Verwarnungen und Platzverweisen darauf geachtet werden, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, um die Entscheidungen verbal unterstreichen und verkaufen zu können.  Außerdem sollte gewartet werden, bis der fehlbare Spieler aufgestanden ist. Beides signalisiert Respekt.

Problematisch wird es dann, wenn die Pfeife im Mund zur Regel wird. So wie bei Patrick Ittrich, dessen Lippen sich beim Heimsieg von Darmstadt 98 über Schalke 04 bei praktisch allen Karten einfach nicht von der Pfeife trennen wollten. Gerade in der 78. Minute, als er Thilo Kehrer vom Platz stellte, zeigte er sich wenig diskussionsfreudig – und durch die Pfeife im Mund auch Sekunden danach wenig ansprechbar. In der Situation auf die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance zu entscheiden, war indes alles andere als eindeutig: Letzter Mann zu sein reicht schließlich nicht aus. Schalkes Schlussmann Ralf Fährmann wäre womöglich noch vor dem gefoulten Darmstädter an den Ball gekommen – Letzterer hatte den Ball zudem (noch) nicht unter Kontrolle. Üblicherweise gilt: Besteht Anlass zur Diskussion, kann es keine offensichtliche Torchance gewesen sein. Überraschend ist, dass Ittrich das Geschenk nicht angenommen hat, auf Nummer Sicher zu gehen und Kehrer nur Gelb für die Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs zu geben – denn der war ohnehin schon verwarnt und hätte somit in jedem Fall duschen gehen müssen. Auf der anderen Seite: davon unbeeindruckt eine Entscheidung zu treffen, von der man überzeugt ist, ist auch eine Stärke - zumal Glattrot sicherlich nicht eindeutig falsch war. 

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