Nachspielzeit (28. Spieltag): Auf die Ballorientierung kommt es an - Warum Bürki zu Recht nur Gelb sah

10.4.17
Im Bundesliga-Topspiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund fand die zu Saisonbeginn revidierte Notbremsenregelung erstmals medienwirksame Anwendung: Roman Bürki erhielt für seine Notbremse gegen Robert Lewandowski korrekterweise nur die Gelbe Karte. Neben einer regelbasierten Erläuterung gibt die heutige Spieltagskolumne zusätzlich einen Ausblick auf die kommende Saison, in der die Philosophie der abgemilderten Dreifachbestrafung auf taktische Foulspiele im Sechzehner ausgedehnt wird.


Nicht bei allen Strafraumentscheidungen lagen die Bundesligareferees am vergangenen Wochenende richtig, aber doch bei den allermeisten: Diskussionsbedarf bestand vor allem bei der Partie Schalke 04 gegen den VfL Wolfsburg, in der Benjamin Brand den Autostädtern zunächst zwei Strafstöße verweigerte – im 1. Fall wohl eher zu Unrecht (Foul von Nastasic an Gomez, der allerdings mehr als theatralisch fiel), im 2. Fall (Handspiel von Nastasic) hingegen eher zu Recht – , um den Wölfen dann einen Elfmeter zuzusprechen, der nach Betrachtung der Bilder zwar gegeben werden kann, aber keinesfalls gegeben werden muss. Keine zwei Meinungen gab es beim Strafstoß in Frankfurt – und auch in Ingolstadt war der Pfiff des Referees trotz der nur leichten Berührung angesichts des hohen Tempos vertretbar. Einen weiteren Graubereich lieferte das Gastspiel der Werkself bei den Rasenballern aus Leipzig, die sich glücklich schätzen konnten, dass Schiri Dr. Robert Kampka ihrem Verteidiger Stefan Ilsanker bei einem Handspiel in der 33. Minute keine eindeutige Absicht unterstellte.

Um die leidige Frage nach der Intention ging es auch im Bundesliga-Topspiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund – allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang: Robert Lewandowski lief nach einem feinen Pass in die Tiefe frei auf den Dortmunder Schlussmann Roman Bürki zu. Statt direkt abzuschließen, versuchte der aktuelle Bundesliga-Toptorjäger den Schweizer Nationaltorhüter zu umkurven und den Ball anschließend ins leere Tor einzuschieben. Dabei traf der Dortmunder Keeper mit seinem langen Bein Lewandowskis Fuß und brachte ihn so in Höchstgeschwindigkeit zu Fall (Video). Klare Sache: Strafstoß – aber welche Karte?


Gelb bei ballorientierten Notbremsen

Schiedsrichter Marco Fritz, der im gesamten Spiel mit einer Ausnahme (Vidal hätte in der 87. Minute für sein rücksichtsloses Stollenvergehen zwingend die Gelb-Rote Karte sehen müssen) das Regelwerk stets mit viel Situationsgespür aus- und in seiner An- und Körpersprache eine formidable Leistung hingelegt hat, entschied sich trotz der vereitelten offensichtlichen Torchance im Strafraum nur für den gelben Karton.

Damit sorgte er für Proteste seitens der Bayern – und hörbare Regelunkenntnis in der Kommentatorenbox. Sky-Kommentator Wolff Fuss bemerkte sofort: „Beim Torhüter hat ein Unparteiischer Handlungsspielraum, wenn man das Gefühl hat, der Torhüter will hier zum Ball.“

Korrekt ist: Entscheidend für die Disziplinarstrafe nach einer regelwidrigen Verhinderung einer offensichtlichen Torchance im Strafraum ist in der Tat die Frage, ob der fehlbare Spieler die Möglichkeit hatte und aufrichtig versucht hat, den Ball zu spielen. Dies war auch in der folgenden Situation der Fall, als Gianluigi Buffon den Ball spielen wollte, ihn aber knapp verfehlte:


Handelt es sich bei einem Vergehen um einen authentischen Versuch, den Ball zu spielen – im Englischen "genuine attempt to play the ball" – ist der Spieler seit Saisonbeginn lediglich mit einer Gelben Karte zu bestrafen, sofern dadurch eine offensichtliche Torchance im Strafraum verhindert wird. Dies gilt allerdings nicht nur für den Torhüter wie in Bürkis (oder Buffons) Fall, sondern für jeden Spieler – mehr als nur ein Detail, das idealerweise von einem TV-Schiedsrichterexperten unmittelbar klargestellt werden sollte, bevor sich Missverständnisse in den Köpfen der Öffentlichkeit festsetzen.   

Nach DFB-Terminologie war Bürkis Foulspiel eine ballorientierte Aktion: Seine Intention bestand darin, den Ball mit seinem ausgestreckten Fuß vor Lewandowski zu erreichen, kam aber den berühmten Bruchteil einer Sekunde zu spät. In anderen Worten: Seine Aktion war nicht rein gegnerorientiert, sie galt stattdessen ausschließlich dem Ball. Da Lewandowski den Ball außerdem nicht allzu weit an Bürki vorbei gelegt hat, war es auch grundsätzlich nicht ausgeschlossen, dass Bürki ihn bei besserem Timing mit seiner Fußspitze hätte erreichen können. Marco Fritz hielt ihm dies zugute – und ließ ihn „leben“. Eine Entscheidung, die sowohl von Spielverständnis, als auch von korrekter Regelanwendung zeugt.

Anders war es beim Zweitligaspiel zwischen Erzgebirge Aueund 1860 München (Video): Hier griff Löwen-Verteidiger Sebastian Boenisch kurz vor dem Halbzeitpfiff zur rettenden „Notbremse“, nachdem er einen missratenen Rückpass nicht mehr vor seinem Gegenspieler erreichen konnte. In der Konsequenz brachte er Aues Angreifer Dimitrij Nazarov im Sechzehner zu Fall und vereitelte somit eine offensichtliche Torchance. Nach einem kurzen Griff oben touchierte Boenisch seinen Gegenspieler unten an den Füßen – der Ball spielte bei dieser Aktion keine Rolle, es handelte sich hierbei um keinen authentischen Versuch, den Ball zu spielen. Folglich schickte Schiedsrichter Sascha Stegemann Boenisch mit Rot vom Platz.

Für Notbremsen im Strafraum gilt daher:

Notbremse OHNE Ballorientierung (Handspiel, Halten, Stoßen ...): Strafstoß & Rot
Notbremse MIT Ballorientierung (authentischer Versuch, den Ball zu spielen): Strafstoß & Gelb

Passende Videobeispiele finden sich hier.


Ab kommender Saison: Vereinfachtes Wording des Regeltexts

Hintergrund für die Neureglementierung von Notbremsen im Strafraum war die weit verbreitete Meinung, dass eine dreifache Bestrafung einer Notbremse (Platzverweis, Tor durch den Strafstoß, Sperre) unfair sei und zu weit gehe. Schließlich werde durch den gegebenen Strafstoß die offensichtliche Torchance wiederhergestellt.

Das International Football Association Board (IFAB) zeigt sich indes zufrieden: Auf ihrem jährlichen Zusammentreffen attestierten die Fußball-Regelhüter der Abmilderung der Notbremsenregelung ein erstes positives Zwischenzeugnis und betonten überdies, „sehr erfreut über die Reaktion des Fußballs“ zu sein. Zur nächsten Saison wurde ein vereinfachtes Wording des entsprechenden Regeltexts beschlossen, der praktisch jedoch keinerlei Auswirkungen hat und Schirilogie in englischer Form vorliegt:

"Where a player commits an offence against an opponent which denies an opponent an obvious goal-scoring opportunity and the referee awards a penalty kick, the offender is cautioned if the offence was an attempt to play the ball; in all other circumstances (e.g. holding, pulling, pushing, no possibility to play the ball etc.) the offending player must be sent off."

Ungefähr übersetzt bedeutet dies:
„Wenn ein Spieler ein Tor oder eine offensichtliche Torchance der gegnerischen Mannschaft durch ein absichtliches Handspiel vereitelt, wird er unabhängig vom Ort des Vergehens des Feldes verwiesen. Wenn ein Spieler mit einem Vergehen gegen einen Gegner eine offensichtliche Torchance vereitelt und der Schiedsrichter einen Strafstoß gibt, wird der Spieler verwarnt, wenn das Vergehen ein Versuch war, den Ball zu spielen; in allen anderen Fällen (z.B. Halten, Ziehen, Stoßen, keine Möglichkeit, den Ball zu spielen etc.) wird der fehlbare Spieler des Feldes verwiesen.“

Ausdehnung der Notbremsen-Philosophie auf „taktische Fouls“

Was die UEFA schon seit Saisonbeginn inoffiziell praktiziert, hat das IFAB nun auch für die offiziellen Spielregeln beschlossen: Wird im Strafraum ein aussichtsreicher Angriff durch ein Vergehen verhindert oder unterbunden – dies entspricht dem, was landläufig als „taktisches Foul“ bezeichnet wird, wenngleich dieser Begriff im Regelwerk ebenso wenig auftaucht wie jener der „Notbremse“ – ist der fehlbare Spieler künftig nicht mehr mit einer Gelben Karte zu bestrafen.

Ein passendes und von der UEFA dafür intern benutztes Videobeispiel war die folgende Spielsituation aus dem WM-Qualifikationsspiel zwischen Italien und Spanien, bei der der fehlbare Spieler erkennbar versucht hat, den Ball zu spielen:



Weiterhin verwarnungswürdig sind Vergehen, bei denen eine ballorientierte Aktion per se ausgeschlossen werden kann: Absichtliche Handspiele, Halten, Ziehen (s. Frankfurt – Bremen am vergangenen Freitag), Stoßen und grundsätzlich verwarnungswürdige Vergehen (wie etwa rücksichtslose Foulspiele) werden analog zur bereits implementierten Notbremsenregelung weiterhin Gelb nach sich ziehen.

Dies ergibt intuitiv Sinn. Schließlich wird die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance im Strafraum aktuell mit der Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs im Strafraum disziplinartechnisch gleichgesetzt. Weiterhin wird der aussichtsreiche Angriff durch den in der Konsequenz gegebenen Strafstoß mindestens kompensiert, faktisch sogar verbessert.

Für das Unterbinden eines aussichtsreichen Angriffs („taktisches Foul“) innerhalb des Strafraums gilt daher künftig:

Taktisches Foul OHNE Ballorientierung (Handspiel, Halten, Stoßen ...): Strafstoß & Gelb
Taktisches Foul MIT Ballorientierung (authentischer Versuch, den Ball zu spielen): Nur Strafstoß

Weitere Videobeispiele können hier angesehen werden (in den drei dargestellten Spielsituationen ist künftig jeweils keine Gelbe Karte erforderlich!).

Der folgende Entscheidungsbaum fasst die vorherigen Ausführungen, die zu treffenden Entscheidungen und den Entscheidungsablauf bei Notbremsen bzw. taktischen Foulspielen je nach Ort und Art des Vergehens anschaulich zusammen (zum Vergrößern anklicken!):


Achtung: Die Regelung zur Unterbindung aussichtsreicher Angriffe greift erst ab der Spielzeit 2017/18. Sofern vom jeweiligen Verband nicht anders vorgesehen, ist bis dahin weiterhin eine Gelbe Karte für jede Form des Unterbindens aussichtsreicher Angriffe zu verhängen.

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4 Kommentar/e
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Zu Bürki: Klar Rot, alles andere ist doch Spinnkram. Der Spieler steigt grob in den Gegner. So siehts auch ein DFB-Beobachter. Aber wie immer sehr guter Beitrag!

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Ich bin ein Freund davon, Einzelmeinungen weder zu über- noch zu unterschätzen (geschweige denn, sie als Spinnkram abzutun). In diesem Sinne: Besten Dank für Deine Rückmeldung und Meinung und mal abwarten, inwieweit uns die DFB-SR-Zeitung erhellen wird.

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Offizielle DFB-Lehrmeinung: Strafstoß + Verwarnung.

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