Nachspielzeit (26. Spieltag): Kriterien zur Beurteilung der Strafbarkeit von Handspielen

3.4.17
Das zurückliegende Fußballwochenende war vor allem von einer Frage geprägt: Absicht oder keine Absicht? Gleich in mehreren Spielen, Stadien und Ligen gab es zum Teil knifflige Situationen aus dem Bereich Handspiel mit entsprechenden Diskussionen nach Abpfiff. Thomas Tuchel bringt das weit verbreitete Gefühl auf den Punkt. Auf das Handspiel von Marc Bartra angesprochen, meinte Tuchel sinngemäß, dass er der falsche Ansprechpartner sei, da er überhaupt nicht mehr wisse, wann es Absicht ist und wann nicht. Ein Klärungsversuch, der hoffentlich erfolgreicher ist als der von Marc Bartra, Oscar Wendt und co.



Wie die Regel aussieht

Gemäß Regel 12 liegt ein Handspiel nur dann vor, wenn "ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt" (S. 84).

Um ein Urteil über den Grad der Absicht fällen zu können, werden den Schiedsrichtern durch das Regelwerk folgende Punkte zur Berücksichtigung vorgegeben:

- Die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand)
- Die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball)
- Die Position der Hand (das Berühren an sich ist noch kein Vergehen)
- Das Berühren des Balls mit einem Gegenstand in der Hand des Spielers (…) ist ein Vergehen.
- Das Treffen des Balls durch einen geworfenen Gegenstand (…) ist ein Vergehen.


Wie die Realität aussieht

Die obigen Punkte geben Schiedsrichtern zwar eine grobe Orientierung, was bei ihren Einschätzungen zu berücksichtigen ist, lassen jedoch bewusst viel Handlungs- und Interpretationsspielräume zu. Die aufgeführten Kriterien werden daher durch Anweisungen und Auslegungen, die bspw. von der FIFA, der UEFA und dem DFB bestimmt werden, ergänzt und konkretisiert.

Diese Auslegungen haben sich in den vergangenen Jahren derart entwickelt, dass heute weniger die „Absicht im Wortsinn“, sondern eher die „Absicht im Regelsinn“ ausschlaggebend für die Entscheidung eines Schiedsrichters ist. Und diese Absicht im Regelsinn liegt nicht mehr nur dann vor, wenn ein Handspiel wirklich beabsichtigt war, sondern auch dann, wenn ein Spieler gewissermaßen "grob fahrlässig" gehandelt hat (auch wenn dies so nicht im Regelwerk steht und nicht mit dem dort üblichen Terminus der Fahrlässigkeit gleichzusetzen ist). 

Folgerichtig spricht man heute in Schiedsrichterkreisen mehr von strafbaren Handspielen als von absichtlichen Handspielen.

Damit kann man natürlich grundsätzlich ein Problem haben – schließlich gleicht das Einbeziehen der potenziellen Fahrlässigkeit eines Handspiels einer Aufweichung des Absichtsprinzips, die so in den Regeln eigentlich nicht vorgesehen ist. Gleichzeitig muss zur Kenntnis genommen werden, dass dies in der Form von sämtlichen relevanten Verbänden so vorangetrieben wird, durchaus als zeitgemäß gelten und sich auch das deutsche Schiedsrichterwesen davor wohl kaum verschließen kann.


So eindeutig ist leider nicht jedes Handspiel - zur Beurteilung von Absicht bedarf es Kriterien...


Kriterien zur Beurteilung der Strafbarkeit eines Handspiels

Die folgenden Ausführungen betreffen insbesondere Handspiele, die von Abwehrspielern innerhalb oder in der Nähe des Strafraums begangen werden (die Latte für die Strafbarkeit von Angreifer-Handspielen liegt in der Praxis etwas niedriger).

Um die Strafbarkeit eines Handspiels zu bewerten, sind folgende Kriterien relevant:

Kriterium
Indiz

Bewusste Handlung

Benutzt der Spieler seine Hand oder seinen Arm in bewusster Weise, um den Ball zu berühren?

Unnatürlichkeit der Hand- bzw. Armposition

Liegt eine unnatürliche Position der Hand oder des Arms, mit dem der Kontakt erfolgt, vor?

Ist die Hand- bzw. Armposition Teil eines situationstypischen Bewegungsablaufs?

Vergrößerung der Körpertrefferfläche

Will der Spieler seine Trefferfläche vergrößern, indem er seine Arme bzw. Hände benutzt bzw. ausstreckt?

Sind die Arme und Hände nahe am Körper oder signifikant von ihm abgespreizt?

Bewegung der Hand zum Ball

Bewegt sich die Hand bzw. der Arm zum Ball oder bewegt sich der Ball eher zur Hand bzw. zum Arm?
Erwartbarkeit des Balls

Prallt der Ball unerwartet von einem anderen Körperteil des Spielers an seine Hand bzw. seinen Arm?

Spannt der Spieler seinen Arm / seine Hand an? Zeigt er eine geschlossene, angespannte Faust (spricht für Absicht)? Oder schlackern Arm bzw. Hand nach dem Ballkontakt zurück? (spricht gegen Absicht)

Kann der Spieler den Ball kommen sehen?

Vermeidbarkeit
Versucht der Spieler, das Handspiel zu vermeiden?

Kann der Spieler das Handspiel vermeiden?

Wie groß ist die Distanz zwischen ihm und dem Ball?

Welche Distanz hat der Ball bereits zurückgelegt, bevor er die Hand bzw. den Arm berührt?


Es sollte darauf hingewiesen werden, dass die Bedeutung der Kriterien je nach Situation variiert und letztere bei der Entscheidung mal mehr und mal weniger ins Gewicht fallen.


Beispielhafte Spielsituationen 

Einige Handspiele des zurückliegenden Wochenendes waren überaus klar: Etwa Burkes Handspiel vor dem Leipziger 1:0 hat sich nach Betrachtung der Wiederholungen als eindeutig absichtlich – und das wohl auch im Wortsinn – herausgestellt. Ähnlich klar waren auch die Handspiele, die in Frankfurt zu einem korrekten Elfmeterpfiff und in München zu einem fehlenden Strafstoß für die Hausherren führten. Andere Situationen sind dagegen auch in der Nachbetrachtung weitaus umstrittener.


Situation 1: FC Schalke 04 – Borussia Dortmund (> VIDEO)

Die 92. Spielminute des 150. Revierderbies wurde auf allen medialen Kanälen bereits ausgiebig und kontrovers diskutiert. Dies ist bereits ein Hinweis darauf, dass die Situation alles andere als eindeutig war und Schiedsrichter Felix Zwayer, der das Handspiel von Marc Bartra im Strafraum als unabsichtlich bewertete, quasi entlastet ist.

Die folgende Grafik veranschaulicht noch einmal die aus meiner Sicht bestehenden Argumente für die jeweilige Entscheidungskategorie „Absicht“ und „Keine Absicht“.



Besonders wichtig erscheint hier das Argument der spieler- und situationstypischen Bewegungsabläufe, welche die Handposition in einem natürlichen Licht erscheinen lassen. Demgegenüber steht die Frage, ob die Fahrlässigkeit einer solch hohen Handposition in diesem konkreten Fall nicht stärker wiegt. Gegen Absicht spricht vor allem, dass Bartra sich wohl zu seiner eigenen Überraschung selbst anschoss – den Ball konnte er also kaum erwarten. Meines Erachtens überwiegen hier die Argumente, die gegen einen Pfiff sprechen. Und ein Revierderby beim Stand von 1:1 in der 92. Spielminute ist wohl kaum eine geeignete Gelegenheit, einen Strafstoß zu pfeifen, der nicht einmal 90% eindeutig ist.


Eure Meinung?



> Umfrageergebnisse


Situation 2: FC Ingolstadt – FSV Mainz 05 (> VIDEO)

Nach einem Eckstoß in der 3. Spielminute forderten die Ingolstädter gleich zweimal Strafstoß – vor allem beim Handspiel von Gbamin. Bei dem Versuch, den Ball vor dem Ingolstädter Angreifer Roger wegzuspitzeln, machte er einen leichten Ausfallschritt nach vorn. 

Roger spielte den Ball jedoch zuerst und schoss ihn aus kurzer Distanz an Gbamins Hand (d.h.: Ball zur Hand und nicht umgekehrt), die – für eine derartige Klärungsaktion nicht unüblich – leicht angewinkelt vom Körper abstand. Dadurch hat er seine Körper-Trefferfläche allerdings nicht unbedeutsam vergrößert. Eine Chance, die übrigens nicht vollends angespannte Hand wegzuziehen, hatte er indes nicht.  Hier konfligieren folglich einige der relevanten Kriterien miteinander – vieles spricht für die Entscheidung von Patrick Ittrich, dessen Pfeife stumm blieb.


Situation 3: Rennes – Lyon (> VIDEO)

Eine Szene aus der französischen Ligue 1 illustriert die Entwicklung, dass heute zunehmend Kriterien der Fahrlässigkeit bzw. der Inkaufnahme eines Handspiels dazu ausreichen, dass es als strafbar einzustufen ist. Rennes‘ Verteidiger Ramy Bensebainis blockte den gefährlichen Torschuss mit dem vom Körper abstehenden Arm ab und machte sich dadurch größer. 

Wenngleich argumentiert werden kann, dass bei einem solchen Ausfallschritt die Hand automatisch mit nach oben geht, um die Balance zu halten, so überwiegt hier jedoch die fahrlässige Trefferflächenvergrößerung. Zudem konnte er den Ball eindeutig kommen sehen und hätte die Chance gehabt, den Kontakt mit der Hand zu vermeiden. 

Laut Anweisungen der UEFA sind Handspiele, die von Spielern bei dem Versuch begangen werden, Torschüsse oder Flanken abzuwehren, und die ihre Hände dabei unnatürlich weit vom Körper entfernt positioniert haben, nahezu grundsätzlich als strafbar zu werten.


Kontinuum statt Dichotomie: Es gibt einen Graubereich


Die Fülle der tabellarisch abgebildeten, binnen Bruchteilen einer Sekunde zu beurteilenden und gegeneinander abzuwägenen Kriterien und obendrein die Handspielsituation aus dem Revierderby verdeutlichen mehrere Aspekte:

1) Die Spielrealität kennt nur zwei dichotome Kategorien „Absicht“ und „Keine Absicht“. Handspiele sind aber in den seltensten Fällen eindeutig absichtlich (schwarz) bzw. eindeutig unabsichtlich (weiß). Sehr häufig bewegen sie sich in einem Graubereich.

2) Nach dem Abwägen der Kriterien bewegen sich Schiedsrichter in ihrer Einschätzung auf einem Kontinuum, vereinfacht gesagt: Zwischen 100% und 0% Absicht gibt es viele Zwischenstufen. In der Gesamtschau kann man selbst nach dutzenden Zeitlupen zu der Einschätzung kommen: 70:30 pro Absicht. Oder 50:50. Oder vielleicht sogar 80:20 contra Absicht. Vielleicht aber auch 100:0.

3) Nun müssen diese Einschätzungen auf Ebene eines Kontinuums in eine dichotome Entscheidungsauswahl überführt werden: Eben in „Absicht“, was womöglich einen Strafstoß zur Folge hat, oder in „Keine Absicht“, was Weiterspielen bedeutet. Aber ab wann entscheidet man sich denn nun für die eine oder andere Entscheidungsalternative?

4) Das einfachste wäre: Ab 51:49 pro Absicht gebe ich halt den Elfmeter, in den Konstellationen 50:50 bis 0:100 nicht. So einfach ist es jedoch nicht: Schiedsrichter ahnden üblicherweise nur eindeutige Handspiele. Doch wo liegt die Schmerzgrenze? Ab wann ist ein Handspiel „absichtlich genug“, um es zu ahnden? Bei 80% Kriterienerfüllung? Bei 90% pro Absicht? Oder wirklich nur bei 100%? Oder, was mancher Schiedsrichter bejahen würde: Müssen Handspiele gerade im Sechzehner „120% klar“ sein, um sie zu pfeifen? Im Zweifel neigen Schiedsrichter üblicherweise dazu,lieber nicht ins Spiel einzugreifen, als es auf Verdacht oder zumindest trotz Unsicherheit zu tun und dabei womöglich gar falsch zu liegen. 

5) Diese Überlegungen sind eher theoretisch, bilden aber den Prozess ab, den Schiedsrichter auf dem Platz unter der Einmaligkeit des Sehens und Schnelligkeit der Spielsituation intuitiv durchlaufen und in eine möglichst treffsichere Entscheidung überführen müssen. So fehlte auch Felix Zwayer, wie er später angab, "die komplette Überzeugung, dass es Absicht war".

Soll heißen: Das Leben ist nicht nur schwarz und weiß. Es besteht aus Grautönen. Und das gilt für Handspiele in ganz besonderer Weise. Bei aller Emotion wird dies auf und neben dem Platz leider allzu häufig übersehen. Vom Umstand, dass auch ein Video-Schiedsrichter hier wohl nur sehr eingeschränkt helfen und Klarheit schaffen kann, mal ganz zu schweigen.


Quellen:

FIFA Spielregeln 2016/17 (> PDF)
UEFA Practical Information for Match Officials 2014 (> Onlineversion 2012)

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12 Kommentar/e
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Wow. Da bleibt kaum eine Frage offen. Oder, genauer formuliert: Es wird umfassend klar, welche Fragen in solchen Situationen offen sind und auf welchem Wege sie einer Beantwortung zugeführt werden.

Um auf eine frühere Kritik zurück zu kommen: Obwohl umfassend auch noch sehr prägnant formuliert. Schön.

Bonuspunkte gibt es für das Aussprechen der Wahrheit, zwischen dem Absichtsbegriff des Regelwerks und dem juristischen Absichtsbegriff klaffe eine riesige Lücke (ist so, ist aber auch nicht schlimm, muss man sich halt nur bewusst drüber sein) und natürlich für die herausgesuchten Videoszenen. Bei letzteren würde ich mich sehr freuen, wenn Du zukünftig ab und wann nachschaust, ob die Links noch funktionieren und ggfs. neu verlinkst. Ich weiß, ich rede von Deiner Freizeit, aber das würde den Wert dieses Eintrages als immer zur Hand liegenden, leicht zu verlinkenden Referenzpunkt in zukünftigen Gesprächen anderswo deutlich erhöhen.

Wenn mir noch etwas Kritik erlaubt sei: Ich persönlich finde, der Text wird durch die eingeblendeten Goodies immer noch unnötig aufgebläht. Diese ganze Abstimmungsnummer mag nicht uninteressant sein, aber dafür so weit runter scrollen zu müssen, um weiter zu lesen... und auch der Kasten mit dem schönen Farbverlauf zum Graubereich... und überhaupt die bestimmt zutreffende, aber nicht sehr leserfreundliche Verwendung der Begriffe "Kontinuum" und "Dichotomie" - ich finde, das schadet der Prägnanz der Ausführung. Ich bin vielleicht nicht der richtige Ratgeber, weil letztlich sind es doch immer die Anderen, die 50.000 Likes auf Facebook oder 12 Millionen Abonnenten auf Youtube haben. Aber auf mich wirkt das auf dem ersten Blick - und nicht jeder liest weit genug, um zu einem zweiten Blick zu gelangen-, als würde der Autor der Kraft seiner Argumentation nicht vertrauen und deswegen diese Spielereien einbauen.

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Vielen Dank für die Anregungen. Darf ich noch nachfragen, welche Videolinks genau bei Dir nicht funktionieren?

Auf Visualisierungen ausführlicherer Texte und für mich wichtiger Punkte werde ich künftig allerdings nicht verzichten, ebenso wenig auf partizipative Elemente wie Umfragen, die ich persönlich nicht für Spielereien halte. Gleichwohl werde ich mich darum bemühen, diese leseflussfreundlich(er) einzubauen. Daher vielen Dank!

Ein kleiner Hinweis noch: Es wäre mir offen gesagt lieber, wenn in den hier platzierten Kommentaren die Inhalte des jeweiligen Artikels im Vordergrund stehen. Die letzten 60% Deines Kommentares sind sicherlich wertvolle Denkanstöße, aber betreffen doch in erster Linie nur mich - das kann demnach gern per Mail oder Kontaktformular geschehen.

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Jetzt habe ich schon wieder vergessen, dass diese Website keine Links in Kommentaren erlaubt. Ich habe gerade versucht, folgenden Kommentar zu äußern:

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Das ist wohl missverständlich formuliert. Derzeit funktionieren alle Video-Links. Mir geht es darum, dass einige von denen so wirken, als würden sie das in Zukunft nicht mehr. Und daher die Anregung, die alle $Zeitraum zu überprüfen. Weil ich glaube, dieser Text wird so schnell nicht altern - oder jedenfalls langsamer als die Links.

Auch gegen Visualisierungen habe ich nichts, ganz im Gegenteil. Solange sie dem Verständnis dienen. Das finde ich nicht bei allem Elementen dieses Textes. Aber jetzt habe ich doch wieder die Umsetzung thematisiert. Ich persönlich finde das übrigens ein originäres Thema für den Kommentarbereich, weil das vielleicht auch andere Leser anregt, ihre ggfs. abweichende Meinung zu äußern. Aber das hier ist Deine Party und da will ich fürder hin natürlich versuchen, mich an Deinen Wunsch zu halten.

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Bei Visualisierungen habe ich auf ein Zitat der Grafik "Pro und Contra Absicht" auf dem Twitter-Account von Collinas Erben verwiesen. Um klar zu machen, dass ich diese grafische Aufbereitung sehr wohl als wertvoll empfinde.

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Das ist nicht ganz korrekt: Blogspot erlaubt keine Hyper(!)links. Links als solche einzufügen ist hier kein Problem. (das nur als Hinweis an alle anderen Mitlesenden, die vielleicht davor zurückschrecken, in Zukunft Links zu posten..)

Bzgl. Videos muss auch ich mich mit den Bild-Zusammenfassungen begnügen - alles andere wäre ein Copyrightverstoß. Bei allen weiteren Videos kann ich Dich beruhigen - sie werden vermutlich noch sehr lange oben bleiben.

Feedback ist jederzeit erwünscht (aber, wie gesagt, eben nicht unbedingt / jedes Mal unter Artikeln, bei denen mehr Argumente denn das Verhältnis zwischen zweckdienlichen und zweckundienlichen Visualisierungen diskutiert werden sollten) - denn das ist hier keineswegs meine Party. Die Seite soll die Bedürfnisse der Leser aufgreifen und erfüllen. Leser, die Anregungen haben, können dies daher jederzeit sehr gern per Mail oder über das semi-anonymisierte Kontaktformular tun - dazu wurde in den letzten 2 Monaten durch einen Hinweis oben rechts ja auch ausdrücklich ermutigt.

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Also ich persönlich finde die Abstimmung sehr aufschlussreich (Abstimmungen bitte beibehalten, finde ich sehr schön). Dass alle Antwortalternativen wenigstens halbwegs repräsentiert sind, zeigt doch, wie schwierig das für den Schiedsrichter war. Wie steht ihr denn eigentlich zu dem Argument "Jedes Handspiel pfeifen"? Wäre das eine Lösung?

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Test:

https://www.allesausseraas.de/montag-03-04-2017/#comment-155055

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Ach so ist das gemeint.

Das verstehe, wer will. Aber gut. Der Herr Google wird sich schon was dabei denken.

Welcher Hinweis oben rechts?

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Bei "jedes Handspiel pfeifen" ist die Gefahr, dass von den Angreifern absichtlich versucht wird, gegen die Hand / den Arm zu schießen, um einen Strafstoß zu provozieren - für mich keine gute Lösung.

Mir persönlich würde es besser gefallen, wenn nur klare Absicht geahndet wird (d.h. deutliche Hand zum Ball Bewegung, die nicht zum sonstigen Bewegungsablauf passt). Vergrößerung der Körperfläche wäre dann kein Kriterium mehr. Ich muss aber zugeben, dass dann wohl ein Handspiel wie beim Bayern-Spiel am Wochenende in den Graubereich rücken würde...

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Letztlich ist das das Grundproblem der Regel. Einerseits wird mit "Absicht" an ein inneres Kriterium des Spielers angeknüpft, das von außen kaum überprüfbar ist und dem nur mit gewissen Auslegungs-Maßgaben und der Erfahrung des Schiedsrichters beizukommen ist. Andererseits wird der Sport von immer geschickteren Profis ausgeübt, die sich bisher noch auf jede Auslegungs-Maßregel einstellen konnten.

Man kann natürlich, statt an den Auslegungs-Regeln zu schrauben, lieber das Grundproblem angreifen. Aus meiner Sicht ginge das aber nur, wenn man es komplett zurücknimmt und auf das innere Kriterium verzichtet. Dann aber hat man einen Fußball, bei dem es keine Unterscheidung zwischen strafbarem und nicht strafbarem Handspiel mehr gibt. Weil entweder jedes Handspiel strafbar ist oder keines (komischerweise wird letztere Möglichkeit bei dieser Diskussion immer vergessen). Das wäre zumindest für mich nicht der Fußball, den ich haben möchte. Aber man kann das natürlich wollen.

Ich persönlich finde das eigentlich sehr schön, dass der Fußball dem dritten anwesenden Team Entscheidungsspielräume überlässt. Den üblichen Reflex vieler Fußball-Fans, die Schiris nach Möglichkeit zu bloßen Subsumtionsautomaten degradieren zu wollen, teile ich nicht. Vielleicht gehört dazu aber auch die Erkenntnis, dass es in aller Regel nicht dieses dritte Team ist, dass die meisten Fehler während eines Fußballspiels begeht.

Es wird bei den Diskussionen über das Schiedsrichterwesen immer gerne das Argument der Gerechtigkeit ins Felde geführt. Wie ungerecht das sei, dass es Situationen gäbe, in den der Schiedsrichter über Wohl und Wehe eines Vereins entscheide. Aber ist nicht gerade das Kriterium "Absicht" Ausdruck der Suche nach Gerechtigkeit? Weil wirklich nur derjenige bestraft werden soll, der seine Hand mit unfairem Vorsatz an den Ball brachte?

Witzigerweise fallen mir dazu ein positives und ein negatives Beispiel aus anderen Sportarten ein. Das Negative ist das nahe liegende aus dem Feldhockey, wo jeder Fußkontakt strafbar ist und der Sport seit Jahren zum Zielschießen auf die Füße der Gegner mutiert (so erzählt man sich, ich gucke das nicht). Das positive wäre das Eishockey. Da wird mannigfaltig bei Fouls (nur) dann eine große Strafe statt einer kleinen verhängt, wenn das Foul eine Verletzung des Gefoulten zur Folge hatte. Es wird also ein und dieselbe Handlung mit ein und demselben Vorsatz vollkommen anders bestraft, je nachdem, ob sich der Körper des Gefoulten in der Folge beschädigt. Das ist nicht gerecht. Das ist nahe am Zufall. Ich habe in vielen Jahren Eishockey (und vielen, vielen Schiedsrichterdiskussionen) noch nicht ein einziges Mal erlebt, dass sich irgendjemand darüber beschweren würde.

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Noch eine Anmerkung inhaltlicher Art: Der Artikel geht im ersten Teil auf die Diskrepanz zwischen 'absichtlichem' und 'strafbarem' Handspiel ein und ordnet mit Blick auf die Praxis grob fahrlässige Handspiele dem strafbaren Bereich zu.
Das suggeriert, dass es zwischen Absicht und grober Fahrlässigkeit keinen Platz für weitere Kategorien gibt. Diese Darstellung ist juristisch betrachtet nicht korrekt. Darüber hinaus glaube ich, dass die juristischen Kategorien durchaus zum Verständnis beitragen können.

Bei grober Betrachtung unterscheidet der Jurist zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit. Beide Kategorien kennen weitere Unterteilungen:
Bei der Fahrlässigkeit klassischerweise grobe, mittlere und leichte Fahrlässigkeit, was an dieser Stelle allerdings nicht weiter interessiert; meiner Meinung nach ist keine dieser Kategorien in Bezug auf das Handspiel im Fußball strafbar.
Beim Vorsatz unterscheidet der Jurist zwischen Absicht i.S. eines 'zielgerichteten Wollens': Dem Spieler geht es also gerade darum, den Ball mit der Hand zu spielen, und Eventualvorsatz i.S. eines 'billigenden in-Kauf-nehmens des Erfolgs: Der Spieler weiß um die Möglichkeit eines Handspiels und tut nichts, um dieses zu verhindern, und zwar weil er ein anderes Ziel notwendig erreichen will, etwa die Verhinderung einer Flanke oder eines schnellen Gegenangriffs.

Das Regelwerk spricht beim strafbaren Handspiel nur von Absicht - richtigerweise sollte aber der Eventualvorsatz strafbar sein, so dass die entscheidende Frage bei der Beurteilung der Strafbarkeit eines streitigen Handspiels sein sollte, ob es noch grobe Fahrlässigkeit (nicht strafbar) oder schon Eventualvorsatz (strafbar) war.

In der Praxis helfen dabei vor allem die im Artikel gut dargestellten Kategorien. Eine zusätzliche lässt sich meines Erachtens ergänzen: Gab es ein übergeordnetes Ziel für den Spieler, dem er die Möglichkeit eines Handspiels untergeordnet hat, sodass man von einem in-Kauf-nehmen sprechen kann?

Mit Blick auf Marc Bartra im Revierderby ließe das folgenden Schluss zu: Der Schalker Angreifer war schon tief in den Strafraum eingedrungen und die Dortmunder Abwehr konnte nicht mehr als geordnet bezeichnet werden. Das war auch Bartra bewusst, der daher um jeden Preis verhindern wollte, dass der Ball ins unkontrollierte Zentrum gebracht werden konnte. Somit nahm er dafür wohl auch das Handspiel in Kauf, weshalb ich die - zweifellos im graubereich liegende - Situation eher als strafbares Handspiel bewertet hätte.
Anders wäre die Situation zu bewerten gewesen, wenn etwa nur zwei Schalker Angreifer im Strafraum vier Dortmunder Verteidigern gegenübergestanden wären und Bartra keinen besonderen Grund gehabt hätte, das Risiko eines Elfmeterpfiffs einzugehen.
Hier hilft die unter Fans beliebte Wendung "So blöd kann er doch gar nicht gewesen sein" (einen Elfmeter in Kauf zu nehmen). Ist dem so, dann liegt ein Elfmeterpfiff fern. In besagtem Derby war Bartra's Risiko allerdings alles andere als blöd, sondern hat ein Tor auf spielerischem Weg genauso verhindert wie ein solches über einen Strafstoß. Geschickt, meines Erachtens aber genau deshalb auch strafbar.

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Ich sehe das bezüglich "Jedes Handspiel pfeifen" grundsätzlich genauso wie Philipp und sternburg. Jedes Handspiel abzupfeifen würde zwar Klarheit, Einfachheit und ein Minimum an Diskussionen ermöglichen (dann würde maximal noch darüber diskutiert werden, ob die Hand den Ball denn wirklich berührt hat - siehe Kempter in Paderborn letztes Wochenende). Eine solche Regelung hätte aber wenig mit Sinn und Geist des Fußballs und dem für ihn geschaffenen Regelwerk zu tun.

Ich möchte aber dennoch darauf hinweisen, dass der Punkt von sternburg "weil wirklich nur derjenige bestraft werden soll, der seine Hand mit unfairem Vorsatz an den Ball brachte" bereits heute sehr verwässert und in Bezug auf ein konkretes Spielszenario beinahe gar nicht mehr zum Tragen kommt: Und zwar bei Handspielen von Angreifern in Verbindung mit einem Torerfolg. Als Beispiele dienen hier das Handspiel von Neymar im CL-Finale 2015 und das Handtor von Stindl in Augsburg vor einigen Wochen. In beiden Fällen plädieren die zuständigen Schiedsrichterabteilungen dafür, eigentlich unabsichtliche, zum Teil nicht einmal "fahrlässige" Handspiele abzupfeifen. Ganz einfach deshalb, weil Sinn und Geist des Sports sowie die Fußballgemeinschaft keine durch die Hand erzielte Tore vorsehen, erwünschen und tolerieren.

Egal wie man dazu persönlich steht - heutzutage ist das Kriterium der "Absicht" also nicht mehr eines, das wortwörtlich erfüllt sein muss, sondern je nach Spielszenario situations- und menschenverstandsgemäß ausgelegt werden muss. Das kann man gut finden oder nicht, scheint aber gängige Praxis zu sein. Und all das, was menschenverstandsgemäß ausgelegt werden muss, lässt sich nicht ohne Weiteres durch eine Allheillösung wie z.B. "Jedes Handspiel ist ein Vergehen" ersetzen.

Was ich mir stattdessen mal wünschen würde: Ein Portal - meinetwegen eines vom DFB - mit 10 Videoclips, wo beispielhaft einige Handspielsituationen gezeigt, erläutert, aufgelöst und für JEDEN zugänglich gemacht werden. Dies würde in erster Linie ein allgemeines Verständnis dafür fördern, was Schiedsrichter grundsätzlich in ihre Urteilsfindung mit einbeziehen müssen, könnte aber zweitens vielleicht auch das Urteilsvermögen der breiten Öffentlichkeit schärfen. So etwas fand im letzten Jahr mal durch die Videoblogs von Herrn Fröhlich und Herrn Krug statt - leider wurden sie inzwischen ja wieder eingestellt.

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Vielen Dank für die juristische Einordnung. Mir ging es im Artikel in erster Linie darum zu betonen, dass die zuständigen Verbände und Schiedsrichterkommissionen (FIFA, UEFA ...) heute unisono Handspielsituationen auch unter der Berücksichtigung der Fahrlässigkeit betrachten und einordnen. Die juristischen Kategorien schaffen ohne Frage ein tieferes Verständnis - ich denke, in der öffentlichen Debatte wäre aber schon viel damit erreicht, wenn die Realität, dass eben nicht nur "absichtliche" Handspiele zu pfeifen sind, sondern häufig auch "fahrlässige" Aktionen, in den Köpfen von Spielern, Trainern, Zuschauern und auch Kommentatoren ankäme (zum Teil ist das, denke ich, sogar bereits der Fall).

Um auf die juristischen Kategorien noch näher einzugehen: Ich habe zwar nur einmal einen Arbeitsrechtgrundkurs im Studium besucht - bin also absoluter Laie. Gab es in Bezug auf die Arbeitnehmerhaftung aber nicht einen Bereich ("Haftungsprivilegierung"), der besagt, dass Arbeitnehmer bei vorsätzlichem oder grob fahrlässigem Handeln vollumfänglich haften? Wenn dem so ist, könnte man das ebenfalls schön auf die Thematik Handspiel übertragen: Wer vorsätzlich oder grob fahrlässig handelt, haftet eben für diese Aktion - das Handspiel ist dann strafbar, er haftet sozusagen in Form der Spiel- und evtl. Disziplinarstrafe. :-)

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