Lehreinheit Nr. 5: Strafstoßausführungen - was erlaubt und was nicht erlaubt ist

9.4.17
Während die Englische Woche in der Bundesliga schiedsrichtertechnisch vergleichsweise ruhig und souverän über die Bühne gebracht wurde, sorgte ausgerechnet ein englischer Unparteiischer in der Partie Newcastle gegen Burton mit einem skurrilen Regelverstoß für mediale Aufmerksamkeit. Da ein Newcastle-Angreifer bei der Ausführung eines Strafstoßes für sein Team zu früh in den Strafraum hineingelaufen war, annullierte Referee Keith Stroud das daraus erzielte Tor und verhängte - zur Verwunderung aller - einen indirekten Freistoß, statt den Strafstoß, wie durch die Regel 14 vorgeschrieben, wiederholen zu lassen:



Ein ähnlicher und folgenreicher Regelverstoß war bereits der (inzwischen zurückgetretenen) deutschen Schiedsrichterin Marija Kurtes bei einem UEFA U-19-EM-Qualifikationsspiel im Jahr 2015 unterlaufen.

Diese diesmal rein praxisbasierte Lehreinheit klärt, zu welchen Vergehen es im Zusammenhang mit Strafstoßausführungen kommen kann, was erlaubt und was nicht und welche Entscheidungen in Einklang mit den Regelneuerungen des letzten Jahres in verschiedenen Szenarien zu treffen sind.


Hineinlaufen

Gemäß des Regelwerks müssen sich alle Spieler (mit Ausnahme des Schützen und des Torhüters) "mindestens 9,15 m vom Strafstoßpunkt entfernt, hinter dem Strafstoßpunkt, innerhalb des Spielfelds und außerhalb des Strafraums" befinden (S. 99).

In vielen Fällen missachten Angreifer und Verteidiger diese Regel und laufen zu früh in den Strafraum hinein. Was zwar wortwörtlich betrachtet keine Interpretationsspielräume zulässt, sollte und wird von Schiedsrichtern üblicherweise sinngerecht ausgelegt, so dass minimales Hineinlaufen häufig akzeptiert wird. Gleichwohl ist es schwierig festzulegen, ab wann ein Hineinlaufen signifikant wird und somit zu ahnden ist.

Während die meisten Unparteiischen sehr tolerant mit zu frühen Hineinlaufen umgehen (s. ein Videobeispiel aus dem Spiel Hertha BSC Berlin gegen 1899 Hoffenheim), ist manchem Referee schon ein halber bis ganzer Meter zu viel des Guten:



Vorsicht ist hierbei geboten: Wird schon der kleinste Übertritt mit einer Wiederholung bestraft, muss diese Linie bei dem jeweils folgenden Strafstoß konsequent weiterverfolgt werden, um nicht als inkonsistent, unausgewogen und unberechenbar wahrgenommen zu werden. Zudem will wohl niemand eine Wiederholungsorgie (wie hier obendrein zum Teil noch gegen das Regelwerk geschehen) sehen, wenngleich diese Argumentation zu einem gewissen Teil wohl auch einen sich selbst verstärkenden Kreislauf in Gang setzt.

Entscheidend für die sinngerechte sowie sichere Anwendung der Regeln sind hierbei die Mannschaftszugehörigkeit des Sünders (bzw. der Sünder) sowie die Wirkung des Strafstoßes, die stets abzuwarten ist. Beides ist für die Vorteilsbestimmung wichtig, die auch bei Strafstößen greift.
Läuft bspw. ein gegnerischer Spieler zu früh in den Strafraum, so werden der Schütze und das angreifende Team bei einem Torerfolg nicht bestraft - bei ausbleibendem Torerfolg wird der Strafstoß hingegen wiederholt. So wäre die Entscheidung von Keith Stroud, einen indirekten Freistoß zu geben, dann korrekt gewesen, wenn der Ball nicht im Tor gelandet wäre - nicht jedoch bei einem Torerfolg.

Einen Überblick gibt die Tabelle am Ende des Artikels!


Sich von der Linie nach vorn bewegende Torhüter

Der Torhüter muss laut Regel 14 mit Blick zum Schützen auf der Torlinie zwischen den Pfosten bleiben, bis der Ball getreten wurde. Denn je näher er dem Schützen bei der Strafstoßausführung kommt, desto kleiner wird der Winkel des Schützen und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Torhüter den Ball halten kann.

Ahnungswürdig und durch den Schiedsrichterassistenten anzuzeigen sind solche Übertritte vor allem dann, wenn ein Torhüter bereits deutlich (d.h. mehr als nur ein paar Zentimeter) vor der Torlinie steht, bevor der Schütze den Ball überhaupt berührt und geschossen hat (> Videobeispiel). Steht er nur sehr minimal und kaum messbar vor der Torlinie, sollte von einer allzu pedantischen Regelauslegung (> Videobeispiel) abgesehen werden.

Seit den Regeländerungen zur Saison 2016/17 sind Torhüter, die sich von ihrer Torlinie nach vorn bewegen, mit einer Gelben Karte zu verwarnen (außer wenn der Strafstoß beim Nichtvorliegen eines gleichzeitigen Angreifervergehens verwandelt wird).


Antäuschen

Sog. Finten während des Anlaufens sind Teil des Spiels und somit zulässig. Als Beispiel hierfür dient einer der unrühmlichen Strafstoßausführungen der Italiener im EM-2016-Viertelfinale gegen Deutschland:



Nicht zulässig sind hingegen Finten nach dem Anlaufen, also unmittelbar vor oder während der Schussbewegung. Unabhängig davon, ob der Strafstoß verwandelt wird oder nicht, muss der Schütze in so einem Fall verwarnt und dem gegnerischen Team ein indirekter Freistoß zugesprochen werden:



Falscher Schütze

Vor dem Strafstoß muss der Schütze klar bestimmt sein. Führt ein Mitspieler des Schützen den Strafstoß aus, ist er zwingend zu verwarnen.



Unabhängig vom Effekt des Strafstoßes wird das Spiel durch einen indirekten Freistoß für das verteidigende Team fortgesetzt. Ausnahme: Wenn sich der Torhüter gleichzeitig regelwidrig von seiner Torlinie wegbewegt, muss der Strafstoß wiederholt werden - beide Spieler sind in diesem Fall zu verwarnen.


Mehrere gleichzeitige Vergehen

Bei mehreren gleichzeitigen Vergehen ist gemäß Regel 5 das schwerste Vergehen hinsichtlich Sanktion, Spielfortsetzung, physischer Härte und taktischer Auswirkungen zu ahnden. Laut IFAB gilt dies auch für Strafstoßausführungen.

Sind die Vergehen gleich schwer, muss der Strafstoß in der Regel wiederholt werden; die entsprechenden Disziplinarmaßnahmen sind dann gegen beide Spieler zu ergreifen.


Doppel- bzw. Zweitkontakte

Wenn der Schütze den Ball nach seiner Strafstoßausführung erneut berührt, bevor ein anderer Spieler ihn berührt hat - z.B. wenn er direkt vom Pfosten zurück ins Feld und vor die Füße des Schützen prallt oder sich der Schütze selbst anschießt - muss ein indirekter Freistoß für die verteidigende Mannschaft gegeben werden (> Videobeispiel).

Berührt eine Drittperson den Ball, während er sich vorwärts bewegt, muss der Strafstoß wiederholt werden.


Erlaubte Tricks

Im Fußball gibt es bekanntlich nichts, das es nicht gibt, wie die folgenden zwei Videobeispiele zeigen:



Eine Strafstoßausführung mit der Hacke ist grundsätzlich erlaubt, solange sich der Ball nach vorn bewegt. Ähnlich sieht es mit folgender Szene aus:


Der von Lionel Messi und Luis Suarez gezeigte Trick ist grundsätzlich erlaubt; es gibt keine Passage im Regelwerk, die ihn verbietet. In diesem konkreten Fall hätte der Strafstoß jedoch wiederholt werden müssen - denn Luis Suarez lief deutlich zu früh in den Strafraum und hatte dadurch gegenüber den Verteidigern einen deutlichen Positions- und Geschwindigkeitsvorteil.


Übersicht: Mögliche Szenarien
#
Angreifer/Schütze
Verteidiger
Torhüter
Tor
Kein Tor
1
läuft zu früh hinein
---
---
Wiederholung des Strafstoßes
Indirekter Freistoß

2
---
läuft zu früh hinein
---
Tor, Anstoß
Wiederholung des Strafstoßes

3
läuft zu früh hinein
läuft zu früh hinein
---
Wiederholung des Strafstoßes
Wiederholung des Strafstoßes

4
---
---
bewegt sich von der Torlinie nach vorn
Tor, Anstoß
Wiederholung des Strafstoßes, Verwarnung des Torhüters

5
läuft zu früh hinein
---
bewegt sich von der Torlinie nach vorn
Wiederholung des Strafstoßes und Verwarnung des Torhüters
Wiederholung des Strafstoßes und Verwarnung des Torhüters
6*
---
läuft zu früh hinein
bewegt sich von der Torlinie nach vorn
Tor, Anstoß
Wiederholung des Strafstoßes und Verwarnung des Torhüters
7*
läuft zu früh hinein
läuft zu früh hinein
bewegt sich von der Torlinie nach vorn
Wiederholung des Strafstoßes und Verwarnung des Torhüters
Wiederholung des Strafstoßes und Verwarnung des Torhüters
8
unzulässige Finte
---
---
Indirekter Freistoß und Verwarnung des Schützen
Indirekter Freistoß und Verwarnung des Schützen
9
unzulässige Finte
läuft zu früh hinein
---
Indirekter Freistoß und Verwarnung des Schützen
Indirekter Freistoß und Verwarnung des Schützen
10
**
unzulässige Finte
---
bewegt sich von der Torlinie nach vorn
Indirekter Freistoß und Verwarnung des Schützen
Wiederholung des Strafstoßes und Verwarnung beider Spieler
11
falscher Schütze
---
---
Indirekter Freistoß und Verwarnung des falschen Schützen
Indirekter Freistoß und Verwarnung des falschen Schützen
12
falscher Schütze
läuft zu früh hinein
---
Indirekter Freistoß und Verwarnung des falschen Schützen
Indirekter Freistoß und Verwarnung des falschen Schützen
13*
falscher Schütze
---
bewegt sich von der Torlinie nach vorn
Indirekter Freistoß und Verwarnung des falschen Schützen
Indirekter Freistoß und Verwarnung des falschen Schützen
14
schießt den Ball nach hinten
---
---
Indirekter Freistoß
Indirekter Freistoß
15
schießt den Ball mit der Hacke nach vorn
---
--- 
Tor, Anstoß
Weiterspielen

* wird im Regelwerk nicht eindeutig geklärt, erscheint nach Sinn und Geist der Regeln aber als naheliegend
** siehe IFAB Circular Nr. 7 (November 2016)

> Download: Tabellarische Übersicht als PDF
> Download: Regelfragen und -lösungen zum Thema Strafstoßausführungen

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4 Kommentar/e
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Besten Dank, der nächste Schulungsabend ist gerettet!!

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Vielen Dank. Aber ist die Antwort bei Variante #10 mit dem Ausgang "Tor" nicht falsch?
M. E. müsste es doch auch hier "Wiederholung des Strafstoßes und Verwarnung beider Spieler" statt idF und VW geben...

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Vielen Dank für Deine Nachfrage: Bis letzten November hätten die Regeln in der Tat nichts anderes hergegeben. Das IFAB hat dies in seinem Circular von November 2016 allerdings klargestellt. Dort heißt es:

REGEL 14 – DER STRAFSTOSS

Vergehen durch den Torwart und den Schützen

Wenn sowohl der Torwart als auch der Schütze ein Vergehen begehen:
• Wenn ein Tor erzielt wird, wird der Schütze verwarnt (Gelbe Karte) und das Spiel wird mit einem indirekten Freistoss für die verteidigende Mannschaft vom Strafstosspunkt aus fortgesetzt.
• Wenn kein Tor erzielt wird, werden beide Spieler verwarnt und der Schuss wiederholt.

http://static-3eb8.kxcdn.com/documents/203/Circular%20%207_2016_v0.3_DE.pdf

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Das freut mich, dazu war es auch gedacht :)

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