Lehreinheit Nr. 6: Einheitlichkeit in der Spielleitung: Über Berechenbarkeit und taktische Ausgewogenheit

27.4.17 3 Kommentare
Nach einer halben Stunde des gestrigen Pokal-Halbfinals zwischen Bayern München und Borussia Dortmund konnte man als Anhänger des dritten Teams auf dem Platz einige Sorgenfalten bekommen: Trotz guten Starts mit einem zu Recht verweigerten Handelfmeter für die Bayern geriet Referee Manuel Gräfes Spielleitung zusehends ins Wanken. Dass seine Akzeptanz und Autorität zwischenzeitlich spürbar litten, lag dabei hauptsächlich an einem Problem: Uneinheitlichkeit. Eine praxisbeispielgestützte Lehreinheit zu einem der wichtigsten Merkmale schiedsrichterlicher Exzellenz.


Nachspielzeit (29. Spieltag): Von Déjà-vus, Spraylinien und Respekt

19.4.17 Kommentarbereich
Für den Schiedsrichter war das 5:3-Spektakel in Sinsheim gleich in doppelter Hinsicht ein Déjà-vu. Während David Alaba in Leverkusen beim Freistoß selbst zur Sprayflasche greifen darf, wird Pierre-Michel Lasogga in den Schlusssekunden des Nordderbies die vom gegnerischen Tor wohl am weitesten entfernte Spraylinie der Bundesligahistorie zu Teil. Und zu guter Letzt bieten einige der in der vergangenen Spielwoche ausgesprochenen Platzverweise Anlass zur kritischen Reflexion in Sachen "Respekt".

Verwarnungen und Platzverweise sollten idealerweise auf Augenhöhe ausgesprochen werden


Nicht nur in puncto Torreigen stand die Partie zwischen der TSG Hoffenheim und Borussia Mönchengladbach im Mittelpunkt – denn auch aus Schiedsrichtersicht bot sie einigen Gesprächsstoff. Für den vom DFB mit der Spielleitung betrauten Unparteiischen Christian Dingert war es das erste Wiedersehen mit den Kraichgauern seit deren im wahrsten Wortsinn erkämpften Nullnummer bei der Eintracht aus Frankfurt. Nachdem Dingert damals das Spiel komplett aus den Händen glitt und Frankfurt-Verteidiger David Abraham einem zwingenden Platzverweis für seinen Brutalo-Ellbogen entging, war seitens der DFB-Schiedsrichterkommission sicher Einiges an Aufbauarbeit zu leisten: Nach einer mehrwöchigen Pause legte Christian Dingert so ein durchaus ansehnliches Comeback hin und überzeugte mit überwiegend guten und unaufgeregten Spielleitungen.

Mediale Aufmerksamkeit erlangte er dabei besonders einmal: Als er Lars Stindls mit der Hand erzielten Treffer beim FC Ingolstadt als regulär anerkannte. Damals entbrannte im Nachgang der Partie weniger eine Debatte darüber, ob Stindl den Ball mit einem absichtlichen Handspiel ins Tor befördert hatte, sondern vielmehr eine Grundsatzdiskussion darüber, ob es allgemein im Sinne der Fußballregeln und -gemeinschaft ist, dass ein Tor auf legale Weise mit der Hand erzielt werden kann. Der Vorsitzende der DFB-Eliteschiedsrichter-Kommission, Lutz Michael Fröhlich, legte sich damals fest und beurteilte die leichte Bewegung von Stindls Hand zum Ball als ausschlaggebend dafür, das Handspiel als absichtlich und somit als strafbar einzustufen. Auch international herrscht in den höheren Schiedsrichterkreisen Konsens: Bei Toren, die mit der Hand erzielt werden, liegt die Latte für eine Beurteilung als absichtliches Handspiel deutlich tiefer als in anderen Szenarien.

'Always expect the unexpected!'

Nun war es in Hoffenheim wieder Lars Stindl, der seine Fohlen in Folge eines Handspiels jubeln ließ. Was war passiert? In der 35. Spielminute erhielt Hoffenheim-Keeper Oliver Baumann einen Rückpass, der ihn mächtig in Bedrängnis brachte: Denn gleich zwei Gladbacher liefen ihn an und setzten ihn so unter Druck. Baumann ließ sich einen Sekundenbruchteil zu viel Zeit – sein Klärungsschuss wurde von Jonas Hofmanns leicht geöffneter und abgespeizter Hand abgefälscht. An diesem Punkt war der Ausgleichstreffer nur noch Formsache, Stindl musste nach einem Querpass nur noch ins leere Tor einschieben. Christian Dingert war im Moment des Rückpasses gerade dabei, seine Kleidung zurechtzuziehen und sah den Lauf der Dinge offenbar nicht vorher – hier greift, wie so häufig, die in Schiedsrichterkreisen bekannte Sentenz „Always expect the unexpected!“. Als das Handspiel erfolgte, war der Referee rund 30 Meter entfernt – hatte aber dennoch freien Blick und sich dementsprechend schnell auf eine Entscheidung festgelegt. Wild gestikulierend war er sich sicher: Das war keine Absicht. Nun kann man dieses Handspiel regeltechnisch auseinandernehmen, von allen Seiten beleuchten und in seine Einzelteile zerlegen, um möglicherweise zu dem Schluss zu kommen, dass wir im Bereich 70:30 pro strafbares Handspiel liegen. Das wäre sehr detailorientiert. Mehr im Sinne des Fußballs wäre es mitunter, sich zu fragen, was gegeben sein müsste, dass ein Tor regulär mit der Hand erzielt werden kann. Gemäß des inzwischen auch regeltechnisch verankerten "Geists der Regeln" sollte das wohl nur dann der Fall sein, wenn wirklich alles gegen Absicht spricht (und gemessen an dem Dogma, das etwa in Nyon bei der UEFA verfolgt wird, wäre das noch eine sehr konservative Haltung). War das hier der Fall? Wohl eher nicht. Das Tor hätte nicht zählen sollen.

Ähnlich verhielt es sich beim 1:0-Führungstreffer. Dass Szalai im Moment des ersten Kopfballs auf Yann Sommer, den Letzterer noch abwehren konnte, lediglich mit der Fußspitze im Abseits stand, war allerdings nur mit Vergrößerungslupe zu erkennen. In der 63. Spielminute lag der Unparteiische leider ein weiteres Mal daneben: Als Mahmoud Dahoud mit beiden gestreckten Sohlen voraus Demirbay auf die Füße stieg, waren beide Kriterien für ein grobes Foulspiel – also sowohl übermäßige Härte als auch eine klare Gefährdung der Gesundheit des Gegenspielers – eindeutig erfüllt: Statt Gelb hätte es hier Rot geben müssen.

Weniger zurückhaltend mit der Farbe Rot war derweil Referee Guido Winkmann beim Spiel FC Augsburg - 1. FC Köln, der seine Führungsposition in Sachen Platzverweisanzahl damit weiter ausgebaut hat. Bemerkenswert war hier insbesondere der erste Feldverweis: Augsburgs Koo wurde nach einem gefährlichen Tackling in Kopf- bzw. Brusthöhe zu Recht mit Gelb-Rot vom Platz geschickt – bzw. vielmehr vom Platz getragen: Denn bei seinem Tackle hatte sich der Koreaner selbst schwer verletzt, so dass er mit der Trage abtransportiert werden musste. Wie für solche Fälle vorgesehen, zeigte Schiedsrichter Winkmann die Gelb-Rote Karte nicht dem schwerverletzten Sünder, sondern hielt die Karten in Anwesenheit des Augsburger Kapitäns mit Verweis auf die Trage zwecks Entscheidungskommunikation in die Höhe. Dies gebieten neben rein technischen Gründen auch Menschenverstand, ein Mindestmaß an Taktgefühl und der Respekt für den Spieler. Denn während ein Spieler am Boden oder gar auf einer Trage liegt, kann jede Form der Sanktionskommunikation im wahrsten Sinne des Wortes nur „von oben herab“ wirken.

Von der weit verbreiteten Philosophie, am Boden liegenden Spielern keine Karte zu zeigen, nahm am vergangenen Spieltag UEFA Second Group Referee Daniel Siebert hingegen Abstand: Der Berliner entschied nach Tin Jedvajs Ziehen und Zerren an Thomas Müller in der 58. Minute korrekterweise auf Gelb – und in der Konsequenz Gelb-Rot –, da der Leverkusener so obendrein einen vielversprechenden Angriff unterbunden hatte. Anstatt zu warten, bis Jedvaj wieder auf den Beinen und aufgestanden war, zeigte ihm Siebert ohne Latenzzeit erst Gelb und, als Jedvaj dann im Begriff war aufzustehen, Rot. Viel Respekt hat dies in dieser Situation nicht versprüht – dies hat Siebert aber womöglich bewusster- und nachvollziehbarerweise in Kauf genommen: Hätte er mit dem Aussprechen der beiden Karten noch etwas gewartet, hätte er beiden Seiten die Gelegenheit gegeben, für bzw. wider Gelb-Rot zu protestieren. In diesem Fall überwog somit der Nutzen einer möglichst zügigen Entscheidungskommunikation auf Kosten von respektvollem Spielermanagement – wenngleich natürlich ungewiss bleibt, ob es wirklich zu Protesten gekommen wäre, wenn Siebert den Mittelweg gewählt hätte: Karten herausholen, aber erst zeigen, sobald Jedvaj wieder auf den Beinen ist. Eine kuriose und gleichsam menschliche Reaktion zeigte Siebert dann auch gleich in Anschluss an Jedvajs Abgang: Als David Alaba seinen Wunsch äußerte, Siebert möge die gesprayte Freistoßlinie nicht allzu dick auftragen, drückte der Unparteiische ihm die Sprayflasche spontan in die Hand.

Für eine besondere Form der Spraytechnik sorgte einen Tag später auch Dr. Felix Brych im Nordderby: Als Pierre-Michel Lasogga in der 95. Spielminute – und somit eine halbe Minute vor der Derbyniederlage seiner Hanseaten – einfach nicht die vorgeschriebenen 9 Meter 15 bei einem Werderaner Freistoß tief in deren eigener Hälfte einhalten wollte und scheinbar auch auf Brychs Pfiffe und Zurufe nicht reagierte, lief Deutschlands Nr. 1 kurzerhand zu Lasogga und sprayte ihm seine ganz persönliche Linie - 70 Meter vom gegnerischen Tor entfernt. Was ohne Zweifel zu einigen Lachern im Weserstadion und vor dem TV-Bildschirmen geführt hat, kann man aus Schiedsrichtersicht durchaus kritisch beäugen. Nicht nur, dass das Spray eigentlich nur in Strafraumnähe (also maximal etwa 25 Meter vor dem Tor) als Ergänzung – und nicht als Ersatz – der Persönlichkeit des Schiedsrichters zum Einsatz kommen sollte und sich Brych dadurch selbst unter Zugzwang gesetzt hat – denn Lasogga ignorierte selbst die Spraylinie, ohne dass der Unparteiische darauf reagierte. Vielmehr wirkte Brychs Aktion einigermaßen impulsiv und glich letztlich einer Persiflage von Pierre-Michel Lasogga, die in einer entsprechenden Publikumsreaktion ihr wohl nicht gänzlich unbeabsichtigtes Echo fand. Eigentlich sollten sich Schiedsrichter darum bemühen, auch grenzdebil agierenden Spielern den nötigen Respekt entgegenzubringen – und der kam in dieser Aktion nicht wirklich herüber. Erheiternd war die Szene natürlich dennoch, genauso wie Brychs allgemein sehr souveräne Spielleitung, die lediglich dadurch getrübt wurde, dass sein Assistent Stefan Lupp Lewis Holtby beim sehr wahrscheinlichen 2:2 irrtümlicherweise in einer Abseitsstellung wähnte.

Ein Adlerauge bewies dagegen der italienische Assistent Filippo Meli in der Nachspielzeit des Champions League Viertelfinal-Hinspiels der Bayern gegen Real Madrid. Was in der Zeitlupe recht deutlich aussah, war in Realgeschwindigkeit wohl sehr schwierig zu sehen: Sergio Ramos stand bei der Flanke seines Mitspielers im Abseits und köpfte ins Tor ein, nachdem er mehrere Meter zurück in Richtung Mittelfeld gelaufen war. Dadurch entstanden gegenläufige Bewegungen, die für den Assistenten stets die Gefahr visueller Verzerrungen bergen. Meli ließ sich nicht täuschen – klasse Entscheidung, ohne die es Bayern gestern womöglich nicht einmal in die Verlängerung geschafft hätte. Melis Chef Nicola Rizzoli fiel abgesehen von seiner insgesamt guten und nur durch die Handspielfehlentscheidung getrübten Leistung dadurch auf, beim berechtigten Platzverweis gegen Javi Martínez seine Pfeife im Mund gelassen zu haben. Auch dies gilt in Schiedsrichterkreisen eigentlich als wenig respektvoll – nicht umsonst heißt es ja „eine Verwarnung / einen Platzverweis aussprechen“. Wenn es Rizzoli in der Situation jedoch wichtiger war, durch die sich selbst auferlegte verbale Kommunikationssperre zu signalisieren „Seht her: Ich lasse bei dieser Entscheidung nicht mit mir reden!“, ist dies akzeptabel.

Tipp: Idealerweise sollte bei Verwarnungen und Platzverweisen darauf geachtet werden, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, um die Entscheidungen verbal unterstreichen und verkaufen zu können.  Außerdem sollte gewartet werden, bis der fehlbare Spieler aufgestanden ist. Beides signalisiert Respekt.

Problematisch wird es dann, wenn die Pfeife im Mund zur Regel wird. So wie bei Patrick Ittrich, dessen Lippen sich beim Heimsieg von Darmstadt 98 über Schalke 04 bei praktisch allen Karten einfach nicht von der Pfeife trennen wollten. Gerade in der 78. Minute, als er Thilo Kehrer vom Platz stellte, zeigte er sich wenig diskussionsfreudig – und durch die Pfeife im Mund auch Sekunden danach wenig ansprechbar. In der Situation auf die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance zu entscheiden, war indes alles andere als eindeutig: Letzter Mann zu sein reicht schließlich nicht aus. Schalkes Schlussmann Ralf Fährmann wäre womöglich noch vor dem gefoulten Darmstädter an den Ball gekommen – Letzterer hatte den Ball zudem (noch) nicht unter Kontrolle. Üblicherweise gilt: Besteht Anlass zur Diskussion, kann es keine offensichtliche Torchance gewesen sein. Überraschend ist, dass Ittrich das Geschenk nicht angenommen hat, auf Nummer Sicher zu gehen und Kehrer nur Gelb für die Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs zu geben – denn der war ohnehin schon verwarnt und hätte somit in jedem Fall duschen gehen müssen. Auf der anderen Seite: davon unbeeindruckt eine Entscheidung zu treffen, von der man überzeugt ist, ist auch eine Stärke - zumal Glattrot sicherlich nicht eindeutig falsch war. 

Nachspielzeit (28. Spieltag): Auf die Ballorientierung kommt es an - Warum Bürki zu Recht nur Gelb sah

10.4.17 4 Kommentare
Im Bundesliga-Topspiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund fand die zu Saisonbeginn revidierte Notbremsenregelung erstmals medienwirksame Anwendung: Roman Bürki erhielt für seine Notbremse gegen Robert Lewandowski korrekterweise nur die Gelbe Karte. Neben einer regelbasierten Erläuterung gibt die heutige Spieltagskolumne zusätzlich einen Ausblick auf die kommende Saison, in der die Philosophie der abgemilderten Dreifachbestrafung auf taktische Foulspiele im Sechzehner ausgedehnt wird.

Lehreinheit Nr. 5: Strafstoßausführungen - was erlaubt und was nicht erlaubt ist

9.4.17 4 Kommentare
Während die Englische Woche in der Bundesliga schiedsrichtertechnisch vergleichsweise ruhig und souverän über die Bühne gebracht wurde, sorgte ausgerechnet ein englischer Unparteiischer in der Partie Newcastle gegen Burton mit einem skurrilen Regelverstoß für mediale Aufmerksamkeit. Da ein Newcastle-Angreifer bei der Ausführung eines Strafstoßes für sein Team zu früh in den Strafraum hineingelaufen war, annullierte Referee Keith Stroud das daraus erzielte Tor und verhängte - zur Verwunderung aller - einen indirekten Freistoß, statt den Strafstoß, wie durch die Regel 14 vorgeschrieben, wiederholen zu lassen:



Ein ähnlicher und folgenreicher Regelverstoß war bereits der (inzwischen zurückgetretenen) deutschen Schiedsrichterin Marija Kurtes bei einem UEFA U-19-EM-Qualifikationsspiel im Jahr 2015 unterlaufen.

Diese diesmal rein praxisbasierte Lehreinheit klärt, zu welchen Vergehen es im Zusammenhang mit Strafstoßausführungen kommen kann, was erlaubt und was nicht und welche Entscheidungen in Einklang mit den Regelneuerungen des letzten Jahres in verschiedenen Szenarien zu treffen sind.


Tobias Stieler im Interview: "Dem System eine faire Chance geben" - über An- und Herausforderungen als Video-Assistent

4.4.17 7 Kommentare
Paris, 28. März, 80.000 Zuschauer im Stade de France in Erwartung des Klassikers Frankreich gegen Spanien. In einem kleinen Van vor dem Stadion sitzt FIFA-Referee Tobias Stieler, umgeben von moderner Technik und zahlreichen Bildschirmen, die ihm dabei helfen sollen, seine Kollegen auf dem Spielfeld (Felix Zwayer, Thorsten Schiffner, Marco Achmüller und Daniel Siebert) zu unterstützen. Als erster Deutscher überhaupt fungiert er in einem offiziellen Fußballspiel als Video-Assistent - und meistert den Härtetest. Gleich dreimal greift er entscheidend ein, korrigiert darunter zwei Entscheidungen der Assistenten im Zusammenhang mit Abseitsstellungen bei Toren (für alle relevanten Situation siehe dieses Video).

Wie Tobias Stieler das Spiel als Video-Assistent erlebt hat, welche Anforderungen mit dieser Tätigkeit gerade auf psychologischer und kommunikativer Ebene verbunden sind und was für eine erfolgreiche erste Bundesligaspielzeit mit "Videobeweis" entscheidend sein wird, beantwortet er im Interview mit Schirilogie.
Tobias Stieler (2.v.l.) zusammen mit Hellmut Krug (l.) und zwei Operators beim VAR-Test in Paris


Niclas Erdmann, Schirilogie: Lieber Tobias, der VAR-Testlauf (kurz für Video Assistant Referee) beim Länderspiel zwischen Frankreich und Spanien, bei dem Du als Video-Assistent fungiert hast, wurde insgesamt als sehr erfolgreich aufgenommen. Wie fällt Dein Fazit nach einigen Tagen Abstand aus?

Tobias Stieler: Sehr positiv. Ich bin ein totaler Befürworter des Video-Assistenten, alles andere ist nicht mehr zeitgemäß. Und eben jenes Länderspiel hat den Nutzen dieses neuen Systems eindrucksvoll bewiesen: Für die Assistenten, die nebenbei gesagt in der Bundesliga eine klasse Arbeit verrichten, waren die beiden Spielsituationen in Realgeschwindigkeit nicht mit absoluter Sicherheit zu lösen. Im Van im Stadion, dank modernster Technik und korrekt gezogener Abseitslinie, war es für mich relativ leicht und in kurzer Zeit möglich, beide Abseitsszenen richtig zu bewerten. Und auch der gegebene Strafstoß für Spanien konnte in einer nur sehr kurzen Zeitspanne bestätigt werden.

Schirilogie: Puls auf dem Spielfeld: 160 aufwärts. Und vor dem Bildschirm?

Stieler: Witzigerweise hat mich das auch interessiert, so dass ich das komplette Spiel hindurch meine Herzfrequenz aufgezeichnet habe. Normalerweise habe ich einen Ruhepuls von 53, zu Beginn des Spiels war dieser locker 40 Schläge höher als normal. Als sich in der 7. Minute ein Zweikampf im Strafraum ereignete, schnellte mein Puls mal eben so auf 125 hoch...

Schirilogie: Gab es vor der finalen Entscheidungsübermittlung nochmal einen Moment des Innehaltens, des Sich-Hinterfragens, vielleicht sogar des Zögerns?

Stieler: Bei der ersten Entscheidung mit Tragweite in der 48. Spielminute habe ich mir die Szene zur Sicherheit zweimal angesehen, obwohl mir schon beim ersten Durchlauf/Anhalten/Linie ziehen klar war, dass das Tor Abseits war. Nicht auszudenken, wenn bei diesem ersten Spiel von deutschen Schiedsrichtern etwas schief gegangen wäre. Auch vor dem Bildschirm gilt: Sicherheit vor Schnelligkeit. 

Schirilogie: Wie genau lief die Kommunikation innerhalb des Schiedsrichterteams ab?

Stieler: Wir üben ja bereits seit Beginn dieser Saison im Offline-Modus die Tätigkeit des Video-Assistenten. Ein wichtiger Bestandteil ist hierbei die Kommunikation: Möglichst kurz und präzise, Negationen wie z.B. „kein Abseits“ sind zu vermeiden. Beim aberkannten Tor für Frankreich lief es in etwa so ab:

Felix: „Check, ob Tor korrekt.“
Tobias: „Verstanden.“
Es folgte die Überprüfung und dann: 
Tobias: „Tor ungültig. Abseits. Indirekter Freistoß für Spanien.“
Felix: „Verstanden. Abseits. Indirekter Freistoß Spanien.“

Schirilogie: Zum Stichwort Kommunikation: Worauf wird es gerade beim "Verkaufen" von VAR-Entscheidungen ankommen? Nach dem 2:0 der Spanier wirkte es beinahe so, als habe sich Felix Zwayer bei Hugo Lloris dezent entschuldigt…

Stieler: Es gibt von der FIFA Vorgaben, wie so etwas zu kommunizieren ist: Sobald eine Überprüfung einer Szene durch den VAR in einer Spielruhe erfolgt, fasst sich der Schiedsrichter ans Ohr, um so deutlich zu machen, dass gerade eine Kommunikation stattfindet. Ändert der Schiedsrichter eine Entscheidung nach Rücksprache mit dem VAR, skizziert er mit den Händen die Umrisse eines TV. Daran werden sich die Zuschauer, aber auch wir Schiedsrichter gewöhnen müssen.

Zwayer skizziert die Umrisse eines TV: Doch kein Abseitstor


Schirilogie: Konkrete Spielsituationen ändern sich von Spiel zu Spiel. Nicht jedoch die Anforderungen an den Video-Assistenten – dazu zählt sicher auch die (gemeinsame) Spielvorbereitung auf technischer, taktischer und mentaler Ebene: Wie sieht diese als VAR aus und inwiefern unterscheidet sie sich von jener als Hauptschiedsrichter?

Stieler: Ich denke, dass es vor dem Spiel ein Briefing zwischen SR und VAR geben wird. Der SR sollte dann klar formulieren, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellt. Das ist durchaus vergleichbar mit der Absprache mit den Assistenten vor dem Spiel. Hier gibt es ja auch von Schiedsrichter zu Schiedsrichter Unterschiede. Gleichwohl ist es natürlich nicht möglich, alle denkbaren Spielsituationen durchzugehen. Weniger ist hier manchmal mehr. Als VAR in Frankreich bin ich noch einmal das maßgebliche „Protokoll“ der FIFA durchgegangen, habe mich gedanklich auf Spielsituationen vorbereitet und – wie oben beschrieben – Kommunikationscodes entworfen, um bei Bedarf nicht überlegen zu müssen, wie ich etwas formuliere. 

Schirilogie: Welche Faktoren sind sowohl für den Schiedsrichter und seine Assistenten als auch für einen VAR auf psychologischer Ebene ausschlaggebend – und welche gewinnen mit dem VAR vielleicht an Bedeutung?

Stieler: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich, 2 x 45 Minuten voll konzentriert zu sein. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist extrem hoch und die Möglichkeit, dass etwas Wichtiges übersehen wird, besteht naturgemäß, insbesondere aber dann, wenn man nicht fokussiert ist. Weiterhin sollten wir Schiedsrichter uns im Klaren über die Bedeutung und Tragweite unserer Tätigkeit vor dem TV sein. Damit meine ich nicht, Angst zu haben, einen Kollegen zu korrigieren, sondern vielmehr der eigenen Wahrnehmung bzw. Analyse von Spielszenen zu vertrauen und den Mut haben, korrigierend einzugreifen. 

Schirilogie: Als Schiedsrichter ist man ja „mittendrin statt nur dabei“. Als Video-Assistent ist man zwar sehr wohl dabei, aber eben nicht räumlich. In der kommenden Bundesligaspielzeit werden die Video-Assistenten die Spiele aus einem Studio in Köln verfolgen. Hilft diese räumliche Distanz?

Stieler: Frankreich war schon surreal. Ausverkauftes Stadion, tolle Stimmung auf den Rängen, klasse Fußballer auf dem Platz und wir saßen unter der Tribüne in einem Van, völlig abgeschottet von der Außenwelt, nur Fernseher vor uns und die Kommunikation der Schiedsrichter hörend. Gleichwohl hilft es natürlich, alle möglichen Störquellen auszublenden und das zu tun, wofür wir da waren.

Schirilogie: Vor 80.000 Zuschauern vom Video-Assistenten korrigiert zu werden, ist sicher nicht schön. Leidet darunter die Autorität und Akzeptanz des Schiedsrichterteams auf dem Platz?

Stieler: Ich bin davon überzeugt, dass weder Autorität noch Akzeptanz darunter leiden werden. Alle Beteiligten wissen doch, dass niemand frei von Fehlern ist, weder Spieler, noch Trainer oder wir Schiedsrichter. Wenn tatsächliche Fehler bei uns Schiedsrichtern dann auf dem Platz auch noch schnell korrigiert werden, macht das den Fußball gerechter und uns den Job ein wenig einfacher. In Paris konnte ich insbesondere beim Strafstoß von Felix feststellen, dass zunächst zaghafte Proteste der Franzosen vorhanden waren, nach meiner Bestätigung der richtigen Entscheidung hat Felix das so an die Spieler perfekt kommuniziert und siehe da – keinerlei Proteste mehr.
 
Schirilogie: Üblicherweise heißt es nach strittigen Szenen: Bis zum Spielende gedanklich ausblenden, konzentriert bleiben! Mit einem Video-Assistenten erhalten Schiedsrichter nun direkt eine Rückmeldung. Geht Ausblenden da so einfach - oder zweifelt man dann nicht an sich selbst?

Stieler: Ich kann ja nur für mich antworten: Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin und ich weiß, dass ich Fehler mache. Ziel ist und bleibt es natürlich, die spielentscheidenden Fehler weiterhin zu minimieren respektive zu vermeiden. Wenn dann doch ein solcher Fehler ab der neuen Saison korrigiert wird, werde ich mit Sicherheit nicht in Selbstzweifel verfallen, sondern dann geht Ausblenden ja noch besser, weil der Fehler ja nun nicht mehr ergebnisrelevant ist. Nach dem Spiel werde ich dann natürlich weiter etwaige Fehler analysieren und daraus lernen.

Schirilogie: Wenn Schiedsrichter mit einer Fehlentscheidung ein Spiel beeinflussen, wurde ihnen seitens der Spieler, Trainer, Medien und Öffentlichkeit bislang zumindest zugute gehalten, dass Irren und Fehler gerade mit Blick auf die Einmaligkeit des Sehens schnell ablaufender Spielsituationen menschlich sind. Dieses Argument dürfte bei einem potentiellen Fehler eines VARs medial ja nicht mehr gelten – bedeutet das nicht also auch eine Mehrbelastung?

Stieler: Wir müssen bis zum Start noch viel Aufklärungsarbeit leisten, wie die Arbeit eines VAR tatsächlich aussieht, insbesondere wann er eingreifen soll/darf/muss. In Frankreich z.B. gab es 28 Kameras, neben mir saßen zwei Operator, die mir bei den strittigen Szenen diverse Kamerabilder zur Verfügung gestellt haben. Man muss sich das so vorstellen: Das Spiel verfolge ich über einen Bildschirm, der mir nur die sog. Führungskameras zeigt (also nur die Bilder von den Kameras auf Höhe der Mittellinie). Sobald eine strittige Situation auftritt, schaue ich auf einen anderen Monitor, bei dem mir vier verschiedene Kameraperspektiven durch den Operator angeboten werden, die die strittige Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigt. Ich muss nun schnell entscheiden, welche Perspektive ich für die Beste halte und dann in Zeitlupe, Frame-by-Frame oder/und in Normaltempo die Szene analysieren und möglichst korrekt entscheiden. Überall, wo Interpretationsspielraum herrscht, wird es auch nachher Diskussionen geben. Und auch ein Video-Assistent wird Fehler bei der Interpretation der Bilder machen, das wird nicht ausbleiben. Was für den einen Schiedsrichter klar ist, ist für den anderen möglicherweise genau das Gegenteil.
 
Schirilogie:
Wie sieht Deine optimistische und realistische Erwartung an das VAR-Programm für die kommende Bundesligaspielzeit aus? Welche Hoffnungen, welche Befürchtungen hast Du?

Stieler: Optimistisch betrachtet: Die Zahl der klaren Fehler der Schiedsrichter ist am Ende der Saison (auch aufgrund des VAR) gleich Null. Realistisch gesehen wird das natürlich so nicht möglich sein. Wichtig ist, dass sowohl Zuschauer als auch Vereine (Spieler, Trainer, Manager etc.) dem System eine faire Chance geben und nicht gleich – auch aus totaler Unwissenheit – wie in den letzten beiden Wochen nach den Tests in Deutschland bei Freundschaftsspielen geschehen, eine ablehnende Haltung einnehmen. Gleichwohl wird die Erkenntnis am Ende der Spielzeit sein: Dank Video-Assistent ist der Fußball gerechter.

Schirilogie: Vielen Dank für das Gespräch und für die weiteren Spiele alles Gute!


Hintergrund: Ab der kommenden Saison werden die Schiedsrichter in Bundesligaspielen durch Video-Assistenten in vier definierten Bereichen unterstützt: Bei Entscheidungen der Kategorie Tor oder Kein Tor, bei Strafstoßentscheidungen, Roten Karten und bei Spielerverwechselungen im Zusammenhang mit persönlichen Strafen. 

Nachspielzeit (26. Spieltag): Kriterien zur Beurteilung der Strafbarkeit von Handspielen

3.4.17 12 Kommentare
Das zurückliegende Fußballwochenende war vor allem von einer Frage geprägt: Absicht oder keine Absicht? Gleich in mehreren Spielen, Stadien und Ligen gab es zum Teil knifflige Situationen aus dem Bereich Handspiel mit entsprechenden Diskussionen nach Abpfiff. Thomas Tuchel bringt das weit verbreitete Gefühl auf den Punkt. Auf das Handspiel von Marc Bartra angesprochen, meinte Tuchel sinngemäß, dass er der falsche Ansprechpartner sei, da er überhaupt nicht mehr wisse, wann es Absicht ist und wann nicht. Ein Klärungsversuch, der hoffentlich erfolgreicher ist als der von Marc Bartra, Oscar Wendt und co.



Handspiel im Revierderby: Pro und Contra Absicht - eine Gegenüberstellung

2.4.17 Kommentarbereich
Dortmund-Verteidiger Marc Bartras Handspiel hat das 150. Revierderby maßgeblich geprägt. Ob hier Absicht vorlag, wurde in den Medien bereits kontrovers diskutiert. Schiedsrichter Felix Zwayer, der sich gegen einen späten Strafstoßpfiff für Schalke entschied, gab in Interviews später an, dass hier keine Schwarz-Weiß-Situation vorgelegen habe.


Die folgende Übersicht zeigt: Recht hat er. Für beide Seiten gibt es gute Argumente, so dass wir uns in einem Graubereich befinden (für bessere Qualität bitte die Grafik anklicken):


Anmerkung: Eine vollständige Spieltagsanalyse folgt wie üblich in den kommenden Tagen.