Nachspielzeit (24. Spieltag): Abseits mit Verspätung - warum beim 1. Hamburger Treffer die Fahne zunächst unten blieb

13.3.17
Die letzte Begegnung des zurückliegenden 24. Bundesligaspieltags zwischen dem Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach hatte es aus Schiedsrichtersicht noch einmal in sich. Besonders interessant ist dabei der erste vermeintliche Ausgleichstreffer, der nach kurzer Beratung zwischen dem Schiedsrichter und Assistenten aberkannt wurde. Und wenn der böhmische Adel in der Kommentatorenbox mit einem Hauch Verzweiflung in der Tonlage bekundet "Warum hebt er die Fahne nicht? Warum hebt er die Fahne nicht? Ich ver-steeeh das nicht!", so besteht ganz offensichtlich Klärungsbedarf. Kurzum: Die Szene ist ein Musterbeispiel für effektives Teamwork. 


Es lief die 28. Spielminute (s. Video). HSV-Angreifer Aaron Hunt steckte den Ball in zentraler Position zum freistehenden Lewis Holtby durch, der den Ball mit einem kurzen Abpraller zu Albin Ekdal abtropfen ließ. Ekdal lief dem Ball hinterher, nahm ihn an und passte nochmal zum ebenfalls freistehenden Bobby Wood, der den Ball problemlos im Tor versenkte. Die Fahne war unten geblieben. Die Hamburger jubelten bereits an der Eckfahne, die Tormusik war bereits in vollem Gange, doch Schiedsrichter Deniz Aytekin lief nach draußen zu seinem Assistenten Eduard Beitinger. Nach kurzer gemeinsamer Beratung hob Aytekin die Hand und erkannte das Tor wegen Abseits ab.

Ekdal befand sich im Moment der Ballabgabe tatsächlich in einer Abseitsposition, die dadurch strafbar wurde, indem Ekdal aktiv ins Spielgeschehen eingriff. 

Die ursprüngliche Abseitsposition wahrzunehmen, war für den Schiedsrichterassistenten keine große Herausforderung: Er war gut positioniert, die Abseitsposition war zwar knapp, aber dennoch deutlich zu erkennen. Wieso also diese Verzögerung?

Ohne Frage ist es aus Schiedsrichtersicht nie erwünscht, bei einem Team kurzfristige Freude über und Hoffnungen auf einen Torerfolg aufkommen zu lassen und diese dann mit einer halben Minute Verzögerung zu erlischen.

Dennoch handelten die Unparteiischen genau so, wie es erwartet wird und korrekt ist - denn der Clou dieser Szene bestand in etwas, das über die eigentliche Wahrnehmung der Abseitsposition hinausging:

Für den Schiedsrichterassistenten war aus seinem Blickwinkel nicht zweifelsfrei zu erkennen, ob der sich im Abseits befindende Ekdal den Ball von einem Mitspieler (Holtby) oder einem Verteidiger bekam. Um Ekdal herum befanden sich zwei bis drei Gladbacher Verteidiger, die den Assistenten angesichts der räumlichen Nähe und hohen Spielgeschwindigkeit vermutlich irritierten und offenbar Zweifel hervorriefen. Denn wenn es ein Verteidiger gewesen wäre, der den Ball missglückt, aber doch durch eine kontrollierte Aktion gespielt und auf Ekdal weitergeleitet hätte, wäre Ekdals Abseitsposition nicht strafbar gewesen.

Der Assistent besaß somit nicht alle für eine Entscheidung relevante Informationen. Dass eine Abseitsposition vorlag, wusste er. Auch, dass ein aktives Eingreifen vorlag. Die Ballabgabe war jedoch unklar. Manchmal haben Assistenten durch ihren 90°-Blickwinkel eben nicht den nötigen Einblick in Situationen, bei denen mehrere Spieler unterschiedlicher Teams in räumlicher Nähe um den Ball kämpfen oder ihn sogar spielen. 

Der Schiedsrichter hingegen ist dazu häufig sehr wohl in der Lage: Ihm steht die Information "Abseitsposition" zwar nicht zur Verfügung, dafür aber das notwendige Puzzleteil, das seinem Assistenten vielleicht fehlt: Nämlich das Wissen darüber, von wem der Ball kam, gespielt oder berührt wurde. Hierüber müssen sich Schiedsrichter und Assistent entsprechend austauschen, die Informationen zusammentragen und zu einem Urteil kommen.

Vom wem kam der Ball? Dieses Puzzleteil fehlte dem Assistenten - der Schiedsrichter besaß es
Bildquelle: © Pixabay

Selbstverständlich können sie dies nicht einfach im laufenden Spiel machen: Auf Verdacht und Zweifel hin einen Angriff abzupfeifen bzw. mit der Fahne abzuwinken ist keine Option. Denn wenn sie dann feststellen, dass der Ball von einem Verteidiger kam und somit keine strafbare Abseitsposition vorlag, hätten sie einen aussichtsreichen Angriff zunichte gemacht. Eine solche Beratung sollte also erst dann erfolgen, wenn wirklich ein Tor erzielt wurde (aber natürlich noch vor dem Anstoß).

Anhand von Aytekins und Beitingers Beratung an der Seitenlinie können für solche Formen des Teamworks wichtige Schritte identifiziert werden:


1. Wahrnehmung

In einem ersten Schritt müssen der Schiedsrichter und Assistent die Situation wahr- und alle relevanten Informationen - soweit möglich - aufnehmen. Der Assistent nimmt die Abseitsposition wahr, weiß aber nicht, von dem der Ball kam. Der Schiedsrichter hat die Szene aufmerksam verfolgt und besitzt die Information, von wem der Ball kam.


2. Wait-and-See

Bei der Wahrnehmung der Spielsituation treten für den Assistenten also Zweifel auf. Jetzt gilt es, erst einmal abzuwarten und zu sehen, was passiert ("wait-and-see") - also das Spiel weiterzuverfolgen und erst dann die inneren Zweifel an die Oberfläche zu befördern, wenn der Fortgang der Situation dies erfordert (also hier die Torerzielung). 


3. Standing-Still-Technik

Der Assistent hat den weiteren Verlauf der Situation verfolgt und sieht, dass ein Tor erzielt worden ist. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, sich mit dem Schiedsrichter auszutauschen und Informationen sowie Zweifel über die Strafbarkeit der Abseitsstellung auszutauschen.

Hierzu sollte er eine in UEFA-Kreisen mit "Standing-Still-Technique" beschriebene Prozedur verfolgen: Statt 20-25 Meter in Richtung Mittelfeld zu sprinten, wie es Assistenten nach Toren üblicherweise machen, sind Assistenten dazu angehalten, in genau solchen Fällen von Zweifeln stehen zu bleiben, also "still" zu stehen. Dadurch sieht der Schiedsrichter, der normalerweise nach Toren zu seinem Assistenten herausblickt, um eine Bestätigung über die Korrektheit eines Treffers zu erhalten, dass sein Kollege offenbar Zweifel hat, die diskutiert werden sollten. Genau dies hat Beitinger getan.


4. Den Schiedsrichter zu sich herausrufen

Zeitgleich sollte der Assistent seinen Chef über Blickkontakt, diskrete Gestik und/oder Headsetkommunikation bitten, zu ihm herauszukommen.


5. Sich von Spielern isolieren

Da es in solchen Szenen in der Regel um Fragen von "Tor" oder "kein Tor" geht, werden Spieler beider Teams höchstwahrscheinlich versuchen, Einfluss und Druck aus das Gespann auszuüben. Daher ist es wichtig, dass der Schiedsrichter dafür sorgt, dass er sich mit seinem Assistenten über die Situation in der nötigen Ruhe austauschen kann: Dazu ist eine Isolation von den Spielern nötig.


6. Sich austauschen und diskutieren

Nun sollte der Assistent in präzisen Sätzen und Fragen darstellen, was er wie wahrgenommen hat, welche Zweifel er hat und wovon genau es abhängt, ob die Entscheidung A (bspw. Tor, kein strafbares Abseits) oder die Entscheidung B (kein Tor, strafbares Abseits, indirekter Freistoß) getroffen werden muss. Der Schiedsrichter sollte seinem Kollegen die nötigen Informationen nennen, dadurch die Zweifel ausräumen und die Situation entsprechend der neuen Informationen diskutieren. Jetzt, wo alle Informationen bereitstehen, kann eine Entscheidung getroffen werden.

Genau das taten Aytekin und Beitinger. Sie tauschten sich erst in Ruhe und von den Spielern einigermaßen isoliert aus (vielleicht wäre noch mehr Distanz ideal, hier war die Einflussnahme durch Papadopoulos und Co. aber noch vergleichsweise gering). Unter Berücksichtigung der neuen Information "Ball kam vom Angreifer" konnte ihm Beitinger dann mit der nötigen Sicherheit bekräftigen "Dann ist es Abseits!" (jedenfalls, wenn mein Lippenlesen korrekt ist).


7. Entscheiden

Auf Basis aller relevanten Informationen wird die Entscheidung nun in klarer und bestimmter Weise getroffen. Der Schiedsrichter hebt seine Hand, um den indirekten Freistoß für das Abseitsvergehen anzudeuten. Zusätzlich kann der Assistent noch symbolisch die Fahne heben, und dann zur Abseitsposition senken (siehe diese vergleichbare Szene aus einem Champions-League-Spiel zwischen dem FC Basel und FC Porto).


8. Erklären

Da solche Situationen für Spieler und nicht zuletzt die Zuschauer kaum zu verstehen sind, sollten sich Schiedsrichter darum bemühen, die Entscheidung in verständlicher und ruhiger Art zu erklären und mit effektiver Körpersprache gut zu verkaufen. Der Vierte Offizielle - sofern vorhanden - kann hier ebenfalls helfen und die Entscheidung Trainern und Teamoffiziellen erläutern (wie in der obigen Szene bei Basel - Porto geschehen).


Diese Schritte haben Deniz Aytekin und Eduard Beitinger mustergültig beherzigt und sind dadurch zur richtigen Entscheidung gekommen. Dass dies etwas gedauert hat, ist der Preis, den man für die korrekte Entscheidung in Kauf nehmen muss. Denn Sicherheit und Korrektheit gehen im Zweifel vor Schnelligkeit oder, wie Moliere einst gesagt hat: 

"Unreasonable haste is the direct road to error."
MOLIERE


Der Adel hatte für die Beratung an der Seitenlinie indes seine ganz eigene Erklärung: Fritz von Thurn und Taxis, Sky-Urgestein und sicherlich begabter Eishockeykommentator - wähnte sich einmal mehr in Hörweite von Spielern und Schiedsrichtern: "Aytekin (...) ist nochmal raus und hat gesagt 'Junge, was war denn da los? Hast du die Fahne vergessen, oder was?'" - nur gut, dass Sky-Schiedsrichter-Experte Peter Gagelmann in der Halbzeitpause sein Bestes dabei gab zu retten, was noch zu retten war...

Was nach der Szene folgte, war ebenfalls bemerkenswert: Nachdem Beitinger einen weiteren Hamburger Treffer wegen Abseits korrekterweise aberkannt hatte, wagten die Hanseaten beim 3. und endlich regulären Torerfolg kaum zu jubeln. Alle blickten - demonstrativ erstarrt - zum Schiedsrichter, der diesmal nichts zu beanstanden hatte. Scheinbar hatten auch die Hamburger in der Zwischenzeit gelernt: "Unreasonable haste is the direct road to error"... der Schiedsrichter nahm es mit Humor.

Teilen:

Nächster Artikel
« Vorheriger Artikel
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel »
1 Kommentar/e
avatar

"Sehr schön und sehr umfangreich erklärt. Herrn Turn und Taxis zur Weiterbildung uneingeschränkt anempfohlen (falls das noch was bringt). Ich persönlich hätte es nicht ganz so umfangreich gebraucht, weil ich diesen Aspekt der Arbeit im Gespann ziemlich auf der Hand liegend finde. Aber gut, das geht mir so; das mag anderen anders gehen und das geht mir vielleicht mit anderen Dingen so. Ich habe mir erlaubt, auf diesen Artikel bei uns hinzuweisen. Eine Anmerkung: Deine Website möchte mir beim Besuch jeder einzelnen Unterseite immer wieder neu zur Kenntnis bringen, sie verwende Cookies. Das ist etwas zu viel der Höflichkeit. Vielleicht kann man ihr das irgendwie austreiben."

schrieb der Leser "sternburg" (komischerweise wurde der Kommentar fehlerhaft angezeigt)

@sternburg: Danke für die Rückmeldung! Die Ausführlichkeit ist gerade dem Versuch geschuldet, der breiten Fußballöffentlichkeit die für uns Schiedsrichter oft selbstverständlichen Abläufe eben mit der gebotenen Ausführlichkeit etwas näher zu bringen. Ich werde versuchen, das nächstes Mal aber vielleicht noch etwas zu straffen!

Bzgl. des Cookie-Hinweises - ich glaube, das liegt am Browser (bei google chrome erhalte ich den Hinweis bspw. selbst häufig, bei Mozilla nie). Daran kann ich leider nichts ändern, da das so von der Website- bzw. Blogplattform (blogspot) vorgegeben ist. Dennoch danke für den Hinweis!

Antwort