Lehreinheit Nr. 4: Als Schiedsrichter effektiv kommunizieren - Grundlagen (1. Teil)

11.3.17
Kommunikationsskills gehören zu den wichtigsten Fertigkeiten sehr guter Fußballschiedsrichter. Ob auf oder neben dem Platz, ob im Vorfeld, während oder im Nachgang eines Spiels, ob Spielern, Trainern, Zuschauern, Schiedsrichterbeobachtern oder anderen Verantwortlichen gegenüber – überall spielt Kommunikation eine zentrale Rolle, die maßgeblich zur Qualität und Akzeptanz einer Spielleitung beiträgt. Basierend auf theoretischen Modellen und praktischen Einblicken wird Schirilogie der Frage nachgehen, was Schiedsrichter beachten sollten, um möglichst klar, konsistent und effektiv zu kommunizieren. In dem vorliegenden 1. Teil werden hierzu die Grundlagen geschaffen.



Sehr gute Schiedsrichter kennzeichnet vor allem effektive Kommunikation


Kommunikation wird allgemein als ein Prozess verstanden, bei dem Nachrichten zwischen mindestens einem Sender und mindestens einem Empfänger ausgetauscht werden. Kommunikation ist demnach keine Einbahnstraße, sondern ein wechselseitiger Prozess.

Eine gute Orientierung, welche Merkmale Kommunikation kennzeichnen und welche Ansatzpunkte diese jeweils für Schiedsrichter im Fußball bieten, geben die fünf sog. Axiome der Kommunikation nach Kurt Watzlawick.


1. Man kann nicht nicht kommunizieren

Nach Watzlawick besteht für Menschen keine Möglichkeit, nicht zu kommunizieren. Um eine bestimmte Nachricht über ein bestimmtes Verhalten zu senden, muss weder gesprochen, noch gehandelt werden. Auch Schweigen und Nicht-Handeln drücken etwas aus und senden dem Gegenüber eine bestimmte Botschaft – vielleicht nicht unbedingt auf Inhalts-, aber zumindest auf Beziehungsebene.

Für eine schiedsrichterbezogene Betrachtung bedeutet das:

Offenbar lässt sich Kommunikation nicht vermeiden. Sie ist in jeder zwischenmenschlichen Interaktion anzutreffen – und somit auch in der komplexen Aufgabe des Fußballschiedsrichters, der es in seinen Spielen mit mindestens 22 unterschiedlichen Menschen zu tun hat. Daher ist es essentiell wichtig, sich als Schiedsrichter mit den eigenen Kommunikationskompetenzen auseinanderzusetzen und als Lehrwart bzw. Coach Möglichkeiten zu schaffen, eben diese auszubauen und zu schärfen (etwa durch Coaching, Seminare oder Trainings).


2. Kommunikation beinhaltet Inhalts- und Beziehungsaspekte

Kommunikation als Ganzes erstreckt sich nicht nur auf den inhaltlichen Gehalt einer Botschaft. Viel wichtiger sind Beziehungsaspekte – sie schaffen die Grundlage für die Aufnahme der Botschaft. Sie liegen meist im Verborgenen, manchmal gar im Unbewussten. Dies veranschaulicht das sog. Eisbergmodell auf vereinfachte Art und Weise (s. >Darstellung): Demnach hat die nach außen hin sichtbare Spitze des Eisbergs – also der sachliche Aspekt der Kommunikation – einen relativ kleinen Anteil am Gesamtvolumen des Eisbergs – also der Kommunikation.



Das auch alltagspsychologisch bekannte Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun (s.o.) suggeriert ebenfalls, dass eine Nachricht neben einer Sachebene maßgeblich Aspekte der Beziehung, eine Selbstoffenbarung und auch Appelle ausdrückt (hierzu in einem späteren Teil mehr).

Für eine schiedsrichterbezogene Betrachtung bedeutet das:

Korrekte Entscheidungen zu treffen ist das eine. Sie und womöglich hoch umstrittene Entscheidungen so zu kommunizieren, dass sie allseits akzeptiert werden, etwas völlig anderes. Genau dies zeichnet aber gute Schiedsrichter aus: Entscheidungen kraft ihrer kommunikativen Stärke auch auf Beziehungsebene effektiv zu "verkaufen".


3. Kommunikation baut aufeinander auf

Wechselseitige Kommunikation baut aufeinander auf – d.h. sie besteht aus Ketten von Beiträgen, Botschaften und Nachrichten, bei denen nicht immer eindeutig zu klären ist, welche Nachricht genau welche Nachricht bedingt oder kausal zur Folge hat (was also Henne und was Ei ist). Andersherum bedeutet dies, dass Kommunikation stets etwas beim Gegenüber bewirkt. Ein Beispiel dafür ist die hier diskutierte und in ihre Einzelelemente separierte Situation aus einem jüngeren DFB-Pokal-Spiel.

Für eine schiedsrichterbezogene Betrachtung bedeutet das:

Bei Kommunikation handelt es sich um ein folgenreiches Mittel der Steuerung und Einflussnahme, das angesichts ihrer Folgewirkungen maßvoll und adäquat eingesetzt werden sollte.


4. Menschliche Kommunikation besteht aus verbalen (digitalen) und non-verbalen (analogen) Aspekten

Kommunikation kann einerseits über verbale Kanäle – also durch Sprache und gesprochene Worte – und andererseits über non-verbale Kanäle – also durch Körpersprache, Parasprache und räumliche Beziehungen – ablaufen.

Die hier abgebildeten Kommunikationselemente werden in künftigen Lehreinheiten thematisiert


Sprache umfasst dabei ausschließlich das gesprochene Wort – nicht aber, wie es gesprochen wird. Körpersprache beinhaltet hingegen Gestik, Mimik sowie die Körperhaltung. Parasprache bezeichnet hingegen all jene Kommunikationselemente, welche die Sprache auf vokaler Ebene begleiten – also z.B. der Tonfall. Unter räumlichen Beziehungen ist das Nähe-Distanz-Verhalten einer Person zu ihrem Interaktionspartner gemeint.

Wissenschaftliche Untersuchungen (z.B. Mehrabian, 1968, nach Weinberg & Richardson, 1990) haben mehrfach gezeigt, dass Körpersprache (55%) und Parasprache (38%) zusammen mehr als 90% aller Botschaften bestimmen und prägen, während auf das gesprochene Wort nur 7% entfallen.

"Mit Körpersprache und Mimik kommt man sehr weit. Wenn ein Spieler über die Stränge schlägt, zeige ich ihm mit einem Augenaufschlag, dass ich wütend bin. Natürlich bin ich nicht wirklich wütend, aber ich habe da mein schauspielerisches Repertoire. Gesichtsausdrücke sind universell – ich kann schwedisch sprechen und mit meinem Körper deutlich machen, was ich sage. Vor zehn Jahren pfiff ich ein Spiel zwischen einer lettischen und einer russischen Mannschaft. Niemand sprach Englisch, aber ich machte mich mit Händen und Füßen verständlich. Genauso kommuniziere ich heute mit den Spielern von Milan oder Barca in der Champions League." (Quelle: 11Freunde)
UEFA-Elite-Schiedsrichter Jonas Eriksson im 11Freunde-Interview - wie das aussehen kann, zeigt die folgende Slideshow (am besten mal durchklicken...):


Für eine schiedsrichterbezogene Betrachtung bedeutet das:

Effektive Kommunikation bedeutet für Schiedsrichter also nicht nur, die richtigen Worte zu finden, sondern bspw. auch den richtigen Ton. Ferner kommt der eigenen Körpersprache eine enorm wichtige Bedeutung zu: Variantenreiche und situativ angebrachte Gestik und Mimik sowie ein hohes Maß an Körperspannung haben die Kraft, getroffene Entscheidungen und bspw. ausgesprochene Ermahnungen oder Verwarnungen zu unterstreichen. Hinzu kommen parasprachliche Aspekte des Tonfalls und – im Zusammenhang mit Schiedsrichtern häufig unterschätzt – ein situationskalibrierter Einsatz der Pfeife (umgangssprachlich wird dies in Schiedsrichterkreisen auch „Pfeifsprache“ genannt).

Es gilt also, Schiedsrichter für eben diese Kommunikationselemente zu sensibilisieren und letztere intensiv in Schiedsrichterbeobachtungen und -coachings zu berücksichtigen. Schiedsrichter sollen dadurch ein Bewusstsein dafür erlangen, wie sie die sachliche Ebene einer Entscheidung mittels verschiedener Kommunikationselemente positiv unterstützen können.


5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind symmetrisch oder komplementär

In komplementären Beziehungen – also z.B. Beziehungen zwischen einem Vorgesetzten und einem ihm unterstellten Mitarbeiter – wird selbstverständlich anders kommuniziert als in symmetrischen Beziehungen – also in Beziehungen zwischen formell oder informell gleichrangigen Personen.

Für Schiedsrichter ist dies …

… ein Balanceakt: Auf der einen Seite sollten sie in ihrem Umgang mit Spielern uns Vereinsvertretern empathisch und nahbar umgehen. Dementsprechend sollte eine Kommunikation auf Augenhöhe grundsätzlich angestrebt werden. Auf der anderen Seite herrscht per Regelwerk eine eher komplementäre Beziehung zwischen "handlungsgewaltigen" und weisungsbefugten Unparteiischen und den am Spiel beteiligten Akteuren, die in der Konsequenz zu hierarchischen Unterschieden führt, welche sich wiederum auch in Aspekten der Interaktion äußern (bspw. stellen manche Schiedsrichter auf eigene Initiative viel Körperkontakt zu Spielern her - etwa bei Ermahnungen - während dies andersherum in derselben Weise kaum denkbar wäre).

Daher ist es entscheidend, die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz, zwischen Bescheidenheit und Direktheit  in der Kommunikation herzustellen. Ansatzpunkte hierfür lieferte bereits eine frühere Lehreinheit zum Thema Spielerführung.


Auf den somit geschaffenen Grundlagen wird in künftigen Lehreinheiten und Folgeteilen schrittweise aufgebaut!


Literatur

Weinberg, R. & Richardson, P. (1990). Psychology of Officiating. Champaign, IL: Human Kinetics Publishers.

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