Blick in die Forschung: Gewalt gegen Schiedsrichter - Einzelfälle oder an der Tagesordnung?

28.3.17 Kommentarbereich
In Niedersachsen streiken Schiedsrichter, nachdem ein Verbandssportgericht ein Urteil in Folge einer Schiedsrichterbeleidigung wieder aufhebt. In einem Derby der Hamburger Kreisliga 1 wird ein Schiedsrichter mit Schlägen und Tritten angegangen, woraufhin das Spiel abgebrochen wurde und 16 Streifenwagen anrückten. Und vor nicht allzu langer Zeit wird ein niederländischer Schiedsrichterassistent von mehreren Teenagern zu Tode getreten. Alles nur Einzelfälle? Oder ist Gewalt gegen Schiedsrichter heutzutage vielmehr an der Tagesordnung?

Schiedsrichter als Projektionsfläche eigener spielerischer Versäumnisse

Schiedsrichter haben die komplexe und manchmal undankbare Aufgabe, 22 emotionsgeladene Spieler unter ihrer Kontrolle zu behalten und akkurate sowie möglichst akzeptierte Entscheidungen zu fällen. Häufig besitzen ihre Entscheidungen spielbeeinflussenden, manchmal gar -entscheidenden Einfluss.

Gerade bei Niederlagen bietet es sich für Spieler, Trainer und Vereine daher an, Referees als Projektionsfläche eigener spielerischer Versäumnisse zu nutzen. In der Regel bleibt es bei Kritik - aber nicht immer: Manchmal kommt es zu Gewalt – ein Begriff, der schwierig zu definieren und abzugrenzen ist. Im Zusammenhang mit Schiedsrichtern ist darunter wohl am ehesten ein tätlicher Angriff gemeint. Doch das Spektrum der Grenzüberschreitung ist weitaus breiter und umfasst auch verbal geäußerte Beleidigungen oder Bedrohungen.

Die Thematik der Gewalt dominiert inzwischen die mediale Berichterstattung im Zusammenhang mit Schiedsrichtern auf Amateurebene. Gefühlt wöchentlich machen Schlagzeilen über Spielabbrüche in Folge von Tätlichkeiten gegen Referees die Runde. So ist davon auszugehen, dass entsprechende Vorfälle eine abschreckende Wirkung auf aktive Unparteiische und vor allem potenzielle Schiedsrichterneulinge haben. Deshalb warnt auch Pierluigi Collina, UEFA- und neuerdings auch FIFA-Schiedsrichter-Chef, vor einem "globalen Schiedsrichtermangel" als Folge zunehmend fehlenden Respekts gegenüber Unparteiischen. 

Einzelfallmeldungen - so besorgniserregend, frustrierend und tragisch sie auch sein mögen - besitzen allerdings keine repräsentative Aussagekraft. Es ist deshalb wichtig, eine belastbare empirische Datenbasis herzustellen. Um ein möglichst objektives Bild zu erzeugen, sind Befragungen mit großen Stichproben und einer ausreichend großen Streuung in Bezug auf Geschlecht, Alter und Herkunft von Vorteil.

Der oben aufgeworfenen Frage, ob es sich bei Gewalthandlungen gegen Schiedsrichter eher um Einzelfälle oder die Regel handele, widmeten sich in der Vergangenheit daher in der Tat einige wissenschaftlich durchgeführte Befragungen aus dem In- und Ausland.


Stand der Forschung: Selten tätlich angegriffen, häufig beleidigt

Vester (2013) näherte sich dem Thema in Kooperation mit dem Württembergischen Fußballverband (wfv) und befragte rund 2.600 Schiedsrichter.

Die Autorin konnte zeigen, dass nur 13,4% der Befragten im Zuge ihrer Schiedsrichtertätigkeit noch nie beleidigt wurden. Bereits mindestens einmal bedroht wurden hingegen 38,2% der Teilnehmer. 82,7% der befragten Schiedsrichter gaben zudem an, noch nie Opfer von tätlichen Angriffen geworden zu sein. Die allermeisten Unparteiischen - weit mehr als 90% - fühlten sich auf dem Fußballplatz außerdem ziemlich sicher.

Rullang, Emrich und Pierdzioch (2015) erhoben vergleichbare Werte in einer bundesweiten Studie mit rund 4.800 Unparteiischen. Auch hier zeigte sich, dass Schiedsrichter in ihrer bisherigen Laufbahn sehr häufig beleidigt (nur 5,2% der Befragten gaben an, noch nie beleidigt worden zu sein), gelegentlich bedroht (57,7% gaben an, sehr selten bis sehr häufig bedroht worden zu sein), aber während ihrer bisherigen Laufbahn nur selten tätlich angegriffen wurden (79,7% gaben an, noch nie tätlich angegriffen worden zu sein). Die Autoren konnten zudem zeigen, dass Schiedsrichter, die zum Zeitpunkt der Befragung selbst aktiv Fußball spielten, eine signifikant niedrigere Belastung durch Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt empfanden als jene Unparteiische, die selbst nie aktiv Fußball gespielt hatten.

Folkesson, Nyberg, Archer und Norlander (2002) wiesen anhand einer Stichprobe von schwedischen Amateurschiedsrichtern außerdem nach, dass jüngere Schiedsrichter häufiger Bedrohungen und Aggressionen ausgesetzt sind als ältere Kollegen.

Abbildung: Gegenüberstellung der Befragungsergebnisse ausgewählter Studien. 


Allerdings sind Schiedsrichterlaufbahnen unterschiedlich lang und umfassen je nach Individuum unterschiedlich viele Spiele. Sie stellen für sich genommen daher kein hinreichendes Maß dar, wenn es darum geht, die relative Häufigkeit von Gewaltvorkommnissen gegen Unparteiische abzuschätzen.
Des Weiteren besteht bei solchen Studien das Problem, dass in der Regel nur aktive Schiedsrichter befragt werden - diejenigen, die ihre Laufbahn gerade aufgrund von Gewalterfahrungen beendet haben, werden statistisch somit nicht erfasst. Aus diesen Gründen lohnt es sich, weitere Statistiken heranzuziehen.

Nach Angaben des DFB wurden in der Saison 2015/16 über das DFBNet – für alle Nichtschiedsrichter: dabei handelt es sich um das Portal, über das die Spielberichte nach den Spielen von den Referees hochgeladen werden – insgesamt 1.581.197 Partien freigegeben. In 3.717 Spielen habe es Gewalthandlungen gegeben. Dies entspricht 0,24% der Spiele – oder anders ausgedrückt: In jedem 425. Spiel kam es zu einer Gewalthandlung (wobei unklar bleibt, ob es sich hierbei ausschließlich um Gewalthandlungen gegen Schiedsrichter handelte). Von den 3.717 Spielen wurden weiterhin (nur) 589 abgebrochen.

Tatsache ist also: In der überwältigenden Mehrheit der Spiele kommt es zu keinen tätlichen Angriffen gegen Schiedsrichter und die allermeisten Unparteiischen sind in ihrer bisherigen Laufbahn noch nicht Opfer von Gewalthandlungen geworden. Dementsprechend kann vermutet werden, dass die Wurzeln dieses dennoch nicht zu unterschätzenden Problems anscheinend nicht systematischer Natur sind, sondern wahrscheinlich stark vom Profil des individuellen Spielers bzw. Täters abhängen.

Und trotzdem: Wenn jeder 7. Schiedsrichter schon einmal Gewalt gegen sich erlebt hat und wenn es durchschnittlich an etwa an jedem bzw. jedem zweiten Wochenende eines mittelgroßen Fußballkreises zu einem solchen Vorfall kommt, spricht dies dagegen, dass es sich hierbei bloß um Einzelfälle handelt.

Szenen wie diese sind statistisch gesehen (glücklicherweise) eher eine Seltenheit


Im Fall verbaler Bedrohungen oder klassischer Schiedsrichterbeleidigungen, die gemäß der Datenlage so gut wie jeder Schiedsrichter schon einmal erlebt hat, dürfte es sich in jedem Fall um ein systematisches Problem handeln: Diesbezüglich kann ein womöglich genereller Verfall von Respekt auf und neben dem Platz beobachtet werden, den auch der ehemalige Bundesligaschiedsrichter Knut Kircher unlängst in einem Interview anprangerte. Und dieser spiegelt sich zweifelsohne auch im Verhalten einzelner Trainer und Manager auf Bundesligaebene mit einer nicht zu unterschätzenden Strahlkraft auf untere Ligen wider (s. Video).


Das Thema weder unter- noch überschätzen

Trotz der Schwere und Tragik jedes einzelnen Falls einer Tätlichkeit gegen einen Unparteiischen sollte mit dem Thema und entsprechenden Schlagzeilen nicht (nur) emotional, sondern vor allem besonnen umgegangen werden: Gewalttaten gegen Schiedsrichter sollten nicht unter-, aber in ihrer Auftretenshäufigkeit und -wahrscheinlichkeit auch nicht überschätzt werden. Verharmlosung und Hypen sind also jeweils gleichermaßen unangebracht.

Verbände und Vereine sollten bei aller Berechtigung und Notwendigkeit der Gewaltbekämpfung auch die Thematik der Schiedsrichterbeleidigung, also der verbalen Aggression, auf ihre Agenda setzen und sich von einer ausschließlich eindimensionalen Betrachtung auf tätliche Angriffe lösen.

Hilfreich oder zumindest diskutabel erscheinen auch Überlegungen wie schnellere Verwarnungen, Zeitstrafen oder gar Platzverweise als Strafe für vehementes Protestieren und Reklamieren, wie sie auch Pierluigi Collina vorschlägt. Auf diese Weise könnte respektlosem und aggressivem Verhalten gegenüber Schiedsrichtern wie Beleidigungen oder gar (Androhungen von) Gewalt bereits auf einer niedrigeren Stufe unter Umständen ein Riegel vorgeschoben werden.

Letztlich hängt dies aber auch davon ab, wie konsequent Schiedsrichter gegen Protestieren oder auch Beleidigungen vorgehen - gerade im Profifußball mit seiner Signalwirkung "nach unten". So betont Collina im Video-Interview mit SkySports auch die Eigenverantwortung der Spitzenschiedsrichter, früheste Anzeichen von Grenzüberschreitungen (z.B. bei Massenprotesten, dem sog. "Mobbing") vor allem unter dem Aspekt der Vorbildsfunktion konsequent aus dem Spiel zu nehmen und mit den richtigen Maßnahmen zu ahnden (anders als in diesem Videobeispiel aus der WM-Qualifikation).

Kampagnen und Maßnahmen mit der Zielsetzung, den gegenseitigen Respekt fördern, sind darüber hinaus begrüßenswert. Ob ein kollektives Handshake, Fairplaybanner oder entsprechende Werbeaktionen vor Champions League Spielen tatsächlich Beleidigungen oder gar Gewalthandlungen verhindern, darf allerdings angezweifelt werden, wenn mitunter lasche Sanktionen die Glaubwürdigkeit solcher Aktionen untergraben. Letztlich sind es gelegentlich Verbandsausschüsse, die der meist ausgesprochenen Rote Karte durch in den Augen vieler Schiedsrichter häufig zu milde Strafen ihre Signalkraft rauben. Dass es auch anders geht, zeigt der Fall in Hamburg: Der verantwortliche Verein wurde inzwischen aus dem Verkehr gezogen ...


Literatur

Folkesson, P., Nyberg, C., Archer, T. & Norlander, T. (2002). Soccer referees‘ experience of threat and aggression: Effects of age, experience, and life orientation on outcome of coping strategy. Aggressive Behavior, 28(4), 317-327.

Rullang, C., Emrich, E. & Pierdzioch, C. (2015). Wie häufig werden Schiedsrichter Opfer von Beleidigungen, Drohungen und Gewalt? Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage unter aktiven Schiedsrichtern. Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, 56(2), 44-66.

Vester, T. (2013). Zielscheibe Schiedsrichter. Zum Sicherheitsgefühl und zur Opferwerdung von Unparteiischen im Amateurfußball. Baden-Baden: Nomos.

Nachspielzeit (24. Spieltag): Abseits mit Verspätung - warum beim 1. Hamburger Treffer die Fahne zunächst unten blieb

13.3.17 1 Kommentar
Die letzte Begegnung des zurückliegenden 24. Bundesligaspieltags zwischen dem Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach hatte es aus Schiedsrichtersicht noch einmal in sich. Besonders interessant ist dabei der erste vermeintliche Ausgleichstreffer, der nach kurzer Beratung zwischen dem Schiedsrichter und Assistenten aberkannt wurde. Und wenn der böhmische Adel in der Kommentatorenbox mit einem Hauch Verzweiflung in der Tonlage bekundet "Warum hebt er die Fahne nicht? Warum hebt er die Fahne nicht? Ich ver-steeeh das nicht!", so besteht ganz offensichtlich Klärungsbedarf. Kurzum: Die Szene ist ein Musterbeispiel für effektives Teamwork. 


Lehreinheit Nr. 4: Als Schiedsrichter effektiv kommunizieren - Grundlagen (1. Teil)

11.3.17 Kommentarbereich
Kommunikationsskills gehören zu den wichtigsten Fertigkeiten sehr guter Fußballschiedsrichter. Ob auf oder neben dem Platz, ob im Vorfeld, während oder im Nachgang eines Spiels, ob Spielern, Trainern, Zuschauern, Schiedsrichterbeobachtern oder anderen Verantwortlichen gegenüber – überall spielt Kommunikation eine zentrale Rolle, die maßgeblich zur Qualität und Akzeptanz einer Spielleitung beiträgt. Basierend auf theoretischen Modellen und praktischen Einblicken wird Schirilogie der Frage nachgehen, was Schiedsrichter beachten sollten, um möglichst klar, konsistent und effektiv zu kommunizieren. In dem vorliegenden 1. Teil werden hierzu die Grundlagen geschaffen.



Sehr gute Schiedsrichter kennzeichnet vor allem effektive Kommunikation


Nachspielzeit (DFB-Pokal): "Das ahndet doch eh niemand!" - Sich selbst erfüllende Prophezeiungen bei irregulären Strafstoß-Ausführungen

6.3.17 4 Kommentare
Das gestrige Sonntagsspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg lieferte für die einschlägigen Qualitätsgazetten, Schiedsrichterexperten bzw. Regelkundler und nicht zuletzt für den frustrierten Verlierer aus Frankfurt einige Munition (für die strittigen Szenen des Bundesligaspieltags sei auf Collinas Erben verwiesen). Weit weniger in der Öffentlichkeit standen hingegen die beiden Strafstöße im DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen dem Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach, die aus einem besonderen Grund überaus interessant erscheinen. Ein Plädoyer für ein konsequenteres Eingreifen bei Vergehen im Zuge von Strafstoßausführungen und eine Erklärung dafür, wieso das bislang so selten geschieht.


Die souverän verwandelten Elfmeter bei HSV-Gladbach waren aus Schiedsrichtersicht interessant