Nachspielzeit (DFB-Pokal): Sokratis' Doppel-Gelb - ein Spiel um Macht und Autorität

13.2.17
Doppel-Gelb gegen denselben Spieler hat es in der jüngeren Bundesliga- bzw. Pokalgeschichte durchaus häufiger gegeben, zuletzt bspw. bei der Partie Ingolstadt gegen Leipzig, als Matthew Leckie für zwei verwarnungswürdige Vergehen in derselben Situation zweimal Gelb hintereinander sah. In Erinnerung blieb auch das DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Köln aus dem Februar 2010: Damals gab es gleich zweimal Doppel-Gelb für fortgesetztes Meckern inkl. abfälliger Gesten gegen die Geisböcke (s. Video). Fast auf den Tag genau sieben Jahre später reiht sich nun also Dortmunds Sokratis in diese unrühmliche Serie komplett unnötiger Platzverweise ein, als Schiedsrichter Deniz Aytekin ihn in der 119. Spielminute wegen Meckerns gleich zweimal verwarnte und folglich vom Platz stellte. Ein Rückblick auf den vielleicht kuriosesten Platzverweis der laufenden Spielzeit.


Was war passiert? Sokratis bekam einen direkten Freistoß zugesprochen, wollte den Tatort aber offensichtlich noch ein bis zwei Meter näher zum Strafraum verlegen. Mehr oder minder nachvollziehbar war daher das Verhalten der Herthaner, die sich demonstrativ vor den Ball stellten und so nicht nur eine schnelle Ausführung, sondern auch ein weiteres Verschleppen des Balls verhindern wollten. Korrekterweise wies der Unparteiische Sokratis an, den Ball zwei Meter weiter zurück zu legen, woraufhin dieser auf abfällige und respektlose Art und Weise zu gestikulieren begann.

In solch eindeutigen Fällen bleibt dem Schiedsrichter keine Wahl: Protestiert ein Spieler durch Worte oder Handlungen, so ist er zwingend zu verwarnen. Unparteiische sind grundsätzlich dazu angehalten, erste Anzeichen von eindeutigen Protesten kraft ihrer Persönlichkeit und, wenn nötig, über Disziplinarstrafen aus dem Spiel zu nehmen und so weiteren Protesten vorzubeugen.

Die Gelbe Karte war somit vollkommen gerechtfertigt. Angesichts des Ausmaßes an Respektlosigkeit, das Sokratis an den Tag legte, ist es ebenfalls verständlich, dass Aytekin ihm noch einige warme Worte mit auf den Weg gab. Als Sokratis selbst auf die eindeutige Ansage und Gestik, dass er „beim nächsten Mal fliegt“, erneut mit abfälliger und höhnischer Gestik reagierte, hatte Aytekin letztlich keine Wahl und musste ihn mit Gelb-Rot herunterstellen.

Diese Entscheidung hat natürlich gerade angesichts des Spielkontexts eine begrüßenswerte Strahlkraft: Schließlich wurde das Spiel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen frei empfangbar übertragen, genoss einen gewissen Stellenwert als Topspiel und erreichte somit ohne Zweifel eine breite Öffentlichkeit. Hier die Botschaft zu senden, dass Respektlosigkeit gegen Unparteiische nicht toleriert, sondern bestraft wird, kommt besonders den Wochenende für Wochenende aktiven Schiedsrichtern auf Amateurebene zu Gute. Eine solche top-down-verlaufende Signalwirkung vom Profifußball auf die unteren Ligen war zuletzt u.a. bei Felix Zwayers Kabinengang zu beobachten, als sich Leverkusen-Trainer Schmidt weigerte, auf der Tribüne Platz zu nehmen.


Regelkonform, aber vermeidbar?

Schiedsrichterentscheidungen kann man rückblickend grundsätzlich danach beurteilen, ob die finale Entscheidung korrekt bzw. konsistent war und welche prospektive Signalwirkung sie besaß. Wie oben ausgeführt, stellen beide Betrachtungsweisen den Platzverweis in ein überaus positives Licht.

Eine andere Betrachtungsebene beurteilt Schiedsrichterentscheidungen dahingehend, ob sie trotz regeltechnischer Korrektheit unter Umständen präventiv vermeidbar gewesen wäre und untersucht sie mit Blick auf Aktions-Reaktions-Schleifen. Dies ist gerade dann wichtig, wenn sich die Entscheidung nicht etwa auf ein alltägliches Foul bezieht, sondern sie sich eher auf der Beziehungsebene zwischen Schiedsrichter und Spieler abspielt.

Konkret könnte man allgemein fragen: War die Entscheidung seitens des Schiedsrichters präventiv vermeidbar? Hatte der Schiedsrichter einen Anteil daran, dass es so weit kam? Wie hätte sich der Schiedsrichter ggf. verhalten können, um es nicht so weit kommen zu lassen?

Aus psychologischem Blickwinkel sind diese Fragen vor allem deshalb hochinteressant, da gute Schiedsrichter sich selbst und solche einschneidenden Abläufe stets kritisch hinterfragen sollten.

Denn eines ist klar: Es kann keinesfalls der Wunsch von Aytekin gewesen sein, in der 119. Spielminute, die aus Schiedsrichtersicht brilliant verliefen, einen Spieler für eine derartige Aktion vom Platz zu stellen. Schiedsrichter möchten üblicherweise das Spiel und den Fußball in den Vordergrund stellen. Das gilt im Profifußball, wo die mediale Inszenierung deutlich mehr im Fokus steht, natürlich noch einmal mehr als auf Amateurebene.

Schließlich war das Spiel in dem Moment trotz der hohen Spannung eher davon geprägt, dass Krämpfe zunahmen, die Spielgeschwindigkeit deutlich verflachte und sich beide Teams mit dem Unentschieden nach 120 Minuten abzufinden schienen. Die Spielatmosphäre war also eher ruhig.

Schauen wir uns also den Situationsverlauf rückblickend an. Dazu können wir uns jeweils fragen, welche Handlungsmöglichkeiten sich dem Schiedsrichter zu jeweils verschiedenen Sequenzen der Situation eröffneten. Wir versetzen uns also jeweils in verschiedene Momente der Situation. Die folgenden Zeitangaben beziehen sich auf das folgende Youtube-Video.



4:47: Sokratis protestiert durch Handlungen, und zwar auf respektlose und abfällige Art und Weise. Aytekin muss ihn zwingend dafür verwarnen. Dafür hat er mindestens zwei Möglichkeiten: Entweder er läuft ihm hinterher und zeigt ihm mit energischer Körpersprache die Gelbe Karte oder er holt sich ihn heran, sichert seine Aufmerksamkeit, ermahnt ihn verbal auf deutliche Art und Weise und zeigt ihm dann die Gelbe Karte verbunden mit der Aufforderung, das nicht noch einmal zu tun. Aytekin entschied sich für die erste Möglichkeit. Da der griechische Innenverteidiger quasi auf der Ebene eines rebellischen und trotzigen Kindes agiert hat, ist dies verständlich. Denn hier galt es, Autorität zu zeigen und sich auf keine Diskussionen einzulassen. Demgegenüber stehen die ruhige Spielatmosphäre und Aytekins vorherige Spielleitung, die eher durch positive, wenn auch autoritäre Körpersprache und einen guten Draht zu den Spielern gekennzeichnet war.

4:50: Nach drei abfälligen Gesten verwarnt Aytekin Sokratis. Dieser läuft mit dem Rücken zugewandt davon, was während des Aussprechens einer Verwarnung grundsätzlich nicht ideal ist. Sokratis scheint sich allerdings beruhigt und mit der Szene abgeschlossen zu haben. Dem Unparteiischen bleiben hier wieder zwei Möglichkeiten: 1. Ihm noch Worte mit auf den Weg geben – womöglich hat er Sokratis dazu aufgefordert, sich umzudrehen, der dies aber nicht gemacht hat – und ihm ggf. klarzumachen, dass er beim nächsten Mal Gelb-Rot sieht oder 2. sich als Schiedsrichter nach dem Zeigen der Verwarnungskarte umdrehen und weggehen.

4:56: Aytekin entscheidet sich dafür, ihm mit einer klaren Gestik zu verdeutlichen, dass er beim nächsten Mal vom Platz gestellt wird. In dem Moment dreht sich Sokratis um und reagiert auf Aytekins Ermahnung erneut mit rebellischer, abfälliger und trotziger – später gar mit höhnischer – Gestik. Ab diesem Punkt bleibt dem Schiedsrichter nur noch eine Möglichkeit: Gelb-Rot.


Wie dargestellt, blieben Aytekin ab dem Moment bei 4:56 im Video keine Alternativen zum Platzverweis. Bei dem Versuch zu verstehen, wie die Situation vielleicht gar nicht so weit gekommen wäre, bzw. ob es elegantere Lösungen gegeben hätte, sind also die ersten beiden Zeitpunkte relevant.

Tendenziell erscheint die bei 4:47 gewählte Möglichkeit als die sinnvollere und verständlichere der beiden. Am ehesten können wir daher bei 4:50 ansetzen: Sokratis hatte sich mit der Verwarnung abgefunden. Er war das rebellische Kind, das seine gerechte Bestrafung erhalten hat. Die Frage ist nun, ob es taktisch clever war, Sokratis weitere Aufmerksamkeit zu schenken oder es nicht einfach dabei zu belassen.


Es ging in erster Linie um Macht und Autorität

Eines steht nämlich fest: Bei dem weiteren Situationsverlauf ging es aus psychologischer Sicht in erster Linie nicht um die Umsetzung des Regelwerks, sondern um Macht und Autorität. Es ging um die Frage, wer die Oberhand behält. Wer gewinnt und wer verliert. Durch seine „noch einmal und du fliegst“-Gestik hat der Schiedsrichter den Spieler ein Stück weit herausgefordert (Aktion), provoziert, vielleicht sogar ein erloschenes Feuer wieder entfacht (denn wie gesagt: Sokratis hatte mit der Szene abgeschlossen), worauf dieser wiederum mit weiteren abfälligen Gesten einstieg (Reaktion). 

Es bestand also eine klassische Win-Lose-Situation, aus der Sokratis mit seinem Temperament ebenso wenig als Verlierer hervorgehen wollte wie Aytekin, der dort nicht der Verlierer sein darf – denn sonst kann er seine zuvor untergrabene Autorität gleich begraben. Letztendlich hat sich der Referee durch die „noch einmal“-Gestik also selbst ein bisschen unter Zugzwang gesetzt. Da Schiedsrichter stets einen kühlen Kopf behalten und über den Dingen stehen sollten, war das rückblickend vielleicht nicht die allerbeste Idee.

Diese Überlegungen sind selbstverständlich nicht als Kritikpunkte, sondern vielmehr als Denkanstöße gemeint. Und sie sind mit zwei Einschränkungen verbunden: Erstens wissen wir, wie gesagt, nicht, was Aytekin Sokratis zuvor schon gesagt hatte bzw. ob es frühere Begegnungen der zwei Akteure gab. Zweitens weiß man hinterher alles besser - wobei hier nicht einmal zum Ausdruck kommen soll, dass eine andere Alternative zwangsläufig besser gewesen wäre. Diese Rückschauverzerrung wird allerdings dadurch abgemildert, dass die vorherige Analyse in der konkreten Situation mit den zu dem jeweiligen Zeitpunkt vorliegenden Umständen ansetzt - also quasi in die Situation hineingeht und sich in sie hineinversetzt - und die Dinge nicht aus einer allgemeinen Rückschau betrachtet.

Klar ist auch: In erster Linie ist hier Sokratis‘ einigermaßen unkluges Verhalten zu bemängeln. Jeder Spieler ist für sein Verhalten (und seine Dummheit) letztlich selbst verantwortlich. Das zeigen auch die Reaktionen der Beteiligten, inkl. Trainer Thomas Tuchel, die ausschließlich Sokratis rügten. Von der wichtigen, positiven Signalwirkung, die Aytekins konsequentes Vorgehen für untere Ligen hat und für die man ihm nur dankbar sein kann, mal ganz zu schweigen.

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