Nachspielzeit (22. Spieltag): Über Abseits, Absicht(en) und Effekt(e)

27.2.17
Aus Schiedsrichtersicht verlief der zurückliegende 22. Bundesligaspieltag erfreulich reibungslos und unauffällig. Dies änderte sich in der 52. Minute des Topspiels zwischen der Hertha aus Berlin und Eintracht Frankfurt und spätestens mit Lars Stindls kuriosem Handtor, das selbst unter (vermeintlichen) Experten unterschiedliche Einschätzungen nach sich zog. Diskussionen löste auch eine kürzlich erschienene Studie aus, die mit ihrem reißerischen Titel an Hoyzersche Zeiten erinnert.


Herthas 1:0 gegen Frankfurt irregulär?

In der 52. Minute des Topspiels mussten Schiedsrichter Sascha Stegemann und vor allem sein Assistent Frederick Assmuth gleich drei Entscheidungen binnen weniger Sekunden fällen (siehe Video 1 und Video 2).

1. Stand Kalou beim ersten Pass in die Tiefe im Abseits?

Die Zeitlupen zeigen, dass sich im Moment des Abspiels lediglich Kalous Hinterteil um wenige Zentimeter im Abseits befand. Durch gegenläufige Bewegungen ist dies für den Assistenten kaum zu sehen – hier die Fahne unten zu lassen, ist vollkommen in Ordnung und wird von Verbänden wie der UEFA in solch engen Szenen sogar empfohlen.

2. Wurde Kalou von Oczipka regelwidrig zu Fall gebracht?

Zeitlupen zeigen einen Kontakt am Fuß, wodurch Oczipka seinen Gegenspieler Kalou unabsichtlich, aber doch effektiv zu Fall brachte. Bei solchen Vergehen ist Absicht kein relevantes Kriterium. Denn Fahrlässigkeit liegt dann vor, „wenn ein Spieler unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht“ (Regel 12, S. 83). Da Ibisevic jedoch frei zum Schuss kam, wäre es vertretbar gewesen, wenn Stegemann hier einen Vorteil gegeben hätte (denn der ist bei Vergehen innerhalb des Strafraums wirklich nur dann zulässig, wenn sich eine offensichtliche Torchance als Vorteil ergibt). Die Reaktionen und fehlende Gestik des Schiedsrichters deuten darauf hin, dass er hier jedoch keinen Vorteil gegeben hat. Wahrscheinlicher ist, dass der Referee den Kontakt so nicht wahrgenommen hat – vielleicht auch deswegen, weil er durch ein unglückliches Ausweichmanöver in seinem Stellungsspiel ganz zu Beginn der Aktion an Tempo eingebüßt hat und somit nicht den allerbesten Sichtwinkel einnehmen konnte.

3. Griff Kalou beim Abstauber von Ibisevic aktiv ein?

Nachdem der Ivorer am Einschuss gehindert wurde, gelangte der Ball zu seinem Sturmpartner Vedad Ibisevic, der den Ball locker abstauben und am Torhüter vorbei ins Tor befördern konnte. Doch auch hier spielte Kalou eine zentrale Rolle: Er blieb nach seinem Sturz auf dem Boden liegen und behinderte somit im den Frankfurter Schlussmann Hradecki. Dieser musste mehr oder weniger über Kalou steigen, um den Winkel bestmöglich zu verkürzen. Dadurch kam er einen entscheidenden Bruchteil einer Sekunde zu spät und ließ die kurze Ecke offen, die Ibisevic prompt anvisierte. Wiederholungen zeigen: Kalou befand sich im Moment des Ibisevic-Schusses in einer Abseitsposition. Vorab: Dies zu erkennen, war für den Schiedsrichterassistenten aus mehreren Gründen sicher keine leichte Aufgabe.

Erstens blieb der Schiedsrichterassistent im Moment des Passes auf Kalou eher statisch und nahm nicht die nötige Geschwindigkeit auf, um auf Höhe des zweitletzten Verteidigers zu bleiben.  Auffällig ist auch, dass der Assistent mit einem Arm- bzw. Handzeichen angezeigt hat, dass keine Abseitsposition vorlag. Laut Offside Explained – einer auf die Abseitsthematik spezialisierten, von einem FIFA-Assistenten betriebenen und überaus empfehlenswerten Website – führen solche Armzeichen zu erheblichen Sprinteinbußen und sorgen letztlich dafür, dass Assistenten wertvolle Geschwindigkeit vergeuden. Im Moment des Schusses von Ibisevic war der Assistent gut 2 Meter von seiner vorgeschriebenen Position entfernt, was keinesfalls positiv zu einer korrekten und akkuraten Einschätzung einer potenziellen Abseitsposition beiträgt (Oudejans et al., 2005).

Zweitens lief der hintere Frankfurter Verteidiger sehr schnell in Richtung der Torlinie und befand sich ungefähr 0,3 Sekunden nach dem Schuss von Ibisevic schon näher an der Torlinie als Kalou. Hier kommt im Zusammenhang mit Abseitspositionen eine visuelle Verzerrung (der sog. Flash-Lag-Effekt) zum Tragen, der dafür sorgt, dass Menschen sich bewegende Objekte (Frankfurter Verteidiger) relativ zu statischen (Kalou) bzw. „aufblitzenden“ (Ballabgabe) Objekten zu einem bestimmten Zeitpunkt X (der Moment der Ballabgabe) weiter vorangeschritten wahrnehmen, als sie es tatsächlich sind (s. das folgende Video).



Ganz simpel formuliert heißt das: Für den Assistenten mag es zum Zeitpunkt der Ballabgabe folglich so ausgesehen haben, als sei der hintere Frankfurter Verteidiger in etwa auf gleicher Höhe mit Kalou oder als befände er sich sogar näher an der Torlinie (rot gestrichelte Markierung).

Durch den Flash-Lag-Effekt und das inakkurate Positionsspiel des Assistenten war die Abseitsposition von Kalou wohl ohnehin nicht wahrnehmbar - unabhängig davon, ob er aktiv wurde oder nicht. Dies zeigt die rot gestrichelte Linie, die die subjektiv wahrgenommene Abseitslinie aus den Augen des Assistenten darstellen soll. Natürlich wird er diese intuitiv ein wenig an sein Stellungsspiel korrigiert haben - spätestens bei solchen Korrekturversuchen kommt es aber zu Ungenauigkeiten.


Den Flash-Lag-Effekt können Sie / könnt Ihr hier selbst nachempfinden (lustigerweise benötigt die Darstellung den Flash-Player...). In der Darstellung markiert ein aufblitzender roter Punkt den Moment der Ballabgabe!

Mit den Themen Positionsspiel und Flash-Lag-Effekt im Kontext von Abseitsentscheidungen werden sich künftig auch separate, hier veröffentlichte Lehreinheiten beschäftigen.

Eine Abseitsposition allein ist allerdings noch kein Vergehen. Daher verlassen wir nun die Ebene der reinen Wahrnehmung und beschreiten die Ebene der Interpretation. Lag überhaupt ein aktives Eingreifen seitens Kalou vor?

Zu einem Abseitsvergehen kommt es nur dann, wenn ein Spieler in Abseitsposition zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler gespielt oder berührt wird, aktiv am Spiel teilnimmt und dort auf verschiedene Weise eingreift.

Gemäß IFAB-Zirkular Nr. 3 (2016) ist ein Spieler in Abseitsstellung u.a. dann zu bestrafen, wenn „(…) er eine offensichtliche Aktion ausführt, die die Möglichkeiten eines Gegners beeinträchtigt, den Ball zu spielen.“

Eine Beeinträchtigung bezieht sich laut IFAB „auf die (potenzielle) Möglichkeit eines Gegners, den Ball zu spielen und umfasst auch Situationen, in denen die Bewegung eines Gegners, um den Ball zu spielen, durch den Spieler in Abseitsstellung verzögert, behindert oder verhindert wird“.

Grundsätzlich müssen wir zwei verschiedene Szenarien unterscheiden.

Szenario 1: Hradecki wurde im Moment des Ibisevic-Schusses von Kalou in seinen Abwehrmöglichkeiten behindert.

Seine Bewegungsfreiheit wäre durch Kalou zwar erheblich verzögert und eingeschränkt worden, was für „aktiv“ spricht. ABER: Ob es sich beim an sich passiven „auf-dem-Boden-Liegen“ um eine „offensichtliche Aktion“ handelt, darf angezweifelt werden. Und die ist gemäß IFAB-Dokument entscheidend.

So meint auf Anfrage auch Johannes Gründel, Kolumnist für wahretabelle.de:
Das Wort "Aktion" - im englischen Originaltext noch viel mehr als im deutschen Regeltext - impliziert ein aktives Tun. Auch die anderen Varianten des Eingreifens setzen ein aktives Tun voraus, die Ausnahme ist dabei nur die Sichtbehinderung, die sich ja auch gerade durch ihre Untätigkeit auszeichnen kann. Daher erscheint es naheliegend, dieses Erfordernis der "Aktivität" auch bei der offensichtlichen Aktion anzuwenden. Ein bloß passives Liegen ist eben gerade keine "Aktion" (Lateinisch: agere "tun" - derselbe Wortstamm wie "aktiv").“

Szenario 2: Hradecki wurde im Moment des Ibisevic-Schusses von Kalou nicht mehr behindert.

Dies legt das Bildmaterial eigentlich nahe: Hradecki war über Kalou gestiegen, der sich zwar in einer Abseitsposition befand, aber kein Vergehen begangen hatte. Denn für ein Abseitsvergehen braucht es eine Ballberührung durch einen Mitspieler. Und diese erfolgte durch Ibisevic erst zu dem Zeitpunkt, als Hradecki bereits über Kalou hinübergestiegen war und seine Bewegungs- und Abwehrfreiheit wiedererlangt hatte. Kalou hatte ihn also vielleicht vorher behindert - aber da war es noch nicht relevant.

Beide Szenarien sprechen also dafür, dass hier kein strafbares Abseits vorlag. Die richtige Entscheidung wäre es demzufolge gewesen, das Tor als Ergebnis eines Vorteils in Folge des an sich strafstoßwürdigen Vergehens anzuerkenne. Ohne Zweifel lässt diese Szene aber breite Interpretationsspielräume zu.


Absicht vs Effekt bei Stindls Treffer

Auch in Ingolstadt sorgte eine besondere Form des Eingreifens für Gesprächsstoff. Nach einer Ecke beförderte Lars Stindl den Ball mit seinem Unterarm ins Tor (s. Video). Das Schiedsrichtergespann um Christian Dingert wertete dies offenbar als unabsichtliches Handspiel. Eine Erläuterung der Situation findet sich in der Spieltagsanalyse von Collinas Erben. Der von den 'Erben' vertretenen Auffassung hat Lutz Michael Fröhlich inzwischen widersprochen.



So richtig sicher schien sich Stindl beim Torjubel auch nicht zu sein...


Grundlegend für die Beurteilung von Handspielen erscheint hier der Hinweis darauf, dass Handspiele stets auf Ebene der Absicht beurteilt werden und der Effekt nur eine geringe oder gar keine Rolle spielt. Dies scheint sich dann zu ändern, wenn Tore durch allzu offensichtliche Handspiele erzielt werden (dazu später mehr).

Während bspw. bei der Klassifizierung der Schwere von Foulspielen in fahrlässig, rücksichtslos oder übermäßige Härte eher der Effekt des Vergehens entscheidend ist (z.B.: Auswirkung auf die Gesundheit des Spielers) und die Frage der Absicht eher irrelevant ist (siehe Matthew Leckies Kung-Fu-Tackle am vergangenen Wochenende), geht es bei der Beurteilung von Handspielen ausschließlich um die Frage, ob Absicht im Spiel war.

Erfahrungsgemäß ist eine absichtsorientierte Beurteilung von Vergehen oder Situationen stets schwieriger und mit mehr Interpretationsspielraum verbunden als jene Teile des Regelwerks, in denen rein effektorientiert zu beurteilen ist. Dies zeigt die Regeländerung bezüglich der sog. Dreifachbestrafung sehr eindrücklich: Bei Vergehen innerhalb es Strafraums, durch die eine offensichtliche Torchance verhindert wurde, besteht seit Juli 2016 die Möglichkeit, statt eines Platzverweises nur eine Gelbe Karte auszusprechen. Voraussetzung dafür ist ein ballorientierter Einsatz mit dem authentischen Versuch, den Ball zu spielen. Vor Juli 2016 war dies komplett irrelevant: Notbremse war Notbremse und somit Rot. Es wurde rein nach dem Effekt des Vergehens entschieden – nämlich der Vereitelung einer offensichtlichen Torchance.

Daher überrascht es auch bei Stindls Handspiel nicht, dass naturgemäß unterschiedliche Interpretationen aufkommen und sich auch Experten wie z.B. Thorsten Kinhöfer in der BILD (der das Handspiel zwar als unabsichtlich, das Tor aber dennoch als irregulär bewertet – hä?) oder Peter Gagelmann bei Sky (der zu Recht darauf hinweist, dass Stindl der Ball von dem Kopf eines Ingolstädters zunächst an seine Brust und erst dann an die Hand sprang) uneins.

Klar ist, dass Stindl den Ball zumindest aktiv ins Tor befördert hat. Aktiv in dem Sinne, als dass seine Hand den Ball in Richtung Tor steuert. Schaut man sich seinen missglückten Kopfballversuch in Gänze an, so merkt man allerdings, dass die Handbewegung typisch für eine Kopfballaktion war.

International ist indes ein klarer Trend dahingehend erkennbar, dass Tore, die durch Handspiele erzielt werden, eher abzupfeifen sind. Ein Paradebeispiel bietet das Kopfball-Hand-Tor von Neymar im Champions League Finale 2015 in Berlin, das durch das türkische Schiedsrichtergespann um Cüneyt Çakır aberkannt hat (s. Video 1, Video 2). Intern hat die UEFA dies später als vertretbare Entscheidung beurteilt. Ihr Argument: Die Fußballgemein-schaft möchte keine durch Handspiele erzielten Tore sehen. Daher greife hier die ungeschriebene Regel 18 – der Menschenverstand. Ob man der UEFA hier folgen muss und, muss jeder Verband und Schiedsrichter für sich beantworten.

Denn nicht nur auf den ersten Blick erscheint es nachvollziehbar, dass die Latte dafür, ein Handspiel als unabsichtlich zu werten, wenn daraus ein Tor erzielt wurde, ein Stück weit höher liegt als in anderen Situationen. Die Regeln sollten schließlich sinngerecht interpretiert werden - hier merkt Fröhlich nachvollziehbarerweise an, dass es schlicht kaum zu vermitteln ist, dieses Tor anzuerkennen. Genau das werden aber diejenigen anders sehen, die das fest verankerte Absichtsprinzip bei Handspielen nicht mal eben so ad acta legen wollen.

"Vertretbar" war die Entscheidung des Unparteiischengespanns in Ingolstadt – egal, ob man persönlich eher mit „regulär“ oder „irregulär“ sympathisiert.


Wissenschaftlich fragwürdige Studie

Das größte mediale Aufsehen im Zusammenhang mit Schiedsrichtern ereignete sich übrigens schon vor dem 22. Spieltag: In der vergangenen Woche ließ eine neue Studie der Universitäten Bielefeld, Pennsylvania und West Virginia aufhorchen. Ihr nicht zu dünn aufgetragener Titel: „Match Fixing and Sports Betting in Football: Empirical Evidence from the German Bundesliga“.

Der sich hinter dem Forschungsansatz (der übrigens schon Einiges über die grundlegende Einstellung der Autoren zu Schiedsrichtern verraten dürfte) befindende Vorwurf wiegt schwer: Vereinzelte Schiedsrichter werden mit erhöhtem Wettvolumen auf sog. Über- oder Unterwetten (mehr oder weniger als 2,5 Tore) in Zusammenhang gebracht. Aus mehreren Gründen erscheint die Studie mehr als fragwürdig.

1. Zweifelhafte Datenbasis

Die Datenbasis wirft einige Zweifel auf. In den untersuchten Spielzeiten von 2010/11 bis einschließlich 2014/15 wurden 1.530 Bundesligaspiele gespielt. Merkwürdigerweise wurden in der statistischen Analyse nur 1.251 Spiele berücksichtigt – also gerade einmal 82% aller Spiele. Die Autoren begründen leider an keiner Stelle, wieso die übrigen 279 Spiele nicht berücksichtigt wurden.

Seltsam erscheint auch die Darstellung der schiedsrichterspezifischen Daten auf Seite 17 ihres Papers (Tabelle 4). Demzufolge hätten 16 der 26 in dieser Zeit aktiven Schiedsrichter in den fünf untersuchten Spielzeiten mehr als 100 Spiele in der Bundesliga gepfiffen. Dies trifft jedoch nicht zu. Der einzige Unparteiische, der es in diesen Saisons jemals auf 20 Spiele pro Saison geschafft hat, ist Manuel Gräfe (20 Spiele in 2010/11). Alle übrigen Schiedsrichter brachten es maximal auf 19 Spiele pro Saison. Daraus folgt: 5x weniger als 20 Spiele macht nicht mehr als 100 Spiele.

Inwieweit die am Schulnotensystem angelehnten (und somit ordinal- statt metrischskalierten) aufgebauten Kicker-Noten nun der Inbegriff einer objektiven Leistungsbeurteilung sind (und vielleicht sogar statistische Modellannahmen verletzen), sei hier verziehen.

Bevor man sich mit möglichen Auswirkungen der Studie näher beschäftigt, müssten diese Dinge eigentlich eindeutig geklärt werden – denn ansonsten ist die Studie irrelevant. Prof. Deutscher, Erstautor der Studie, hat auf eine entsprechende diesbezügliche Anfrage von Schirilogie leider nicht reagiert.

2. Selektive Wahl der abhängigen Variable?

Will man mögliche Auffälligkeiten am Wettmarkt für einzelne Schiedsrichter untersuchen, so wäre die naheliegendste Lösung, die einfachen Wettquoten zu berücksichtigen. Dies haben die Autoren allerdings nicht getan – und zwar mit der Begründung, dass Über- oder Unterwetten subtilere und dadurch geeignetere Kandidaten möglicher Einflussnahmen seien. Das kann man so rechtfertigen und erscheint nicht unplausibel. Denkbar wäre auch, dass bei anderen Wettquoten bzw. Marktbereichen schlicht keine Auffälligkeiten zu finden waren und somit keine für die Autoren befriedigenden Ergebnisse herauskamen. Aber dies wäre natürlich reine Spekulation.

3. Keine Kausalaussagen möglich

Die verwendeten statistischen Modelle erlauben lediglich Wahrscheinlichkeitsaussagen und decken mögliche Zusammenhänge auf. Sie können aber keine Kausalitäten nachweisen, also keine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge belegen.

Die statistischen Modelle, die verwendet wurden, sind überdies ausreißeranfällig. Eine sog. Alphafehlerinflation steht ebenfalls im Raum – durch die dünne Darstellung des statistischen Vorgehens kann dies aber weder nachgewiesen, noch ausgeschlossen werden.
Bei der hohen Anzahl jeweils untersuchter Spiele sind zudem statistisch signifikante Ergebnisse häufiger zu erzielen. Interessanter wären daher Effektstärken – also Maße für die Größe gefundener Effekte. Dass die Autoren diese nicht angeben, ist überraschend: Schließlich gilt in der Forschung häufig „Signifikant, aber irrelevant“.

An mehreren Stellen weisen die Autoren zudem darauf hin, dass ihre Studie folglich auch nicht per se für Wettbetrug spräche. In einem Interview betont einer der Autoren daher: „Man beobachtet statistische Eigenschaften, die man auch erwarten würde, falls es Wettbetrug gäbe.“ Gemessen am reißerischen Studientitel, ist dies schon eine relativ kleinlaute und einschränkende Darstellung des Papers.

4. Keine Alternativerklärungen berücksichtigt

In welchen Spielen wird denn überhaupt verstärkt auf Über- oder Untertore gesetzt? Zum einen in Spielen, in denen womöglich ein Underdog zu Gast beim Tabellenführer ist. Zum anderen vielleicht in Spielen, die allgemein mehr im Interesse der Öffentlichkeit und Fußballfans stehen. Darunter fallen bspw. exponierte Spiele wie das Topspiel am Samstag Abend oder Derbies.

Die Erfahrung zeigt, dass es häufig dieselben Schiedsrichter sind, die diese Spiele pfeifen. Schiedsrichter werden eben nicht zufällig zu bestimmten Spielen angesetzt. Denn wenn jemand wie Manuel Gräfe oder Felix Brych überwiegend Topspiele mit höherem Interesse an Wettmärkten leitet, dann überrascht es nicht, dass die von ihnen geleiteten Spiele im Vergleich zu anderen nach Schiedsrichtern sortierten Spielen statistisch bedeutsam auffallen. Wäre dies ein Beleg oder auch nur ein leiser Verdachtsmoment für einen etwaigen Wettbetrug? Keineswegs. 

Eine zufällige Zuweisung zu Spielen wäre für die statistischen Modelle eigentlich maßgebliche Voraussetzung. Ganz am Ende der Studie heißt es in einem Satz, auf den dann nicht weiter eingegangen wird: „Referees are not totally randomly assigned to games“. Sieh an. Diese Annahme hätte man im Vorfeld und bei der Untersuchung berücksichtigen können und müssen, bevor man die Gruppe der Schiedsrichter semi-anonymisiert und auf statistisch wie konzeptionell fragwürdige Art und Weise unter Generalverdacht stellt. Wenn dies das Ziel der Autoren war: Glückwunsch, wahrscheinlich gelungen. Im Gegensatz zu Stindls Handspiel würden hier Absicht und Effekt Hand in Hand gehen...


Literatur

Oudejans, R. R. D., Bakker, F. C., Verheijen, R., Gerrits, J. C., Steinbrückner, M., & Beek, P. J. (2005). How position and motion of expert assistant referees in soccer relate to the quality of their offside judgments during actual match play. International Journal Sport Psychology, 36, 3–21.

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9 Kommentar/e
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Tolle Analyse, vielen Dank. Mir gefällt die Entwicklung im Bereich Tor-durch-Handspiel zwar nicht, aber man muss sich wohl mit ihr arrangieren. Gebe Fröhlich da schon Recht: Man kann es Fans nur schwer verkaufen. Ich glaube, dass Stindl gegen eine Annulierung des Tores auch wenig eingewendet hätte.

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Sehr gern und herzlich Willkommen!

Das stimmt. Stindls Reaktionen (auch in Interviews nach dem Spiel) ließen tatsächlich erahnen, dass er bei einem Pfiff wohl wenig bis gar nicht protestiert hätte. Eine interessante Frage wäre natürlich noch, ob bei diesem im Wortsinn (!) an sich nicht eindeutig absichtlichen, aber vielleicht dennoch strafbaren Handspiel Gelb hätte gegeben werden müssen. Den Regeln nach wäre das zwingend zu bejahen - Menschenverstand würde mir eher sagen, dass man Stindl dafür eigentlich kaum verwarnen kann (dies trifft auf die anderen Videolinks, z.B. Neymars Tor, allerdings noch mehr zu).

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Hab mich hier gerade ein bisschen reingelesen und muss sagen, dass es eine hochinteressante Seite ist.
In den Texten werden die komplexeren Dinge immer sehr verständlich erläuert - gefällt mir sehr gut!
Ich finde es bewundernswert, wieviel Zeit der Autor in das Schreiben dieser Artikel investieren muss. Hier kann man so einiges an Wissen mitnehmen.
Bitte weiter so!

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Moin!
Dank Collinas Erben hierher gefunden, sehr informativ, Danke schön.

#Kalou:
Ich meine, mich zu erinnern, dass es zu den Thema mal ne offizielle Aussage gegeben hätte, wie dieses passiv im Weg sein zu bewerten ist. Müsste im Rahmen der CL gewesen sein, als Kiessling(?) mal bei einem Torschuss im Weg stand und der Torwart dadurch nicht mehr an den Ball kam. Weiss aber nicht mehr, was dazu gesagt wurde, glaube aber, dass das durchaus als aktiv zählt.

Die Frage bei der Behinderung ist, wie die eigentlich genau definiert ist (hier: die Zeitdauer):
Ihr schreibt, "als Hradecki bereits über Kalou hinübergestiegen war". Das ist so nicht richtig, er war noch in der Luft, als die Ballabgabe erfolgte. Jetzt kommt es halt drauf an, ob die Behinderung dann noch als wirksam gilt, oder ob die schon mit dem Zeitpunkt des Übersprungs abgeschlossen ist (weil sich ab dann der Bewedgungsablauf durch den am Boden liegenden Spieler nicht mehr ändert)

#Studie:
Diese Tabelle wirkte bei mir auf den ersten Blick so, als ob man versucht hätte mehr Masse vorzugaukeln als tatsächlich vorhanden war (das mit <100 auch nur 6 gemeint ist, würde man auf Anhieb wohl nicht vermuten). Wenn die Zahlen aber tatsächlich auch noch falsch sind, wäre das wissenschaftlich wohl schon ein GAU.
Was auffälligerweise auch noch fehlt: Diese 13 Auffälligkeiten auf 5000 Beobachtungen (pro Spiel werden ja over UND under betrachtet) sind schon überaschend wenig (wenn man mal von den 95% Stanadardsignifikanzniveau ausgeht), entscheidend für jegliche Bewertung des ganzen ist aber: Wieviele von den 13 gewetteten Auffälligkeiten sind tatsächlich auch eingetreten? Wenn da nicht eine sehr hohe Übereinstimmung von Wettverhalten und Ergebnis vorliegt, bleibt von der Studie nicht mal mehr die berühmte heisse Luft über.

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Hallo MiMü,

gern. Auch an Dich herzlich Willkommen!

Zu Kalou: Da liegst Du richtig. Bei der von Dir angesprochenen Szene dürfte es sich um ein Tor von Wayne Rooney im Spiel ManU-Leverkusen unter der Leitung von Damir Skomina handeln. Damals hatte der auf der Linie stehende Angreifer Leno behindert.

Laut UEFA war dies damals abzupfeifen. Andere, ähnliche Videospiele für "impeding the goalkeeper" finden sich bspw. hier: https://vimeo.com/album/3292139/video/111610826

Guter Punkt, dass Hradecki im Moment des Schusses noch "landen" musste. Eines ist klar - die Szene ist alles andere als eindeutig, wodurch beide Entscheidungen vermutlich von SR-Beobachtern getragen werden. Die Änderungen im Bereich Abseits aus dem Juli 2013 haben noch immer ein wenig ihre Nachwirkungen, so dass hier selbst nach Zeitlupen noch Zweifel bestehen. Mal abwarten, wie die DFB SR-Zeitung das auflösen wird.

Zur Studie: Ja, das sehe ich genauso. Begründet wurde dieses <100, 100 oder >100 Vorgehen in der Tabelle 4 ja damit, dass dadurch angeblich die Anonymität der betroffenen SR erhöht werde. Aus meiner Sicht ist das Unfug. Dadurch gehen zudem wertvolle Informationen verloren (denn ob ein signifikantes Ergebnis bei einer Stichprobengröße von 9 oder 99 Spielen (beides wäre in der Studie <100) erzielt wird, ist schon ein riesengroßer Unterschied). Und wie gesagt: Selbst Gräfe hat ja nur einmal 20 Spiele erreicht. Selbst er landet also nach Adam Riese nicht bei 100 oder mehr Spielen. Übrigens ist mir bis jetzt auch schleierhaft, welcher SR denn eine Durchschnittsnote von 4.12 im Kicker über alle 5 Saisons hinweg erzielt haben soll.

Und ja. Wenn die Daten nicht stimmen, erübrigen sich alle weiteren Gedanken zu dieser Studie, weil sie dann der Erwähnung eigentlich kaum wert ist (und auch das Papier nicht, auf dem sie u.U. abgedruckt wird - es bleibt zu hoffen, dass Gutachter mit statistischer Ausbildung das verhindern werden).

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Hallo David, herzlich Willkommen und vielen Dank für die positive Rückmeldung. Ich werde mir Mühe geben! :) Liebe Grüße!

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Wenn 16 Schiedsrichter mehr als 100 Spiele pfeifen, dann sind das mehr als 1600 Spiele. Es gab in dem Zeitraum aber nur 1530 Spiele. Und davon wurden nur 1251 Spiele untersucht.

Der wdr hat diese Studie einem Gutachter vorgelegt. Wie kann das passieren?

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Wie kann das passieren? Gute Frage...
Ich vermute(!), dass jedes Spiel doppelt beobachtet wurde, einmal für over 2.5, einmal für under 2.5. Deshalb haben dann in der Datenbank die Schiedsrichter doppelt so viele Spiele geleitet als in der Realität. Käme (bis auf Nachkommastellen) ganz gut mit dem Mittelwert "96" hin (96*26=2496~2502=2*1251)
Aber sowas muss(!) beim Korrekturlesen auffallen, keine Frage.

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Das klingt sehr plausibel und wäre dann unter Umständen akzeptabel (nur halt sehr schlecht dargestellt) - wobei dann die Frage gestellt werden muss, ob eine Unabhängigkeit der Daten gewährleistet ist, was statistische Voraussetzung für die Regression wäre.

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