Nachspielzeit (21. Spieltag): Vier Augen sehen mehr als zwei - vor allem aus seitlichen Blickwinkeln

20.2.17
Auch wenn in dieser Spielwoche und ganz besonders an diesem Bundesligaspieltag die Debatte über das Thema Nachspielzeit dominierte (Hintergründe zur Nachspielzeit hier), so gab es aus Schiedsrichtersicht in einigen Spielen eine weitere bemerkenswerte Parallelität der Ereignisse. Was ein nicht gegebener Strafstoß bei Dortmunds Champions-League-Autritt in Lissabon, zwei verschossene Strafstöße in Hamburg und Mönchengladbach sowie der erste Platzverweis in Frankfurt gemeinsam hatten.

Vom Schiedsrichterassistenten 'überstimmt': Strafstoß für Hamburg


Schiedsrichterassistenten sind schon seit langem keineswegs mehr nur "Linienrichter", die lediglich Einwürfe, Eckstöße und Abstöße anzeigen sollen und nur im Extremfall vielleicht mal ein Foul signalisieren dürfen. Stattdessen handelt es sich in modernen Gespannen heute um nahezu gleichberechtigte Unterstützer des Schiedsrichters in vielen relevanten Bereichen der Spielleitung.

Ihnen kommt gerade im schnelllebigen Profifußball eine besondere Bedeutung zu, da dem Schiedsrichter trotz idealen Positionsspiels nicht immer alle Sichtkanäle und Blickwinkel zur Verfügung stehen, die zum akkuraten Treffen einer Entscheidung benötigt würden. Durch eine weitere visuelle Perspektive und einen anderen Sichtwinkel erhalten Referees von ihren Assistenten in vielen Situationen daher zusätzliche, im wahrsten Sinne des Wortes 'entscheidende' Informationen.

Dieser Umstand unterstreicht die Bedeutung, Schiedsrichter nicht nur als Individuen, sondern ihre Gespanne als Einheit, in der vertrauensvolles, effektives Teamwork maßgeblich zu erfolgreichen Spielleitung beiträgt, zu begreifen. Nicht umsonst steht Team häufig plakativ für 'Together Everybody Achieves More' eingesetzt.

Genau dieses Prinzip offenbarte sich in den oben angesprochenen und in der Folge analysierten Spielsituationen. Sie sind Musterbeispiele dafür, welch entscheidende Rolle Schiedsrichterassistenten durch ihre besondere 'Sicht auf die Dinge' spielen.


Borussia Mönchengladbach - RB Leipzig

Es lief die 44. Spielminute im Borussiapark. Nach einem hohen, langen Pass auf Lars Stindl war dieser gerade im Begriff, den Ball in der Höhe zu kontrollieren, als er von Leipzig-Verteidiger Marvin Compper unfair am Fuß getroffen wurde (s. Video). Wie Zeitlupen später belegten, ereignete sich der strafbare Kontakt an der Kante des Strafraums - und zwar genau auf der Strafraumlinie, so dass Schiedsrichter Felix Zwayer vollkommen zurecht auf den Punkt zeigte (denn gemäß Spielregeln gehört die Linie zum Strafraum).

Die eigentliche Entscheidung wurde jedoch von jemand anderem getroffen: vom 1. Schiedsrichterassistenten Thorsten Schiffner. Denn bei Entscheidungen der Kategorie 'Innerhalb vs Außerhalb' kommt es vor allem auf den Input des Assistenten an. Dieser befand sich zum Zeitpunkt des Kontakts - wie vorgeschrieben - auf ungefährer Höhe des zweitletzten Verteidigers und in diesem Fall daher auch glücklicherweise genau auf Höhe der Strafraumlinie. Durch seinen seitlichen Blickwinkel konnte er erkennen, dass der Kontakt auf der Strafraumlinie erfolgte. Sofort signalisierte der erfahrene FIFA-Assistent mit Fahnenzeichen, dass ein Foulspiel vorlag und bewegte sich zudem in Richtung der Eckfahne bzw. Torlinie. Dadurch und durch die zweifelsohne präzise Kommunikation über das Headset hat er seinem Chef auch die korrekte Spielfortsetzung (Strafstoß) übermittelt. So konnte Zwayer praktisch ohne zeitliche Verzögerung pfeifen und, noch viel wichtiger, direkt auf den Punkt zeigen, bevor Proteste oder Unklarheiten aufkeimen konnten. Nicht verwunderlich also, dass Zwayer nicht nur auf den Punkt, sondern seinem Assistenten Schiffner anschließend auch den Daumen zeigte. Dass der Elfmeter verschossen wurde, sollte den spielbeeinflussenden Charakter dieser vorzüglichen Teamarbeit nicht mindern.


Hamburger SV - SC Freiburg

Nicht ganz so sauber, aber ähnlich lief es auch in der Schlussphase des Spiels Hamburg gegen Freiburg. Beim Stand von 2:2 betrat Aaron Hunt den Freiburger Sechzehner und wurde schließlich von Torrejón gestellt. Daher drehte sich Hunt 180° um die eigene Achse und schien so in Rücklage zu geraten, so dass er schließlich über Torrejóns Beine stolperte (s. Video). So sah es zumindest zunächst aus. Und scheinbar auch für Schiedsrichter Christian Dingert, der mit der Gestik "Steh auf, war nichts" schnell andeutete, dass das für einen Elfmeterpfiff nicht ausreichte, und bereits auf dem Absatz kehrt machte, um sich in Richtung Mittelfeld zu bewegen. Ganz offenbar hat er dann jedoch von seinem 1. Assistenten Tobias Christ Informationen erhalten, die ihn dazu bewegten, seine Einschätzung zu ändern und auf den Punkt zu zeigen.

Die Zeitlupen waren leicht widersprüchlich: Aus zwei Blickwinkeln sah es tatsächlich so aus, als habe Hunt schlicht weg die Balance verloren. Die Zeitlupen, die das Geschehen von der Seite aus betrachten ließen, sprachen eine andere Sprache: Demnach befand sich Hunt zwar in leichter Rücklage - ursächlich für sein Fallen war aber womöglich ein fahrlässiger Kontakt von Torrejón, der Hunt mit seinem rechten Bein unten entscheidend touchierte. Das war so vermutlich nur für den Assistenten zu sehen, der eben - im Gegensatz zu Dingert - einen perfekten 90°-Sichtwinkel von der Seite hatte. Hier wäre der Schiedsrichter vielleicht gut beraten gewesen, sich nicht sofort festzulegen, sondern zuerst Informationen vom Assistenten her einzuholen (durch Augenkontakt und Headsetkommunikation). Erst abzuwinken und dann auf den Punkt zu zeigen, weckte unnötige Hoffnungen bei den Freiburgern, sorgte für Konfusion und führte vielleicht sogar zu stärkeren Protesten und größerem Unverständnis, als es hätte sein müssen. Wichtiger ist allerdings, ob am Ende die korrekte oder zumindest vertretbare Entscheidung stand. Und das war wohl der Fall - dank des guten Sichtwinkels und 'mutigen' Einschreitens des Assistenten.


Eintracht Frankfurt - FC Ingolstadt 

Ähnlich lässt sich auch erklären, wieso Schiedsrichter Guido Winkmann David Abrahams grobes Foulspiel, das an einen Kungfu-Tritt erinnert, akkurat einordnen und ahnden konnte (s. Video bei 0:24). Die gestreckte Sohle, mit der Abraham seinen Gegenspieler in der Taillengegend mit übermäßiger Härte und offensichtlicher Gesundheitsgefähdung traf, war in der Form vor allem der Seite zu erkennen. Winkmann war zum Geschehen etwa 20m entfernt und hatte keinen optimalen Blickwinkel (~ 20°) auf die Situation. Zwar konnte er das Vorliegen eines womöglich schwerwiegenden Foulspiels erkennen und somit auch schnell pfeifen. Dass er zuerst in seine linke Brusttasche gelangt hat und offenbar eine Gelbe Karte hervorholen wollte, schließlich aber Rot zeigte, lässt erahnen, dass er evtl. von seinem Assistenten Christian Bandurski entsprechende Hinweise erhalten hat.

Der Assistent befand sich nämlich genau auf Höhe des Vergehens, hatte freie Sicht und einen perfekten seitlichen Einblick in die Szene - und wie die Zeitlupen (bei 0:26 im Video) nahelegen, ist auch in diesem Fall eine seitliche Perspektive nötig, um die Schwere des Foulspiels angemessen einschätzen und sanktionieren zu können. Vielleicht war sich der Unparteiische selbst nicht sicher, ob das Foul mit Gelb oder Rot zu ahnden sei. In solchen Fällen ist es immer hilfreich, Informationen von den eigenen Teamkollegen zu erhalten und diese in die Entscheidung mit einzubeziehen. Im unspektakulärsten Fall werden Schiedsrichter von diesen Informationen nur noch zusätzlich in ihrer eigenen Wahrnehmung bestärkt, was positiv zu einem selbstbewussteren Verkaufen und Kommunizieren der Entscheidung beiträgt.


SL Benfica - Borussia Dortmund 

Dass dies nicht immer gelingt, zeigte die 40. Minute im Estádio da Luz: Beim Spielstand von 0:0 drehte Dortmunds Dembélé auf der rechten Außenbahn auf und versuchte trotz eines verunglückten Zuspiels den Ball noch zu erreichen. Verteidiger Lindelof verließ sich auf Benfica-Schlussman Ederson, der bereits im Begriff war, aus seinem Tor herauszukommen. Lindelof hatte Dembélés Geschwindigkeit jedoch unterschätzt, so dass der Dortmunder kurz vor dem Torwart an den Ball kam und ihn mit der Fußspitze spielen konnte. Ederson hatte indes schon ausgeholt, um den Ball in Richtung Tribüne zu schießen. Anstelle des Balls traf er nur Dembélé. Erstaunlicherweise blieb die Pfeife des WM-2014-Final-Schiedsrichters Nicola Rizzoli aus Italien stumm (s. Video).

Dass Dembélé zuvor gefoult wurde, hätte vor allem der Assistent von der Seite sehen können

Auch hier legten Zeitlupen nahe, dass sich der Kontakt wohl auf der Strafraumlinie ereignete, so dass Dortmund hier einen Elfmeter hätte bekommen sollen (s. 0:50 im Video). Manch einer wird sich zudem wieder einmal über "diese Torrichter" echauffiert haben, die ja zu nichts zu gebrauchen seien. Bei einer tiefergehenden Analyse der Situation zeigt sich, dass den zusätzlichen Schiedsrichterassistenten (Additional Assistant Referee, AAR) keine Schuld trifft.

Das Foul war auch in diesem Fall am besten von der Seite - idealerweise also aus einem 90°-Winkel, wobei hier auch weniger ausgereicht hätte - zu sehen (s. Screenshot hier). Keinesfalls zu sehen war dies aus einem kleinen Blickwinkel von einer Position hinter dem Torwart - aber genau die hatte der AAR. Für ihn muss das Ganze wie eine Kollision ausgesehen haben. Ob dabei ein strafbarer Kontakt vorgelegen hat, war für ihn höchstwahrscheinlich unmöglich zu erkennen, da er wohl kaum durch Ederson hindurch blicken konnte. Der Schiedsrichter war so weit entfernt und ungünstig positioniert, dass seine Sicht höchstwahrscheinlich blockiert war (wozu er aber durchaus selbst etwas konnte).

Den beschriebenen seitlichen Blickwinkel hätte insbesondere der 1. Assistent Elenito Di Liberatore gehabt, wenn er korrekt positioniert gewesen wäre (s. die Zeitlupe von der Seitenlinie). Doch das war er nicht. Auch nicht sein Chef Rizzoli. Beide schlossen mit der Szene offenbar in dem Moment ab, als Lindelof den Ball nicht weiter verfolgte und ihn seinem Torhüter überließ. Dass Dembélé durchziehen und dem Ball hinterherjagen würde, hatten beide Offiziellen wohl nicht auf dem Zettel. Nur so lässt es sich erklären, wieso Rizzoli, der gut 30m entfernt war, und vor allem sein Assistent ihre Laufwege vor dem Kontakt verlangsamten. Gerade der Assistent hätte eigentlich durchlaufen müssen, um auf der Höhe des zweitletzten Verteidigers zu bleiben. Hätte er dies getan, hätte er den nötigen seitlichen Blickwinkel gehabt, um das eindeutige Vergehen des Torwarts als solches zu erkennen und es Rizzoli rückzumelden. Erst dann hätte der AAR dabei helfen können, den genauen Ort des Vergehens zu identifizieren - denn dieser stand korrekterweise auf Höhe der zur Torlinie senkrechten Strafraumgrenze.

Diese Situation verdeutlicht noch einmal die Relevanz der Herstellung seitlicher Blickwinkel auf Spielsituationen und gleichermaßen auch die Notwendigkeit, selbst in unvorhergesehenen Situationen konzentriert zu bleiben. Dies spiegelt die UEFA-interne Phrase "Always expect the unexpected" - also: "Erwarte stets das Unerwartete" - prägnant wider.


Was Unparteiische aus diesen Szenen mitnehmen können

1. Im eigenen Positionsspiel stets versuchen, seitliche Blickwinkel herzustellen.

2. Bei Entscheidungen, in denen die Unterstützung durch einen Assistenten hilfreich sein könnte, den Kontakt zum Kollegen suchen (Augenkontakt, Handzeichen, Headset ...).

3. Das eigene Schiedsrichtergespann als Team begreifen, in dem alle Mitglieder zu korrekten Entscheidungen durch ihre jeweils verschiedenen, sich aber wertvoll ergänzenden Perspektiven beitragen können.

4. Als Schiedsrichter die eigenen Assistenten dazu ermutigen, exklusive Informationen, die nur sie wahrnehmen können, an sich weiterzuleiten und so Entscheidungen, die Assistenten aus ihrem Sicht- und Verantwortungsbereich sicher treffen können, herbeizuführen (Fahnenzeichen, Headset...).

5. Sich bei wichtigen Entscheidungen mit dem Assistenten - gerade wenn er gut und nah positioniert ist - vor dem Treffen einer Entscheidungen abstimmen, z.B. durch Augenkontakt oder auf Profiebene durch diskrete, elektronische Kommunikationswege.

6. Und, wie immer, stets das Unerwartete erwarten!



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