Nachspielzeit (19. Spieltag): Ein Spiel hat 90 Minuten. Mindestens.

6.2.17
Ein durch Schalkes Verteidiger vereitelter Siegtreffer in München, ein um nur wenige Zentimeter aberkannter Ausgleichstreffer in Dortmund und ein geglückter Lucky Punch in Augsburg - und all das in letzter Sekunde: Die Nachspielzeiten dieses Spieltags hatten es teilweise in sich. Grund genug, in der 2. Ausgabe der „Nachspielzeit“ eben genau diese unter die Lupe zu nehmen und eine aktuelle Forschungsarbeit zu dem Thema zu beleuchten.


Der Satz „Ein Spiel hat 90 Minuten“ taugt zwar zweifelsohne für das Doppelpass-Phrasenschwein, führt bei vielen Schalkefans aber vermutlich eher zu einem müden Lächeln. Denn manchmal sind es auch 94 Minuten, wie z. B. im legendären Meisterschaftsfernduell zwischen dem FC Bayern und dem S04 im Jahr 2001.

Daher wäre es nicht verwunderlich, wenn bei manchem Schalker böse und schmerzliche Erinnerungen aufkamen, als Schiedsrichter Marco Fritz (Korb) die Partie bei den Bayern einfach nicht abpfeifen wollte. Selbst dann nicht, nachdem Matija Nastasic den Ball im letzten Moment vor dem heraneilenden Koman ins Aus befördern konnte.

Zuvor hatte das in der 1. Halbzeit noch abwechslungs- und ereignisreiche Spiel deutlich an Fahrt verloren. Angesichts üblicher Wechselvorgänge und kleinerer Unterbrechungen entschied sich der Unparteiische im 2. Abschnitt nachvollziehbarerweise für eine vergleichsweise geringe bis moderate Nachspielzeit von zwei Minuten.

Gemäß der Spielregeln müssen Schiedsrichter verlorengegangene Zeit durch eine Nachspielzeit kompensieren, u.a. im Falle von Auswechselungen, Verletzungen, Disziplinarmaßnahmen oder Zeitschinden.


Wissenswertes zur Nachspielzeit

·       Die Länge der anzuzeigenden Nachspielzeit liegt im Ermessensbereich des Schiedsrichters.

·       Als Richtwert gibt die UEFA bspw. 30 Sekunden bzw. 1 Minute Zuschlag für „normale“      
      Vorgänge wie z. B. Wechsel oder Tore an. Bei außergewöhnlich langen Vorgängen sollte die 
      exakte Summe der verlorenen Sekunden nachgespielt werden.

·       Die Nachspielzeit, die der Schiedsrichter durch seinen 4. Offiziellen anzeigen lässt, ist dabei
      stets eine Minimalgrenze: Das Spiel darf folglich erst nach der angezeigten Nachspielzeit      
      abgepfiffen werden.

·      Ein Maximum ist die angezeigte Nachspielzeit allerdings nicht. Sie darf und sollte im Falle     
      weiterer Unterbrechungen während der laufenden Nachspielzeit ausgeweitet werden. Ein    
      Spiel hat somit nicht 90, sondern 90+X+Y Minuten, wobei X = die festgelegte Nachspielzeit
      und Y = die Zeit ist, die während der laufenden Nachspielzeit durch Unterbrechungen
      verloren geht.

·     Die Nachspielzeit wird nicht durch den 4. Offiziellen festgelegt. Sie ist auch keine
     "Empfehlung" des 4. Offiziellen, wie einige Kommentatoren irrtümlich behaupten.
      Der Schiedsrichter legt sie fest.


Punkt 4 kam hier zum Tragen. Fast genau zum Ende der regulären Spielzeit prallten Bayern-Verteidiger Mats Hummels und Schalkes Benedikt Höwedes mit den Köpfen zusammen und benötigten medizinische Behandlung. Diese beanspruchte insgesamt zwei Minuten und fand auf dem Spielfeld statt, so dass das Spiel während der Zeit nicht fortgesetzt werden konnte.

Marco Fritz weitete die Nachspielzeit daraufhin aus und hat das Spiel – sicher in Abstimmung mit dem 4. Offiziellen – deshalb erst nach 90+4:20 Minuten abgepfiffen, was die Schalker Seele sicher noch einige Momente zittern ließ, aber absolut regelkonform war.

Ähnlich verhielt es sich wenige Stunden später in Dortmund. Schiedsrichter Tobias Stieler (Hamburg) wählte nach intensiven 90 Minuten, in denen die Borussen wiederholt einige Sekunden von der Uhr verstreichen ließen, eine Nachspielzeit von drei Minuten. Als sich diese ihrem Ende näherte (bei 90+2:50), sah Dortmund-Angreifer Aubameyang eine Gelbe Karte wegen Zeitschindens (Ballwegschießen) im Zuge eines Freistoßes für Leipzig. Diese Zeit hat Stieler selbstverständlich „obendrauf gepackt“ und den Leipzigern die Ausführung des Freistoßes und einen letzten Angriff ermöglicht – der zum vorübergehend umjubelten Ausgleichstreffer führte. Allein das notwendige Quentchen Glück und gute Auge des Schiedsrichterassistenten Sascha Thielert, der die vermutlich vorliegende, hauchdünne Abseitsstellung von Palacios erkannt hatte, machten dies zunichte (angemerkt sei, dass die Bilder durch die verzerrte Kameraperspektive nicht 100% klären können, ob er damit richtig oder falsch lag - auf jeden Fall rettete er damit seinem Chef, dessen übersehener Eckstoß vor der Abseitssituation von Tuchel und Co. im Falle eines 1:1 vermutlich medial wirksam ausgeschlachtet worden wäre, damit den Allerwertesten.).

Den Schlusspunkt machte in diesem Zusammenhang die Partie Augsburg gegen Bremen. Mit einem 2:2 hätten beide Seiten vermutlich gut leben können. In der 2. Minute der Nachspielzeit wechselten die Werderaner noch einmal aus, wodurch etwa 35 Sekunden verstrichen. Schiedsrichter Dingert (Lebecksmühle) hatte drei Minuten Nachspielzeit signalisieren lassen und durchaus die Gelegenheit, nach exakt 180 Sekunden abzupfeifen, da sich der Ball zu dem Zeitpunkt in der neutralen Zone befand. Er hat es nicht getan und stattdessen den Augsburger Angriff durch Bobadilla, der letztlich zum Torerfolg führte, korrekterweise zugelassen. Der Augsburger Stürmer scheint bei dem Pass allerdings hauchzart im Abseits gestanden zu haben, was für den Assistenten durch gegenläufige Bewegungen und dem sog. "Reverse Flash Lag Effect" (bald mehr dazu) aber verdammt schwierig zu sehen war.

Die drei Spiele verdeutlichen noch einmal: Nachspielzeiten können Spiele maßgeblich beeinflussen oder gar entscheiden, weshalb sich Schiedsrichter um eine passende Anzahl der nachzuspielenden Minuten sowie eine konsistente Ausweitung der Nachspielzeit bei Spielunterbrechungen, die während ihr auftreten, bemühen sollten.


Werden höher positionierte Teams bei der Nachspielzeit bevorteilt?

Manch einer könnte nun behaupten: Egal ob berechtigt oder unberechtigt - Schiedsrichter lassen doch einfach immer so lang spielen, bis Bayern, Leipzig oder per se das bessere, höherklassige oder reputiertere Team den Sieg- oder Ausgleichstreffer erzielt hat. 

Der spanische Sportwissenschaftler Carlos Lago-Peñas und seine Kollegin Maite Gómez-López haben sich der Klärung dieser Frage angenommen und dazu Daten aus der La Liga Saison 2014/15 zusammengetragen. Konkret vermuteten sie zwei Effekte.

Zum einen nahmen die Autoren an, dass die Höhe der Nachspielzeit vor allem von der Tordifferenz zwischen beiden Teams – also dem Spielstand – abhängt. Demnach sollten Schiedsrichter in engen Spielen (z. B. bei einem Stand von 1:0 oder 1:1) zu höheren Nachspielzeiten neigen als in Spielen, die zum Ende der regulären Spielzeit mit einem hohen Torabstand bereits entschieden waren (z. B. ein 3:0 für das Heimteam). Zum anderen vermuteten sie eine systematische Bevorteilung von höherklassifizierten Teams (also Mannschaften, die zum Zeitpunkt des Spiels in der Tabelle höher positioniert waren): Demzufolge – so die Hypothese – sollten Schiedsrichter in engen Spiel dann mehr Minuten nachspielen lassen, wenn das höherklassige Team zurückliegt, und weniger Minuten nachspielen lassen, wenn das höherklassige Team führt.

Die Ergebnisse der Forscher unterstützten beide Hypothesen. Der Zusammenhang zwischen der Tordifferenz bzw. dem Spielstand und der Höhe der Nachspielzeit ließ sich durch eine umgekehrte U-Funktion beschreiben   (s. Abbildung).

Abb.: Ungefährer Zusammenhang zwischen Tordifferenz und Nachspielzeit

Dies kann intuitiv dadurch erklärt werden, dass in entschiedenen Spielen a) niemand eine Nachspielzeit will und b) höhere Nachspielzeiten die Gefahr bergen, dass es zu unerwünschten Effekten wie Frustfouls und einem dadurch höheren Verletzungsrisiko für die führende Mannschaft kommt.

Aus Schiedsrichtersicht bestätigte sich leider auch die zweite Annahme der Autoren: Unparteiische vergaben dann deutlich mehr Nachspielzeit, wenn in der Tabelle höher positionierte Teams zurücklagen, als wenn diese führten. Diese Unterschiede wurden statistisch signifikant, d.h. die Wahrscheinlichkeit, dass dies auf den Zufall zurückgeführt werden kann, ist extrem klein.

Die einfachste Interpretation des letztgenannten Befundes lautet: Schiedsrichter favorisieren größere Teams. Studien, die das oder Ähnliches nahelegen, existieren zuhauf (z.B. Boyko, Boyko & Boyko, 2007; Feess, Müller & Bose, 2016). Allerdings eint sie eine Schwäche: Logische Alternativerklärungen blieben überwiegend unbeleuchtet.

Es könnte nämlich sein, dass schwächere Teams grundsätzlich mehr Anstalten machen, ihren knappen Vorsprung über die Zeit zu bringen und zu diesem Zweck - gerade angesichts der bekannten Taktiken spanischer Teams - auch auf Methoden des Zeitschindens zurückgreifen. Dies könnte durch Schiedsrichter vermehrt mit einer höheren Nachspielzeit bestraft worden sein. Demgegenüber haben es die höher gerankten Teams womöglich nicht nötig, ihren eigenen knappen Vorsprung mit Hilfe von Unsportlichkeiten oder zweikampfbetonter Spielweise ins Ziel zu bringen: Stattdessen erscheint es logisch, dass diese Teams den Ball sicherer in den eigenen Reihen halten, was keinen Effekt auf die Nachspielzeit hätte. Ob eine Berücksichtigung solcher Alternativinterpretationen etwas an den Ergebnissen der spanischen Studie ändern würde, kann an dieser Stelle natürlich nicht überprüft werden.

Für das vergangene Wochenende gilt in jedem Fall: In puncto Nachspielzeit war in München, Dortmund und Augsburg alles in Ordnung.


Rückblick

Letzte Woche stand das Thema "Die richtigen Spieler im Auge behalten" im Fokus der 'Nachspielzeit'. Je ein Positivbeispiel und ein Negativbeispiel ereigneten sich gestern im Spiel Frankfurt gegen Darmstadt...


Literatur

Boyko, R. H., Boyko, A. R., & Boyko, M. G. (2007). Referee bias contributes to home advantage in English premiership football. Journal of Sports Sciences, 25(11), 1185–1194.

Feess, Müller & Bose (2016). Does status leads to biased judgments? Evidence from professional soccer. Unveröffentlichtes Paper.

Lago-Peñas, C. & Gómez-López, M. (2016). The Influence of Referee Bias on Extra Time in Elite Soccer Matches. Perceptual and Motor Skills, 122(2), 666-677.

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