Lehreinheit Nr. 2: Führungsfigur Fußballschiedsrichter - Über Nähe, Distanz und Balance in der Spielleitung

9.2.17
Fußballschiedsrichter sind Führungspersonen auf dem Fußballplatz. Von ihnen wird erwartet, Spieler und Teamoffizielle zu führen, Autorität auszustrahlen und die nötige Akzeptanz ihrer Entscheidungen und Person herbeizuführen. Doch wie kann dies gelingen? Wovon hängt es ab, wie ich als Schiedsrichter führe, welchen Stil ich wähle? Diesen Fragen widmet sich die Lehreinheit Nr. 2 unter Mitarbeit von Alex Feuerherdt, Lehrwart im Fußballkreis Köln und Mitbetreiber des Schiedsrichter-Podcasts Collinas Erben.

Schiedsrichter führen die Spieler nicht nur auf das, sondern auch auf dem Spielfeld


Vorüberlegungen 

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Führung im Zusammenhang mit Fußballschiedsrichtern ist aus mehreren Gründen relevant und nötig.

1. Rolleninterpretation als Spielleiter

Wie in der Lehreinheit Nr. 1 gezeigt wurde, erstreckt sich eine gelungene Schiedsrichterleistung nicht nur auf die reine Anwendung des geltenden Regelwerks, sondern vielmehr auch auf Aspekte der Regelauslegung und des Game-Managements. Demnach interpretieren Fußballschiedsrichter ihre Rolle als die eines Spielleiters. Überfachliche Qualitäten, die Schiedsrichter in ihrer Tätigkeit unterstützen, verdienen daher besondere Beachtung.

2. Definition von Führung

Führung ist die "bewusste und zielbezogene Einflussnahme" auf Personen (von Rosenstiel, 2009). Diese prägnante Definition von Führung trifft ziemlich genau den Kern dessen, was Schiedsrichter über die reine Regelanwendung hinaus leisten müssen: Sie koordinieren die auf dem Platz bestehenden sozialen Interaktionen auf ein übergeordnetes Ziel hin, wie z.B. Fairplay sicherzustellen oder die Gesundheit der Spieler zu schützen. Dabei hilft ihnen ihre per Regelbuch verliehene Weisungsbefugnis und nahezu uneingeschränkte Entscheidungs- und Handlungsgewalt. Hier zeigen sich bereits Parallelen zu Führungskräften im betrieblichen Kontext.

3. Amtsautorität zählt heute weniger

Mit Weisungsbefugnis allein ist es allerdings - ähnlich wie in Unternehmen - nicht getan. Die Zeiten, in denen Schiedsrichter ausschließlich durch ihre formale Amtsautorität als Verbandsvertreter Respekt und Anerkennung genossen haben, sind vorbei. Die nötige Akzeptanz müssen sich Schiedsrichter heute über ihre persönlichen Qualitäten mehr und mehr verdienen, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass jüngere Generationen von Autoritäten getroffene Entscheidungen in allen Teilen der Gesellschaft stärker hinterfragen. Moderne Spielleitungen erfordern daher wirkungsvolle Führungsqualitäten.

4. Führungsqualitäten als Wettbewerbsvorteil

Der Professionalisierungsgrad im Schiedsrichterwesen hat über die letzten Jahre enorm zugenommen, und zwar nicht nur auf höchster Ebene. Webbasierte Tools, in denen bspw. Spiele und strittige Situationen nachträglich in Coachings analysiert werden können, gehören ab einem gewissen Spiellevel heute ebenso zur Tagesordnung wie künftig der Videobeweis im Profifußball, der im Idealfall dazu beitragen kann, dass sich die Entscheidungsqualität in schwierigen Situationen zwischen unterschiedlichen Schiedsrichtern angleicht. Auch im Bereich Fitness herrscht heute eine relativ hohe Leistungsdichte. Wenn viele Bereiche schiedsrichterlicher Exzellenz qualitativ immer gleicher werden, so verbleiben im Umkehrschluss nur wenige Bereiche, die dadurch umso erfolgskritischer werden und ins Gewicht fallen.

Dies gilt insbesondere für Aspekte der Spielleitung, Persönlichkeit und Führung. Gut führen zu können, sich kraft der eigenen Persönlichkeit Akzeptanz zu verschaffen und ein Spiel gut zu "managen", hat also das Potenzial eines "Wettbewerbsvorteils", der sehr gute Schiedsrichter von guten Schiedsrichtern unterscheidet.


Verschiedene Betrachtungsebenen 

Da es sich bei personaler (bzw. schiedsrichterlicher) Führung um ein komplexes Feld handelt, existieren für eine nähere Betrachtung mehrere Ansatzpunkte. Diese werden im Folgenden dargestellt und auf den Schiedsrichterbereich übertragen.


Führungsperson

Die personenbezogene Betrachtung von Führung versucht die Frage zu beantworten, welche Eigenschaften eine gute Führungsperson besitzen sollte. Wichtige Aspekte hierbei sind:

Die Persönlichkeitsstruktur

Metaanalysen - das sind Studien, die die Ergebnisse von einer Vielzahl vorheriger, inhaltsähnlicher Studien zusammenfassen - zeigen: Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale korrelieren mit Führungserfolg. Demnach kennzeichnet gute Führungspersonen vor allem Extraversion, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität (Judge, Bono, Ilies & Gerhardt, 2002).

Persönliche Erfahrungswerte

Nicht zu unterschätzen ist auch die Bedeutung persönlicher Erfahrungswerte. Hat bspw. ein Schiedsrichter die Erfahrung gemacht, dass er mit einem eher strengen Auftreten mehrheitlich bessere Resultate erzielt, so wird er sich wahrscheinlich auch künftig für einen solchen Stil entscheiden. Dass hierbei auch Risiken bestehen, wird später thematisiert.

Charismatische Führung

Ein Sonderfall der Führungsforschung ist die sog. charismatische Führung. Charisma ist schwierig zu definieren, wird aber weithin als eine außeralltägliche Qualität einer Persönlichkeit mit übermenschlichen, nicht jedem zugänglichen Kräften aufgefasst (vgl. Weber, 1947). Charismatische Führung erzeugt bei Geführten vor allem Respekt und Vertrauen. Populäre Beispiele für charismatische Schiedsrichter sind u.a. Pierluigi Collina, Howard Webb, Nicola Rizzoli oder Mark Clattenburg. Das Problem bei charismatischer Führung ist: Entweder man hat Charisma oder man hat es nicht. Man kann es nicht wirklich erlernen und umso weniger greifen.

Grundsätzlich hat die Führungsforschung über die letzten Jahrzehnte erkannt, dass eine Betrachtung der Führungsperson allein nicht ausreicht, um den Bereich der Führung zufriedenstellend zu beschreiben.


Führungsverhalten

Das leitende Ziel der verhaltensbezogenen Betrachtungsebene lautet: Welches Verhalten ist das richtige, um Führungserfolg zu erzielen?

Hier spielen vor allem Führungsstile eine Rolle. Entsprechende Konzepte existieren in der Personalpsychologie seit Jahrzehnten. Häufig kennzeichnet sie eine Trennung von mitarbeiterorientierten sowie aufgabenorientierten Ausrichtungen.

Überträgt man die in der Führungs- und Erziehungsforschung etablierten Stile auf den Schiedsrichterkontext, so ergeben sich folgende Schiedsrichterstile:

Autoritärer Stil (der 'Diktator'): Führungspersonen, die autoritär führen, zeigen wenig bis keine emotionale Nähe zu ihren Geführten. Es herrschen klare Erwartungen und Vorgaben. Autoritäre Schiedsrichter zeigen daher eine strikte und klare Linie, die sie konsequent einhalten. Empathie und interpersonale Nähe spielen hier keine Rolle. Es geht ausschließlich darum, Autorität auszustrahlen, Kontrolle auszuüben und durch hartes Durchgreifen - quasi als Richter Gnadenlos - für Gehorsam zu sorgen. Dies wird durch eine strenge, energische und tendenziell negative (im Sinne von "unnahbare") Körpersprache unterstützt. Dieser Stil wirkt sich im beruflichen Kontext in der Regel negativ auf die Zufriedenheit und Akzeptanz der Geführten aus, hat allerdings nicht zwingend schädliche Auswirkungen auf den Führungserfolg.

Autoritativer Stil (der 'Gleichgewichtskünstler'): Führungspersonen, die autoritativ führen, kennzeichnet zwar ebenfalls eine deutliche Regelgeleitetheit und Kontrollausübung, aber auch Elemente der Empathie und interpersonalen Nähe. Neben einer moderaten Linie, die sowohl durchgreifend, als auch Spielräume zugestehend wahrgenommen wird, und dem Einfordern von Akzeptanz zollen autoritative Schiedsrichter den Spielern Respekt, drücken ihre generelle Wertschätzung aus und bewegen sich auch auf kommunikativer Ebene. Unterstützt wird dieser Balanceakt zwischen Milde und Strenge, zwischen Distanz und Nähe durch eine empathische, aber dennoch energische Körpersprache. Hierbei sind sowohl positive Leistungseffekte als auch positive Auswirkungen auf die Geführtenzufriedenheit und -akzeptanz zu erwarten.

Kooperativer Stil (der 'Spielerfreund'): Schiedsrichter, die kooperativ führen, präsentieren sich eher als (Ansprech-)Partner und Freund der Spieler, der ihnen Freiräume durch eine lange Leine zugesteht und emotional "nah dran" ist. Dies bedeutet allerdings nicht, dass potentielle Vergehen nicht geahndet würden. Allerdings kennzeichnet kooperative Schiedsrichter eine eher großzügige Linie, die auf Ermahnungen statt auf schnelle Verwarnungen setzt. Unterstützt wird dies durch eine offene, positive Körpersprache. Dieser Stil wirkt sich in der Führungsforschung vor allem positiv auf die Zufriedenheit und Akzeptanz der Geführten aus.

Laissez-faire-Stil ('Der Passive'): Führen, ohne zu führen. Dies meint der sog. Laissez-faire-Stil. Prävention und Intervention spielen hier keinerlei Rolle. Die Führungsperson wird kaum bis gar nicht aktiv und verbleibt in einer passiven Rolle. Dieser Stil weist mit Abstand die schädlichsten Auswirkungen auf Führungseffektivität und -erfolg aus (vgl. Judge et al., 2002) und sollte von Schiedsrichtern zu keiner Zeit gewählt werden.



Bei den dargestellten Stilen handelt es sich um Typologien, d.h. Extremausprägungen, die natürlich so 1zu1 nicht exakt vorliegen müssen. Stattdessen können Schiedsrichter Elemente von mehreren Stilen in ihrer Spielleitung vereinen oder sich zwischen zwei Stilen bewegen, also gewissermaßen ein Punkt irgendwo auf dem Koordinatensystem sein.


Führung wird durch Aspekte der Kommunikation, Körpersprache und räumlichen Nähe unterstützt ...


Sonderfall Symbolische Führung: Symbolische Führung meint, dass eine Führungsperson durch gezielte, eine Signalwirkung besitzende Handlung Fakten schafft und dadurch symbolhaft das Verhalten der Geführten beeinflusst. Ein Beispiel aus der Berufswelt wäre z. B. ein DAX-Vorstand, der im Frankfurter Konzerntower seine Büroräume natürlich nicht in der 1., sondern in der obersten Etage hat und somit das Hierarchie- und Autoritätsempfinden seiner Geführten beeinflusst. Im Schiedsrichterbereich zeigen sich solche Muster besonders dann, wenn spiellenkende Entscheidungen mit präventivem Signalcharakter getroffen werden, also z. B. dann, wenn der Schiedsrichter bei einem knappen Spielstand die ersten Anflüge von Zeitschinden frühzeitig sanktioniert und somit die Message "Zeitschinden wird nicht toleriert" an alle Spieler sendet.

Die Wahl des Stils zeigt sich u.a. in

- dem Ausmaß von Nähe bzw. Distanz zu den Spielern auf interpersonaler Ebene
- der Körpersprache (empathisch, energisch ...)
- der gewählten Linie (Milde vs Strenge)
- dem Ausmaß der Spielkontrolle
- der Außenwirkung
- dem Grad der Akzeptanz durch die Spieler, Teamoffiziellen und Zuschauer

Aber wovon hängt die Wahl des Stils überhaupt ab? Wovon sollte sie abhängen?

Die Führungsforschung beantwortet die Frage, welcher Stil der richtige ist, wie folgt:

Es kommt drauf an! 

Gefragt sind demnach Führungspersonen, die ihren Stil flexibel an bestimmte oder sogar veränderte Personen- und Situationsanforderungen anpassen können. Konkret geht es also darum, die gesamte Klaviatur der oben dargestellten Stile (mit Ausnahme des Laissez-faire-Stils) zu beherrschen, den zur Situation passenden Stil zu wählen sowie eine angemessene Balance zwischen empathischer Nähe und energischer Autorität je nach Situation und Spieler herzustellen. 


Personen- und Situationsanforderungen

Das sog. Rahmenmodell personaler Führung veranschaulicht die komplexen Zusammenhänge zwischen Führungsperson, Führungsverhalten sowie Situations- und Personenanforderungen.



Das Modell zeigt:

1. Das Führungsverhalten hängt von den Eigenschaften der Führungsperson ab.

2. Das Führungsverhalten bestimmt das Verhalten der Geführten - und umgekehrt.

3. Das Geführtenverhalten bestimmt den Führungserfolg.

4. Führungserfolg ist schwierig zu erfassen, kann sich aber bspw. in der Akzeptanz der Geführten oder einem hohen Kontrolllevel zeigen.

5. All diese Zusammenhänge hängen jedoch von der Führungssituation ab. Sie wirken in unterschiedlichen Situationen also auf unterschiedliche Art und Weise.

Das heißt für die Praxis:

1. Situationsangemessen führen.

2. Personenangemessen führen.

3. Persönliche Einstellungen, Vorlieben und Erfahrungswerte nicht über die Bedarfe der Situation und Geführten stellen.

4. Flexibel sein und den eigenen Führungsstil an situative Gegebenheiten anpassen, ohne unberechenbar zu werden.

Idealerweise verfügt ein Schiedsrichter hinsichtlich seines Stils also über ein breites Repertoire, das er sowohl personen- als auch situationsbezogen, also flexibel anzuwenden versteht. Hierbei spielt auch der Hintergrund eines Spiels (man denke an Revierderbies) und der der Spielkontext (z. B. der Zeitpunkt im Spiel) eine Rolle.

In einem brisanten Derby kann ein autoritäres Auftreten von Beginn an für die nötige Ruhe und Akzeptanz sorgen. In einem Freundschaftsspiel kann es dagegen durchaus ratsam sein, den Spielern zunächst eine lange Leine und somit gewisse Freiheitsgrade einzuräumen - um dann aber z. B., wenn nötig, seinen Stil an härtere Vergehen anzupassen und mehr Strenge zu zeigen.

Es geht darum, situationsangemessen zu führen - und manchmal auch hart durchzugreifen


Auch der jeweils aktuelle Spielabschnitt ist entscheidend: Wie energisch ein Schiedsrichter durchgreift, hängt beispielsweise davon ab, ob gerade die 10. oder 80. Minute läuft. Dies zeigt sich u.a. darin, dass zu Beginn eines Spiels im Schnitt weniger Gelbe Karten ausgesprochen werden, als es statistisch zu erwarten wäre (Unkelbach & Memmert, 2008).

Welcher Schiedsrichterstil passend ist, hängt aber auch davon ab, mit welchen Spielertypen es der Schiedsrichter überhaupt zu tun hat. Um dies richtig einschätzen zu können, benötigt er sowohl ein sehr gutes Spielverständnis als auch eine überdurchschnittliche Menschenkenntnis. In jedem Team können sich völlig unterschiedliche Charaktere finden, die auch eine unterschiedliche Art des Umgangs und der Ansprache benötigen. Der Schiedsrichter muss herausfinden, mit welchen Typen er es zu tun hat und welcher Zugang der sinnvollste ist.

Das Alphatier ist anders zu erreichen als der Mitläufer, das ewige Opfer anders als der (vermeintlich) Verständnisvolle, der Routinier anders als der Novize, der Emotionale und vielleicht etwas Hinterhältige anders als der Ruhige und Faire. Die Herausforderung für den Unparteiischen wird dadurch noch größer, dass die verschiedenen Charaktere in unterschiedlichen Spielphasen auch noch einmal anders auftreten können.

Hier stilistisch nicht nur angemessen zu reagieren, sondern möglichst präventiv und steuernd zu wirken, ist geradezu eine Kunst. Das starre Festhalten an einem Stil ist nicht sinnvoll, wichtig sind demnach vor allem Flexibilität und die Fähigkeit zur Balance.

Im Spiel selbst bedeutet das, seinen Stil nach den Erfordernissen auszurichten, die man vorfindet, sowohl in Bezug auf die Partie und ihren Verlauf als auch hinsichtlich der Spieler. Die Fragen lauten stets:

- Was muss ich tun, um die Begegnung in fairen Bahnen zu halten und die Balance zu wahren?
- Wer benötigt wann eher Strenge, wer Empathie?
- Welche Innen- und Außenwirkung hat mein Stil?
- Wann muss ich die Leine kurz halten, wann kann ich mehr Spielräume gewähren?
- Wie wirkt sich diese oder jene Entscheidung oder Ansprache auf das Spiel selbst und die Akteure aus?
- Wie kann ich kritische Entscheidungen durchsetzen und vermitteln?

Führungstheorien, z. B. die situative Führungstheorie von Hersey & Blanchard (1977), widmen sich genau diesen Fragen und versuchen zu erklären, wie in welcher Situation geführt werden sollte. Aus diesen Konzepten und aufbauend auf den zuvor entwickelten Schiedsrichterstilen ergibt sich das folgende Modell:



Die gelbe Linie veranschaulicht, welcher Stil bei welchem Ausmaß an Spiel- und Situationsanforderungen idealerweise gewählt werden sollte. Die gestrichelte, graue Linie zeigt beispielhaft, welcher Stil bzw. welches Ausmaß an Nähe oder Distanz bei mittleren bis mittelhohen Spiel- und Situationsanforderungen ratsam erscheint.

Sind die Anforderungen eher komplex (z. B.: problematischer Spieler, brisante Phase im Spiel, aufgeheizte Stimmung...), erscheint ein autoritäreres Auftreten mit erhöhter interpersonaler bzw. emotionaler Distanz tendenziell - aber womöglich nicht immer - passend. Bewegt sich ein Spiel in ruhigen und fairen Wogen, so kann der Schiedsrichter durchaus laufen lassen und die Beziehungsebene stärker in den Vordergrund seiner Spielleitung rücken.

Wenn erste härtere Vergehen auftreten, so kann sich ein Schiedsrichter zunehmend autoritativen Elementen bedienen (eine Steigerung von diskreten bis hin zu deutlicheren, öffentlich sichtbaren Ermahnungen, die durchaus auch Beziehungsaspekte thematisieren können, ist hier unter Umständen empfehlenswert - es sei denn, es handelt sich z. B. um ein zwingend verwarnungswürdiges Vergehen).

Natürlich ist dieses Modell - wie jedes Modell - nicht perfekt und nicht für jedes Spiel und jede Situation passend. Es soll daher nicht als generelle Aussage verstanden werden. Sogar innerhalb derselben Situation kann eine Variation je nach Spieler sinnvoll sein. Das Modell veranschaulicht jedoch einige wichtige Aspekte:

1. Schiedsrichter sollten nie zu viel Nähe zulassen, sondern eine gewisse unparteiliche Distanz wahren.

2. Gleichzeitig würde ein Fehlen jeglicher Nähe bedeuten, dass Schiedsrichter Interaktionen mit Spielern komplett meiden. Eine gewisses Mindestmaß an interpersonaler Nähe ist also erforderlich.

3. Schiedsrichter sollten - wie oben bereits erwähnt - nie nicht führen.

4. Bei geringen Spiel- und Situationsanforderungen kann auf die Beziehungsebene, also empathische Nähe, gesetzt werden - u.a. auch dann, wenn um erste Ermahnungen geht.

5. Ab einer gewissen Komplexität der Spiel-, Spieler- und Situationsanforderungen sollten zunehmend autoritäre Elemente in die Spielleitung integriert werden, u.a. im Bereich Kommunikation und Körpersprache.

6. Erst bei sehr hoher Komplexität sollten Schiedsrichter die Beziehungsebene verlassen und mit der gebotenen Distanz, Durchsetzungsstärke und energischen Strenge auftreten, dabei aber nie die Verbindung zu den Spielern komplett aufgeben.

Insgesamt spiegelt das Modell nochmals die Hauptbotschaft dieser Lehreinheit wider:

Schiedsrichter müssen situations-, spiel- und personenangemessen führen und die richtige Balance zwischen empathischer Nähe und autoritärer Distanz herstellen.


Implikationen - Was bedeutet das alles?

1. Fußballschiedsrichter sollten sich von der Idee lösen, jedem Spiel ihren immer gleichen Stempel aufzudrücken. Es kommt dagegen mehr darauf an, eine klare, auf das Spiel zugeschnittene Linie vorzugeben, gewisse Spielräume zuzulassen, sich aber wenn nötig den Gegebenheiten des Spiels, der Situation und der Spielertypen angemessen anzupassen. Wichtig ist dabei, die Balance zu wahren und berechenbar zu bleiben. Angemessene Botschaften sollten mit der nötigen Signalwirkung gesendet werden - vor allem dann, wenn es um einschneidende Momente wie die erste mündliche Ermahnung oder gar die Einstiegsverwarnung geht.

2. Im Vorfeld des Spiels sollten Schiedsrichter - ggf. in Abstimmung mit ihrem Coach - einen Spielplan entwickeln. Denn die Spielvorbereitung ist mit Blick auf die Wahl des adäquaten Führungsstils ausgesprochen wichtig. Wenn der Schiedsrichter die Mannschaften bereits kennt, wird er über Erfahrungswerte verfügen, die es ihm erleichtern, den jeweils passenden Stil zu finden; ansonsten können Videoaufzeichnungen (falls vorhanden), Gespräche mit anderen Referees und in einem gewissen Rahmen auch das Studium der Medien weiterhelfen. Allerdings sollten sich Schiedsrichter darauf nie völlig verlassen: Jedes Spiel ist anders und hat seine ganz eigene Geschichte. Einen gewissen Basisstil vorzugeben und auf Lager zu haben ist zwar schon viel wert und in jedem Fall besser, als komplett unvorbereitet in ein Spiel zu gehen. Die Zeichen der Zeit zu erkennen und den Stil - sowohl nach oben als auch nach unten - entsprechend kalibrieren zu können, ist jedoch umso entscheidender.

3. Die Aufgabe von Schiedsrichterfunktionären besteht darin, ihre Referees mit den nötigen interpersonalen Skills auszurüsten, die die verschiedenen Schiedsrichterstile erfordern. Dazu zählen vor allem kommunikative Kompetenzen auf verbaler und non-verbaler Ebene. Hinzu kommt eine intensive Begleitung im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, die gerade in höheren Ligen von Psychologen übernommen werden sollte.

4. Für die Rekrutierung von Schiedsrichterneulingen empfiehlt es sich zudem, medial stärker auf führungsbezogene Aspekte der Spielleitung einzugehen. Auf dem Platz lernen Schiedsrichter schließlich unschätzbar wertvolle Kompetenzen, die sich auch im Zuge von Job Interviews und späteren Berufsleben überaus gut machen. Denn wer in dem einen von sozialen Interaktionen geprägten Job als Schiedsrichter mit situationsangemessenen Führungsqualitäten überzeugen kann, der kann dies - wie Studien zeigen (Brand & Neß, 2004) - auch in höheren beruflichen Positionen. Statt mit freiem Eintritt in Bundesligastadien zu locken, sollte die Figur des Schiedsrichters somit vielmehr als eine Gelegenheit vermarktet werden, seine eigenen Soft Skills zu schärfen und auszubauen.

5. Für jeden einzelnen Schiedsrichter bedeutet dies, sich selbst, den eigenen Schiedsrichterstil, die eigene Anpassungsfähigkeit (Adaptabilität) und die eigene Spielvorbereitung zu hinterfragen.

Die Zeiten, in denen man als Schiedsrichter erst mal alles einfach auf sich zukommen ließ, sind schließlich vorbei – nicht nur im Profibereich!

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Literatur

Brand, R. & Neß, W. (2004). Regelanwendung und Game-Management – Qualifizierende Merkmale von Schiedsrichtern in Sportspielen. Zeitschrift für Sportpsychologie, 11(4), 127-136.

Judge, T. A., Bono, J. E., Ilies, R., & Gerhardt, M. W. (2002). Personality and leadership: A qualitative and quantitative review. Journal of Applied Psychology, 87(14), 765-780.

von Rosenstiel, L. (2009). Grundlagen der Führung. In L. von Rosenstiel, M. Domsch & E. Regnet (Hrsg.), Führung von Mitarbeitern (6. Aufl., S. 3-27). Stuttgart: Schäffer-Poeschel.

Rullang, C., Emrich E. & Pierdzioch, C. (2015). Mit Zuckerbrot und Pfeife – Die Bedeutung unterschiedlicher Autoritätsformen im Rollenselbstbild von Schiedsrichtern (With a Carrot and a Whistle – The Importance of Different Forms of Authority in the Role Self-Perception of Referees). Sport und Gesellschaft – Sport and Society, 12(3), 215-239.

Unkelbach, C. & Memmert, D. (2008). Game management, context effects, and calibration: the case of yellow cards in soccer. Journal of Sports and Exercise Psychology, 30(1), 95-109


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