Nachspielzeit (18. Spieltag): Die richtigen Spieler im Auge behalten

30.1.17
Das Spiel der Schalker gegen die Eintracht aus Frankfurt fühlte sich nicht wie ein klassischer Rückrundenauftakt an, hatte die Begegnung Freiburg – Bayern eine Woche zuvor das Bundesligajahr 2017 doch bereits eingeläutet. Zum Ärger der Schalker blieb das erhoffte Erfolgserlebnis vor heimischer Kulisse nach schwacher Gesamtleistung aus.

Auch das Unparteiischenteam um Schiedsrichter Robert Hartmann (Wangen) dürfte sich im Zuge der Spielanalyse über das einzige Tor des Abends geärgert haben. Es läuft die 33. Spielminute (> s. Video), als Makoto Hasebe einen berechtigten Freistoß von der rechten Seite flach – und offenbar einstudiert – in den Schalker Strafraum passt. Plötzlich taucht Alexander Meier auf und schiebt den Ball relativ unbedrängt in die untere Ecke des Schalker Gehäuses ein. Was in Realgeschwindigkeit kaum zu erkennen ist: Dem Tor geht ein Foulspiel des Spielers Abraham voraus. Die Zeitlupen zeigen, dass Schalkes Innenverteidiger Naldo seinen zugeteilten Spieler (Meier) zwar kurz ziehen lässt, ihn dann aber in die Strafraummitte verfolgen will. Dabei wird er von David Abraham aufgehalten – in regelwidriger Weise, wie die Bilder belegen. Der Frankfurter versperrt Naldo mit ausgestreckten Armen den Weg, umarmt ihn nahezu. Ob Naldo den davon eilenden Meier ohne Foul noch erreicht hätte, ist ungewiss. Fest steht aber, dass er durch das regelwidrige „Sperren mit Körperkontakt“ (Spielregeln, S. 84) gar keine Chance dazu hatte.

Das sagen die Zeitlupen. Auf dem Platz und in Realgeschwindigkeit sieht das Ganze natürlich anders und weit weniger klar aus. Während der flachen Hereingabe durch Hasebe befanden sich vier Frankfurter Angreifer in einem Zweikampf mit jeweils einem Schalker Verteidiger. Hinzu kamen Meier sowie zwei weitere Schalker Verteidiger. Schiedsrichter Hartmann musste demnach vier Spielerpaaren seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, zwischen denen jeweils Körper- oder sogar leichter Textilkontakt bestand. Dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist, liegt auf der Hand, zumal Hartmann aus seiner korrekten Position keine freie Sicht auf alle vier Spielerduos hatte. Bei solchen Situationen kann es also nur darum gehen, die richtigen Spielerpaare im Auge zu behalten, potentiellen Regelverstößen vorzubeugen und problematische Zweikämpfe zu antizipieren.

Belgische Forscher – darunter der UEFA-Fitnessexperte Werner Helsen – haben sich genau diesem Problembereich angenommen. In ihrem in der Zeitschrift Cognitive Research erschienenen Artikel beschäftigen sich die Wissenschaftler mit der visuellen Suche in Zweikampfsituationen, die sich entweder im freien Spiel oder bei Eckstößen innerhalb des Strafraums oder in Strafraumnähe ereignen. Methodisch gelang dies wie folgt:

-        Amateurfußballer haben Zweikämpfe im freien Spiel und bei Eckstößen simuliert.
-        Diese Szenen wurden über Videokameras aus der Sicht eines zusätzlichen Schiedsrichterassistenten (landläufig auch als Torrichter bezeichnet, offiziell Additional Assistant Referee) aufgenommen.
-        20 aus insgesamt 90 Videoclips wurden ausgewählt, von Pierluigi Collina, Marc Batta und Hugh Dallas (den drei Schiedsrichterchefs der UEFA) mit Blick auf Vergehen und Disziplinarstrafe beurteilt und anschließend 39 Versuchspersonen vorgelegt.
-        Bei den 39 Probanden handelte es sich um 20 Elite-Schiedsrichter und 19 niedrigklassige Schiedsrichter aus Belgien.
-        Das visuelle Suchverhalten wurde durch Eye-Tracking-Methoden erfasst (d.h. es wurde experimentell untersucht, wie lange welche möglichen Kontaktzonen visuell fixiert wurden).
-        Es wurde für beide Gruppen untersucht, wie intensiv die Probanden relevante Kontaktzonen (= Zonen, in denen ein Kontakt oder Vergehen wahrscheinlich sind) und irrelevante Zonen fokussieren.

Die Ergebnisse zeigen nicht nur, dass Elite-Schiedsrichter erwartungsgemäß akkuratere Entscheidungen treffen als ihre niedrigklassig agierenden Kollegen. Vielmehr richteten Elite-Schiedsrichter im Experiment ihre visuelle Aufmerksamkeit stärker auf diejenige Zone auf dem Bildschirm bzw. Spielfeld, in der später tatsächlich ein Vergehen erfolgte. Sie waren also besser darin, irrelevante Zonen und Zweikämpfe auszublenden und sich stärker auf tatsächlich relevante Spielerpaare und Problemzonen zu fokussieren. Dieser Effekt zeigte sich vor allem für Situationen im freien Spiel (dort wurden die Unterschiede zwischen den Experimentalgruppen statistisch signifikant, d.h. es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese auf den Zufall zurückzuführen sind). Die Unterschiede zeigten sich auch in Bezug auf die Eckstoßsituationen, hier lag aber nur ein statistischer Trend vor. Insgesamt konnten die Autoren aber dennoch nachweisen, dass eine effektivere und effizientere visuelle Suche bei erfahreneren und erfolgreicheren Schiedsrichtern tendenziell zu korrekteren Entscheidungen führt – oder zumindest ihre Trefferquote erhöht.

In Situationen, in denen sich Spielerpaare im Strafraum versammeln, sollten Schiedsrichter demnach versuchen, Anzeichen für potentielle Vergehen antizipatorisch wahrzunehmen und diese Spielerpaare verstärkt zu fokussieren. Im Fall von David Abraham wäre ein solches Anzeichen gewesen, dass sich er und Schalkes Verteidiger Nastasic schon vor dem späteren Sperren gegen Naldo mit ausgestreckten Armen voneinander ferngehalten haben. Dies hätte die Aufmerksamkeit des Schiedsrichters wecken können. Gut möglich ist, dass auch der Unparteiische von Meiers einstudiertem Laufweg überrascht wurde und er seine Aufmerksamkeit kurzzeitig (aber entscheidend) von Abraham und seinen Gegenspielern gelöst hatte.

Grundsätzlich kann es natürlich immer sein, dass durch eine stärkere Fokussierung auf ein Spielerpaar ein unerwartetes Vergehen an anderer Stellle übersehen wird. Dieses Risiko müssen Schiedsrichter aber eingehen. In Spielen auf Champions und Europa League Ebene kommt noch hinzu, dass sich Unparteiische hier Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche mit ihren zusätzlichen Schiedsrichterassistenten hinter der Torlinie teilen können. Auch der bevorstehende Videobeweis könnte hier natürlich Abhilfe schaffen. Diesen Luxus hat der gemeine Amateurschiedsrichter freilich nicht. Daher gilt:  

“Referees must learn what to look at and when.”

Ein positives Beispiel, wo dies gelang, ereignete sich nur wenige Stunden zuvor in der Münchener Allianz Arena. 2.-Liga-Schiedsrichter Sven Jablonski (Bremen) verhängte einen in der Situation überraschenden, aber wohl berechtigten Elfmeter zugunsten der Löwen (> s. Video). Der Fürther Narey hatte seinen Gegenspieler im Halsbereich gehalten. Auch wenn es die Zeitlupen aufgrund von ungünstigen Einstellungen nicht endgültig auflösen können: Jablonski hat sehr wahrscheinlich frühe Anzeichen eines potentiell regelwidrigen Haltens erkannt und die beiden Spieler verstärkt fokussiert. So konnte er auch den Verlauf des Haltens einschätzen und zu der Einschätzung kommen, dass es sich hierbei um ein zu sanktionierendes Vergehen handelt. Seine Entscheidung konnte er somit auch mit der nötigen Bestimmtheit, Sicherheit und Souveränität „verkaufen“. Ein weiteres Positivbeispiel findet sich z.B. hier.

Abseitsstellung beim Gladbacher Anschlusstreffer

Auch im Topspiel zwischen Leverkusen und Mönchengladbach wurde das Thema „den richtigen Spieler im Auge behalten“ relevant – aber in einem anderen Kontext. Bei Gladbachs 2:1-Anschlusstreffer, der den Startschuss für die Auf- und Überholjagd der Fohlen markierte, lag eine strafbare Abseitsposition vor, die von dem Schiedsrichterassistenten leider so nicht wahrgenommen wurde (> s. Video). Zum Zeitpunkt des ersten Schusses auf das Tor steht Lars Stindl knapp, aber doch sichtbar im Abseits. Der Ball wird allerdings von einem Verteidiger absichtlich abgewährt, prallt in hohem Bogen zurück vor die Füße von Verteidiger Jonathan Tah. Stindl antizipiert das und bedrängt Tah. Ohne weiteren Ballkontakt gewinnt er den Zweikampf und schießt den Ball aus rund 20 Metern in das rechte Toreck.

Im Gegensatz zu dem, was bspw. im Sport1 Doppelpass verbreitet wurde, lag in diesem Fall keine neue Spielsituation vor – denn die kann es nur geben, wenn der Ball zwischen der Abwehraktion, die das Abseits nicht aufhebt, und Stindls Schuss noch eine Ballberührung von einem nicht im Abseits stehenden Spieler gespielt oder berührt worden wäre (bspw. wenn Tah den Ball kontrolliert, bevor Stindl ihn bedrängt). Eine solche Ballberührung gab es aber nicht, so dass der Assistent spätestens in dem Moment, wo Stindl Tah aktiv bedrängt hat die Fahne hätte heben müssen.

In solchen Situationen ist es wichtig, das Szenario im Moment der Ballabgabe so lange im inneren Auge abzuspeichern, bis a) sich eine neue Spielsituation ergibt oder b) der im Abseits stehende Spieler aktiv ins Spielgeschehen eingreift. Dies ist natürlich leichter gesagt als getan. Auch Sky-Experte Peter Gagelmann vermutete, dass der Assistent Stindl wahrscheinlich „nicht mehr auf dem Zettel“ gehabt hat. Dies verdeutlicht nochmals, wie wichtig es ist, die richtigen Spieler im Auge zu behalten.

In dem Zusammenhang ebenfalls interessant: Auch > Collinas Erben thematisieren einen Vorfall des letzten Spieltags, bei dem der Schiedsrichter ein Spielerpaar leicht aus den Augen verlor...

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2 Kommentar/e
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Interessant in dem Zusammenhang ist, dass Modeste nicht gesperrt wurde, weil der SR die Szene auf dem Platz beurteilt hat.
Da Kampka aber nicht reagiert hat, vermute ich, dass er die Szene nur "aus dem Augenwinkel" gesehen und deshalb falsch bewertet hat. Wenn er dies so dem Sportgericht mitgeteilt hat, würde das das Urteil erklären. Eine Aussage, es gar nicht gesehen zu haben, wäre wegen des Video-Materials wohl unglaubwürdig gewesen.

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Genau diese Aussage hat Kampka aber getätigt, so stand es zumindest in der ersten PM des DFB. Nur deshalb konnten ja überhaupt Ermittlungen eingeleitet werden. In der PM nach der Einstellung hieß es dann jedoch: »Nach Auswertung der Stellungnahmen des Spielers und seines Darmstädter Gegenspielers Aytac Sulu, der Befragung von Schiedsrichter Dr. Robert Kampka und der Analyse mehrerer Fernsehaufzeichnungen ist davon auszugehen, dass der Unparteiische eine im sportgerichtlichen Verfahren nicht angreifbare Tatsachenentscheidung getroffen hat. Nach den durchgeführten Ermittlungen des Kontrollausschusses hat der Schiedsrichter die Zweikampfsituation erkannt und im Blickfeld gehabt.«

Das heißt: Der Schiedsrichter sagt, er hat die Szene nicht gesehen (was durchaus sein kann), aber der Kontrollausschuss meint trotzdem: Tatachenentscheidung. Kampka soll also entschieden haben, ohne entschieden zu haben. Da würde mich die juristische Begründung tatsächlich mal interessieren. Meines Wissens ist das ein absolutes Novum.

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