Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (4/9): Steigerung der effektiven Spielzeit - Sofort umsetzbare Maßnahmen

26.6.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel




2. Steigerung der effektiven Spielzeit (Teil 1: Sofort umsetzbare Maßnahmen)

Die zweite Säule der Überlegungen des IFAB zur Erhöhung der Attraktivität des Spiels ist die Erhöhung der effektiven Spielzeit. Als sofort umsetzbar sieht das IFAB eine strengere Berechnung der Nachspielzeit. Insbesondere könnten die Schiedsrichter die Uhr bei Strafstößen, Toren, Verletzungen, persönlichen Strafen, Auswechslungen und der Mauerstellung anhalten bzw. die dabei verloren gegangene Zeit mitstoppen. Zudem könne die Sechs-Sekunden-Regel streng angewandt werden.

Da das Zeitspiel ein großes Ärgernis ist, besteht hier dringender Handlungsbedarf. Die Forderung nach einer besser berechneten Nachspielzeit ist grundsätzlich richtig. Die praktische Umsetzung - wie vom IFAB gewünscht - dürfte aber schwierig werden.


Wenn die Zeit angehalten werden soll, braucht man letzten Endes einen Zeitnehmer, da der Schiedsrichter in der Hitze des Gefechts auf dem Platz wahrscheinlich das Stoppen der Zeit hin und wieder vergessen wird. Wenn man aber einen Zeitnehmer einführt, kann man auch direkt zur Nettospielzeit übergehen, was ebenfalls in der Praxis Umsetzungsprobleme nach sich ziehen wird, vor allem im Amateurbereich (dazu unten mehr). Also bleibt nur die Möglichkeit, die verloren gegangene Zeit mitzustoppen. Dies könnte ein Schiedsrichterassistent machen. Doch auch hier stellt sich die Problematik, dass man in der Situation das Stoppen durchaus vergessen kann. Darüber hinaus muss man sich fragen, ob das mitstoppende Gespann dafür nicht eine zweite Uhr braucht. Alles in allem ist festzuhalten, dass ein Stoppen der verloren gegangenen Zeit – sei es durch Anhalten oder separates Mitstoppen – in der Praxis mehr Probleme aufwirft, als es Vorteile bringt.

Zielführender dürfte es sein, das Verantwortungsbewusstsein der Schiedsrichter auch im Bereich der Nachspielzeit zu wecken, sodass eine akkuratere Berechnung der Nachspielzeit erfolgt und nicht die Standardnachspielzeit (eine Minute und drei Minuten) verhängt wird.

Eine konsequente Anwendung der Sechs-Sekunden-Regel wäre wünschenswert. Sechs Sekunden sind deutlich ausreichend, damit der Torhüter den Ball wieder freigeben kann. Wenn in der Praxis dieses Vergehen erst nach frühestens zehn Sekunden geahndet wird, bedeutet das vier Sekunden möglichen Zeitgewinn pro Szene. Somit gewinnen die Torhüter schon nach 15 solcher Situationen eine Minute, die erfahrungsgemäß nicht nachgespielt wird. Eine strikte Ahndung könnte dem einen Riegel vorschieben.




Ein seltenes Ereignis: Im Halbfinale von Olympia 2012 der Frauen griff Schiedsrichterin Pedersen durch...

Einen massiven Eingriff in das Spiel muss man dabei nicht befürchten, da eine konsequente, ligaübergreifende Ahndung schon nach wenigen solchen Szenen bereits die notwendige Abschreckung nach sich zieht, weil der indirekte Freistoß innerhalb des Strafraums eine gute Gelegenheit für das gegnerische Team ist. Im Profibereich dürfte wahrscheinlich sogar schon die ernsthafte Ankündigung vor Saisonbeginn ausreichen, damit die Torhüter gewarnt sind und den Ball nach sechs Sekunden wieder freigeben. Und Handlungsdrang besteht auch hier: In der vergangenen Bundesligaspielzeit konnte der Pay-TV-Sender Sky etwa zeigen, dass mancher Torhüter - wie etwa Hamburgs René Adler - den Ball zum Teil 30 Sekunden in den Händen hielt, ohne dass ein Schiedsrichter eingegriffen hätte.



Zu den anderen Teilen der Serie:

Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (3/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Offen zur Diskussion

23.6.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts 
(Teil 3: Offen zur Diskussion)

Als offen zur Diskussion sieht das IFAB einen Handschlag zwischen Trainern und Schiedsrichtern in der technischen Zone vor dem Spiel als Zeichen des Respekts sowie eine Reduzierung des Auswechselkontingents im laufenden Spiel – oder, wenn die Mannschaft ihr Auswechselkontingent bereits voll ausgeschöpft hat, im nächsten Spiel –, wenn ein Auswechselspieler eine Rote Karte erhält.

Den symbolischen Handschlag vor dem Spiel kann man durchaus einführen. Allerdings sollte man es dann so machen, dass die Trainer mit den Mannschaften einlaufen und der Handschlag im Rahmen des allgemeinen Handshakes vor dem Spiel abläuft. Wenn der Schiedsrichter hierfür vor dem Spiel noch zu den technischen Zonen laufen muss, geht zu viel Zeit vor dem Anstoß verloren – nicht nur im Profibereich, sondern vor allem im Amateurbereich, wo die technischen Zonen teilweise auf unterschiedlichen Spielfeldseiten sind. 


Dazu kommt noch, dass es den Schiedsrichter in eine Rolle drängt, in die er nicht stehen soll: Bei seiner Tour durch die technischen Zonen steht der Schiedsrichter im Mittelpunkt des Interesses, alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Dabei ist der beste Schiedsrichter bekanntermaßen derjenige, der nicht auffällt. Diesen Widerspruch sollte man nicht für eine bloß symbolische Geste eingehen, zumal es ohnehin bereits üblich ist, dass Schiedsrichter und Trainer vor dem Spiel die Hände schütteln, entweder in der Vorbereitungsphase auf das Spiel oder unmittelbar vor dem Betreten des Feldes. Ein großer Nutzen ist davon also nicht zu erwarten, die Nachteile überwiegen die aktuell angedachte Regelung. Wenn die Trainer hingegen mit den Teams einlaufen und am üblichen Handshake teilnehmen, ist die Symbolik noch stärker, da der Respekt nicht nur vor dem Schiedsrichtergespann, sondern auch vor dem Gegner betont wird. Dazu kommen noch ein geringerer Zeitverlust und keine Beschneidung der gewünschten Unauffälligkeit der Schiedsrichter.

Die Idee der Reduzierung des Auswechselkontingents bei einer Roten Karte gegen Auswechselspieler ist zu begrüßen. In den seltenen Fällen, in denen ein Auswechselspieler aus dem Innenraum verwiesen wird, schlagen sich dadurch negativ für das ganze Team ins Gewicht. Das ist stimmig, da auch ein Feldverweis gegen einen Spieler auf dem Platz das Team – wie vom Regelwerk gewünscht – negativ beeinflusst. Klarmachen muss sich das IFAB aber noch, ob diese Reduzierung auch bei Gelb-Roten Karten gewünscht ist. Wenn man, wie oben befürwortet, einen Innenraumverweis gegen Trainer oder Teamoffizielle mit einer angemessenen Spielstrafe belegt, kann man auch darüber nachdenken, ob man dies nicht auch bei Roten Karten gegen Auswechselspieler macht.



Zwischenfazit nach 1 von 3 Kategorien 


Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Ideen des IFAB, um das Verhalten zu verbessern und den Respekt zu erhöhen, sind in ihrer Grundkonzeption durchaus begrüßenswert. 

Das striktere Vorgehen gegen Anpöbeln, Meckern und Umzingeln von Spieloffiziellen sollte auf jeden Fall erfolgen und von Verbänden und Schiedsrichterbeobachtern entsprechend gefördert werden. Auch die Einbindung von Trainern und Teamoffiziellen in das Kartensystem ist eine sehr gute Sache, die man sogar auch auf abschreckende Spielstrafen ausdehnen sollte. Dasselbe gilt für die Reduktion des Auswechselkontingents bei Roten Karten gegen Auswechselspieler. 

Symbolische Maßnahmen wie der Handschlag vor dem Spiel und der Verantwortungskodex für Spielführer sind bei einer sinnvollen Ausgestaltung kein Schaden, man sollte von ihnen aber keine Wunderdinge erwarten. 

Meines Erachtens sollte man von der Einräumung eines Exklusivrechts des Kapitäns, bei kontroversen Entscheidungen den Schiedsrichter anzusprechen, und von weiteren Strafen oder gar Punktabzügen gegen ein Team, das sich wegen Anpöbelns strafbar gemacht hat, allerdings die Finger lassen.


Zu den anderen Teilen der Serie:
Teil 1/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbar
> Teil 2/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - bereit für Testlauf/Experiment


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Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (2/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Bereit für Testlauf/Experiment

21.6.17 Kommentarbereich
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts 
(Teil 2: Bereit für Testlauf/Experiment)

Bereit für einen Testlauf im Bereich "Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts" seien mögliche Sanktionen für das Anpöbeln und Umzingeln von Spieloffiziellen. Genannt wird hier ein strengeres Vorgehen der Schiedsrichter, das zuvor bereits genannte Exklusivrecht des Spielführers, den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen anzusprechen und Strafen oder Punktabzüge für ein pöbelndes Team. Zudem könnten Gelbe und Rote Karten nun auch gegen Trainer oder andere Teamoffizielle ausgesprochen werden.

Ein strikteres Vorgehen gegen Anpöbeln und Umzingeln wäre tatsächlich wünschenswert. Allerdings muss sich hier dann auch das Denken der Verbände und Schiedsrichterbeobachter ändern. Es darf keine Schande mehr für einen Schiedsrichter sein, wenn er in einem Spiel mehrere persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten, insbesondere Meckereien, gibt. Bislang hieß es nach solchen Spielen meistens: „Die persönlichen Strafen haben nicht gewirkt, der Schiedsrichter war nicht die gewünschte Persönlichkeit“. In dieser Denkweise, persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten möglichst zu vermeiden, da es bei zu vielen Karten Probleme mit dem Beobachter gibt, liegt die Grundwurzel der üblen Entwicklung beim Meckern. Dadurch ließen die Spieloffiziellen den Spielern immer längere Leine, was diese dann schrittweise ausnutzten. Das Vorhaben eines strikteren Vorgehens kann nur gelingen, wenn Verbände und Beobachter an diesem Punkt umdenken, sodass die Hemmungen der Schiedsrichter, die Karten schneller zu zücken, fallen können. Andernfalls ist der Vorschlag schon von Vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die Idee, dem Spielführer ein Recht einzuräumen, den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen anzusprechen, halte ich für das falsche Signal. Der aktuelle Regelstand ist immer noch der, dass kein Spieler den Schiedsrichter bei kontroversen Entscheidungen ansprechen darf. Ändert man die Regel dahingehen, weicht man sie sogar auf, was genau das Gegenteil dessen aussagt, was es eigentlich sollte. Das Problem beim Meckern liegt nicht im Regelwerk, sondern in der zu laxen Umsetzung desselben. Dem Kapitän ein solches (Exklusiv-)Recht einzuräumen, hieße in der Praxis, dass der Kapitän bei jeder kontroversen Entscheidung beim Schiedsrichter vorspricht und eben nicht mehr ohne Weiteres mit einer Gelben Karte bestraft werden kann, weil er sich ja immer darauf zurückziehen kann: „Ich bin der Kapitän, ich darf mit Dir reden!“.

Strafen oder Punktabzüge für ein fehlbares Team sind meines Erachtens unverhältnismäßig und nicht notwendig. Wenn das bestehende Regelwerk strikt umgesetzt wird, sind die daraus resultierenden persönlichen und Spielstrafen bei Vergehen durch Spieler ausreichend, um abschreckend zu wirken. Darüber hinaus wäre es drakonisch, eine Mannschaft schon bei einmaligen Vergehen mit einem Punktabzug zu bestrafen.


Man stelle sich nur die Situation vor, dass im wichtigen Spiel am vorletzten Spieltag eine Mannschaft im Abstiegskampf mit 0:1 zurückliegt und in der 90. Minute eine Situation deutlich zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen bekommt, in der zwei Angreifer alleine auf den Torwart zulaufen. Dass man in dieser Drucksituation derart emotionalisiert ist, dass man sich nicht mehr ganz zurückhalten kann, ist menschlich durchaus nachvollziehbar. Durch einen Punktabzug dann die letzte Hoffnung auf den Klassenerhalt zu nehmen, schießt weit über das Ziel hinaus.

Deshalb kann man nicht bei einem einmaligen Vergehen gleich mit Punktabzug kommen. Wenn man hingegen eine Erheblichkeitsschwelle oder wiederholte Begehung fordert, geht das automatisch mit einer gewissen Unbestimmtheit einher. Diese fördert die ohnehin schon vorhandene Paranoia der Vereine und Fans gegenüber den Verbänden und Sportgerichten. Die Förderung des Respekts setzt aber Akzeptanz seitens aller Beteiligten voraus. Dazu kommen noch praktische Umsetzungsprobleme, besonders im Amateurbereich. Das Sportgericht kann nur durch eine Meldung des Schiedsrichters nach dem Spiel von solchen Situationen erfahren. Damit hängt es vom guten Willen des Schiedsrichters ab, ob er nach dem Spiel sagt: „Jetzt ist es vorbei, alles ist gut“ oder „Denen würge ich noch eins rein!“. Das öffnet Tür und Tor für Missbrauchspotential seitens der Schiedsrichter und für Beeinflussungsversuche nach dem Spiel seitens der Vereine. Aus Umsetzungsgründen, aber auch weil das vorhandene Regelwerk bei Vergehen durch die Spieler bereits ausreicht, ist dieser Vorschlag nicht überzeugend.

Zu begrüßen ist hingegen die Idee, die Trainer und Teamoffizielle in das System der persönlichen Strafen mit Karten einzugliedern. Dat hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen wird nach außen deutlicher klar, wenn der Trainer schon „angezählt“ ist. Gerade im Profibereich unter Einsatz der Vierten Offiziellen bekommt man als Zuschauer nicht mit, ob der Trainer jetzt fliegt, weil er seit 50 Minuten jede Entscheidung des Schiedsrichters kommentiert, oder ob er fliegt, weil er den Schiedsrichter beleidigt hat. Eine vorgelagerte Gelbe Karte würde deutlicher machen, dass der Trainer schon im Vorfeld auffällig war und nicht wegen einer Einzelaktion des Feldes verwiesen wurde. Darüber hinaus wüsste der Trainer, der die Gelbe Karte gesehen hat, sowohl im Amateur- als auch im Profibereich klarer, dass er die Grenze erreicht hat, wenn er das Spiel zum Schlusspfiff noch im Innenraum erleben möchte. Zudem würden solche Trainer, die immer wieder bis zur Grenze gehen, aber danach lammfromm sind, aufgedeckt. Gerade im Amateurbereich ist das ein nicht zu unterschätzender Aspekt, da Schiedsrichter bei entsprechender Spielvorbereitung bereits informiert sind, welcher Trainertyp auf sie wartet und wie man am besten mit ihm umgeht. Zudem bekämen die Verbände mit, ob solche Trainer ein flächendeckendes Problem oder nur nervige Einzelfälle sind. Eine erste erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips konnte beim > gestrigen U-21-EM-Spiel zwischen Serbien und Mazedonien beobachtet werden.

Man sollte sich überlegen, ob man bei einer Eingliederung in die persönlichen Strafen stoppen will. Vielmehr ist es eine erwägenswerte Option, an eine Karte gegen den Trainer oder Teamoffizielle eine ihnen unerwünschte Spielstrafe zu hängen. Die aktuelle Regelung ist da unbefriedigend. Wenn ein Trainer nicht unerlaubt das Feld betritt – was in der Praxis selten der Fall ist –, wird das Spiel mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt, solange der Innenraumverweis nicht (wie meist) in einer anderweitig verursachten Spielunterbrechung ausgesprochen wird. Das ist keine wirklich abschreckende Spielfortsetzung. Auch schreckt ein drohender Innenraumverweis nicht immer ab. Dies gilt besonders in der hitzigen Schlussphase oder im Amateurbereich, wo sich der Trainer nach einem Innenraumverweis einfach neben der Trainerbank hinter die Bande stellen kann und das einzige Mittel ein kompletter Sportplatzverweis ist, wovor die Schiedsrichter üblicherweise zurückschrecken, da sie hierfür die Ordner als Hausrechtsinhaber benötigen und sich der Trainer auch einfach wieder hereinschleichen kann. Mit einer schmerzhaften Spielstrafe kann man die Trainer gerade bei knappen Spielständen deutlich besser disziplinieren.


Beispielsweise könnte eine Gelbe Karte gegen den Trainer mit einem indirekten Freistoß für das gegnerische Team auf dem Strafstoßpunkt und eine (Gelb-)Rote Karte mit einem Strafstoß für das gegnerische Team geahndet werden – und zwar (im Rahmen der Vorteilsbestimmung) unabhängig davon, ob das Spiel ausschließlich für die Kartenverteilung unterbrochen wurde. So hätte Fehlverhalten der Trainer und Teamoffiziellen analog zum technischen Foul im Basketball auch auf dem Platz spürbar unvorteilhafte Auswirkungen. Das entspräche voll und ganz dem Geist der Regeln, unsportliches Fehlverhalten möglichst hart zu bestrafen, und dem Willen des IFAB, das Spiel durch Verbesserung des Verhaltens attraktiver zu machen.


Zu den anderen Teilen der Serie:
> Teil 1/9: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbar


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Vorstellung und Reflexion der Play Fair Eckpunkte des IFAB (1/9): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts - Sofort umsetzbare Maßnahmen

20.6.17 3 Kommentare
Das IFAB hat am Wochenende mit etlichen Vorschlägen zur Verbesserung der Attraktivität des Spiels für Aufsehen gesorgt, die unter der sog. "Play Fair"-Initiative zusammengefasst sind. Wie es in der Natur eines Vorschlagpakets liegt, gibt es auch hier Ideen, die gutzuheißen sind, und Ideen, die besser nicht Realität werden sollten. In der heute startenden Serie stellt Schirilogie-Regelexperte Johannes Gründel - Autor der Kolumne "Schiedsrichterball" auf wahretabelle.de - Schritt für Schritt die einzelnen Vorschläge der internationalen "Regelhüter" vor und unterzieht sie einer kritischen Reflexion - Mitdiskutieren ist dabei ausdrücklich erwünscht!

von Johannes Gründel



Das IFAB unterteilt die hinter den Vorschlägen stehenden Probleme und Zielsetzungen zutreffend in drei Kategorien, nämlich Verbesserung des Verhaltens bzw. Erhöhen des Respekts, Erhöhung der effektiven Spielzeit und Steigerung von Fairness und Attraktivität des Spiels. Damit trifft man sicherlich den Nagel auf den Kopf: Alle drei Aspekte sind Probleme, die den Fußball aktuell ausmachen. Die Problemstellen sind also korrekt lokalisiert worden. 

Ferner gliedert das IFAB seine vorgeschlagene Maßnahmen in drei verschiedene Stadien der Umsetzung: Während manche Ideen sofort umsetzbar wären, schlägt das Gremium für andere Vorschläge einen Testlauf vor. Andere und teilweise sicher umstrittenere Vorschläge bedürfen laut IFAB einer offenen Diskussion in der Fußballgemeinschaft.


1. Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts (Teil 1: sofort umsetzbar)

Sofort umsetzbar sei eine erhöhte Verantwortlichkeit für Spielführer bzw. Teamkapitän. Er sei der Hauptsprecher und Ansprechpartner für den Schiedsrichter, der einzige Spieler, der den Schiedsrichter in einer kontroversen Situation ansprechen dürfe und solle Schiedsrichter dabei helfen, hitzige Situationen und Spieler zu beruhigen. Zudem ziehe man die Ausarbeitung eines Verantwortungskodexes in Betracht.

Ich habe Zweifel an der Wirksamkeit dieses Plans, sowohl im Amateur- als auch im Profibereich, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Im Profibereich geht es um Millionen. Ein Verantwortungskodex wird dabei ziemlich schnell zur Seite gewischt, solange er nicht von allen Beteiligten, inkl. Trainern und Fans, mitgetragen wird. Ohne eine dahinterstehende Sanktion, die den Spielern auch wirklich wehtut (anders als vierstellige Geldstrafen), ist ein solcher Kodex ein „zahnloser Tiger“. 

Man müsste die Trainer dazu bringen, ihren Spielführer nicht mehr aufzustellen, wenn er über die Stränge schlägt. Man müsste die Fans dazu bringen, ihren eigenen Kapitän auszupfeifen, wenn er zu oft meckert. Man müsste Spielsperren oder zumindest „Kapitänssperren“ aussprechen, wenn ein Kapitän sich danebenbenimmt. Nur dann kann der Kodex wirksam durchgesetzt werden und droht nicht beim ersten wichtigen Ligaspiel gleich über Bord geworfen zu werden. 

Im Amateurbereich hingegen werden häufig die vereinstreuesten Stammspieler, die Trainerlieblinge oder (bei Wahlen) die beliebtesten Mitspieler zum Spielführer gemacht – ohne Rücksicht darauf, ob sie für das Amt die notwendigen Charakterzüge und Fähigkeiten mitbringen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann werden sie sich nicht um den Kodex kümmern. Auch diese Spieler könnte man nur mit der Sanktionsdrohung erreichen. Daher sehe ich den Nutzen eines Verantwortungskodexes oder generell einer höheren Verantwortlichkeit der Spielführer als sehr überschaubar an. 

Allerdings ist eines auch klar: Schaden wird diese Maßnahme nicht, wenn sie nur komplementär zu anderen Maßnahmen ist und durch sie ergänzt wird.


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Felix Zwayer steigt in die UEFA-Elite-Gruppe auf

13.6.17 Kommentarbereich
Aufstieg für Felix Zwayer: Der 36-Jährige Berliner ist von der UEFA-Schiedsrichter-Kommission in die sog. Elite-Gruppe berufen worden. Neben Felix Brych und Deniz Aytekin ist er somit der aktuell dritte deutsche Schiedsrichter in der höchsten internationalen Schiedsrichterkategorie.

Elite-Schiedsrichter Felix Zwayer ©wikimedia

Zwayer pfeift seit 2007 Bundesliga und brachte es seitdem auf insgesamt 124 Spiele im deutschen Fußballoberhaus. Seit 2012 kommt er auch international regelmäßig zum Einsatz und durchlief nach starker Entwicklung die Second und First Group der UEFA.

Durch seinen Aufstieg in die Elite-Gruppe wird er künftig auch K.O.-Spiele der UEFA Champions League leiten können. Zudem darf er sich über eine deutliche Gehaltserhöhung in internationalen Einsätzen freuen (5.000 € statt wie bisher 2.700 € pro Gruppenspiel).

Der Norweger Svein Oddvar Moen ist hingegen abgestiegen: Wie Bas Nijhuis aus den Niederlanden steigt der EM-2016-Referee in die First Group ab. Mark Clattenburg, der im vergangenen Jahr die Endspiele der Champions League und Europameisterschaft pfiff und im Frühjahr seine Karriere überraschend beendete, zählt ebenfalls nicht mehr zum Kreis der europäischen Spitzenschiedsrichter. Neben Zwayer ist auch der Niederländer Danny Makkelie in die Elite-Gruppe befördert worden.

Gemeinsam mit Makkelie nahm Zwayer in den vergangenen Wochen als Video-Assistant an der U-20-Weltmeisterschaft teil und assisierte dort in insgesamt sieben Spielen. Gut möglich, dass die beiden Aufsteiger auch die "große" Weltmeisterschaft im kommenden Sommer vor dem Bildschirm verfolgen werden - dann aber vielleicht nicht auf dem heimischen Sofa sitzend, sondern stattdessen in einem TV-Studio der FIFA.

> Die Kategorien im Überblick

Nachspielzeit (Champions League Finale 2017): Nicht astrein, nicht verkehrt und irgendwie ok

4.6.17 Kommentarbereich
Felix Brych hat mit der Leitung des diesjährigen Champions League Finals zwischen Juventus Turin und Real Madrid gleich in doppelter Hinsicht Geschichte geschrieben: Nicht nur, dass er als 4. Deutscher mit der ehrenvollen Aufgabe betraut wurde, das wohl wichtigste Vereinsfußballspiel zu pfeifen. Brych war vielmehr der erste Referee, der jemals eine Gelb-Rote Karte in einem Endspiel der Königsklasse ausgesprochen hat. Der Platzverweis kurz vor Schluss spiegelt indes auch Brychs Gesamtleistung wider: Nicht verkehrt, irgendwie ok, aber auch nicht vollkommen astrein.



Ein guter Start

Der 41-Jährige Münchener legte einen sehr guten Start hin. Die ersten Eindrücke waren allesamt positiv. Die ersten Freistöße saßen, die erste Gelegenheit zu einer frühen Gelben Karte bot sich bereits nach nicht einmal zwölf Minuten: Im Mittelfeld verlor Paulo Dybala die Kugel an Toni Kroos und wusste sich anschließend nur durch ein taktisches Vergehen zu helfen. Brych nahm dieses Geschenk dankend an und zeigte die für Schiedsrichter so wichtige Einstiegsverwarnung. Damit sendete er freilich auch eine klare präventive Botschaft an die übrigen Akteure: Aussichtsreiche Angriffe zu unterbinden wird nicht toleriert. Diese Message wurde von Sergio Ramos offenbar nicht gänzlich verstanden – nachdem der Madrider Kapitän trotz vorheriger Ermahnung während eines Konters erneut zugegriffen hatte, entschied sich Brych für den gelben Karton. Regeltechnisch war dies nicht unbedingt zwingend, taktisch aber sehr wohl: Mit der Karte sorgte der Referee für Balance und Ausgewogenheit – und für etwas ruhigere Folgeminuten.

Ein guter Start also, dessen Wichtigkeit Brych im obligatorischen Vorfinalinterview mit der UEFA unterstrich. Denn wie Spieler - so Brych - gewinnen auch Schiedsrichter das nötige Selbstvertrauen, wenn die Anfangsminuten gut laufen. Dazu trug auch sein Umgang mit nicht immer einfachen Spielercharakteren bei.

Denn mit den Herren Mandzukic, Alves, Marcelo, Ramos, Carvajal oder Arjen Robbens altem Bekannten Casemiro standen genügend potenziell problematische Spieler auf dem Platz, die – besonders wenn sie aufeinandertreffen – besser an der kurzen Leine gehalten werden sollten. Eine wesentliche Herausforderung bestand für Brych somit umso mehr darin, Konfliktherde früh zu erkennen, zu beseitigen und sie möglichst gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die ersten kleineren Nickeligkeiten, etwa zwischen Raphael Varane und Mario Mandzukic, ließen tatsächlich nicht allzu lang auf sich warten, wurden vom Unparteiischen jedoch schon in der Anfangphase mit Entschiedenheit und (vielleicht stellenweise zu) autoritärer Körpersprache aus dem Spiel genommen. Gut so. Auch das sorgte für eine Spielleitung, die praktisch jederzeit durch Akzeptanz und Kontrolle gekennzeichnet war. 


Schwächephase in der Mitte

Vielleicht lief das erste Drittel sogar zu gut. Brychs zuvor noch ausgewogene und berechenbare Linie litt zwischenzeitlich ebenso wie die Akkuratheit seiner Entscheidungen. Ab der 35. Minute unterliefen ihm ein paar Konzentrationsmängel und Unsauberkeiten – genannt seien hier ein falscher Eckstoß, ein übersehenes absichtliches Handspiel in der Mauer bei einem Juve-Freistoß (welches dann auch mit Gelb zu ahnden gewesen wäre) oder die angesichts einer früheren Ermahnung taktisch verständliche, technisch dennoch kaum vertretbare Verwarnung gegen Carvajal.

In der 51. Spielminute hätte die Deutsche Nr. 1 dagegen zwingend in die Brusttasche langen müssen: Marcelos Tritt auf Mandzukics Spann während eines Konters hätte – notfalls auch nachträglich in Anschluss an den gegebenen Vorteil – Gelb nach sich ziehen müssen. Besonders bitter werden fehlerhafte Einzelentscheidungen für Schiedsrichter immer dann, wenn ähnliche Situationen in zeitlicher Nähe unterschiedlich beurteilt werden. So war es auch hier. Nur zwei Minuten nach Marcelos Stollenvergehen trat Toni Kroos mit Stollen am anderen Ende des Platzes zu und erwischte Nationalmannschaftskamerad Sami Khedira leicht auf dessen Fuß. Hier gab es – völlig zu Recht – Gelb. Im Vergleich zu Marcelos Tritt war Letzterer allerdings noch eine Spur intensiver. Wenngleich es sich hierbei „nur“ um zwei Einzelentscheidungen handelte, so mangelte es auch dem neutralen Beobachter in diesen Minuten wohl etwas an Geradlinigkeit. Im weiteren Verlauf des Spiels, etwa ab der 60. Minute, fand Brych jedoch zu seiner klaren Linie zurück – wohl auch dank des zunehmend deutlichen Verlaufs des Spiels zugunsten der Madrilenen.


Gelb-Rot gegen Cuadrado

Nur einmal kam noch Hektik auf. Als Juan Cuadrado nach einem fairen Tackle von Sergio Ramos zum schnellen Einwurf lief und den Spanier dabei – unmittelbar vor Brychs Assistenten Stefan Lupp – zu Fall brachte. Während Lupp verständlicherweise auf die Oberkörper der beiden Spieler fixiert war, zögerte Brych nur kurz und schickte Cuadrado mit Gelb-Rot vom Platz.



Erst nach zwei Zeitlupen – eine aus der > Hintertorperspektive, eine andere > per Smartphone aus dem Stadion aufgenommen – lässt sich erahnen, dass Cuadrado Sergio Ramos mehr oder weniger bewusst ein Bein stellte oder gar auf die Zehen stieg.

Eindeutig aufschlüsseln lässt sich diese Szene wohl nicht. Die Entscheidung wirkt hart, gerade in einem Champions League Finale. In diesen Spielen hat es sich die letzten Jahre über etabliert, Regeln zu beugen und möglichst „alle Spieler leben zu lassen“, wovon nicht zuletzt Dante oder Franck Ribéry im Finale gegen Borussia Dortmund einst profitierten. Dass Brych hiervon abgewichen ist, spricht grundsätzlich dafür, dass er sich seiner Sache überaus sicher gewesen sein muss.

Sergio Ramos‘ geradezu schändlicher Faller sollte Cuadrados Aktion indes nicht relativieren. Er zeigt vielmehr, dass es eben nicht ausreicht, gegenüber modernen Formen der Schauspielerei und Simulation auf die Kraft der Zunge zu vertrauen. Eine andere Kultur und Selbstverständlichkeit im Umgang mit derlei antisportlichem Verhalten sind mehr als überfällig. 


Weder großartig, noch schwach

Schwierige Situation also. So tut sich auch die Community des Schiedsrichterblogs The3rdTeam in einer Umfrage schwer damit, sich trotz verfügbarer Zeitlupen eindeutig festzulegen.

Astrein war die Entscheidung gefühlt nicht. Ganz verkehrt, wie von vielen Medien dargestellt, aber auch nicht. Irgendwie war sie also ok. Eine Einschätzung, die in gleicher Weise auch für die wenig glänzende, aber keinesfalls schwache Leistung des deutsch-serbischen Schiedsrichterteams um Felix Brych steht.

Fernab von Einzelentscheidungen, die an manchen Stellen sicher Stringenz und Akkuratheit vermissen ließen, hat Felix Brych eine ordentliche Leistung gezeigt. Er hat etwas geschafft, das sonst nur selten anzutreffen ist: Den scheinbaren Widerspruch, Spielfluss zu ermöglichen und eine gewisse Nähe zu den Spielern aufzubauen, gleichzeitig jedoch autoritär aufzutreten und, wenn nötig, auch mit Karten einzuschreiten, aufzulösen und vielmehr in einen Kompromiss zu überführen. Damit ist es ihm gelungen, dass das Spiel nahezu stets in ruhigem Fahrwasser blieb, die Spieler trotz vergleichsweise vieler Karten im Vordergrund standen und er selbst nicht in großer Erinnerung bleiben wird – und das ist in solchen Spielen für Unparteiische bereits die halbe Miete.

Der Trickle-Down-Effekt: Bibiana Steinhaus als inspiratives Vorbild

26.5.17 Kommentarbereich
Bibiana Steinhaus wird als "First Lady" Spiele in der Bundesliga leiten. Selten hat der Aufstieg eines Referees ins deutsche Fußballoberhaus vergleichbar euphorische Reaktionen in den Medien ausgelöst. Während in der WELT vom „Fußballkrieg der Geschlechter“ die Rede war, verzettelte sich so mancher BILD-Kolumnist in einem Rundumschlag gegen die „Ü50-Machos“ des DFB und deren „Altherren-Denken“. Solche Reaktionen zeigen, dass es offenbar doch noch nicht selbstverständlich ist, dass Leistung vor Geschlecht kommt. So wünscht sich auch Bibiana Steinhaus, „als Schiedsrichterin, nicht als Frau“ beurteilt zu werden (s. Reviersport.de. Besonnener und produktiver reagierte dagegen der oft gescholtene Fußballweltverband FIFA in Person seiner vor fast genau einem Jahr ernannten Generalsekretärin Fatma Samoura: Steinhaus sei „eine Inspiration“. Und ja, genau darin liegt (die) ein(zig)e große Chance des Hypes um Bibiana Steinhaus: Junge Mädchen und Frauen zur Aufnahme einer Schiedsrichterinnentätigkeit zu inspirieren.



Der Trickle-Down-Effekt - ein Durchsickern von oben nach unten

Forscher der Universität Paderborn und der Deutschen Sporthochschule Köln haben untersucht, ob zwischen Aufstiegen von Schiedsrichtern in höhere Ligen und der Anzahl bereits aktiver und neuer Referees innerhalb des betroffenen Landesverbands ein positiver Zusammenhang besteht.

Die Autoren der Studie, Prof. Dr. Bernd Frick und Dr. Pamela Wicker, stützten diese Vermutung auf das Prinzip eines Trickle-Down-Effekts, der bereits in anderen Segmenten des Sports nachgewiesen werden konnte: Demnach nehme der Profisport eine inspirative Funktion für den Amateursport wahr, welche zu einer erhöhten Aktivität und Anzahl ihn ausübender Personen führe.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Tennis-Boom der 80er- und 90er-Jahre, der Deutschland nach Boris Beckers und Steffi Grafs Erfolgen erfasste und nicht nur zu steigenden TV-Quoten, sondern auch zu zunehmenden Mitgliedszahlen in deutschen Tennisvereinen beitrug.

Der sportliche Erfolg eines Modellathleten im Profibereich sickert demnach von oben nach unten durch und inspiriert zur Nachahmung, intensivierten Anstrengung oder gar erstmaligen Aufnahme der entsprechenden sportlichen Tätigkeit. 


Positive Vorbilder: Lernen am Modell

Psychologisch fußen diese Überlegungen auf der sozialkognitiven Lerntheorie (Modelllernen) nach Albert Bandura. Demzufolge kann Verhalten allein auf Basis von Beobachtungen des Verhaltens einer fremden Person (einem Modell) erlernt und gezeigt werden (Lern- und Imitationsphase).

Eine Nachahmung des beobachteten Verhaltens (hier: sich als weibliche Schiedsrichterin im Männergeschäft „Fußball“ engagieren, behaupten und stets an die eigenen Chancen und Stärken glauben) erfolgt speziell dann, wenn es positive Vorbilder gibt.

Lockwood (2006) definiert Vorbilder - sog. "role models" - "als Individuen, die ein Beispiel für jenen Erfolg sind, den man erreichen will und die häufig ein Muster an Verhaltensweisen zeigen, die zur Erreichung dieses Erfolgs notwendig sind" (S. 36, Übersetzung d. Verf.). Somit bilden Erfolg und Leistungsexzellenz ein zentrales Kriterium, das eine Person erfüllen muss, um als modellhaftes Vorbild in Frage zu kommen.

Entscheidend für die Nachahmung des Verhaltens ist zweitens die Frage, ob das modellhafte Verhalten neutrale oder sogar positive Konsequenzen nach sich zieht – also ob es belohnt wird (hier: Aufstieg in die Bundesliga, positive mediale Resonanz). Ist dies der Fall, so kann sich die Beobachterin vom beobachteten Modell inspiriert fühlen; die Hemmschwelle, das Verhalten zu zeigen (hier z.B.: selbst das Amt der Schiedsrichterin ergreifen), sinkt. Anders formuliert: Das Modell ist es wert, imitiert zu werden.

Drittens tritt dieser Effekt vor allem dann auf, wenn zwischen der Beobachterin bzw. dem Beobachter (hier: einer potenziellen Jungschiedsrichterin) und dem Modell (hier: Bibiana Steinhaus) eine hohe subjektiv empfundene Ähnlichkeit und Identifikation bestehen – etwa mit Blick auf das Alter, die Nationalität bzw. regionale Herkunft oder - im Zusammenhang mit Bibiana Steinhaus sehr relevant - das Geschlecht.


Mehr zur Trickle-Down-Studie

Die beiden oben erwähnten Forscher konnten den vermuteten Zusammenhang zwischen Aufstiegen in höhere Ligen und der Anzahl an Schiedsrichtern bzw. Neulingen in Teilen statistisch nachweisen.

Methodik 

Die Autoren erfassten für alle 21 Landesverbände des DFB Daten über die relative Anzahl vorhandener Schiedsrichter, die relative Anzahl neu rekrutierter Schiedsrichter (jeweils pro 1.000 SR) und die absolute Anzahl von Aufsteigern in die 3. Liga, 2. Bundesliga, 1. Bundesliga und auf die FIFA-Liste. Der betrachtete Zeitraum umfasste die Jahre 2005 bis 2014. Anhand dieser Datenbasis prüften die Forscher mittels einer sog. Regressionsanalyse, ob zwischen den jeweils ein Jahr zurückliegenden Aufstiegen potenzieller Vorbilder und der relativen Anzahl an vorhandenen und neu rekrutierten Unparteiischen statistisch bedeutsame Effekte bestanden.

Ergebnisse 

Zwischen Aufstiegen von Vorbildern in die drei höchsten deutschen Ligen sowie der Aufnahme in die FIFA-Liste und der Anzahl vorhandener Schiedsrichter in demselben Landesverband bestanden jeweils signifikante, positive Zusammenhänge. Zwischen Aufstiegen von Schiedsrichtern in die 1. Bundesliga und der Anzahl in seinem Landesverband ein Jahr später neu gewonnener Schiedsrichter bestand ebenfalls ein positiver und statistisch bedeutsamer Effekt. Zwischen einem Aufstieg auf die FIFA-Liste und der Anzahl neu gewonnener Schiedsrichter in dem betroffenen Landesverband zeigte sich hingegen ein negativer statistischer Effekt. Aufstiege in die 3. Liga oder 2. Bundesliga wiesen indes keine relevanten Zusammenhänge auf.

Diskussion

Für Landesverbände, die in ihrem Unparteiischenpool einen Aufstieg in höhere Ligen vermelden konnten, wirkte sich dieser laut der Autoren positiv auf die Gesamtzahl vorhandener Schiedsrichter im Folgejahr aus. Die Autoren ordnen dies als einen positiven motivationalen Effekt ein, der bereits aktive Schiedsrichter dazu motiviert, ihrem Amt treu zu bleiben. 

Auf die relative Anzahl neu rekrutierter Schiedsrichter wirkten sich in demselben Landesverband erzielte Aufstiege in die 1. Bundesliga positiv aus, nicht jedoch jene in die 2. Bundesliga oder 3. Liga. Dies erklären sich die Forscher damit, dass letztgenannte Ligen in den Medien seltener und weniger intensiv auftauchen und daher weniger Gelegenheit besteht, sich mit ihnen zu identifizieren. 

Aufstiege in die 1. Bundesliga seien hingegen mit einem inspirativen Effekt zu erklären, der gerade junge Personen dazu antreibt, Schiedsrichter zu werden. Bundesligaaufsteiger würden demnach als positive Vorbilder dienen, deren Verhalten und Erfolge zur Nachahmung inspirieren – also ganz im Einklang mit der sozialkognitiven Lerntheorie nach Bandura (1985). 

Aufstiege auf die FIFA-Liste hatten gemäß den Ergebnissen hingegen einen negativen Effekt auf die Neugewinnung von Schiedsrichtern im jeweiligen Landesverband. Frick und Wicker vermuten, dass dies auf das schlechte Image des Fußballweltverbands in Folge von Korruptionsaffären zurückzuführen sein könnte: Junge Menschen würden demzufolge vom Amt des Schiedsrichters abgeschreckt, anstatt durch einen FIFA-Neuling aus dem eigenen Verband positiv inspiriert zu werden. Ob dieser Kausalzusammenhang wirklich zutrifft, darf allerdings bezweifelt werden; dieser wäre nur dann schlüssig, wenn sich junge, meist fußballaffine Personen, die bis dato noch keiner Schiedsrichtertätigkeit nachgehen, a) um die Verbandszugehörigkeit eines FIFA-Neulings wissen, b) dahingehende Informationen aktiv einholen oder diese zumindest wahrnehmen und c) ihre Entscheidung, Schiedsrichter zu werden oder nicht zu werden, von diesen negativen Informationen abhängig machen würden. Weiterhin schließen die Daten auch die Jahre um die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland mit ein, in denen das Image der FIFA noch nicht die aktuellen Formen aufwies. All dies zusammengenommen muss der Erklärungsansatz als eher unwahrscheinlich beurteilt werden. 

Denkbar wäre folgender alternativer Erklärungsansatz: Verbände könnten sich nach einem erfolgreichen FIFA-Aufstieg eines ihnen zugehörigen Spitzenschiedsrichters auf diesen Lorbeeren ausruhen und im Folgejahr weniger Energie in die Anwerbung von Schiedsrichterneulingen investieren.


Steinhaus als Botschafterin für Schiedsrichterinnen und junge Mädchen?

Ein Trickle-Down-Effekt sollte sich für die drei anderen Bundesligaaufsteiger Sven Jablonski (Bremen), Martin Petersen (Württemberg) und Sören Storks (Westfalen), die in der medialen Berichterstattung nahezu komplett untergingen und auch in diesem Artikel bislang unerwähnt blieben, in ihren Landesverbänden ebenfalls bemerkbar machen. Dies bleibt zu hoffen, denn im Gegensatz zum weiblichen Teil der deutschen Referees sind die Zahlen der aktiven männlichen Schiedsrichter seit Jahren deutlich rückläufig (-9% zwischen 2009 und 2015; Frauen: praktisch keine Veränderung). 

Es wird dennoch äußerst interessant sein, die zahlenmäßige Entwicklung weiblicher Schiedsrichterinnen in den kommenden Jahren zu verfolgen. 

Den Überlegungen der sozialkognitiven Lerntheorie sowie den Befunden von Frick und Wicker folgend, kann davon ausgegangen werden, dass Steinhaus‘ Aufstieg positive Effekte auf die Neugewinnung weiblicher Schiedsrichterinnen haben dürfte - und zwar auch langfristig, wenn erstens die mediale Resonanz auf ihre Leistungen so ausfällt, wie sie es bei jedem anderen männlichen Referee tun würde, und zweitens mit Riem Hussein oder Katrin Rafalski zwei Schiedsrichter(assistent)innen künftig vielleicht noch höher aufsteigen und Steinhaus somit kein Einzelfall bleibt. Grundsätzlich wird es natürlich die Aufgabe des DFB und der einzelnen Landesverbände sein, das positive Rollenvorbild in der Bundesliga in ihren Kommunikations- und Werbestrategien zur Schiedsrichtergewinnung einzubeziehen.

Und deshalb – wie in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zitiert – sieht sich die Hannoveranerin selbst als „Botschafterin: für Schiedsrichterinnen und junge Mädchen, die es werden wollen“. Wenn der mediale Hype um ihren Aufstieg für etwas gut war, dann vielleicht genau dafür.


Literatur

Bandura, A. (1985). Social Foundations of Thought and Action: A Social Cognitive Theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.

Frick, B., & Wicker, P. (2016). Recruitment and Retention of Referees in Nonprofit Sport Organizations: The Trickle-Down Effect of Role Models. Voluntas, 27, 1304-1322.

Lockwood, P. (2006). "Someone like me can be successful": Do college students need same-gender role models? Psychology of Women Quarterly, 30, 36-46.

Lehreinheit Nr. 7 (2. Teil): Feedback & Schiedsrichter: Tipps für effektives Feedback

14.5.17 Kommentarbereich


Damit Feedback unabhängig von seinem Inhalt akzeptiert wird und positiv zur Weiterentwicklung eines Schiedsrichters beiträgt, sollten einige Feedbackregeln bzw. Handlungsempfehlungen seitens des Feedbackgebers beherzigt werden. 

Nachdem im zurückliegenden 1. Teil bereits der Grundstein für weitere Überlegungen zum Thema Feedback gelegt wurde, stehen daher im vorliegenden 2. Teil Tipps für Feedbackgeber im Mittelpunkt.

1. Teil (Theorie): Was ist Feedback und warum ist es für Schiedsrichter wichtig?
2. Teil (Praxis): Wie kann Feedback effektiv und akzeptiert vermittelt werden?
3. Teil (Praxis): An welche Regeln sollten sich Schiedsrichter halten, wenn sie Feedback erhalten?
4. Teil (Praxis): Welche Handlungsempfehlungen ergeben sich für Verbände und SR-Ausschüsse?

Denn: Nicht jedes Feedback ist besser als gar kein Feedback! Es kommt darauf an, Feedback effektiv, akzeptiert und, vereinfacht gesprochen, gut zu vermitteln!

Lehreinheit Nr. 7 (1. Teil): Feedback & Schiedsrichter: Ein Motivations- und Weiterentwicklungsmittel

9.5.17 Kommentarbereich
Sucht man im Internet nach dem Begriff „Feedback“, so liefern einschlägige Suchmaschinen nicht weniger als 2,73 Milliarden Treffer (Stand: Mai 2017; zum Vergleich: beim Begriff "Football" erhält nur die anzahlmäßige Hälfte der Ergebnisse). Gerade im betrieblichen Kontext ist Feedback heute en vogue - so ist Feedback in vielen Organisationen ein fest verankertes Instrument zur Leistungssteuerung und Zielkontrolle. Auch für Fußballschiedsrichter sind fundierte Rückmeldungen über ihre gezeigte Leistung aus vielerlei Gründen überaus relevant. Bei Feedback handelt es sich um ein Steuerungsmittel, das - wenn es auf bestimmte Art und Weise erfolgt - positiv zur Motivation und Weiterentwicklung von Unparteiischen beiträgt. 


Nachspielzeit (31. Spieltag): Rot, 'Röter', Stollentreffer oberhalb des Schuhrandes

1.5.17 Kommentarbereich
Der 31. Spieltag war vor allem durch ein Thema gekennzeichnet: Stollenvergehen oberhalb des Schuhrandes. Während Fürths Benedikt Kirsch und Unions Sebastian Polter in der 2. Bundesliga vollkommen zu Recht Rot sahen, kam Hamburgs Michael Gregoritsch gestern in Augsburg mit Gelb davon. Glück hatte auch der 1. FC Köln, dass der Schiedsrichterassistent zweimal goldrichtig lag und die vermeintlichen Dortmunder Führungstreffer wegen Abseits aberkannte - das eine Mal aus der Wahrnehmung, das andere Mal wohl eher aus dem Bauch heraus.



Augsburg – Hamburg: Gregoritsch im Glück

Als nach Michael Gregoritschs Foulspiel gegen den Augsburger Dominik Kohr die ersten Zeitlupen eingespielt wurden, war sich auch der Adel in Gestalt von Sky-Kommentator und Twittertrend Fritz von Thurn und Taxis (#fritzlove) sicher: „Das ist knallrot!“. Recht hatte er. Was aus der frontalen Perspektive des Schiedsrichters fraglos dunkelgelb ausgesehen haben muss, entpuppte sich vor allem aus Blickwinkeln von der Seite bzw. von schräg hinten als dunkelrot – denn die Kriterien für ein grobes Foulspiel waren vollauf erfüllt.

Ein grobes Foulspiel liegt gemäß Regel 12 dann vor, wenn ein Tackling oder Angriff im Kampf um den Ball übermäßig hart oder brutal von vorn, von der Seite oder von hinten mit einem oder beiden Beinen ausgeführt wird und dabei die Gesundheit des Gegners gefährdet.  

Besonders gesundheitsgefährdend sind Foulspiele meistens dann, wenn der Kontakt mit gestreckten Stollen – landläufig als „offene Sohle“ bekannt – erfolgt. Bei der Beurteilung von Stollenvergehen ist speziell der Trefferpunkt entscheidend. Während niedrige Trefferbereiche, wie z.B. der Schuh oder die Schuhspitze, meistens „nur“ für das Vorliegen eines rücksichtslosen Foulspiels sprechen (wofür es dann die Gelbe Karte geben muss), gelten Trefferpunkte oberhalb des Schuhrandes als klare Indizien für ein grobes Foulspiel. Medizintheoretisch lässt sich dies nicht zuletzt dadurch begründen, dass sich gerade im Bereich der Achillesferse, der Wade oder des Sprunggelenks die für Stollenvergehen anfälligsten Teile der Fuß-Bein-Region befinden. Ganz praktisch unterstreichen nicht allzu weit zurückliegende Verletzungen die Gefahr, die von solchen Foulspielen ausgeht: Johannes Geis‘ Tackle gegen Gladbachs André Hahn setzte Letzteren in der vergangenen Spielzeit für mehrere Monate außer Gefecht; Dortmunds Nuri Sahin konnte nach dem zwingend strafstoß- und feldverweiswürdigen Foul von Gladbachs Strobl von Glück sagen, dass seine Verletzung nicht so schlimm ausfiel, wie zunächst angenommen.

Der Kontakt ist hier schon erfolgt - die Trefferregion lässt sich noch erahnen


Den exakten Trefferpunkt zu lokalisieren, war für den Unparteiischen Manuel Gräfe hier allerdings kein Leichtes. Wie eine Einstellung in etwa aus seiner Position zeigt, sah es von vorn tatsächlich so aus, als habe der Kontakt eher unterhalb des Schuhrandes im Bereich der Hacke stattgefunden. Ob nicht selbst in diesem Fall die Intensität und Gesundheitsgefahr dieses Tacklings mehr für Rot denn für Gelb sprechen, kann dabei jedoch diskutiert werden. Denn trotz Schuhrand-Faustformel ist der Trefferpunkt bei extrem hoher Intensität mitunter nicht mehr ganz so entscheidend.

Idealerweise hätte der Referee einen Hinweis von draußen erhalten und daraufhin Rot gezückt. Der Vierte Offizielle Timo Gerach hatte eine für die Beurteilung der Schwere des Vergehens bessere, wenngleich ebenfalls keine optimale Position. Unklar bleibt für den nicht involvierten Betrachter, ob seine Sicht zum Zeitpunkt des Foulspiels unter Umständen leicht versperrt war.


Mit Teamwork zur richtigen Farbe

Den Durchblick hatte indes Markus Schüller, Vierter Offizieller beim Spiel Arminia Bielefeld gegen Greuther Fürth. Der Kleeblättler Benedikt Kirsch ging kurz vor dem Pausenpfiff mit gestrecktem Bein und offener Sohle in den Zweikampf und traf Bielefelds Tom Schütz dabei mit hoher Intensität im Wadenbereich. Auch hier konnte es nur eine Farbe geben: Rot. Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck war jedoch zunächst im Begriff, die Gelbe Karte zu zeigen. Daraufhin übermittelte der Vierte Offizielle ihm über das Headset die relevanten Informationen und den eindeutigen Hinweis, dass hier zwingend Rot zu geben sei. 

Dieses Beispiel illustriert auf anschauliche Weise, wie wichtig ein antizipatives, nicht-statistisches Stellungsspiel ist. Eigentlich hatte Schiri Dr. Matthias Jöllenbeck einen optimalen, seitlichen Blickwinkel. Sein Pech war, dass ihm ein anderer Fürther im entscheidenden Moment höchstwahrscheinlich im Blickfeld stand. In Situationen, bei denen zwei Spieler unterschiedlicher Teams zum Ball gehen und ihn voraussichtlich in etwa zeitgleich erreichen werden, ahnt man als Schiedsrichter in der Regel, dass es krachen muss und wird. So war es auch hier. Deshalb ist es immens wichtig, in Bewegung zu bleiben und, falls dann dennoch ein Spieler im Blickfeld steht, den Oberkörper bzw. Kopf entsprechend flexibel zu beugen, um nach Möglichkeit das Foul und besonders den Kontakttyp und Trefferpunkt erkennen zu können. Hätte Dr. Jöllenbeck, selbst praktizierender Mediziner im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie, den Trefferpunkt in seiner gefährlichen Form wahrgenommen, hätte er vermutlich ohne zu zögern Rot gegeben – wohl wissend um die Gefahr dieser Art des Tacklings.


Grobes Foulspiel oder Tätlichkeit?

Ähnlich klar waren die Verhältnisse in Berlin: Beim Spiel Union Berlin gegen SV Sandhausen langte Union-Angreifer Sebastian Polter an der Seitenlinie auf überraschende und üble Weise mal so richtig hin. Mit gestreckter Sohle traf (bzw. trat) er Sandhausens Tim Kister im Wadenbereich, der daraufhin vor Schmerzen schrie und glücklicherweise keine schlimme Verletzung davontrug.

Bundesligaaufstiegskandidat Sven Jablonski entschied zu Recht auf Rot. Der Kampf um den Ball war in diesem Moment bestenfalls zweitrangig, so dass es sich bei dem Foulspiel mindestens um einen Grenzbereich zwischen grobem Foulspiel und Tätlichkeit handelte. Auf ganz ähnliche Weise foulte Franck Ribéry vor einigen Jahren – damals noch im Juventus-Dress – Arturo Vidal in einem Champions League K.O.-Spiel. Die UEFA bewertete den Tritt in die Wade, der nicht dem Ball galt, damals folgerichtig als Tätlichkeit. Denn eine Tätlichkeit liegt per definitionem dann vor, wenn ein Spieler ohne Kampf um den Ball übermäßige Härte oder Brutalität einsetzt oder einzusetzen versucht. Da Polters Aktion nicht wirklich dem Ball galt bzw. rückblickend nicht unbedingt als Teil des Kampfs um den Ball zu bewerten ist, kann davon ausgegangen werden, dass das Strafmaß des DFB im Fall Polter trotz anschließend fairen Verhaltens keinesfalls milde ausfallen dürfte.

Pech hatte Sandhausen in der ersten Halbzeit, als ein Stollenvergehen der Berliner im Mittelfeld – allerdings weniger beabsichtigt und vor allem mehr fahrlässig als rücksichtslos oder gar übermäßig hart – nicht geahndet wurde: Im Anschluss an die daraus entstehende Ecke erzielten die Eisernen das 1:0.


Abseits in Dortmund: Wahrnehmung und Intuition

Das 1:0 bejubelten die Dortmunder Borussen gegen den 1. FC Köln gleich zweimal zu früh. Der Spielverderber hieß jeweils Sascha Thielert, 1. Schiedsrichterassistent von Tobias Stieler. Den Dortmundern dürfte Thielert noch bestens bekannt sein – schließlich war er es, der das späte Ausgleichstor der Leipziger in der letzten Minute der Nachspielzeit vor nicht allzu langer Zeit durch seine korrekte Abseitsentscheidung „weggewunken“ hatte.

In der 14. Spielminute hatte Thielert diesmal allerdings mehr Glück als … nun ja, akkurates Positionsspiel. Kurz vor Marco Reus‘ Pass auf den hauchdünn im Abseits stehenden Shinji Kagawa machte mindestens ein Kölner – nämlich Ex-Borusse Neven Subotic – einen entscheidenden Schritt zurück und ließ Kagawa so ins Abseits laufen. Der Assistent an der Seitenlinie machte es dem Kölner jedoch nicht gleich und schaltete eine halbe Sekunde zu spät: Statt ebenfalls zurückzulaufen und somit akkurat auf Höhe des zweitletzten Verteidigers zu stehen, lief er noch ein Stück weiter und machte erst dann einen Satz zurück Richtung Kölner Defensivreihe, als der Ball bereits gespielt wurde. Im Moment der Ballabgabe befand er sich somit 1-1,5 Meter zu weit zur Torlinie. Auffällig war, dass sich der Assistent mit der Seite dem Spielfeld zugewandt fortbewegte - es wäre hier womöglich besser gewesen, sich mit seitlichen Schritten dem Spielfeld zugewandt zu bewegen (denn dadurch kann schneller und flexibler auf gegenläufige Bewegungen bzw. Bewegungsänderungen der Verteidiger reagiert werden). Mit seinem ungenauen Stellungsspiel konnte der Assistent die marginale Abseitsstellung bestenfalls erahnen, aber keineswegs sicher treffen. Dort die Fahne korrekterweise zu heben war mehr oder minder pures Glück – oder, positiver gesprochen, Intuition, die mit der Erfahrung von 172 Spielen als Assistent in der Bundesliga selbstverständlich gereift ist. Denn wie sagte der ehemalige WM-Assistent und heutige Assistentenlehrwart des DFB Jan-Hendrik Salver einmal: „95 Prozent entfallen auf Wahrnehmung, die restlichen fünf Prozent muss ‚der Bauch‘ übernehmen.“ Ob hier nicht eher 95 Prozent auf den Bauch entfielen, sei an dieser Stelle offen gelassen.  

Mit wahrscheinlich nahezu 100 Prozent Wahrnehmung entschied Sascha Thielert dagegen in der 34. Minute erneut auf Abseits, als Marco Reus den Ball im Tor unterbrachte. Er befand sich im Moment des Kopfballs von Castro allerdings hinter dem Torhüter – zur Torlinie war in diesem Moment nur noch ein Verteidiger näher als Reus. Somit befand er sich in einer Abseitsposition, die nur dadurch strafbar wurde, dass er zum Ball ging und ihn spielte. Wäre er weggeblieben, hätte das Tor gezählt. So jedoch zählte es nicht – stattdessen gab es den Daumen von Sascha Thielert, vermutlich in Richtung seines Chefs Tobias Stieler. Und in der Tat, Daumen hoch: Beide wichtigen Entscheidungen saßen – wenn auch in einem Fall mit Glück, das man als Schiedsrichter allerdings auch mal haben muss.

Lehreinheit Nr. 6: Einheitlichkeit in der Spielleitung: Über Berechenbarkeit und taktische Ausgewogenheit

27.4.17 3 Kommentare
Nach einer halben Stunde des gestrigen Pokal-Halbfinals zwischen Bayern München und Borussia Dortmund konnte man als Anhänger des dritten Teams auf dem Platz einige Sorgenfalten bekommen: Trotz guten Starts mit einem zu Recht verweigerten Handelfmeter für die Bayern geriet Referee Manuel Gräfes Spielleitung zusehends ins Wanken. Dass seine Akzeptanz und Autorität zwischenzeitlich spürbar litten, lag dabei hauptsächlich an einem Problem: Uneinheitlichkeit. Eine praxisbeispielgestützte Lehreinheit zu einem der wichtigsten Merkmale schiedsrichterlicher Exzellenz.


Nachspielzeit (29. Spieltag): Von Déjà-vus, Spraylinien und Respekt

19.4.17 Kommentarbereich
Für den Schiedsrichter war das 5:3-Spektakel in Sinsheim gleich in doppelter Hinsicht ein Déjà-vu. Während David Alaba in Leverkusen beim Freistoß selbst zur Sprayflasche greifen darf, wird Pierre-Michel Lasogga in den Schlusssekunden des Nordderbies die vom gegnerischen Tor wohl am weitesten entfernte Spraylinie der Bundesligahistorie zu Teil. Und zu guter Letzt bieten einige der in der vergangenen Spielwoche ausgesprochenen Platzverweise Anlass zur kritischen Reflexion in Sachen "Respekt".

Verwarnungen und Platzverweise sollten idealerweise auf Augenhöhe ausgesprochen werden


Nicht nur in puncto Torreigen stand die Partie zwischen der TSG Hoffenheim und Borussia Mönchengladbach im Mittelpunkt – denn auch aus Schiedsrichtersicht bot sie einigen Gesprächsstoff. Für den vom DFB mit der Spielleitung betrauten Unparteiischen Christian Dingert war es das erste Wiedersehen mit den Kraichgauern seit deren im wahrsten Wortsinn erkämpften Nullnummer bei der Eintracht aus Frankfurt. Nachdem Dingert damals das Spiel komplett aus den Händen glitt und Frankfurt-Verteidiger David Abraham einem zwingenden Platzverweis für seinen Brutalo-Ellbogen entging, war seitens der DFB-Schiedsrichterkommission sicher Einiges an Aufbauarbeit zu leisten: Nach einer mehrwöchigen Pause legte Christian Dingert so ein durchaus ansehnliches Comeback hin und überzeugte mit überwiegend guten und unaufgeregten Spielleitungen.

Mediale Aufmerksamkeit erlangte er dabei besonders einmal: Als er Lars Stindls mit der Hand erzielten Treffer beim FC Ingolstadt als regulär anerkannte. Damals entbrannte im Nachgang der Partie weniger eine Debatte darüber, ob Stindl den Ball mit einem absichtlichen Handspiel ins Tor befördert hatte, sondern vielmehr eine Grundsatzdiskussion darüber, ob es allgemein im Sinne der Fußballregeln und -gemeinschaft ist, dass ein Tor auf legale Weise mit der Hand erzielt werden kann. Der Vorsitzende der DFB-Eliteschiedsrichter-Kommission, Lutz Michael Fröhlich, legte sich damals fest und beurteilte die leichte Bewegung von Stindls Hand zum Ball als ausschlaggebend dafür, das Handspiel als absichtlich und somit als strafbar einzustufen. Auch international herrscht in den höheren Schiedsrichterkreisen Konsens: Bei Toren, die mit der Hand erzielt werden, liegt die Latte für eine Beurteilung als absichtliches Handspiel deutlich tiefer als in anderen Szenarien.

'Always expect the unexpected!'

Nun war es in Hoffenheim wieder Lars Stindl, der seine Fohlen in Folge eines Handspiels jubeln ließ. Was war passiert? In der 35. Spielminute erhielt Hoffenheim-Keeper Oliver Baumann einen Rückpass, der ihn mächtig in Bedrängnis brachte: Denn gleich zwei Gladbacher liefen ihn an und setzten ihn so unter Druck. Baumann ließ sich einen Sekundenbruchteil zu viel Zeit – sein Klärungsschuss wurde von Jonas Hofmanns leicht geöffneter und abgespeizter Hand abgefälscht. An diesem Punkt war der Ausgleichstreffer nur noch Formsache, Stindl musste nach einem Querpass nur noch ins leere Tor einschieben. Christian Dingert war im Moment des Rückpasses gerade dabei, seine Kleidung zurechtzuziehen und sah den Lauf der Dinge offenbar nicht vorher – hier greift, wie so häufig, die in Schiedsrichterkreisen bekannte Sentenz „Always expect the unexpected!“. Als das Handspiel erfolgte, war der Referee rund 30 Meter entfernt – hatte aber dennoch freien Blick und sich dementsprechend schnell auf eine Entscheidung festgelegt. Wild gestikulierend war er sich sicher: Das war keine Absicht. Nun kann man dieses Handspiel regeltechnisch auseinandernehmen, von allen Seiten beleuchten und in seine Einzelteile zerlegen, um möglicherweise zu dem Schluss zu kommen, dass wir im Bereich 70:30 pro strafbares Handspiel liegen. Das wäre sehr detailorientiert. Mehr im Sinne des Fußballs wäre es mitunter, sich zu fragen, was gegeben sein müsste, dass ein Tor regulär mit der Hand erzielt werden kann. Gemäß des inzwischen auch regeltechnisch verankerten "Geists der Regeln" sollte das wohl nur dann der Fall sein, wenn wirklich alles gegen Absicht spricht (und gemessen an dem Dogma, das etwa in Nyon bei der UEFA verfolgt wird, wäre das noch eine sehr konservative Haltung). War das hier der Fall? Wohl eher nicht. Das Tor hätte nicht zählen sollen.

Ähnlich verhielt es sich beim 1:0-Führungstreffer. Dass Szalai im Moment des ersten Kopfballs auf Yann Sommer, den Letzterer noch abwehren konnte, lediglich mit der Fußspitze im Abseits stand, war allerdings nur mit Vergrößerungslupe zu erkennen. In der 63. Spielminute lag der Unparteiische leider ein weiteres Mal daneben: Als Mahmoud Dahoud mit beiden gestreckten Sohlen voraus Demirbay auf die Füße stieg, waren beide Kriterien für ein grobes Foulspiel – also sowohl übermäßige Härte als auch eine klare Gefährdung der Gesundheit des Gegenspielers – eindeutig erfüllt: Statt Gelb hätte es hier Rot geben müssen.

Weniger zurückhaltend mit der Farbe Rot war derweil Referee Guido Winkmann beim Spiel FC Augsburg - 1. FC Köln, der seine Führungsposition in Sachen Platzverweisanzahl damit weiter ausgebaut hat. Bemerkenswert war hier insbesondere der erste Feldverweis: Augsburgs Koo wurde nach einem gefährlichen Tackling in Kopf- bzw. Brusthöhe zu Recht mit Gelb-Rot vom Platz geschickt – bzw. vielmehr vom Platz getragen: Denn bei seinem Tackle hatte sich der Koreaner selbst schwer verletzt, so dass er mit der Trage abtransportiert werden musste. Wie für solche Fälle vorgesehen, zeigte Schiedsrichter Winkmann die Gelb-Rote Karte nicht dem schwerverletzten Sünder, sondern hielt die Karten in Anwesenheit des Augsburger Kapitäns mit Verweis auf die Trage zwecks Entscheidungskommunikation in die Höhe. Dies gebieten neben rein technischen Gründen auch Menschenverstand, ein Mindestmaß an Taktgefühl und der Respekt für den Spieler. Denn während ein Spieler am Boden oder gar auf einer Trage liegt, kann jede Form der Sanktionskommunikation im wahrsten Sinne des Wortes nur „von oben herab“ wirken.

Von der weit verbreiteten Philosophie, am Boden liegenden Spielern keine Karte zu zeigen, nahm am vergangenen Spieltag UEFA Second Group Referee Daniel Siebert hingegen Abstand: Der Berliner entschied nach Tin Jedvajs Ziehen und Zerren an Thomas Müller in der 58. Minute korrekterweise auf Gelb – und in der Konsequenz Gelb-Rot –, da der Leverkusener so obendrein einen vielversprechenden Angriff unterbunden hatte. Anstatt zu warten, bis Jedvaj wieder auf den Beinen und aufgestanden war, zeigte ihm Siebert ohne Latenzzeit erst Gelb und, als Jedvaj dann im Begriff war aufzustehen, Rot. Viel Respekt hat dies in dieser Situation nicht versprüht – dies hat Siebert aber womöglich bewusster- und nachvollziehbarerweise in Kauf genommen: Hätte er mit dem Aussprechen der beiden Karten noch etwas gewartet, hätte er beiden Seiten die Gelegenheit gegeben, für bzw. wider Gelb-Rot zu protestieren. In diesem Fall überwog somit der Nutzen einer möglichst zügigen Entscheidungskommunikation auf Kosten von respektvollem Spielermanagement – wenngleich natürlich ungewiss bleibt, ob es wirklich zu Protesten gekommen wäre, wenn Siebert den Mittelweg gewählt hätte: Karten herausholen, aber erst zeigen, sobald Jedvaj wieder auf den Beinen ist. Eine kuriose und gleichsam menschliche Reaktion zeigte Siebert dann auch gleich in Anschluss an Jedvajs Abgang: Als David Alaba seinen Wunsch äußerte, Siebert möge die gesprayte Freistoßlinie nicht allzu dick auftragen, drückte der Unparteiische ihm die Sprayflasche spontan in die Hand.

Für eine besondere Form der Spraytechnik sorgte einen Tag später auch Dr. Felix Brych im Nordderby: Als Pierre-Michel Lasogga in der 95. Spielminute – und somit eine halbe Minute vor der Derbyniederlage seiner Hanseaten – einfach nicht die vorgeschriebenen 9 Meter 15 bei einem Werderaner Freistoß tief in deren eigener Hälfte einhalten wollte und scheinbar auch auf Brychs Pfiffe und Zurufe nicht reagierte, lief Deutschlands Nr. 1 kurzerhand zu Lasogga und sprayte ihm seine ganz persönliche Linie - 70 Meter vom gegnerischen Tor entfernt. Was ohne Zweifel zu einigen Lachern im Weserstadion und vor dem TV-Bildschirmen geführt hat, kann man aus Schiedsrichtersicht durchaus kritisch beäugen. Nicht nur, dass das Spray eigentlich nur in Strafraumnähe (also maximal etwa 25 Meter vor dem Tor) als Ergänzung – und nicht als Ersatz – der Persönlichkeit des Schiedsrichters zum Einsatz kommen sollte und sich Brych dadurch selbst unter Zugzwang gesetzt hat – denn Lasogga ignorierte selbst die Spraylinie, ohne dass der Unparteiische darauf reagierte. Vielmehr wirkte Brychs Aktion einigermaßen impulsiv und glich letztlich einer Persiflage von Pierre-Michel Lasogga, die in einer entsprechenden Publikumsreaktion ihr wohl nicht gänzlich unbeabsichtigtes Echo fand. Eigentlich sollten sich Schiedsrichter darum bemühen, auch grenzdebil agierenden Spielern den nötigen Respekt entgegenzubringen – und der kam in dieser Aktion nicht wirklich herüber. Erheiternd war die Szene natürlich dennoch, genauso wie Brychs allgemein sehr souveräne Spielleitung, die lediglich dadurch getrübt wurde, dass sein Assistent Stefan Lupp Lewis Holtby beim sehr wahrscheinlichen 2:2 irrtümlicherweise in einer Abseitsstellung wähnte.

Ein Adlerauge bewies dagegen der italienische Assistent Filippo Meli in der Nachspielzeit des Champions League Viertelfinal-Hinspiels der Bayern gegen Real Madrid. Was in der Zeitlupe recht deutlich aussah, war in Realgeschwindigkeit wohl sehr schwierig zu sehen: Sergio Ramos stand bei der Flanke seines Mitspielers im Abseits und köpfte ins Tor ein, nachdem er mehrere Meter zurück in Richtung Mittelfeld gelaufen war. Dadurch entstanden gegenläufige Bewegungen, die für den Assistenten stets die Gefahr visueller Verzerrungen bergen. Meli ließ sich nicht täuschen – klasse Entscheidung, ohne die es Bayern gestern womöglich nicht einmal in die Verlängerung geschafft hätte. Melis Chef Nicola Rizzoli fiel abgesehen von seiner insgesamt guten und nur durch die Handspielfehlentscheidung getrübten Leistung dadurch auf, beim berechtigten Platzverweis gegen Javi Martínez seine Pfeife im Mund gelassen zu haben. Auch dies gilt in Schiedsrichterkreisen eigentlich als wenig respektvoll – nicht umsonst heißt es ja „eine Verwarnung / einen Platzverweis aussprechen“. Wenn es Rizzoli in der Situation jedoch wichtiger war, durch die sich selbst auferlegte verbale Kommunikationssperre zu signalisieren „Seht her: Ich lasse bei dieser Entscheidung nicht mit mir reden!“, ist dies akzeptabel.

Tipp: Idealerweise sollte bei Verwarnungen und Platzverweisen darauf geachtet werden, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, um die Entscheidungen verbal unterstreichen und verkaufen zu können.  Außerdem sollte gewartet werden, bis der fehlbare Spieler aufgestanden ist. Beides signalisiert Respekt.

Problematisch wird es dann, wenn die Pfeife im Mund zur Regel wird. So wie bei Patrick Ittrich, dessen Lippen sich beim Heimsieg von Darmstadt 98 über Schalke 04 bei praktisch allen Karten einfach nicht von der Pfeife trennen wollten. Gerade in der 78. Minute, als er Thilo Kehrer vom Platz stellte, zeigte er sich wenig diskussionsfreudig – und durch die Pfeife im Mund auch Sekunden danach wenig ansprechbar. In der Situation auf die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance zu entscheiden, war indes alles andere als eindeutig: Letzter Mann zu sein reicht schließlich nicht aus. Schalkes Schlussmann Ralf Fährmann wäre womöglich noch vor dem gefoulten Darmstädter an den Ball gekommen – Letzterer hatte den Ball zudem (noch) nicht unter Kontrolle. Üblicherweise gilt: Besteht Anlass zur Diskussion, kann es keine offensichtliche Torchance gewesen sein. Überraschend ist, dass Ittrich das Geschenk nicht angenommen hat, auf Nummer Sicher zu gehen und Kehrer nur Gelb für die Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs zu geben – denn der war ohnehin schon verwarnt und hätte somit in jedem Fall duschen gehen müssen. Auf der anderen Seite: davon unbeeindruckt eine Entscheidung zu treffen, von der man überzeugt ist, ist auch eine Stärke - zumal Glattrot sicherlich nicht eindeutig falsch war.