Der Trickle-Down-Effekt: Bibiana Steinhaus als inspiratives Vorbild

26.5.17 Kommentarbereich
Bibiana Steinhaus wird als "First Lady" Spiele in der Bundesliga leiten. Selten hat der Aufstieg eines Referees ins deutsche Fußballoberhaus vergleichbar euphorische Reaktionen in den Medien ausgelöst. Während in der WELT vom „Fußballkrieg der Geschlechter“ die Rede war, verzettelte sich so mancher BILD-Kolumnist in einem Rundumschlag gegen die „Ü50-Machos“ des DFB und deren „Altherren-Denken“. Solche Reaktionen zeigen, dass es offenbar doch noch nicht selbstverständlich ist, dass Leistung vor Geschlecht kommt. So wünscht sich auch Bibiana Steinhaus, „als Schiedsrichterin, nicht als Frau“ beurteilt zu werden (s. Reviersport.de. Besonnener und produktiver reagierte dagegen der oft gescholtene Fußballweltverband FIFA in Person seiner vor fast genau einem Jahr ernannten Generalsekretärin Fatma Samoura: Steinhaus sei „eine Inspiration“. Und ja, genau darin liegt (die) ein(zig)e große Chance des Hypes um Bibiana Steinhaus: Junge Mädchen und Frauen zur Aufnahme einer Schiedsrichterinnentätigkeit zu inspirieren.



Der Trickle-Down-Effekt - ein Durchsickern von oben nach unten

Forscher der Universität Paderborn und der Deutschen Sporthochschule Köln haben untersucht, ob zwischen Aufstiegen von Schiedsrichtern in höhere Ligen und der Anzahl bereits aktiver und neuer Referees innerhalb des betroffenen Landesverbands ein positiver Zusammenhang besteht.

Die Autoren der Studie, Prof. Dr. Bernd Frick und Dr. Pamela Wicker, stützten diese Vermutung auf das Prinzip eines Trickle-Down-Effekts, der bereits in anderen Segmenten des Sports nachgewiesen werden konnte: Demnach nehme der Profisport eine inspirative Funktion für den Amateursport wahr, welche zu einer erhöhten Aktivität und Anzahl ihn ausübender Personen führe.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Tennis-Boom der 80er- und 90er-Jahre, der Deutschland nach Boris Beckers und Steffi Grafs Erfolgen erfasste und nicht nur zu steigenden TV-Quoten, sondern auch zu zunehmenden Mitgliedszahlen in deutschen Tennisvereinen beitrug.

Der sportliche Erfolg eines Modellathleten im Profibereich sickert demnach von oben nach unten durch und inspiriert zur Nachahmung, intensivierten Anstrengung oder gar erstmaligen Aufnahme der entsprechenden sportlichen Tätigkeit. 


Positive Vorbilder: Lernen am Modell

Psychologisch fußen diese Überlegungen auf der sozialkognitiven Lerntheorie (Modelllernen) nach Albert Bandura. Demzufolge kann Verhalten allein auf Basis von Beobachtungen des Verhaltens einer fremden Person (einem Modell) erlernt und gezeigt werden (Lern- und Imitationsphase).

Eine Nachahmung des beobachteten Verhaltens (hier: sich als weibliche Schiedsrichterin im Männergeschäft „Fußball“ engagieren, behaupten und stets an die eigenen Chancen und Stärken glauben) erfolgt speziell dann, wenn es positive Vorbilder gibt.

Lockwood (2006) definiert Vorbilder - sog. "role models" - "als Individuen, die ein Beispiel für jenen Erfolg sind, den man erreichen will und die häufig ein Muster an Verhaltensweisen zeigen, die zur Erreichung dieses Erfolgs notwendig sind" (S. 36, Übersetzung d. Verf.). Somit bilden Erfolg und Leistungsexzellenz ein zentrales Kriterium, das eine Person erfüllen muss, um als modellhaftes Vorbild in Frage zu kommen.

Entscheidend für die Nachahmung des Verhaltens ist zweitens die Frage, ob das modellhafte Verhalten neutrale oder sogar positive Konsequenzen nach sich zieht – also ob es belohnt wird (hier: Aufstieg in die Bundesliga, positive mediale Resonanz). Ist dies der Fall, so kann sich die Beobachterin vom beobachteten Modell inspiriert fühlen; die Hemmschwelle, das Verhalten zu zeigen (hier z.B.: selbst das Amt der Schiedsrichterin ergreifen), sinkt. Anders formuliert: Das Modell ist es wert, imitiert zu werden.

Drittens tritt dieser Effekt vor allem dann auf, wenn zwischen der Beobachterin bzw. dem Beobachter (hier: einer potenziellen Jungschiedsrichterin) und dem Modell (hier: Bibiana Steinhaus) eine hohe subjektiv empfundene Ähnlichkeit und Identifikation bestehen – etwa mit Blick auf das Alter, die Nationalität bzw. regionale Herkunft oder - im Zusammenhang mit Bibiana Steinhaus sehr relevant - das Geschlecht.


Mehr zur Trickle-Down-Studie

Die beiden oben erwähnten Forscher konnten den vermuteten Zusammenhang zwischen Aufstiegen in höhere Ligen und der Anzahl an Schiedsrichtern bzw. Neulingen in Teilen statistisch nachweisen.

Methodik 

Die Autoren erfassten für alle 21 Landesverbände des DFB Daten über die relative Anzahl vorhandener Schiedsrichter, die relative Anzahl neu rekrutierter Schiedsrichter (jeweils pro 1.000 SR) und die absolute Anzahl von Aufsteigern in die 3. Liga, 2. Bundesliga, 1. Bundesliga und auf die FIFA-Liste. Der betrachtete Zeitraum umfasste die Jahre 2005 bis 2014. Anhand dieser Datenbasis prüften die Forscher mittels einer sog. Regressionsanalyse, ob zwischen den jeweils ein Jahr zurückliegenden Aufstiegen potenzieller Vorbilder und der relativen Anzahl an vorhandenen und neu rekrutierten Unparteiischen statistisch bedeutsame Effekte bestanden.

Ergebnisse 

Zwischen Aufstiegen von Vorbildern in die drei höchsten deutschen Ligen sowie der Aufnahme in die FIFA-Liste und der Anzahl vorhandener Schiedsrichter in demselben Landesverband bestanden jeweils signifikante, positive Zusammenhänge. Zwischen Aufstiegen von Schiedsrichtern in die 1. Bundesliga und der Anzahl in seinem Landesverband ein Jahr später neu gewonnener Schiedsrichter bestand ebenfalls ein positiver und statistisch bedeutsamer Effekt. Zwischen einem Aufstieg auf die FIFA-Liste und der Anzahl neu gewonnener Schiedsrichter in dem betroffenen Landesverband zeigte sich hingegen ein negativer statistischer Effekt. Aufstiege in die 3. Liga oder 2. Bundesliga wiesen indes keine relevanten Zusammenhänge auf.

Diskussion

Für Landesverbände, die in ihrem Unparteiischenpool einen Aufstieg in höhere Ligen vermelden konnten, wirkte sich dieser laut der Autoren positiv auf die Gesamtzahl vorhandener Schiedsrichter im Folgejahr aus. Die Autoren ordnen dies als einen positiven motivationalen Effekt ein, der bereits aktive Schiedsrichter dazu motiviert, ihrem Amt treu zu bleiben. 

Auf die relative Anzahl neu rekrutierter Schiedsrichter wirkten sich in demselben Landesverband erzielte Aufstiege in die 1. Bundesliga positiv aus, nicht jedoch jene in die 2. Bundesliga oder 3. Liga. Dies erklären sich die Forscher damit, dass letztgenannte Ligen in den Medien seltener und weniger intensiv auftauchen und daher weniger Gelegenheit besteht, sich mit ihnen zu identifizieren. 

Aufstiege in die 1. Bundesliga seien hingegen mit einem inspirativen Effekt zu erklären, der gerade junge Personen dazu antreibt, Schiedsrichter zu werden. Bundesligaaufsteiger würden demnach als positive Vorbilder dienen, deren Verhalten und Erfolge zur Nachahmung inspirieren – also ganz im Einklang mit der sozialkognitiven Lerntheorie nach Bandura (1985). 

Aufstiege auf die FIFA-Liste hatten gemäß den Ergebnissen hingegen einen negativen Effekt auf die Neugewinnung von Schiedsrichtern im jeweiligen Landesverband. Frick und Wicker vermuten, dass dies auf das schlechte Image des Fußballweltverbands in Folge von Korruptionsaffären zurückzuführen sein könnte: Junge Menschen würden demzufolge vom Amt des Schiedsrichters abgeschreckt, anstatt durch einen FIFA-Neuling aus dem eigenen Verband positiv inspiriert zu werden. Ob dieser Kausalzusammenhang wirklich zutrifft, darf allerdings bezweifelt werden; dieser wäre nur dann schlüssig, wenn sich junge, meist fußballaffine Personen, die bis dato noch keiner Schiedsrichtertätigkeit nachgehen, a) um die Verbandszugehörigkeit eines FIFA-Neulings wissen, b) dahingehende Informationen aktiv einholen oder diese zumindest wahrnehmen und c) ihre Entscheidung, Schiedsrichter zu werden oder nicht zu werden, von diesen negativen Informationen abhängig machen würden. Weiterhin schließen die Daten auch die Jahre um die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland mit ein, in denen das Image der FIFA noch nicht die aktuellen Formen aufwies. All dies zusammengenommen muss der Erklärungsansatz als eher unwahrscheinlich beurteilt werden. 

Denkbar wäre folgender alternativer Erklärungsansatz: Verbände könnten sich nach einem erfolgreichen FIFA-Aufstieg eines ihnen zugehörigen Spitzenschiedsrichters auf diesen Lorbeeren ausruhen und im Folgejahr weniger Energie in die Anwerbung von Schiedsrichterneulingen investieren.


Steinhaus als Botschafterin für Schiedsrichterinnen und junge Mädchen?

Ein Trickle-Down-Effekt sollte sich für die drei anderen Bundesligaaufsteiger Sven Jablonski (Bremen), Martin Petersen (Württemberg) und Sören Storks (Westfalen), die in der medialen Berichterstattung nahezu komplett untergingen und auch in diesem Artikel bislang unerwähnt blieben, in ihren Landesverbänden ebenfalls bemerkbar machen. Dies bleibt zu hoffen, denn im Gegensatz zum weiblichen Teil der deutschen Referees sind die Zahlen der aktiven männlichen Schiedsrichter seit Jahren deutlich rückläufig (-9% zwischen 2009 und 2015; Frauen: praktisch keine Veränderung). 

Es wird dennoch äußerst interessant sein, die zahlenmäßige Entwicklung weiblicher Schiedsrichterinnen in den kommenden Jahren zu verfolgen. 

Den Überlegungen der sozialkognitiven Lerntheorie sowie den Befunden von Frick und Wicker folgend, kann davon ausgegangen werden, dass Steinhaus‘ Aufstieg positive Effekte auf die Neugewinnung weiblicher Schiedsrichterinnen haben dürfte - und zwar auch langfristig, wenn erstens die mediale Resonanz auf ihre Leistungen so ausfällt, wie sie es bei jedem anderen männlichen Referee tun würde, und zweitens mit Riem Hussein oder Katrin Rafalski zwei Schiedsrichter(assistent)innen künftig vielleicht noch höher aufsteigen und Steinhaus somit kein Einzelfall bleibt. Grundsätzlich wird es natürlich die Aufgabe des DFB und der einzelnen Landesverbände sein, das positive Rollenvorbild in der Bundesliga in ihren Kommunikations- und Werbestrategien zur Schiedsrichtergewinnung einzubeziehen.

Und deshalb – wie in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zitiert – sieht sich die Hannoveranerin selbst als „Botschafterin: für Schiedsrichterinnen und junge Mädchen, die es werden wollen“. Wenn der mediale Hype um ihren Aufstieg für etwas gut war, dann vielleicht genau dafür.


Literatur

Bandura, A. (1985). Social Foundations of Thought and Action: A Social Cognitive Theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.

Frick, B., & Wicker, P. (2016). Recruitment and Retention of Referees in Nonprofit Sport Organizations: The Trickle-Down Effect of Role Models. Voluntas, 27, 1304-1322.

Lockwood, P. (2006). "Someone like me can be successful": Do college students need same-gender role models? Psychology of Women Quarterly, 30, 36-46.

Lehreinheit Nr. 7 (2. Teil): Feedback & Schiedsrichter: Tipps für effektives Feedback

14.5.17 Kommentarbereich


Damit Feedback unabhängig von seinem Inhalt akzeptiert wird und positiv zur Weiterentwicklung eines Schiedsrichters beiträgt, sollten einige Feedbackregeln bzw. Handlungsempfehlungen seitens des Feedbackgebers beherzigt werden. 

Nachdem im zurückliegenden 1. Teil bereits der Grundstein für weitere Überlegungen zum Thema Feedback gelegt wurde, stehen daher im vorliegenden 2. Teil Tipps für Feedbackgeber im Mittelpunkt.

1. Teil (Theorie): Was ist Feedback und warum ist es für Schiedsrichter wichtig?
2. Teil (Praxis): Wie kann Feedback effektiv und akzeptiert vermittelt werden?
3. Teil (Praxis): An welche Regeln sollten sich Schiedsrichter halten, wenn sie Feedback erhalten?
4. Teil (Praxis): Welche Handlungsempfehlungen ergeben sich für Verbände und SR-Ausschüsse?

Denn: Nicht jedes Feedback ist besser als gar kein Feedback! Es kommt darauf an, Feedback effektiv, akzeptiert und, vereinfacht gesprochen, gut zu vermitteln!

Lehreinheit Nr. 7 (1. Teil): Feedback - Ein Motivations-, Steuerungs- und Weiterentwicklungsmittel für Schiedsrichter (1. Teil)

9.5.17 Kommentarbereich
Sucht man im Internet nach dem Begriff „Feedback“, so liefern einschlägige Suchmaschinen nicht weniger als 2,73 Milliarden Treffer (Stand: Mai 2017; zum Vergleich: beim Begriff "Football" erhält nur die anzahlmäßige Hälfte der Ergebnisse). Gerade im betrieblichen Kontext ist Feedback heute en vogue - so ist Feedback in vielen Organisationen ein fest verankertes Instrument zur Leistungssteuerung und Zielkontrolle. Auch für Fußballschiedsrichter sind fundierte Rückmeldungen über ihre gezeigte Leistung aus vielerlei Gründen überaus relevant. Bei Feedback handelt es sich um ein Steuerungsmittel, das - wenn es auf bestimmte Art und Weise erfolgt - positiv zur Motivation und Weiterentwicklung von Unparteiischen beiträgt. 


Nachspielzeit (31. Spieltag): Rot, 'Röter', Stollentreffer oberhalb des Schuhrandes

1.5.17 Kommentarbereich
Der 31. Spieltag war vor allem durch ein Thema gekennzeichnet: Stollenvergehen oberhalb des Schuhrandes. Während Fürths Benedikt Kirsch und Unions Sebastian Polter in der 2. Bundesliga vollkommen zu Recht Rot sahen, kam Hamburgs Michael Gregoritsch gestern in Augsburg mit Gelb davon. Glück hatte auch der 1. FC Köln, dass der Schiedsrichterassistent zweimal goldrichtig lag und die vermeintlichen Dortmunder Führungstreffer wegen Abseits aberkannte - das eine Mal aus der Wahrnehmung, das andere Mal wohl eher aus dem Bauch heraus.



Augsburg – Hamburg: Gregoritsch im Glück

Als nach Michael Gregoritschs Foulspiel gegen den Augsburger Dominik Kohr die ersten Zeitlupen eingespielt wurden, war sich auch der Adel in Gestalt von Sky-Kommentator und Twittertrend Fritz von Thurn und Taxis (#fritzlove) sicher: „Das ist knallrot!“. Recht hatte er. Was aus der frontalen Perspektive des Schiedsrichters fraglos dunkelgelb ausgesehen haben muss, entpuppte sich vor allem aus Blickwinkeln von der Seite bzw. von schräg hinten als dunkelrot – denn die Kriterien für ein grobes Foulspiel waren vollauf erfüllt.

Ein grobes Foulspiel liegt gemäß Regel 12 dann vor, wenn ein Tackling oder Angriff im Kampf um den Ball übermäßig hart oder brutal von vorn, von der Seite oder von hinten mit einem oder beiden Beinen ausgeführt wird und dabei die Gesundheit des Gegners gefährdet.  

Besonders gesundheitsgefährdend sind Foulspiele meistens dann, wenn der Kontakt mit gestreckten Stollen – landläufig als „offene Sohle“ bekannt – erfolgt. Bei der Beurteilung von Stollenvergehen ist speziell der Trefferpunkt entscheidend. Während niedrige Trefferbereiche, wie z.B. der Schuh oder die Schuhspitze, meistens „nur“ für das Vorliegen eines rücksichtslosen Foulspiels sprechen (wofür es dann die Gelbe Karte geben muss), gelten Trefferpunkte oberhalb des Schuhrandes als klare Indizien für ein grobes Foulspiel. Medizintheoretisch lässt sich dies nicht zuletzt dadurch begründen, dass sich gerade im Bereich der Achillesferse, der Wade oder des Sprunggelenks die für Stollenvergehen anfälligsten Teile der Fuß-Bein-Region befinden. Ganz praktisch unterstreichen nicht allzu weit zurückliegende Verletzungen die Gefahr, die von solchen Foulspielen ausgeht: Johannes Geis‘ Tackle gegen Gladbachs André Hahn setzte Letzteren in der vergangenen Spielzeit für mehrere Monate außer Gefecht; Dortmunds Nuri Sahin konnte nach dem zwingend strafstoß- und feldverweiswürdigen Foul von Gladbachs Strobl von Glück sagen, dass seine Verletzung nicht so schlimm ausfiel, wie zunächst angenommen.

Der Kontakt ist hier schon erfolgt - die Trefferregion lässt sich noch erahnen


Den exakten Trefferpunkt zu lokalisieren, war für den Unparteiischen Manuel Gräfe hier allerdings kein Leichtes. Wie eine Einstellung in etwa aus seiner Position zeigt, sah es von vorn tatsächlich so aus, als habe der Kontakt eher unterhalb des Schuhrandes im Bereich der Hacke stattgefunden. Ob nicht selbst in diesem Fall die Intensität und Gesundheitsgefahr dieses Tacklings mehr für Rot denn für Gelb sprechen, kann dabei jedoch diskutiert werden. Denn trotz Schuhrand-Faustformel ist der Trefferpunkt bei extrem hoher Intensität mitunter nicht mehr ganz so entscheidend.

Idealerweise hätte der Referee einen Hinweis von draußen erhalten und daraufhin Rot gezückt. Der Vierte Offizielle Timo Gerach hatte eine für die Beurteilung der Schwere des Vergehens bessere, wenngleich ebenfalls keine optimale Position. Unklar bleibt für den nicht involvierten Betrachter, ob seine Sicht zum Zeitpunkt des Foulspiels unter Umständen leicht versperrt war.


Mit Teamwork zur richtigen Farbe

Den Durchblick hatte indes Markus Schüller, Vierter Offizieller beim Spiel Arminia Bielefeld gegen Greuther Fürth. Der Kleeblättler Benedikt Kirsch ging kurz vor dem Pausenpfiff mit gestrecktem Bein und offener Sohle in den Zweikampf und traf Bielefelds Tom Schütz dabei mit hoher Intensität im Wadenbereich. Auch hier konnte es nur eine Farbe geben: Rot. Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck war jedoch zunächst im Begriff, die Gelbe Karte zu zeigen. Daraufhin übermittelte der Vierte Offizielle ihm über das Headset die relevanten Informationen und den eindeutigen Hinweis, dass hier zwingend Rot zu geben sei. 

Dieses Beispiel illustriert auf anschauliche Weise, wie wichtig ein antizipatives, nicht-statistisches Stellungsspiel ist. Eigentlich hatte Schiri Dr. Matthias Jöllenbeck einen optimalen, seitlichen Blickwinkel. Sein Pech war, dass ihm ein anderer Fürther im entscheidenden Moment höchstwahrscheinlich im Blickfeld stand. In Situationen, bei denen zwei Spieler unterschiedlicher Teams zum Ball gehen und ihn voraussichtlich in etwa zeitgleich erreichen werden, ahnt man als Schiedsrichter in der Regel, dass es krachen muss und wird. So war es auch hier. Deshalb ist es immens wichtig, in Bewegung zu bleiben und, falls dann dennoch ein Spieler im Blickfeld steht, den Oberkörper bzw. Kopf entsprechend flexibel zu beugen, um nach Möglichkeit das Foul und besonders den Kontakttyp und Trefferpunkt erkennen zu können. Hätte Dr. Jöllenbeck, selbst praktizierender Mediziner im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie, den Trefferpunkt in seiner gefährlichen Form wahrgenommen, hätte er vermutlich ohne zu zögern Rot gegeben – wohl wissend um die Gefahr dieser Art des Tacklings.


Grobes Foulspiel oder Tätlichkeit?

Ähnlich klar waren die Verhältnisse in Berlin: Beim Spiel Union Berlin gegen SV Sandhausen langte Union-Angreifer Sebastian Polter an der Seitenlinie auf überraschende und üble Weise mal so richtig hin. Mit gestreckter Sohle traf (bzw. trat) er Sandhausens Tim Kister im Wadenbereich, der daraufhin vor Schmerzen schrie und glücklicherweise keine schlimme Verletzung davontrug.

Bundesligaaufstiegskandidat Sven Jablonski entschied zu Recht auf Rot. Der Kampf um den Ball war in diesem Moment bestenfalls zweitrangig, so dass es sich bei dem Foulspiel mindestens um einen Grenzbereich zwischen grobem Foulspiel und Tätlichkeit handelte. Auf ganz ähnliche Weise foulte Franck Ribéry vor einigen Jahren – damals noch im Juventus-Dress – Arturo Vidal in einem Champions League K.O.-Spiel. Die UEFA bewertete den Tritt in die Wade, der nicht dem Ball galt, damals folgerichtig als Tätlichkeit. Denn eine Tätlichkeit liegt per definitionem dann vor, wenn ein Spieler ohne Kampf um den Ball übermäßige Härte oder Brutalität einsetzt oder einzusetzen versucht. Da Polters Aktion nicht wirklich dem Ball galt bzw. rückblickend nicht unbedingt als Teil des Kampfs um den Ball zu bewerten ist, kann davon ausgegangen werden, dass das Strafmaß des DFB im Fall Polter trotz anschließend fairen Verhaltens keinesfalls milde ausfallen dürfte.

Pech hatte Sandhausen in der ersten Halbzeit, als ein Stollenvergehen der Berliner im Mittelfeld – allerdings weniger beabsichtigt und vor allem mehr fahrlässig als rücksichtslos oder gar übermäßig hart – nicht geahndet wurde: Im Anschluss an die daraus entstehende Ecke erzielten die Eisernen das 1:0.


Abseits in Dortmund: Wahrnehmung und Intuition

Das 1:0 bejubelten die Dortmunder Borussen gegen den 1. FC Köln gleich zweimal zu früh. Der Spielverderber hieß jeweils Sascha Thielert, 1. Schiedsrichterassistent von Tobias Stieler. Den Dortmundern dürfte Thielert noch bestens bekannt sein – schließlich war er es, der das späte Ausgleichstor der Leipziger in der letzten Minute der Nachspielzeit vor nicht allzu langer Zeit durch seine korrekte Abseitsentscheidung „weggewunken“ hatte.

In der 14. Spielminute hatte Thielert diesmal allerdings mehr Glück als … nun ja, akkurates Positionsspiel. Kurz vor Marco Reus‘ Pass auf den hauchdünn im Abseits stehenden Shinji Kagawa machte mindestens ein Kölner – nämlich Ex-Borusse Neven Subotic – einen entscheidenden Schritt zurück und ließ Kagawa so ins Abseits laufen. Der Assistent an der Seitenlinie machte es dem Kölner jedoch nicht gleich und schaltete eine halbe Sekunde zu spät: Statt ebenfalls zurückzulaufen und somit akkurat auf Höhe des zweitletzten Verteidigers zu stehen, lief er noch ein Stück weiter und machte erst dann einen Satz zurück Richtung Kölner Defensivreihe, als der Ball bereits gespielt wurde. Im Moment der Ballabgabe befand er sich somit 1-1,5 Meter zu weit zur Torlinie. Auffällig war, dass sich der Assistent mit der Seite dem Spielfeld zugewandt fortbewegte - es wäre hier womöglich besser gewesen, sich mit seitlichen Schritten dem Spielfeld zugewandt zu bewegen (denn dadurch kann schneller und flexibler auf gegenläufige Bewegungen bzw. Bewegungsänderungen der Verteidiger reagiert werden). Mit seinem ungenauen Stellungsspiel konnte der Assistent die marginale Abseitsstellung bestenfalls erahnen, aber keineswegs sicher treffen. Dort die Fahne korrekterweise zu heben war mehr oder minder pures Glück – oder, positiver gesprochen, Intuition, die mit der Erfahrung von 172 Spielen als Assistent in der Bundesliga selbstverständlich gereift ist. Denn wie sagte der ehemalige WM-Assistent und heutige Assistentenlehrwart des DFB Jan-Hendrik Salver einmal: „95 Prozent entfallen auf Wahrnehmung, die restlichen fünf Prozent muss ‚der Bauch‘ übernehmen.“ Ob hier nicht eher 95 Prozent auf den Bauch entfielen, sei an dieser Stelle offen gelassen.  

Mit wahrscheinlich nahezu 100 Prozent Wahrnehmung entschied Sascha Thielert dagegen in der 34. Minute erneut auf Abseits, als Marco Reus den Ball im Tor unterbrachte. Er befand sich im Moment des Kopfballs von Castro allerdings hinter dem Torhüter – zur Torlinie war in diesem Moment nur noch ein Verteidiger näher als Reus. Somit befand er sich in einer Abseitsposition, die nur dadurch strafbar wurde, dass er zum Ball ging und ihn spielte. Wäre er weggeblieben, hätte das Tor gezählt. So jedoch zählte es nicht – stattdessen gab es den Daumen von Sascha Thielert, vermutlich in Richtung seines Chefs Tobias Stieler. Und in der Tat, Daumen hoch: Beide wichtigen Entscheidungen saßen – wenn auch in einem Fall mit Glück, das man als Schiedsrichter allerdings auch mal haben muss.

Lehreinheit Nr. 6: Einheitlichkeit in der Spielleitung: Über Berechenbarkeit und taktische Ausgewogenheit

27.4.17 3 Kommentare
Nach einer halben Stunde des gestrigen Pokal-Halbfinals zwischen Bayern München und Borussia Dortmund konnte man als Anhänger des dritten Teams auf dem Platz einige Sorgenfalten bekommen: Trotz guten Starts mit einem zu Recht verweigerten Handelfmeter für die Bayern geriet Referee Manuel Gräfes Spielleitung zusehends ins Wanken. Dass seine Akzeptanz und Autorität zwischenzeitlich spürbar litten, lag dabei hauptsächlich an einem Problem: Uneinheitlichkeit. Eine praxisbeispielgestützte Lehreinheit zu einem der wichtigsten Merkmale schiedsrichterlicher Exzellenz.


Nachspielzeit (29. Spieltag): Von Déjà-vus, Spraylinien und Respekt

19.4.17 Kommentarbereich
Für den Schiedsrichter war das 5:3-Spektakel in Sinsheim gleich in doppelter Hinsicht ein Déjà-vu. Während David Alaba in Leverkusen beim Freistoß selbst zur Sprayflasche greifen darf, wird Pierre-Michel Lasogga in den Schlusssekunden des Nordderbies die vom gegnerischen Tor wohl am weitesten entfernte Spraylinie der Bundesligahistorie zu Teil. Und zu guter Letzt bieten einige der in der vergangenen Spielwoche ausgesprochenen Platzverweise Anlass zur kritischen Reflexion in Sachen "Respekt".

Verwarnungen und Platzverweise sollten idealerweise auf Augenhöhe ausgesprochen werden


Nicht nur in puncto Torreigen stand die Partie zwischen der TSG Hoffenheim und Borussia Mönchengladbach im Mittelpunkt – denn auch aus Schiedsrichtersicht bot sie einigen Gesprächsstoff. Für den vom DFB mit der Spielleitung betrauten Unparteiischen Christian Dingert war es das erste Wiedersehen mit den Kraichgauern seit deren im wahrsten Wortsinn erkämpften Nullnummer bei der Eintracht aus Frankfurt. Nachdem Dingert damals das Spiel komplett aus den Händen glitt und Frankfurt-Verteidiger David Abraham einem zwingenden Platzverweis für seinen Brutalo-Ellbogen entging, war seitens der DFB-Schiedsrichterkommission sicher Einiges an Aufbauarbeit zu leisten: Nach einer mehrwöchigen Pause legte Christian Dingert so ein durchaus ansehnliches Comeback hin und überzeugte mit überwiegend guten und unaufgeregten Spielleitungen.

Mediale Aufmerksamkeit erlangte er dabei besonders einmal: Als er Lars Stindls mit der Hand erzielten Treffer beim FC Ingolstadt als regulär anerkannte. Damals entbrannte im Nachgang der Partie weniger eine Debatte darüber, ob Stindl den Ball mit einem absichtlichen Handspiel ins Tor befördert hatte, sondern vielmehr eine Grundsatzdiskussion darüber, ob es allgemein im Sinne der Fußballregeln und -gemeinschaft ist, dass ein Tor auf legale Weise mit der Hand erzielt werden kann. Der Vorsitzende der DFB-Eliteschiedsrichter-Kommission, Lutz Michael Fröhlich, legte sich damals fest und beurteilte die leichte Bewegung von Stindls Hand zum Ball als ausschlaggebend dafür, das Handspiel als absichtlich und somit als strafbar einzustufen. Auch international herrscht in den höheren Schiedsrichterkreisen Konsens: Bei Toren, die mit der Hand erzielt werden, liegt die Latte für eine Beurteilung als absichtliches Handspiel deutlich tiefer als in anderen Szenarien.

'Always expect the unexpected!'

Nun war es in Hoffenheim wieder Lars Stindl, der seine Fohlen in Folge eines Handspiels jubeln ließ. Was war passiert? In der 35. Spielminute erhielt Hoffenheim-Keeper Oliver Baumann einen Rückpass, der ihn mächtig in Bedrängnis brachte: Denn gleich zwei Gladbacher liefen ihn an und setzten ihn so unter Druck. Baumann ließ sich einen Sekundenbruchteil zu viel Zeit – sein Klärungsschuss wurde von Jonas Hofmanns leicht geöffneter und abgespeizter Hand abgefälscht. An diesem Punkt war der Ausgleichstreffer nur noch Formsache, Stindl musste nach einem Querpass nur noch ins leere Tor einschieben. Christian Dingert war im Moment des Rückpasses gerade dabei, seine Kleidung zurechtzuziehen und sah den Lauf der Dinge offenbar nicht vorher – hier greift, wie so häufig, die in Schiedsrichterkreisen bekannte Sentenz „Always expect the unexpected!“. Als das Handspiel erfolgte, war der Referee rund 30 Meter entfernt – hatte aber dennoch freien Blick und sich dementsprechend schnell auf eine Entscheidung festgelegt. Wild gestikulierend war er sich sicher: Das war keine Absicht. Nun kann man dieses Handspiel regeltechnisch auseinandernehmen, von allen Seiten beleuchten und in seine Einzelteile zerlegen, um möglicherweise zu dem Schluss zu kommen, dass wir im Bereich 70:30 pro strafbares Handspiel liegen. Das wäre sehr detailorientiert. Mehr im Sinne des Fußballs wäre es mitunter, sich zu fragen, was gegeben sein müsste, dass ein Tor regulär mit der Hand erzielt werden kann. Gemäß des inzwischen auch regeltechnisch verankerten "Geists der Regeln" sollte das wohl nur dann der Fall sein, wenn wirklich alles gegen Absicht spricht (und gemessen an dem Dogma, das etwa in Nyon bei der UEFA verfolgt wird, wäre das noch eine sehr konservative Haltung). War das hier der Fall? Wohl eher nicht. Das Tor hätte nicht zählen sollen.

Ähnlich verhielt es sich beim 1:0-Führungstreffer. Dass Szalai im Moment des ersten Kopfballs auf Yann Sommer, den Letzterer noch abwehren konnte, lediglich mit der Fußspitze im Abseits stand, war allerdings nur mit Vergrößerungslupe zu erkennen. In der 63. Spielminute lag der Unparteiische leider ein weiteres Mal daneben: Als Mahmoud Dahoud mit beiden gestreckten Sohlen voraus Demirbay auf die Füße stieg, waren beide Kriterien für ein grobes Foulspiel – also sowohl übermäßige Härte als auch eine klare Gefährdung der Gesundheit des Gegenspielers – eindeutig erfüllt: Statt Gelb hätte es hier Rot geben müssen.

Weniger zurückhaltend mit der Farbe Rot war derweil Referee Guido Winkmann beim Spiel FC Augsburg - 1. FC Köln, der seine Führungsposition in Sachen Platzverweisanzahl damit weiter ausgebaut hat. Bemerkenswert war hier insbesondere der erste Feldverweis: Augsburgs Koo wurde nach einem gefährlichen Tackling in Kopf- bzw. Brusthöhe zu Recht mit Gelb-Rot vom Platz geschickt – bzw. vielmehr vom Platz getragen: Denn bei seinem Tackle hatte sich der Koreaner selbst schwer verletzt, so dass er mit der Trage abtransportiert werden musste. Wie für solche Fälle vorgesehen, zeigte Schiedsrichter Winkmann die Gelb-Rote Karte nicht dem schwerverletzten Sünder, sondern hielt die Karten in Anwesenheit des Augsburger Kapitäns mit Verweis auf die Trage zwecks Entscheidungskommunikation in die Höhe. Dies gebieten neben rein technischen Gründen auch Menschenverstand, ein Mindestmaß an Taktgefühl und der Respekt für den Spieler. Denn während ein Spieler am Boden oder gar auf einer Trage liegt, kann jede Form der Sanktionskommunikation im wahrsten Sinne des Wortes nur „von oben herab“ wirken.

Von der weit verbreiteten Philosophie, am Boden liegenden Spielern keine Karte zu zeigen, nahm am vergangenen Spieltag UEFA Second Group Referee Daniel Siebert hingegen Abstand: Der Berliner entschied nach Tin Jedvajs Ziehen und Zerren an Thomas Müller in der 58. Minute korrekterweise auf Gelb – und in der Konsequenz Gelb-Rot –, da der Leverkusener so obendrein einen vielversprechenden Angriff unterbunden hatte. Anstatt zu warten, bis Jedvaj wieder auf den Beinen und aufgestanden war, zeigte ihm Siebert ohne Latenzzeit erst Gelb und, als Jedvaj dann im Begriff war aufzustehen, Rot. Viel Respekt hat dies in dieser Situation nicht versprüht – dies hat Siebert aber womöglich bewusster- und nachvollziehbarerweise in Kauf genommen: Hätte er mit dem Aussprechen der beiden Karten noch etwas gewartet, hätte er beiden Seiten die Gelegenheit gegeben, für bzw. wider Gelb-Rot zu protestieren. In diesem Fall überwog somit der Nutzen einer möglichst zügigen Entscheidungskommunikation auf Kosten von respektvollem Spielermanagement – wenngleich natürlich ungewiss bleibt, ob es wirklich zu Protesten gekommen wäre, wenn Siebert den Mittelweg gewählt hätte: Karten herausholen, aber erst zeigen, sobald Jedvaj wieder auf den Beinen ist. Eine kuriose und gleichsam menschliche Reaktion zeigte Siebert dann auch gleich in Anschluss an Jedvajs Abgang: Als David Alaba seinen Wunsch äußerte, Siebert möge die gesprayte Freistoßlinie nicht allzu dick auftragen, drückte der Unparteiische ihm die Sprayflasche spontan in die Hand.

Für eine besondere Form der Spraytechnik sorgte einen Tag später auch Dr. Felix Brych im Nordderby: Als Pierre-Michel Lasogga in der 95. Spielminute – und somit eine halbe Minute vor der Derbyniederlage seiner Hanseaten – einfach nicht die vorgeschriebenen 9 Meter 15 bei einem Werderaner Freistoß tief in deren eigener Hälfte einhalten wollte und scheinbar auch auf Brychs Pfiffe und Zurufe nicht reagierte, lief Deutschlands Nr. 1 kurzerhand zu Lasogga und sprayte ihm seine ganz persönliche Linie - 70 Meter vom gegnerischen Tor entfernt. Was ohne Zweifel zu einigen Lachern im Weserstadion und vor dem TV-Bildschirmen geführt hat, kann man aus Schiedsrichtersicht durchaus kritisch beäugen. Nicht nur, dass das Spray eigentlich nur in Strafraumnähe (also maximal etwa 25 Meter vor dem Tor) als Ergänzung – und nicht als Ersatz – der Persönlichkeit des Schiedsrichters zum Einsatz kommen sollte und sich Brych dadurch selbst unter Zugzwang gesetzt hat – denn Lasogga ignorierte selbst die Spraylinie, ohne dass der Unparteiische darauf reagierte. Vielmehr wirkte Brychs Aktion einigermaßen impulsiv und glich letztlich einer Persiflage von Pierre-Michel Lasogga, die in einer entsprechenden Publikumsreaktion ihr wohl nicht gänzlich unbeabsichtigtes Echo fand. Eigentlich sollten sich Schiedsrichter darum bemühen, auch grenzdebil agierenden Spielern den nötigen Respekt entgegenzubringen – und der kam in dieser Aktion nicht wirklich herüber. Erheiternd war die Szene natürlich dennoch, genauso wie Brychs allgemein sehr souveräne Spielleitung, die lediglich dadurch getrübt wurde, dass sein Assistent Stefan Lupp Lewis Holtby beim sehr wahrscheinlichen 2:2 irrtümlicherweise in einer Abseitsstellung wähnte.

Ein Adlerauge bewies dagegen der italienische Assistent Filippo Meli in der Nachspielzeit des Champions League Viertelfinal-Hinspiels der Bayern gegen Real Madrid. Was in der Zeitlupe recht deutlich aussah, war in Realgeschwindigkeit wohl sehr schwierig zu sehen: Sergio Ramos stand bei der Flanke seines Mitspielers im Abseits und köpfte ins Tor ein, nachdem er mehrere Meter zurück in Richtung Mittelfeld gelaufen war. Dadurch entstanden gegenläufige Bewegungen, die für den Assistenten stets die Gefahr visueller Verzerrungen bergen. Meli ließ sich nicht täuschen – klasse Entscheidung, ohne die es Bayern gestern womöglich nicht einmal in die Verlängerung geschafft hätte. Melis Chef Nicola Rizzoli fiel abgesehen von seiner insgesamt guten und nur durch die Handspielfehlentscheidung getrübten Leistung dadurch auf, beim berechtigten Platzverweis gegen Javi Martínez seine Pfeife im Mund gelassen zu haben. Auch dies gilt in Schiedsrichterkreisen eigentlich als wenig respektvoll – nicht umsonst heißt es ja „eine Verwarnung / einen Platzverweis aussprechen“. Wenn es Rizzoli in der Situation jedoch wichtiger war, durch die sich selbst auferlegte verbale Kommunikationssperre zu signalisieren „Seht her: Ich lasse bei dieser Entscheidung nicht mit mir reden!“, ist dies akzeptabel.

Tipp: Idealerweise sollte bei Verwarnungen und Platzverweisen darauf geachtet werden, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, um die Entscheidungen verbal unterstreichen und verkaufen zu können.  Außerdem sollte gewartet werden, bis der fehlbare Spieler aufgestanden ist. Beides signalisiert Respekt.

Problematisch wird es dann, wenn die Pfeife im Mund zur Regel wird. So wie bei Patrick Ittrich, dessen Lippen sich beim Heimsieg von Darmstadt 98 über Schalke 04 bei praktisch allen Karten einfach nicht von der Pfeife trennen wollten. Gerade in der 78. Minute, als er Thilo Kehrer vom Platz stellte, zeigte er sich wenig diskussionsfreudig – und durch die Pfeife im Mund auch Sekunden danach wenig ansprechbar. In der Situation auf die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance zu entscheiden, war indes alles andere als eindeutig: Letzter Mann zu sein reicht schließlich nicht aus. Schalkes Schlussmann Ralf Fährmann wäre womöglich noch vor dem gefoulten Darmstädter an den Ball gekommen – Letzterer hatte den Ball zudem (noch) nicht unter Kontrolle. Üblicherweise gilt: Besteht Anlass zur Diskussion, kann es keine offensichtliche Torchance gewesen sein. Überraschend ist, dass Ittrich das Geschenk nicht angenommen hat, auf Nummer Sicher zu gehen und Kehrer nur Gelb für die Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs zu geben – denn der war ohnehin schon verwarnt und hätte somit in jedem Fall duschen gehen müssen. Auf der anderen Seite: davon unbeeindruckt eine Entscheidung zu treffen, von der man überzeugt ist, ist auch eine Stärke - zumal Glattrot sicherlich nicht eindeutig falsch war. 

Nachspielzeit (28. Spieltag): Auf die Ballorientierung kommt es an - Warum Bürki zu Recht nur Gelb sah

10.4.17 4 Kommentare
Im Bundesliga-Topspiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund fand die zu Saisonbeginn revidierte Notbremsenregelung erstmals medienwirksame Anwendung: Roman Bürki erhielt für seine Notbremse gegen Robert Lewandowski korrekterweise nur die Gelbe Karte. Neben einer regelbasierten Erläuterung gibt die heutige Spieltagskolumne zusätzlich einen Ausblick auf die kommende Saison, in der die Philosophie der abgemilderten Dreifachbestrafung auf taktische Foulspiele im Sechzehner ausgedehnt wird.

Lehreinheit Nr. 5: Strafstoßausführungen - was erlaubt und was nicht erlaubt ist

9.4.17 4 Kommentare
Während die Englische Woche in der Bundesliga schiedsrichtertechnisch vergleichsweise ruhig und souverän über die Bühne gebracht wurde, sorgte ausgerechnet ein englischer Unparteiischer in der Partie Newcastle gegen Burton mit einem skurrilen Regelverstoß für mediale Aufmerksamkeit. Da ein Newcastle-Angreifer bei der Ausführung eines Strafstoßes für sein Team zu früh in den Strafraum hineingelaufen war, annullierte Referee Keith Stroud das daraus erzielte Tor und verhängte - zur Verwunderung aller - einen indirekten Freistoß, statt den Strafstoß, wie durch die Regel 14 vorgeschrieben, wiederholen zu lassen:



Ein ähnlicher und folgenreicher Regelverstoß war bereits der (inzwischen zurückgetretenen) deutschen Schiedsrichterin Marija Kurtes bei einem UEFA U-19-EM-Qualifikationsspiel im Jahr 2015 unterlaufen.

Diese diesmal rein praxisbasierte Lehreinheit klärt, zu welchen Vergehen es im Zusammenhang mit Strafstoßausführungen kommen kann, was erlaubt und was nicht und welche Entscheidungen in Einklang mit den Regelneuerungen des letzten Jahres in verschiedenen Szenarien zu treffen sind.


Tobias Stieler im Interview: "Dem System eine faire Chance geben" - über An- und Herausforderungen als Video-Assistent

4.4.17 7 Kommentare
Paris, 28. März, 80.000 Zuschauer im Stade de France in Erwartung des Klassikers Frankreich gegen Spanien. In einem kleinen Van vor dem Stadion sitzt FIFA-Referee Tobias Stieler, umgeben von moderner Technik und zahlreichen Bildschirmen, die ihm dabei helfen sollen, seine Kollegen auf dem Spielfeld (Felix Zwayer, Thorsten Schiffner, Marco Achmüller und Daniel Siebert) zu unterstützen. Als erster Deutscher überhaupt fungiert er in einem offiziellen Fußballspiel als Video-Assistent - und meistert den Härtetest. Gleich dreimal greift er entscheidend ein, korrigiert darunter zwei Entscheidungen der Assistenten im Zusammenhang mit Abseitsstellungen bei Toren (für alle relevanten Situation siehe dieses Video).

Wie Tobias Stieler das Spiel als Video-Assistent erlebt hat, welche Anforderungen mit dieser Tätigkeit gerade auf psychologischer und kommunikativer Ebene verbunden sind und was für eine erfolgreiche erste Bundesligaspielzeit mit "Videobeweis" entscheidend sein wird, beantwortet er im Interview mit Schirilogie.
Tobias Stieler (2.v.l.) zusammen mit Hellmut Krug (l.) und zwei Operators beim VAR-Test in Paris


Niclas Erdmann, Schirilogie: Lieber Tobias, der VAR-Testlauf (kurz für Video Assistant Referee) beim Länderspiel zwischen Frankreich und Spanien, bei dem Du als Video-Assistent fungiert hast, wurde insgesamt als sehr erfolgreich aufgenommen. Wie fällt Dein Fazit nach einigen Tagen Abstand aus?

Tobias Stieler: Sehr positiv. Ich bin ein totaler Befürworter des Video-Assistenten, alles andere ist nicht mehr zeitgemäß. Und eben jenes Länderspiel hat den Nutzen dieses neuen Systems eindrucksvoll bewiesen: Für die Assistenten, die nebenbei gesagt in der Bundesliga eine klasse Arbeit verrichten, waren die beiden Spielsituationen in Realgeschwindigkeit nicht mit absoluter Sicherheit zu lösen. Im Van im Stadion, dank modernster Technik und korrekt gezogener Abseitslinie, war es für mich relativ leicht und in kurzer Zeit möglich, beide Abseitsszenen richtig zu bewerten. Und auch der gegebene Strafstoß für Spanien konnte in einer nur sehr kurzen Zeitspanne bestätigt werden.

Schirilogie: Puls auf dem Spielfeld: 160 aufwärts. Und vor dem Bildschirm?

Stieler: Witzigerweise hat mich das auch interessiert, so dass ich das komplette Spiel hindurch meine Herzfrequenz aufgezeichnet habe. Normalerweise habe ich einen Ruhepuls von 53, zu Beginn des Spiels war dieser locker 40 Schläge höher als normal. Als sich in der 7. Minute ein Zweikampf im Strafraum ereignete, schnellte mein Puls mal eben so auf 125 hoch...

Schirilogie: Gab es vor der finalen Entscheidungsübermittlung nochmal einen Moment des Innehaltens, des Sich-Hinterfragens, vielleicht sogar des Zögerns?

Stieler: Bei der ersten Entscheidung mit Tragweite in der 48. Spielminute habe ich mir die Szene zur Sicherheit zweimal angesehen, obwohl mir schon beim ersten Durchlauf/Anhalten/Linie ziehen klar war, dass das Tor Abseits war. Nicht auszudenken, wenn bei diesem ersten Spiel von deutschen Schiedsrichtern etwas schief gegangen wäre. Auch vor dem Bildschirm gilt: Sicherheit vor Schnelligkeit. 

Schirilogie: Wie genau lief die Kommunikation innerhalb des Schiedsrichterteams ab?

Stieler: Wir üben ja bereits seit Beginn dieser Saison im Offline-Modus die Tätigkeit des Video-Assistenten. Ein wichtiger Bestandteil ist hierbei die Kommunikation: Möglichst kurz und präzise, Negationen wie z.B. „kein Abseits“ sind zu vermeiden. Beim aberkannten Tor für Frankreich lief es in etwa so ab:

Felix: „Check, ob Tor korrekt.“
Tobias: „Verstanden.“
Es folgte die Überprüfung und dann: 
Tobias: „Tor ungültig. Abseits. Indirekter Freistoß für Spanien.“
Felix: „Verstanden. Abseits. Indirekter Freistoß Spanien.“

Schirilogie: Zum Stichwort Kommunikation: Worauf wird es gerade beim "Verkaufen" von VAR-Entscheidungen ankommen? Nach dem 2:0 der Spanier wirkte es beinahe so, als habe sich Felix Zwayer bei Hugo Lloris dezent entschuldigt…

Stieler: Es gibt von der FIFA Vorgaben, wie so etwas zu kommunizieren ist: Sobald eine Überprüfung einer Szene durch den VAR in einer Spielruhe erfolgt, fasst sich der Schiedsrichter ans Ohr, um so deutlich zu machen, dass gerade eine Kommunikation stattfindet. Ändert der Schiedsrichter eine Entscheidung nach Rücksprache mit dem VAR, skizziert er mit den Händen die Umrisse eines TV. Daran werden sich die Zuschauer, aber auch wir Schiedsrichter gewöhnen müssen.

Zwayer skizziert die Umrisse eines TV: Doch kein Abseitstor


Schirilogie: Konkrete Spielsituationen ändern sich von Spiel zu Spiel. Nicht jedoch die Anforderungen an den Video-Assistenten – dazu zählt sicher auch die (gemeinsame) Spielvorbereitung auf technischer, taktischer und mentaler Ebene: Wie sieht diese als VAR aus und inwiefern unterscheidet sie sich von jener als Hauptschiedsrichter?

Stieler: Ich denke, dass es vor dem Spiel ein Briefing zwischen SR und VAR geben wird. Der SR sollte dann klar formulieren, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellt. Das ist durchaus vergleichbar mit der Absprache mit den Assistenten vor dem Spiel. Hier gibt es ja auch von Schiedsrichter zu Schiedsrichter Unterschiede. Gleichwohl ist es natürlich nicht möglich, alle denkbaren Spielsituationen durchzugehen. Weniger ist hier manchmal mehr. Als VAR in Frankreich bin ich noch einmal das maßgebliche „Protokoll“ der FIFA durchgegangen, habe mich gedanklich auf Spielsituationen vorbereitet und – wie oben beschrieben – Kommunikationscodes entworfen, um bei Bedarf nicht überlegen zu müssen, wie ich etwas formuliere. 

Schirilogie: Welche Faktoren sind sowohl für den Schiedsrichter und seine Assistenten als auch für einen VAR auf psychologischer Ebene ausschlaggebend – und welche gewinnen mit dem VAR vielleicht an Bedeutung?

Stieler: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich, 2 x 45 Minuten voll konzentriert zu sein. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist extrem hoch und die Möglichkeit, dass etwas Wichtiges übersehen wird, besteht naturgemäß, insbesondere aber dann, wenn man nicht fokussiert ist. Weiterhin sollten wir Schiedsrichter uns im Klaren über die Bedeutung und Tragweite unserer Tätigkeit vor dem TV sein. Damit meine ich nicht, Angst zu haben, einen Kollegen zu korrigieren, sondern vielmehr der eigenen Wahrnehmung bzw. Analyse von Spielszenen zu vertrauen und den Mut haben, korrigierend einzugreifen. 

Schirilogie: Als Schiedsrichter ist man ja „mittendrin statt nur dabei“. Als Video-Assistent ist man zwar sehr wohl dabei, aber eben nicht räumlich. In der kommenden Bundesligaspielzeit werden die Video-Assistenten die Spiele aus einem Studio in Köln verfolgen. Hilft diese räumliche Distanz?

Stieler: Frankreich war schon surreal. Ausverkauftes Stadion, tolle Stimmung auf den Rängen, klasse Fußballer auf dem Platz und wir saßen unter der Tribüne in einem Van, völlig abgeschottet von der Außenwelt, nur Fernseher vor uns und die Kommunikation der Schiedsrichter hörend. Gleichwohl hilft es natürlich, alle möglichen Störquellen auszublenden und das zu tun, wofür wir da waren.

Schirilogie: Vor 80.000 Zuschauern vom Video-Assistenten korrigiert zu werden, ist sicher nicht schön. Leidet darunter die Autorität und Akzeptanz des Schiedsrichterteams auf dem Platz?

Stieler: Ich bin davon überzeugt, dass weder Autorität noch Akzeptanz darunter leiden werden. Alle Beteiligten wissen doch, dass niemand frei von Fehlern ist, weder Spieler, noch Trainer oder wir Schiedsrichter. Wenn tatsächliche Fehler bei uns Schiedsrichtern dann auf dem Platz auch noch schnell korrigiert werden, macht das den Fußball gerechter und uns den Job ein wenig einfacher. In Paris konnte ich insbesondere beim Strafstoß von Felix feststellen, dass zunächst zaghafte Proteste der Franzosen vorhanden waren, nach meiner Bestätigung der richtigen Entscheidung hat Felix das so an die Spieler perfekt kommuniziert und siehe da – keinerlei Proteste mehr.
 
Schirilogie: Üblicherweise heißt es nach strittigen Szenen: Bis zum Spielende gedanklich ausblenden, konzentriert bleiben! Mit einem Video-Assistenten erhalten Schiedsrichter nun direkt eine Rückmeldung. Geht Ausblenden da so einfach - oder zweifelt man dann nicht an sich selbst?

Stieler: Ich kann ja nur für mich antworten: Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin und ich weiß, dass ich Fehler mache. Ziel ist und bleibt es natürlich, die spielentscheidenden Fehler weiterhin zu minimieren respektive zu vermeiden. Wenn dann doch ein solcher Fehler ab der neuen Saison korrigiert wird, werde ich mit Sicherheit nicht in Selbstzweifel verfallen, sondern dann geht Ausblenden ja noch besser, weil der Fehler ja nun nicht mehr ergebnisrelevant ist. Nach dem Spiel werde ich dann natürlich weiter etwaige Fehler analysieren und daraus lernen.

Schirilogie: Wenn Schiedsrichter mit einer Fehlentscheidung ein Spiel beeinflussen, wurde ihnen seitens der Spieler, Trainer, Medien und Öffentlichkeit bislang zumindest zugute gehalten, dass Irren und Fehler gerade mit Blick auf die Einmaligkeit des Sehens schnell ablaufender Spielsituationen menschlich sind. Dieses Argument dürfte bei einem potentiellen Fehler eines VARs medial ja nicht mehr gelten – bedeutet das nicht also auch eine Mehrbelastung?

Stieler: Wir müssen bis zum Start noch viel Aufklärungsarbeit leisten, wie die Arbeit eines VAR tatsächlich aussieht, insbesondere wann er eingreifen soll/darf/muss. In Frankreich z.B. gab es 28 Kameras, neben mir saßen zwei Operator, die mir bei den strittigen Szenen diverse Kamerabilder zur Verfügung gestellt haben. Man muss sich das so vorstellen: Das Spiel verfolge ich über einen Bildschirm, der mir nur die sog. Führungskameras zeigt (also nur die Bilder von den Kameras auf Höhe der Mittellinie). Sobald eine strittige Situation auftritt, schaue ich auf einen anderen Monitor, bei dem mir vier verschiedene Kameraperspektiven durch den Operator angeboten werden, die die strittige Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigt. Ich muss nun schnell entscheiden, welche Perspektive ich für die Beste halte und dann in Zeitlupe, Frame-by-Frame oder/und in Normaltempo die Szene analysieren und möglichst korrekt entscheiden. Überall, wo Interpretationsspielraum herrscht, wird es auch nachher Diskussionen geben. Und auch ein Video-Assistent wird Fehler bei der Interpretation der Bilder machen, das wird nicht ausbleiben. Was für den einen Schiedsrichter klar ist, ist für den anderen möglicherweise genau das Gegenteil.
 
Schirilogie:
Wie sieht Deine optimistische und realistische Erwartung an das VAR-Programm für die kommende Bundesligaspielzeit aus? Welche Hoffnungen, welche Befürchtungen hast Du?

Stieler: Optimistisch betrachtet: Die Zahl der klaren Fehler der Schiedsrichter ist am Ende der Saison (auch aufgrund des VAR) gleich Null. Realistisch gesehen wird das natürlich so nicht möglich sein. Wichtig ist, dass sowohl Zuschauer als auch Vereine (Spieler, Trainer, Manager etc.) dem System eine faire Chance geben und nicht gleich – auch aus totaler Unwissenheit – wie in den letzten beiden Wochen nach den Tests in Deutschland bei Freundschaftsspielen geschehen, eine ablehnende Haltung einnehmen. Gleichwohl wird die Erkenntnis am Ende der Spielzeit sein: Dank Video-Assistent ist der Fußball gerechter.

Schirilogie: Vielen Dank für das Gespräch und für die weiteren Spiele alles Gute!


Hintergrund: Ab der kommenden Saison werden die Schiedsrichter in Bundesligaspielen durch Video-Assistenten in vier definierten Bereichen unterstützt: Bei Entscheidungen der Kategorie Tor oder Kein Tor, bei Strafstoßentscheidungen, Roten Karten und bei Spielerverwechselungen im Zusammenhang mit persönlichen Strafen. 

Nachspielzeit (26. Spieltag): Kriterien zur Beurteilung der Strafbarkeit von Handspielen

3.4.17 12 Kommentare
Das zurückliegende Fußballwochenende war vor allem von einer Frage geprägt: Absicht oder keine Absicht? Gleich in mehreren Spielen, Stadien und Ligen gab es zum Teil knifflige Situationen aus dem Bereich Handspiel mit entsprechenden Diskussionen nach Abpfiff. Thomas Tuchel bringt das weit verbreitete Gefühl auf den Punkt. Auf das Handspiel von Marc Bartra angesprochen, meinte Tuchel sinngemäß, dass er der falsche Ansprechpartner sei, da er überhaupt nicht mehr wisse, wann es Absicht ist und wann nicht. Ein Klärungsversuch, der hoffentlich erfolgreicher ist als der von Marc Bartra, Oscar Wendt und co.



Handspiel im Revierderby: Pro und Contra Absicht - eine Gegenüberstellung

2.4.17 Kommentarbereich
Dortmund-Verteidiger Marc Bartras Handspiel hat das 150. Revierderby maßgeblich geprägt. Ob hier Absicht vorlag, wurde in den Medien bereits kontrovers diskutiert. Schiedsrichter Felix Zwayer, der sich gegen einen späten Strafstoßpfiff für Schalke entschied, gab in Interviews später an, dass hier keine Schwarz-Weiß-Situation vorgelegen habe.


Die folgende Übersicht zeigt: Recht hat er. Für beide Seiten gibt es gute Argumente, so dass wir uns in einem Graubereich befinden (für bessere Qualität bitte die Grafik anklicken):


Anmerkung: Eine vollständige Spieltagsanalyse folgt wie üblich in den kommenden Tagen.

Blick in die Forschung: Gewalt gegen Schiedsrichter - Einzelfälle oder an der Tagesordnung?

28.3.17 Kommentarbereich
In Niedersachsen streiken Schiedsrichter, nachdem ein Verbandssportgericht ein Urteil in Folge einer Schiedsrichterbeleidigung wieder aufhebt. In einem Derby der Hamburger Kreisliga 1 wird ein Schiedsrichter mit Schlägen und Tritten angegangen, woraufhin das Spiel abgebrochen wurde und 16 Streifenwagen anrückten. Und vor nicht allzu langer Zeit wird ein niederländischer Schiedsrichterassistent von mehreren Teenagern zu Tode getreten. Alles nur Einzelfälle? Oder ist Gewalt gegen Schiedsrichter heutzutage vielmehr an der Tagesordnung?

Schiedsrichter als Projektionsfläche eigener spielerischer Versäumnisse

Schiedsrichter haben die komplexe und manchmal undankbare Aufgabe, 22 emotionsgeladene Spieler unter ihrer Kontrolle zu behalten und akkurate sowie möglichst akzeptierte Entscheidungen zu fällen. Häufig besitzen ihre Entscheidungen spielbeeinflussenden, manchmal gar -entscheidenden Einfluss.

Gerade bei Niederlagen bietet es sich für Spieler, Trainer und Vereine daher an, Referees als Projektionsfläche eigener spielerischer Versäumnisse zu nutzen. In der Regel bleibt es bei Kritik - aber nicht immer: Manchmal kommt es zu Gewalt – ein Begriff, der schwierig zu definieren und abzugrenzen ist. Im Zusammenhang mit Schiedsrichtern ist darunter wohl am ehesten ein tätlicher Angriff gemeint. Doch das Spektrum der Grenzüberschreitung ist weitaus breiter und umfasst auch verbal geäußerte Beleidigungen oder Bedrohungen.

Die Thematik der Gewalt dominiert inzwischen die mediale Berichterstattung im Zusammenhang mit Schiedsrichtern auf Amateurebene. Gefühlt wöchentlich machen Schlagzeilen über Spielabbrüche in Folge von Tätlichkeiten gegen Referees die Runde. So ist davon auszugehen, dass entsprechende Vorfälle eine abschreckende Wirkung auf aktive Unparteiische und vor allem potenzielle Schiedsrichterneulinge haben. Deshalb warnt auch Pierluigi Collina, UEFA- und neuerdings auch FIFA-Schiedsrichter-Chef, vor einem "globalen Schiedsrichtermangel" als Folge zunehmend fehlenden Respekts gegenüber Unparteiischen. 

Einzelfallmeldungen - so besorgniserregend, frustrierend und tragisch sie auch sein mögen - besitzen allerdings keine repräsentative Aussagekraft. Es ist deshalb wichtig, eine belastbare empirische Datenbasis herzustellen. Um ein möglichst objektives Bild zu erzeugen, sind Befragungen mit großen Stichproben und einer ausreichend großen Streuung in Bezug auf Geschlecht, Alter und Herkunft von Vorteil.

Der oben aufgeworfenen Frage, ob es sich bei Gewalthandlungen gegen Schiedsrichter eher um Einzelfälle oder die Regel handele, widmeten sich in der Vergangenheit daher in der Tat einige wissenschaftlich durchgeführte Befragungen aus dem In- und Ausland.


Stand der Forschung: Selten tätlich angegriffen, häufig beleidigt

Vester (2013) näherte sich dem Thema in Kooperation mit dem Württembergischen Fußballverband (wfv) und befragte rund 2.600 Schiedsrichter.

Die Autorin konnte zeigen, dass nur 13,4% der Befragten im Zuge ihrer Schiedsrichtertätigkeit noch nie beleidigt wurden. Bereits mindestens einmal bedroht wurden hingegen 38,2% der Teilnehmer. 82,7% der befragten Schiedsrichter gaben zudem an, noch nie Opfer von tätlichen Angriffen geworden zu sein. Die allermeisten Unparteiischen - weit mehr als 90% - fühlten sich auf dem Fußballplatz außerdem ziemlich sicher.

Rullang, Emrich und Pierdzioch (2015) erhoben vergleichbare Werte in einer bundesweiten Studie mit rund 4.800 Unparteiischen. Auch hier zeigte sich, dass Schiedsrichter in ihrer bisherigen Laufbahn sehr häufig beleidigt (nur 5,2% der Befragten gaben an, noch nie beleidigt worden zu sein), gelegentlich bedroht (57,7% gaben an, sehr selten bis sehr häufig bedroht worden zu sein), aber während ihrer bisherigen Laufbahn nur selten tätlich angegriffen wurden (79,7% gaben an, noch nie tätlich angegriffen worden zu sein). Die Autoren konnten zudem zeigen, dass Schiedsrichter, die zum Zeitpunkt der Befragung selbst aktiv Fußball spielten, eine signifikant niedrigere Belastung durch Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt empfanden als jene Unparteiische, die selbst nie aktiv Fußball gespielt hatten.

Folkesson, Nyberg, Archer und Norlander (2002) wiesen anhand einer Stichprobe von schwedischen Amateurschiedsrichtern außerdem nach, dass jüngere Schiedsrichter häufiger Bedrohungen und Aggressionen ausgesetzt sind als ältere Kollegen.

Abbildung: Gegenüberstellung der Befragungsergebnisse ausgewählter Studien. 


Allerdings sind Schiedsrichterlaufbahnen unterschiedlich lang und umfassen je nach Individuum unterschiedlich viele Spiele. Sie stellen für sich genommen daher kein hinreichendes Maß dar, wenn es darum geht, die relative Häufigkeit von Gewaltvorkommnissen gegen Unparteiische abzuschätzen.
Des Weiteren besteht bei solchen Studien das Problem, dass in der Regel nur aktive Schiedsrichter befragt werden - diejenigen, die ihre Laufbahn gerade aufgrund von Gewalterfahrungen beendet haben, werden statistisch somit nicht erfasst. Aus diesen Gründen lohnt es sich, weitere Statistiken heranzuziehen.

Nach Angaben des DFB wurden in der Saison 2015/16 über das DFBNet – für alle Nichtschiedsrichter: dabei handelt es sich um das Portal, über das die Spielberichte nach den Spielen von den Referees hochgeladen werden – insgesamt 1.581.197 Partien freigegeben. In 3.717 Spielen habe es Gewalthandlungen gegeben. Dies entspricht 0,24% der Spiele – oder anders ausgedrückt: In jedem 425. Spiel kam es zu einer Gewalthandlung (wobei unklar bleibt, ob es sich hierbei ausschließlich um Gewalthandlungen gegen Schiedsrichter handelte). Von den 3.717 Spielen wurden weiterhin (nur) 589 abgebrochen.

Tatsache ist also: In der überwältigenden Mehrheit der Spiele kommt es zu keinen tätlichen Angriffen gegen Schiedsrichter und die allermeisten Unparteiischen sind in ihrer bisherigen Laufbahn noch nicht Opfer von Gewalthandlungen geworden. Dementsprechend kann vermutet werden, dass die Wurzeln dieses dennoch nicht zu unterschätzenden Problems anscheinend nicht systematischer Natur sind, sondern wahrscheinlich stark vom Profil des individuellen Spielers bzw. Täters abhängen.

Und trotzdem: Wenn jeder 7. Schiedsrichter schon einmal Gewalt gegen sich erlebt hat und wenn es durchschnittlich an etwa an jedem bzw. jedem zweiten Wochenende eines mittelgroßen Fußballkreises zu einem solchen Vorfall kommt, spricht dies dagegen, dass es sich hierbei bloß um Einzelfälle handelt.

Szenen wie diese sind statistisch gesehen (glücklicherweise) eher eine Seltenheit


Im Fall verbaler Bedrohungen oder klassischer Schiedsrichterbeleidigungen, die gemäß der Datenlage so gut wie jeder Schiedsrichter schon einmal erlebt hat, dürfte es sich in jedem Fall um ein systematisches Problem handeln: Diesbezüglich kann ein womöglich genereller Verfall von Respekt auf und neben dem Platz beobachtet werden, den auch der ehemalige Bundesligaschiedsrichter Knut Kircher unlängst in einem Interview anprangerte. Und dieser spiegelt sich zweifelsohne auch im Verhalten einzelner Trainer und Manager auf Bundesligaebene mit einer nicht zu unterschätzenden Strahlkraft auf untere Ligen wider (s. Video).


Das Thema weder unter- noch überschätzen

Trotz der Schwere und Tragik jedes einzelnen Falls einer Tätlichkeit gegen einen Unparteiischen sollte mit dem Thema und entsprechenden Schlagzeilen nicht (nur) emotional, sondern vor allem besonnen umgegangen werden: Gewalttaten gegen Schiedsrichter sollten nicht unter-, aber in ihrer Auftretenshäufigkeit und -wahrscheinlichkeit auch nicht überschätzt werden. Verharmlosung und Hypen sind also jeweils gleichermaßen unangebracht.

Verbände und Vereine sollten bei aller Berechtigung und Notwendigkeit der Gewaltbekämpfung auch die Thematik der Schiedsrichterbeleidigung, also der verbalen Aggression, auf ihre Agenda setzen und sich von einer ausschließlich eindimensionalen Betrachtung auf tätliche Angriffe lösen.

Hilfreich oder zumindest diskutabel erscheinen auch Überlegungen wie schnellere Verwarnungen, Zeitstrafen oder gar Platzverweise als Strafe für vehementes Protestieren und Reklamieren, wie sie auch Pierluigi Collina vorschlägt. Auf diese Weise könnte respektlosem und aggressivem Verhalten gegenüber Schiedsrichtern wie Beleidigungen oder gar (Androhungen von) Gewalt bereits auf einer niedrigeren Stufe unter Umständen ein Riegel vorgeschoben werden.

Letztlich hängt dies aber auch davon ab, wie konsequent Schiedsrichter gegen Protestieren oder auch Beleidigungen vorgehen - gerade im Profifußball mit seiner Signalwirkung "nach unten". So betont Collina im Video-Interview mit SkySports auch die Eigenverantwortung der Spitzenschiedsrichter, früheste Anzeichen von Grenzüberschreitungen (z.B. bei Massenprotesten, dem sog. "Mobbing") vor allem unter dem Aspekt der Vorbildsfunktion konsequent aus dem Spiel zu nehmen und mit den richtigen Maßnahmen zu ahnden (anders als in diesem Videobeispiel aus der WM-Qualifikation).

Kampagnen und Maßnahmen mit der Zielsetzung, den gegenseitigen Respekt fördern, sind darüber hinaus begrüßenswert. Ob ein kollektives Handshake, Fairplaybanner oder entsprechende Werbeaktionen vor Champions League Spielen tatsächlich Beleidigungen oder gar Gewalthandlungen verhindern, darf allerdings angezweifelt werden, wenn mitunter lasche Sanktionen die Glaubwürdigkeit solcher Aktionen untergraben. Letztlich sind es gelegentlich Verbandsausschüsse, die der meist ausgesprochenen Rote Karte durch in den Augen vieler Schiedsrichter häufig zu milde Strafen ihre Signalkraft rauben. Dass es auch anders geht, zeigt der Fall in Hamburg: Der verantwortliche Verein wurde inzwischen aus dem Verkehr gezogen ...


Literatur

Folkesson, P., Nyberg, C., Archer, T. & Norlander, T. (2002). Soccer referees‘ experience of threat and aggression: Effects of age, experience, and life orientation on outcome of coping strategy. Aggressive Behavior, 28(4), 317-327.

Rullang, C., Emrich, E. & Pierdzioch, C. (2015). Wie häufig werden Schiedsrichter Opfer von Beleidigungen, Drohungen und Gewalt? Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage unter aktiven Schiedsrichtern. Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, 56(2), 44-66.

Vester, T. (2013). Zielscheibe Schiedsrichter. Zum Sicherheitsgefühl und zur Opferwerdung von Unparteiischen im Amateurfußball. Baden-Baden: Nomos.

Nachspielzeit (24. Spieltag): Abseits mit Verspätung - warum beim 1. Hamburger Treffer die Fahne zunächst unten blieb

13.3.17 1 Kommentar
Die letzte Begegnung des zurückliegenden 24. Bundesligaspieltags zwischen dem Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach hatte es aus Schiedsrichtersicht noch einmal in sich. Besonders interessant ist dabei der erste vermeintliche Ausgleichstreffer, der nach kurzer Beratung zwischen dem Schiedsrichter und Assistenten aberkannt wurde. Und wenn der böhmische Adel in der Kommentatorenbox mit einem Hauch Verzweiflung in der Tonlage bekundet "Warum hebt er die Fahne nicht? Warum hebt er die Fahne nicht? Ich ver-steeeh das nicht!", so besteht ganz offensichtlich Klärungsbedarf. Kurzum: Die Szene ist ein Musterbeispiel für effektives Teamwork. 


Lehreinheit Nr. 4: Als Schiedsrichter effektiv kommunizieren - Grundlagen (1. Teil)

11.3.17 Kommentarbereich
Kommunikationsskills gehören zu den wichtigsten Fertigkeiten sehr guter Fußballschiedsrichter. Ob auf oder neben dem Platz, ob im Vorfeld, während oder im Nachgang eines Spiels, ob Spielern, Trainern, Zuschauern, Schiedsrichterbeobachtern oder anderen Verantwortlichen gegenüber – überall spielt Kommunikation eine zentrale Rolle, die maßgeblich zur Qualität und Akzeptanz einer Spielleitung beiträgt. Basierend auf theoretischen Modellen und praktischen Einblicken wird Schirilogie der Frage nachgehen, was Schiedsrichter beachten sollten, um möglichst klar, konsistent und effektiv zu kommunizieren. In dem vorliegenden 1. Teil werden hierzu die Grundlagen geschaffen.



Sehr gute Schiedsrichter kennzeichnet vor allem effektive Kommunikation


Nachspielzeit (DFB-Pokal): "Das ahndet doch eh niemand!" - Sich selbst erfüllende Prophezeiungen bei irregulären Strafstoß-Ausführungen

6.3.17 4 Kommentare
Das gestrige Sonntagsspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg lieferte für die einschlägigen Qualitätsgazetten, Schiedsrichterexperten bzw. Regelkundler und nicht zuletzt für den frustrierten Verlierer aus Frankfurt einige Munition (für die strittigen Szenen des Bundesligaspieltags sei auf Collinas Erben verwiesen). Weit weniger in der Öffentlichkeit standen hingegen die beiden Strafstöße im DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen dem Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach, die aus einem besonderen Grund überaus interessant erscheinen. Ein Plädoyer für ein konsequenteres Eingreifen bei Vergehen im Zuge von Strafstoßausführungen und eine Erklärung dafür, wieso das bislang so selten geschieht.


Die souverän verwandelten Elfmeter bei HSV-Gladbach waren aus Schiedsrichtersicht interessant

Nachspielzeit (22. Spieltag): Über Abseits, Absicht(en) und Effekt(e)

27.2.17 9 Kommentare
Aus Schiedsrichtersicht verlief der zurückliegende 22. Bundesligaspieltag erfreulich reibungslos und unauffällig. Dies änderte sich in der 52. Minute des Topspiels zwischen der Hertha aus Berlin und Eintracht Frankfurt und spätestens mit Lars Stindls kuriosem Handtor, das selbst unter (vermeintlichen) Experten unterschiedliche Einschätzungen nach sich zog. Diskussionen löste auch eine kürzlich erschienene Studie aus, die mit ihrem reißerischen Titel an Hoyzersche Zeiten erinnert.


Herthas 1:0 gegen Frankfurt irregulär?

In der 52. Minute des Topspiels mussten Schiedsrichter Sascha Stegemann und vor allem sein Assistent Frederick Assmuth gleich drei Entscheidungen binnen weniger Sekunden fällen (siehe Video 1 und Video 2).

1. Stand Kalou beim ersten Pass in die Tiefe im Abseits?

Die Zeitlupen zeigen, dass sich im Moment des Abspiels lediglich Kalous Hinterteil um wenige Zentimeter im Abseits befand. Durch gegenläufige Bewegungen ist dies für den Assistenten kaum zu sehen – hier die Fahne unten zu lassen, ist vollkommen in Ordnung und wird von Verbänden wie der UEFA in solch engen Szenen sogar empfohlen.

2. Wurde Kalou von Oczipka regelwidrig zu Fall gebracht?

Zeitlupen zeigen einen Kontakt am Fuß, wodurch Oczipka seinen Gegenspieler Kalou unabsichtlich, aber doch effektiv zu Fall brachte. Bei solchen Vergehen ist Absicht kein relevantes Kriterium. Denn Fahrlässigkeit liegt dann vor, „wenn ein Spieler unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht“ (Regel 12, S. 83). Da Ibisevic jedoch frei zum Schuss kam, wäre es vertretbar gewesen, wenn Stegemann hier einen Vorteil gegeben hätte (denn der ist bei Vergehen innerhalb des Strafraums wirklich nur dann zulässig, wenn sich eine offensichtliche Torchance als Vorteil ergibt). Die Reaktionen und fehlende Gestik des Schiedsrichters deuten darauf hin, dass er hier jedoch keinen Vorteil gegeben hat. Wahrscheinlicher ist, dass der Referee den Kontakt so nicht wahrgenommen hat – vielleicht auch deswegen, weil er durch ein unglückliches Ausweichmanöver in seinem Stellungsspiel ganz zu Beginn der Aktion an Tempo eingebüßt hat und somit nicht den allerbesten Sichtwinkel einnehmen konnte.

3. Griff Kalou beim Abstauber von Ibisevic aktiv ein?

Nachdem der Ivorer am Einschuss gehindert wurde, gelangte der Ball zu seinem Sturmpartner Vedad Ibisevic, der den Ball locker abstauben und am Torhüter vorbei ins Tor befördern konnte. Doch auch hier spielte Kalou eine zentrale Rolle: Er blieb nach seinem Sturz auf dem Boden liegen und behinderte somit im den Frankfurter Schlussmann Hradecki. Dieser musste mehr oder weniger über Kalou steigen, um den Winkel bestmöglich zu verkürzen. Dadurch kam er einen entscheidenden Bruchteil einer Sekunde zu spät und ließ die kurze Ecke offen, die Ibisevic prompt anvisierte. Wiederholungen zeigen: Kalou befand sich im Moment des Ibisevic-Schusses in einer Abseitsposition. Vorab: Dies zu erkennen, war für den Schiedsrichterassistenten aus mehreren Gründen sicher keine leichte Aufgabe.

Erstens blieb der Schiedsrichterassistent im Moment des Passes auf Kalou eher statisch und nahm nicht die nötige Geschwindigkeit auf, um auf Höhe des zweitletzten Verteidigers zu bleiben.  Auffällig ist auch, dass der Assistent mit einem Arm- bzw. Handzeichen angezeigt hat, dass keine Abseitsposition vorlag. Laut Offside Explained – einer auf die Abseitsthematik spezialisierten, von einem FIFA-Assistenten betriebenen und überaus empfehlenswerten Website – führen solche Armzeichen zu erheblichen Sprinteinbußen und sorgen letztlich dafür, dass Assistenten wertvolle Geschwindigkeit vergeuden. Im Moment des Schusses von Ibisevic war der Assistent gut 2 Meter von seiner vorgeschriebenen Position entfernt, was keinesfalls positiv zu einer korrekten und akkuraten Einschätzung einer potenziellen Abseitsposition beiträgt (Oudejans et al., 2005).

Zweitens lief der hintere Frankfurter Verteidiger sehr schnell in Richtung der Torlinie und befand sich ungefähr 0,3 Sekunden nach dem Schuss von Ibisevic schon näher an der Torlinie als Kalou. Hier kommt im Zusammenhang mit Abseitspositionen eine visuelle Verzerrung (der sog. Flash-Lag-Effekt) zum Tragen, der dafür sorgt, dass Menschen sich bewegende Objekte (Frankfurter Verteidiger) relativ zu statischen (Kalou) bzw. „aufblitzenden“ (Ballabgabe) Objekten zu einem bestimmten Zeitpunkt X (der Moment der Ballabgabe) weiter vorangeschritten wahrnehmen, als sie es tatsächlich sind (s. das folgende Video).



Ganz simpel formuliert heißt das: Für den Assistenten mag es zum Zeitpunkt der Ballabgabe folglich so ausgesehen haben, als sei der hintere Frankfurter Verteidiger in etwa auf gleicher Höhe mit Kalou oder als befände er sich sogar näher an der Torlinie (rot gestrichelte Markierung).

Durch den Flash-Lag-Effekt und das inakkurate Positionsspiel des Assistenten war die Abseitsposition von Kalou wohl ohnehin nicht wahrnehmbar - unabhängig davon, ob er aktiv wurde oder nicht. Dies zeigt die rot gestrichelte Linie, die die subjektiv wahrgenommene Abseitslinie aus den Augen des Assistenten darstellen soll. Natürlich wird er diese intuitiv ein wenig an sein Stellungsspiel korrigiert haben - spätestens bei solchen Korrekturversuchen kommt es aber zu Ungenauigkeiten.


Den Flash-Lag-Effekt können Sie / könnt Ihr hier selbst nachempfinden (lustigerweise benötigt die Darstellung den Flash-Player...). In der Darstellung markiert ein aufblitzender roter Punkt den Moment der Ballabgabe!

Mit den Themen Positionsspiel und Flash-Lag-Effekt im Kontext von Abseitsentscheidungen werden sich künftig auch separate, hier veröffentlichte Lehreinheiten beschäftigen.

Eine Abseitsposition allein ist allerdings noch kein Vergehen. Daher verlassen wir nun die Ebene der reinen Wahrnehmung und beschreiten die Ebene der Interpretation. Lag überhaupt ein aktives Eingreifen seitens Kalou vor?

Zu einem Abseitsvergehen kommt es nur dann, wenn ein Spieler in Abseitsposition zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler gespielt oder berührt wird, aktiv am Spiel teilnimmt und dort auf verschiedene Weise eingreift.

Gemäß IFAB-Zirkular Nr. 3 (2016) ist ein Spieler in Abseitsstellung u.a. dann zu bestrafen, wenn „(…) er eine offensichtliche Aktion ausführt, die die Möglichkeiten eines Gegners beeinträchtigt, den Ball zu spielen.“

Eine Beeinträchtigung bezieht sich laut IFAB „auf die (potenzielle) Möglichkeit eines Gegners, den Ball zu spielen und umfasst auch Situationen, in denen die Bewegung eines Gegners, um den Ball zu spielen, durch den Spieler in Abseitsstellung verzögert, behindert oder verhindert wird“.

Grundsätzlich müssen wir zwei verschiedene Szenarien unterscheiden.

Szenario 1: Hradecki wurde im Moment des Ibisevic-Schusses von Kalou in seinen Abwehrmöglichkeiten behindert.

Seine Bewegungsfreiheit wäre durch Kalou zwar erheblich verzögert und eingeschränkt worden, was für „aktiv“ spricht. ABER: Ob es sich beim an sich passiven „auf-dem-Boden-Liegen“ um eine „offensichtliche Aktion“ handelt, darf angezweifelt werden. Und die ist gemäß IFAB-Dokument entscheidend.

So meint auf Anfrage auch Johannes Gründel, Kolumnist für wahretabelle.de:
Das Wort "Aktion" - im englischen Originaltext noch viel mehr als im deutschen Regeltext - impliziert ein aktives Tun. Auch die anderen Varianten des Eingreifens setzen ein aktives Tun voraus, die Ausnahme ist dabei nur die Sichtbehinderung, die sich ja auch gerade durch ihre Untätigkeit auszeichnen kann. Daher erscheint es naheliegend, dieses Erfordernis der "Aktivität" auch bei der offensichtlichen Aktion anzuwenden. Ein bloß passives Liegen ist eben gerade keine "Aktion" (Lateinisch: agere "tun" - derselbe Wortstamm wie "aktiv").“

Szenario 2: Hradecki wurde im Moment des Ibisevic-Schusses von Kalou nicht mehr behindert.

Dies legt das Bildmaterial eigentlich nahe: Hradecki war über Kalou gestiegen, der sich zwar in einer Abseitsposition befand, aber kein Vergehen begangen hatte. Denn für ein Abseitsvergehen braucht es eine Ballberührung durch einen Mitspieler. Und diese erfolgte durch Ibisevic erst zu dem Zeitpunkt, als Hradecki bereits über Kalou hinübergestiegen war und seine Bewegungs- und Abwehrfreiheit wiedererlangt hatte. Kalou hatte ihn also vielleicht vorher behindert - aber da war es noch nicht relevant.

Beide Szenarien sprechen also dafür, dass hier kein strafbares Abseits vorlag. Die richtige Entscheidung wäre es demzufolge gewesen, das Tor als Ergebnis eines Vorteils in Folge des an sich strafstoßwürdigen Vergehens anzuerkenne. Ohne Zweifel lässt diese Szene aber breite Interpretationsspielräume zu.


Absicht vs Effekt bei Stindls Treffer

Auch in Ingolstadt sorgte eine besondere Form des Eingreifens für Gesprächsstoff. Nach einer Ecke beförderte Lars Stindl den Ball mit seinem Unterarm ins Tor (s. Video). Das Schiedsrichtergespann um Christian Dingert wertete dies offenbar als unabsichtliches Handspiel. Eine Erläuterung der Situation findet sich in der Spieltagsanalyse von Collinas Erben. Der von den 'Erben' vertretenen Auffassung hat Lutz Michael Fröhlich inzwischen widersprochen.



So richtig sicher schien sich Stindl beim Torjubel auch nicht zu sein...


Grundlegend für die Beurteilung von Handspielen erscheint hier der Hinweis darauf, dass Handspiele stets auf Ebene der Absicht beurteilt werden und der Effekt nur eine geringe oder gar keine Rolle spielt. Dies scheint sich dann zu ändern, wenn Tore durch allzu offensichtliche Handspiele erzielt werden (dazu später mehr).

Während bspw. bei der Klassifizierung der Schwere von Foulspielen in fahrlässig, rücksichtslos oder übermäßige Härte eher der Effekt des Vergehens entscheidend ist (z.B.: Auswirkung auf die Gesundheit des Spielers) und die Frage der Absicht eher irrelevant ist (siehe Matthew Leckies Kung-Fu-Tackle am vergangenen Wochenende), geht es bei der Beurteilung von Handspielen ausschließlich um die Frage, ob Absicht im Spiel war.

Erfahrungsgemäß ist eine absichtsorientierte Beurteilung von Vergehen oder Situationen stets schwieriger und mit mehr Interpretationsspielraum verbunden als jene Teile des Regelwerks, in denen rein effektorientiert zu beurteilen ist. Dies zeigt die Regeländerung bezüglich der sog. Dreifachbestrafung sehr eindrücklich: Bei Vergehen innerhalb es Strafraums, durch die eine offensichtliche Torchance verhindert wurde, besteht seit Juli 2016 die Möglichkeit, statt eines Platzverweises nur eine Gelbe Karte auszusprechen. Voraussetzung dafür ist ein ballorientierter Einsatz mit dem authentischen Versuch, den Ball zu spielen. Vor Juli 2016 war dies komplett irrelevant: Notbremse war Notbremse und somit Rot. Es wurde rein nach dem Effekt des Vergehens entschieden – nämlich der Vereitelung einer offensichtlichen Torchance.

Daher überrascht es auch bei Stindls Handspiel nicht, dass naturgemäß unterschiedliche Interpretationen aufkommen und sich auch Experten wie z.B. Thorsten Kinhöfer in der BILD (der das Handspiel zwar als unabsichtlich, das Tor aber dennoch als irregulär bewertet – hä?) oder Peter Gagelmann bei Sky (der zu Recht darauf hinweist, dass Stindl der Ball von dem Kopf eines Ingolstädters zunächst an seine Brust und erst dann an die Hand sprang) uneins.

Klar ist, dass Stindl den Ball zumindest aktiv ins Tor befördert hat. Aktiv in dem Sinne, als dass seine Hand den Ball in Richtung Tor steuert. Schaut man sich seinen missglückten Kopfballversuch in Gänze an, so merkt man allerdings, dass die Handbewegung typisch für eine Kopfballaktion war.

International ist indes ein klarer Trend dahingehend erkennbar, dass Tore, die durch Handspiele erzielt werden, eher abzupfeifen sind. Ein Paradebeispiel bietet das Kopfball-Hand-Tor von Neymar im Champions League Finale 2015 in Berlin, das durch das türkische Schiedsrichtergespann um Cüneyt Çakır aberkannt hat (s. Video 1, Video 2). Intern hat die UEFA dies später als vertretbare Entscheidung beurteilt. Ihr Argument: Die Fußballgemein-schaft möchte keine durch Handspiele erzielten Tore sehen. Daher greife hier die ungeschriebene Regel 18 – der Menschenverstand. Ob man der UEFA hier folgen muss und, muss jeder Verband und Schiedsrichter für sich beantworten.

Denn nicht nur auf den ersten Blick erscheint es nachvollziehbar, dass die Latte dafür, ein Handspiel als unabsichtlich zu werten, wenn daraus ein Tor erzielt wurde, ein Stück weit höher liegt als in anderen Situationen. Die Regeln sollten schließlich sinngerecht interpretiert werden - hier merkt Fröhlich nachvollziehbarerweise an, dass es schlicht kaum zu vermitteln ist, dieses Tor anzuerkennen. Genau das werden aber diejenigen anders sehen, die das fest verankerte Absichtsprinzip bei Handspielen nicht mal eben so ad acta legen wollen.

"Vertretbar" war die Entscheidung des Unparteiischengespanns in Ingolstadt – egal, ob man persönlich eher mit „regulär“ oder „irregulär“ sympathisiert.


Wissenschaftlich fragwürdige Studie

Das größte mediale Aufsehen im Zusammenhang mit Schiedsrichtern ereignete sich übrigens schon vor dem 22. Spieltag: In der vergangenen Woche ließ eine neue Studie der Universitäten Bielefeld, Pennsylvania und West Virginia aufhorchen. Ihr nicht zu dünn aufgetragener Titel: „Match Fixing and Sports Betting in Football: Empirical Evidence from the German Bundesliga“.

Der sich hinter dem Forschungsansatz (der übrigens schon Einiges über die grundlegende Einstellung der Autoren zu Schiedsrichtern verraten dürfte) befindende Vorwurf wiegt schwer: Vereinzelte Schiedsrichter werden mit erhöhtem Wettvolumen auf sog. Über- oder Unterwetten (mehr oder weniger als 2,5 Tore) in Zusammenhang gebracht. Aus mehreren Gründen erscheint die Studie mehr als fragwürdig.

1. Zweifelhafte Datenbasis

Die Datenbasis wirft einige Zweifel auf. In den untersuchten Spielzeiten von 2010/11 bis einschließlich 2014/15 wurden 1.530 Bundesligaspiele gespielt. Merkwürdigerweise wurden in der statistischen Analyse nur 1.251 Spiele berücksichtigt – also gerade einmal 82% aller Spiele. Die Autoren begründen leider an keiner Stelle, wieso die übrigen 279 Spiele nicht berücksichtigt wurden.

Seltsam erscheint auch die Darstellung der schiedsrichterspezifischen Daten auf Seite 17 ihres Papers (Tabelle 4). Demzufolge hätten 16 der 26 in dieser Zeit aktiven Schiedsrichter in den fünf untersuchten Spielzeiten mehr als 100 Spiele in der Bundesliga gepfiffen. Dies trifft jedoch nicht zu. Der einzige Unparteiische, der es in diesen Saisons jemals auf 20 Spiele pro Saison geschafft hat, ist Manuel Gräfe (20 Spiele in 2010/11). Alle übrigen Schiedsrichter brachten es maximal auf 19 Spiele pro Saison. Daraus folgt: 5x weniger als 20 Spiele macht nicht mehr als 100 Spiele.

Inwieweit die am Schulnotensystem angelehnten (und somit ordinal- statt metrischskalierten) aufgebauten Kicker-Noten nun der Inbegriff einer objektiven Leistungsbeurteilung sind (und vielleicht sogar statistische Modellannahmen verletzen), sei hier verziehen.

Bevor man sich mit möglichen Auswirkungen der Studie näher beschäftigt, müssten diese Dinge eigentlich eindeutig geklärt werden – denn ansonsten ist die Studie irrelevant. Prof. Deutscher, Erstautor der Studie, hat auf eine entsprechende diesbezügliche Anfrage von Schirilogie leider nicht reagiert.

2. Selektive Wahl der abhängigen Variable?

Will man mögliche Auffälligkeiten am Wettmarkt für einzelne Schiedsrichter untersuchen, so wäre die naheliegendste Lösung, die einfachen Wettquoten zu berücksichtigen. Dies haben die Autoren allerdings nicht getan – und zwar mit der Begründung, dass Über- oder Unterwetten subtilere und dadurch geeignetere Kandidaten möglicher Einflussnahmen seien. Das kann man so rechtfertigen und erscheint nicht unplausibel. Denkbar wäre auch, dass bei anderen Wettquoten bzw. Marktbereichen schlicht keine Auffälligkeiten zu finden waren und somit keine für die Autoren befriedigenden Ergebnisse herauskamen. Aber dies wäre natürlich reine Spekulation.

3. Keine Kausalaussagen möglich

Die verwendeten statistischen Modelle erlauben lediglich Wahrscheinlichkeitsaussagen und decken mögliche Zusammenhänge auf. Sie können aber keine Kausalitäten nachweisen, also keine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge belegen.

Die statistischen Modelle, die verwendet wurden, sind überdies ausreißeranfällig. Eine sog. Alphafehlerinflation steht ebenfalls im Raum – durch die dünne Darstellung des statistischen Vorgehens kann dies aber weder nachgewiesen, noch ausgeschlossen werden.
Bei der hohen Anzahl jeweils untersuchter Spiele sind zudem statistisch signifikante Ergebnisse häufiger zu erzielen. Interessanter wären daher Effektstärken – also Maße für die Größe gefundener Effekte. Dass die Autoren diese nicht angeben, ist überraschend: Schließlich gilt in der Forschung häufig „Signifikant, aber irrelevant“.

An mehreren Stellen weisen die Autoren zudem darauf hin, dass ihre Studie folglich auch nicht per se für Wettbetrug spräche. In einem Interview betont einer der Autoren daher: „Man beobachtet statistische Eigenschaften, die man auch erwarten würde, falls es Wettbetrug gäbe.“ Gemessen am reißerischen Studientitel, ist dies schon eine relativ kleinlaute und einschränkende Darstellung des Papers.

4. Keine Alternativerklärungen berücksichtigt

In welchen Spielen wird denn überhaupt verstärkt auf Über- oder Untertore gesetzt? Zum einen in Spielen, in denen womöglich ein Underdog zu Gast beim Tabellenführer ist. Zum anderen vielleicht in Spielen, die allgemein mehr im Interesse der Öffentlichkeit und Fußballfans stehen. Darunter fallen bspw. exponierte Spiele wie das Topspiel am Samstag Abend oder Derbies.

Die Erfahrung zeigt, dass es häufig dieselben Schiedsrichter sind, die diese Spiele pfeifen. Schiedsrichter werden eben nicht zufällig zu bestimmten Spielen angesetzt. Denn wenn jemand wie Manuel Gräfe oder Felix Brych überwiegend Topspiele mit höherem Interesse an Wettmärkten leitet, dann überrascht es nicht, dass die von ihnen geleiteten Spiele im Vergleich zu anderen nach Schiedsrichtern sortierten Spielen statistisch bedeutsam auffallen. Wäre dies ein Beleg oder auch nur ein leiser Verdachtsmoment für einen etwaigen Wettbetrug? Keineswegs. 

Eine zufällige Zuweisung zu Spielen wäre für die statistischen Modelle eigentlich maßgebliche Voraussetzung. Ganz am Ende der Studie heißt es in einem Satz, auf den dann nicht weiter eingegangen wird: „Referees are not totally randomly assigned to games“. Sieh an. Diese Annahme hätte man im Vorfeld und bei der Untersuchung berücksichtigen können und müssen, bevor man die Gruppe der Schiedsrichter semi-anonymisiert und auf statistisch wie konzeptionell fragwürdige Art und Weise unter Generalverdacht stellt. Wenn dies das Ziel der Autoren war: Glückwunsch, wahrscheinlich gelungen. Im Gegensatz zu Stindls Handspiel würden hier Absicht und Effekt Hand in Hand gehen...


Literatur

Oudejans, R. R. D., Bakker, F. C., Verheijen, R., Gerrits, J. C., Steinbrückner, M., & Beek, P. J. (2005). How position and motion of expert assistant referees in soccer relate to the quality of their offside judgments during actual match play. International Journal Sport Psychology, 36, 3–21.