Nachspielzeit (24. Spieltag): Abseits mit Verspätung - warum beim 1. Hamburger Treffer die Fahne zunächst unten blieb

13.3.17 1 Kommentar
Die letzte Begegnung des zurückliegenden 24. Bundesligaspieltags zwischen dem Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach hatte es aus Schiedsrichtersicht noch einmal in sich. Besonders interessant ist dabei der erste vermeintliche Ausgleichstreffer, der nach kurzer Beratung zwischen dem Schiedsrichter und Assistenten aberkannt wurde. Und wenn der böhmische Adel in der Kommentatorenbox mit einem Hauch Verzweiflung in der Tonlage bekundet "Warum hebt er die Fahne nicht? Warum hebt er die Fahne nicht? Ich ver-steeeh das nicht!", so besteht ganz offensichtlich Klärungsbedarf. Kurzum: Die Szene ist ein Musterbeispiel für effektives Teamwork. 


Lehreinheit Nr. 4: Als Schiedsrichter effektiv kommunizieren - Grundlagen (1. Teil)

11.3.17 Kommentarbereich
Kommunikationsskills gehören zu den wichtigsten Fertigkeiten sehr guter Fußballschiedsrichter. Ob auf oder neben dem Platz, ob im Vorfeld, während oder im Nachgang eines Spiels, ob Spielern, Trainern, Zuschauern, Schiedsrichterbeobachtern oder anderen Verantwortlichen gegenüber – überall spielt Kommunikation eine zentrale Rolle, die maßgeblich zur Qualität und Akzeptanz einer Spielleitung beiträgt. Basierend auf theoretischen Modellen und praktischen Einblicken wird Schirilogie der Frage nachgehen, was Schiedsrichter beachten sollten, um möglichst klar, konsistent und effektiv zu kommunizieren. In dem vorliegenden 1. Teil werden hierzu die Grundlagen geschaffen.



Sehr gute Schiedsrichter kennzeichnet vor allem effektive Kommunikation


Nachspielzeit (DFB-Pokal): "Das ahndet doch eh niemand!" - Sich selbst erfüllende Prophezeiungen bei irregulären Strafstoß-Ausführungen

6.3.17 4 Kommentare
Das gestrige Sonntagsspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg lieferte für die einschlägigen Qualitätsgazetten, Schiedsrichterexperten bzw. Regelkundler und nicht zuletzt für den frustrierten Verlierer aus Frankfurt einige Munition (für die strittigen Szenen des Bundesligaspieltags sei auf Collinas Erben verwiesen). Weit weniger in der Öffentlichkeit standen hingegen die beiden Strafstöße im DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen dem Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach, die aus einem besonderen Grund überaus interessant erscheinen. Ein Plädoyer für ein konsequenteres Eingreifen bei Vergehen im Zuge von Strafstoßausführungen und eine Erklärung dafür, wieso das bislang so selten geschieht.


Die souverän verwandelten Elfmeter bei HSV-Gladbach waren aus Schiedsrichtersicht interessant

Nachspielzeit (22. Spieltag): Über Abseits, Absicht(en) und Effekt(e)

27.2.17 9 Kommentare
Aus Schiedsrichtersicht verlief der zurückliegende 22. Bundesligaspieltag erfreulich reibungslos und unauffällig. Dies änderte sich in der 52. Minute des Topspiels zwischen der Hertha aus Berlin und Eintracht Frankfurt und spätestens mit Lars Stindls kuriosem Handtor, das selbst unter (vermeintlichen) Experten unterschiedliche Einschätzungen nach sich zog. Diskussionen löste auch eine kürzlich erschienene Studie aus, die mit ihrem reißerischen Titel an Hoyzersche Zeiten erinnert.


Herthas 1:0 gegen Frankfurt irregulär?

In der 52. Minute des Topspiels mussten Schiedsrichter Sascha Stegemann und vor allem sein Assistent Frederick Assmuth gleich drei Entscheidungen binnen weniger Sekunden fällen (siehe Video 1 und Video 2).

1. Stand Kalou beim ersten Pass in die Tiefe im Abseits?

Die Zeitlupen zeigen, dass sich im Moment des Abspiels lediglich Kalous Hinterteil um wenige Zentimeter im Abseits befand. Durch gegenläufige Bewegungen ist dies für den Assistenten kaum zu sehen – hier die Fahne unten zu lassen, ist vollkommen in Ordnung und wird von Verbänden wie der UEFA in solch engen Szenen sogar empfohlen.

2. Wurde Kalou von Oczipka regelwidrig zu Fall gebracht?

Zeitlupen zeigen einen Kontakt am Fuß, wodurch Oczipka seinen Gegenspieler Kalou unabsichtlich, aber doch effektiv zu Fall brachte. Bei solchen Vergehen ist Absicht kein relevantes Kriterium. Denn Fahrlässigkeit liegt dann vor, „wenn ein Spieler unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht“ (Regel 12, S. 83). Da Ibisevic jedoch frei zum Schuss kam, wäre es vertretbar gewesen, wenn Stegemann hier einen Vorteil gegeben hätte (denn der ist bei Vergehen innerhalb des Strafraums wirklich nur dann zulässig, wenn sich eine offensichtliche Torchance als Vorteil ergibt). Die Reaktionen und fehlende Gestik des Schiedsrichters deuten darauf hin, dass er hier jedoch keinen Vorteil gegeben hat. Wahrscheinlicher ist, dass der Referee den Kontakt so nicht wahrgenommen hat – vielleicht auch deswegen, weil er durch ein unglückliches Ausweichmanöver in seinem Stellungsspiel ganz zu Beginn der Aktion an Tempo eingebüßt hat und somit nicht den allerbesten Sichtwinkel einnehmen konnte.

3. Griff Kalou beim Abstauber von Ibisevic aktiv ein?

Nachdem der Ivorer am Einschuss gehindert wurde, gelangte der Ball zu seinem Sturmpartner Vedad Ibisevic, der den Ball locker abstauben und am Torhüter vorbei ins Tor befördern konnte. Doch auch hier spielte Kalou eine zentrale Rolle: Er blieb nach seinem Sturz auf dem Boden liegen und behinderte somit im den Frankfurter Schlussmann Hradecki. Dieser musste mehr oder weniger über Kalou steigen, um den Winkel bestmöglich zu verkürzen. Dadurch kam er einen entscheidenden Bruchteil einer Sekunde zu spät und ließ die kurze Ecke offen, die Ibisevic prompt anvisierte. Wiederholungen zeigen: Kalou befand sich im Moment des Ibisevic-Schusses in einer Abseitsposition. Vorab: Dies zu erkennen, war für den Schiedsrichterassistenten aus mehreren Gründen sicher keine leichte Aufgabe.

Erstens blieb der Schiedsrichterassistent im Moment des Passes auf Kalou eher statisch und nahm nicht die nötige Geschwindigkeit auf, um auf Höhe des zweitletzten Verteidigers zu bleiben.  Auffällig ist auch, dass der Assistent mit einem Arm- bzw. Handzeichen angezeigt hat, dass keine Abseitsposition vorlag. Laut Offside Explained – einer auf die Abseitsthematik spezialisierten, von einem FIFA-Assistenten betriebenen und überaus empfehlenswerten Website – führen solche Armzeichen zu erheblichen Sprinteinbußen und sorgen letztlich dafür, dass Assistenten wertvolle Geschwindigkeit vergeuden. Im Moment des Schusses von Ibisevic war der Assistent gut 2 Meter von seiner vorgeschriebenen Position entfernt, was keinesfalls positiv zu einer korrekten und akkuraten Einschätzung einer potenziellen Abseitsposition beiträgt (Oudejans et al., 2005).

Zweitens lief der hintere Frankfurter Verteidiger sehr schnell in Richtung der Torlinie und befand sich ungefähr 0,3 Sekunden nach dem Schuss von Ibisevic schon näher an der Torlinie als Kalou. Hier kommt im Zusammenhang mit Abseitspositionen eine visuelle Verzerrung (der sog. Flash-Lag-Effekt) zum Tragen, der dafür sorgt, dass Menschen sich bewegende Objekte (Frankfurter Verteidiger) relativ zu statischen (Kalou) bzw. „aufblitzenden“ (Ballabgabe) Objekten zu einem bestimmten Zeitpunkt X (der Moment der Ballabgabe) weiter vorangeschritten wahrnehmen, als sie es tatsächlich sind (s. das folgende Video).



Ganz simpel formuliert heißt das: Für den Assistenten mag es zum Zeitpunkt der Ballabgabe folglich so ausgesehen haben, als sei der hintere Frankfurter Verteidiger in etwa auf gleicher Höhe mit Kalou oder als befände er sich sogar näher an der Torlinie (rot gestrichelte Markierung).

Durch den Flash-Lag-Effekt und das inakkurate Positionsspiel des Assistenten war die Abseitsposition von Kalou wohl ohnehin nicht wahrnehmbar - unabhängig davon, ob er aktiv wurde oder nicht. Dies zeigt die rot gestrichelte Linie, die die subjektiv wahrgenommene Abseitslinie aus den Augen des Assistenten darstellen soll. Natürlich wird er diese intuitiv ein wenig an sein Stellungsspiel korrigiert haben - spätestens bei solchen Korrekturversuchen kommt es aber zu Ungenauigkeiten.


Den Flash-Lag-Effekt können Sie / könnt Ihr hier selbst nachempfinden (lustigerweise benötigt die Darstellung den Flash-Player...). In der Darstellung markiert ein aufblitzender roter Punkt den Moment der Ballabgabe!

Mit den Themen Positionsspiel und Flash-Lag-Effekt im Kontext von Abseitsentscheidungen werden sich künftig auch separate, hier veröffentlichte Lehreinheiten beschäftigen.

Eine Abseitsposition allein ist allerdings noch kein Vergehen. Daher verlassen wir nun die Ebene der reinen Wahrnehmung und beschreiten die Ebene der Interpretation. Lag überhaupt ein aktives Eingreifen seitens Kalou vor?

Zu einem Abseitsvergehen kommt es nur dann, wenn ein Spieler in Abseitsposition zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler gespielt oder berührt wird, aktiv am Spiel teilnimmt und dort auf verschiedene Weise eingreift.

Gemäß IFAB-Zirkular Nr. 3 (2016) ist ein Spieler in Abseitsstellung u.a. dann zu bestrafen, wenn „(…) er eine offensichtliche Aktion ausführt, die die Möglichkeiten eines Gegners beeinträchtigt, den Ball zu spielen.“

Eine Beeinträchtigung bezieht sich laut IFAB „auf die (potenzielle) Möglichkeit eines Gegners, den Ball zu spielen und umfasst auch Situationen, in denen die Bewegung eines Gegners, um den Ball zu spielen, durch den Spieler in Abseitsstellung verzögert, behindert oder verhindert wird“.

Grundsätzlich müssen wir zwei verschiedene Szenarien unterscheiden.

Szenario 1: Hradecki wurde im Moment des Ibisevic-Schusses von Kalou in seinen Abwehrmöglichkeiten behindert.

Seine Bewegungsfreiheit wäre durch Kalou zwar erheblich verzögert und eingeschränkt worden, was für „aktiv“ spricht. ABER: Ob es sich beim an sich passiven „auf-dem-Boden-Liegen“ um eine „offensichtliche Aktion“ handelt, darf angezweifelt werden. Und die ist gemäß IFAB-Dokument entscheidend.

So meint auf Anfrage auch Johannes Gründel, Kolumnist für wahretabelle.de:
Das Wort "Aktion" - im englischen Originaltext noch viel mehr als im deutschen Regeltext - impliziert ein aktives Tun. Auch die anderen Varianten des Eingreifens setzen ein aktives Tun voraus, die Ausnahme ist dabei nur die Sichtbehinderung, die sich ja auch gerade durch ihre Untätigkeit auszeichnen kann. Daher erscheint es naheliegend, dieses Erfordernis der "Aktivität" auch bei der offensichtlichen Aktion anzuwenden. Ein bloß passives Liegen ist eben gerade keine "Aktion" (Lateinisch: agere "tun" - derselbe Wortstamm wie "aktiv").“

Szenario 2: Hradecki wurde im Moment des Ibisevic-Schusses von Kalou nicht mehr behindert.

Dies legt das Bildmaterial eigentlich nahe: Hradecki war über Kalou gestiegen, der sich zwar in einer Abseitsposition befand, aber kein Vergehen begangen hatte. Denn für ein Abseitsvergehen braucht es eine Ballberührung durch einen Mitspieler. Und diese erfolgte durch Ibisevic erst zu dem Zeitpunkt, als Hradecki bereits über Kalou hinübergestiegen war und seine Bewegungs- und Abwehrfreiheit wiedererlangt hatte. Kalou hatte ihn also vielleicht vorher behindert - aber da war es noch nicht relevant.

Beide Szenarien sprechen also dafür, dass hier kein strafbares Abseits vorlag. Die richtige Entscheidung wäre es demzufolge gewesen, das Tor als Ergebnis eines Vorteils in Folge des an sich strafstoßwürdigen Vergehens anzuerkenne. Ohne Zweifel lässt diese Szene aber breite Interpretationsspielräume zu.


Absicht vs Effekt bei Stindls Treffer

Auch in Ingolstadt sorgte eine besondere Form des Eingreifens für Gesprächsstoff. Nach einer Ecke beförderte Lars Stindl den Ball mit seinem Unterarm ins Tor (s. Video). Das Schiedsrichtergespann um Christian Dingert wertete dies offenbar als unabsichtliches Handspiel. Eine Erläuterung der Situation findet sich in der Spieltagsanalyse von Collinas Erben. Der von den 'Erben' vertretenen Auffassung hat Lutz Michael Fröhlich inzwischen widersprochen.



So richtig sicher schien sich Stindl beim Torjubel auch nicht zu sein...


Grundlegend für die Beurteilung von Handspielen erscheint hier der Hinweis darauf, dass Handspiele stets auf Ebene der Absicht beurteilt werden und der Effekt nur eine geringe oder gar keine Rolle spielt. Dies scheint sich dann zu ändern, wenn Tore durch allzu offensichtliche Handspiele erzielt werden (dazu später mehr).

Während bspw. bei der Klassifizierung der Schwere von Foulspielen in fahrlässig, rücksichtslos oder übermäßige Härte eher der Effekt des Vergehens entscheidend ist (z.B.: Auswirkung auf die Gesundheit des Spielers) und die Frage der Absicht eher irrelevant ist (siehe Matthew Leckies Kung-Fu-Tackle am vergangenen Wochenende), geht es bei der Beurteilung von Handspielen ausschließlich um die Frage, ob Absicht im Spiel war.

Erfahrungsgemäß ist eine absichtsorientierte Beurteilung von Vergehen oder Situationen stets schwieriger und mit mehr Interpretationsspielraum verbunden als jene Teile des Regelwerks, in denen rein effektorientiert zu beurteilen ist. Dies zeigt die Regeländerung bezüglich der sog. Dreifachbestrafung sehr eindrücklich: Bei Vergehen innerhalb es Strafraums, durch die eine offensichtliche Torchance verhindert wurde, besteht seit Juli 2016 die Möglichkeit, statt eines Platzverweises nur eine Gelbe Karte auszusprechen. Voraussetzung dafür ist ein ballorientierter Einsatz mit dem authentischen Versuch, den Ball zu spielen. Vor Juli 2016 war dies komplett irrelevant: Notbremse war Notbremse und somit Rot. Es wurde rein nach dem Effekt des Vergehens entschieden – nämlich der Vereitelung einer offensichtlichen Torchance.

Daher überrascht es auch bei Stindls Handspiel nicht, dass naturgemäß unterschiedliche Interpretationen aufkommen und sich auch Experten wie z.B. Thorsten Kinhöfer in der BILD (der das Handspiel zwar als unabsichtlich, das Tor aber dennoch als irregulär bewertet – hä?) oder Peter Gagelmann bei Sky (der zu Recht darauf hinweist, dass Stindl der Ball von dem Kopf eines Ingolstädters zunächst an seine Brust und erst dann an die Hand sprang) uneins.

Klar ist, dass Stindl den Ball zumindest aktiv ins Tor befördert hat. Aktiv in dem Sinne, als dass seine Hand den Ball in Richtung Tor steuert. Schaut man sich seinen missglückten Kopfballversuch in Gänze an, so merkt man allerdings, dass die Handbewegung typisch für eine Kopfballaktion war.

International ist indes ein klarer Trend dahingehend erkennbar, dass Tore, die durch Handspiele erzielt werden, eher abzupfeifen sind. Ein Paradebeispiel bietet das Kopfball-Hand-Tor von Neymar im Champions League Finale 2015 in Berlin, das durch das türkische Schiedsrichtergespann um Cüneyt Çakır aberkannt hat (s. Video 1, Video 2). Intern hat die UEFA dies später als vertretbare Entscheidung beurteilt. Ihr Argument: Die Fußballgemein-schaft möchte keine durch Handspiele erzielten Tore sehen. Daher greife hier die ungeschriebene Regel 18 – der Menschenverstand. Ob man der UEFA hier folgen muss und, muss jeder Verband und Schiedsrichter für sich beantworten.

Denn nicht nur auf den ersten Blick erscheint es nachvollziehbar, dass die Latte dafür, ein Handspiel als unabsichtlich zu werten, wenn daraus ein Tor erzielt wurde, ein Stück weit höher liegt als in anderen Situationen. Die Regeln sollten schließlich sinngerecht interpretiert werden - hier merkt Fröhlich nachvollziehbarerweise an, dass es schlicht kaum zu vermitteln ist, dieses Tor anzuerkennen. Genau das werden aber diejenigen anders sehen, die das fest verankerte Absichtsprinzip bei Handspielen nicht mal eben so ad acta legen wollen.

"Vertretbar" war die Entscheidung des Unparteiischengespanns in Ingolstadt – egal, ob man persönlich eher mit „regulär“ oder „irregulär“ sympathisiert.


Wissenschaftlich fragwürdige Studie

Das größte mediale Aufsehen im Zusammenhang mit Schiedsrichtern ereignete sich übrigens schon vor dem 22. Spieltag: In der vergangenen Woche ließ eine neue Studie der Universitäten Bielefeld, Pennsylvania und West Virginia aufhorchen. Ihr nicht zu dünn aufgetragener Titel: „Match Fixing and Sports Betting in Football: Empirical Evidence from the German Bundesliga“.

Der sich hinter dem Forschungsansatz (der übrigens schon Einiges über die grundlegende Einstellung der Autoren zu Schiedsrichtern verraten dürfte) befindende Vorwurf wiegt schwer: Vereinzelte Schiedsrichter werden mit erhöhtem Wettvolumen auf sog. Über- oder Unterwetten (mehr oder weniger als 2,5 Tore) in Zusammenhang gebracht. Aus mehreren Gründen erscheint die Studie mehr als fragwürdig.

1. Zweifelhafte Datenbasis

Die Datenbasis wirft einige Zweifel auf. In den untersuchten Spielzeiten von 2010/11 bis einschließlich 2014/15 wurden 1.530 Bundesligaspiele gespielt. Merkwürdigerweise wurden in der statistischen Analyse nur 1.251 Spiele berücksichtigt – also gerade einmal 82% aller Spiele. Die Autoren begründen leider an keiner Stelle, wieso die übrigen 279 Spiele nicht berücksichtigt wurden.

Seltsam erscheint auch die Darstellung der schiedsrichterspezifischen Daten auf Seite 17 ihres Papers (Tabelle 4). Demzufolge hätten 16 der 26 in dieser Zeit aktiven Schiedsrichter in den fünf untersuchten Spielzeiten mehr als 100 Spiele in der Bundesliga gepfiffen. Dies trifft jedoch nicht zu. Der einzige Unparteiische, der es in diesen Saisons jemals auf 20 Spiele pro Saison geschafft hat, ist Manuel Gräfe (20 Spiele in 2010/11). Alle übrigen Schiedsrichter brachten es maximal auf 19 Spiele pro Saison. Daraus folgt: 5x weniger als 20 Spiele macht nicht mehr als 100 Spiele.

Inwieweit die am Schulnotensystem angelehnten (und somit ordinal- statt metrischskalierten) aufgebauten Kicker-Noten nun der Inbegriff einer objektiven Leistungsbeurteilung sind (und vielleicht sogar statistische Modellannahmen verletzen), sei hier verziehen.

Bevor man sich mit möglichen Auswirkungen der Studie näher beschäftigt, müssten diese Dinge eigentlich eindeutig geklärt werden – denn ansonsten ist die Studie irrelevant. Prof. Deutscher, Erstautor der Studie, hat auf eine entsprechende diesbezügliche Anfrage von Schirilogie leider nicht reagiert.

2. Selektive Wahl der abhängigen Variable?

Will man mögliche Auffälligkeiten am Wettmarkt für einzelne Schiedsrichter untersuchen, so wäre die naheliegendste Lösung, die einfachen Wettquoten zu berücksichtigen. Dies haben die Autoren allerdings nicht getan – und zwar mit der Begründung, dass Über- oder Unterwetten subtilere und dadurch geeignetere Kandidaten möglicher Einflussnahmen seien. Das kann man so rechtfertigen und erscheint nicht unplausibel. Denkbar wäre auch, dass bei anderen Wettquoten bzw. Marktbereichen schlicht keine Auffälligkeiten zu finden waren und somit keine für die Autoren befriedigenden Ergebnisse herauskamen. Aber dies wäre natürlich reine Spekulation.

3. Keine Kausalaussagen möglich

Die verwendeten statistischen Modelle erlauben lediglich Wahrscheinlichkeitsaussagen und decken mögliche Zusammenhänge auf. Sie können aber keine Kausalitäten nachweisen, also keine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge belegen.

Die statistischen Modelle, die verwendet wurden, sind überdies ausreißeranfällig. Eine sog. Alphafehlerinflation steht ebenfalls im Raum – durch die dünne Darstellung des statistischen Vorgehens kann dies aber weder nachgewiesen, noch ausgeschlossen werden.
Bei der hohen Anzahl jeweils untersuchter Spiele sind zudem statistisch signifikante Ergebnisse häufiger zu erzielen. Interessanter wären daher Effektstärken – also Maße für die Größe gefundener Effekte. Dass die Autoren diese nicht angeben, ist überraschend: Schließlich gilt in der Forschung häufig „Signifikant, aber irrelevant“.

An mehreren Stellen weisen die Autoren zudem darauf hin, dass ihre Studie folglich auch nicht per se für Wettbetrug spräche. In einem Interview betont einer der Autoren daher: „Man beobachtet statistische Eigenschaften, die man auch erwarten würde, falls es Wettbetrug gäbe.“ Gemessen am reißerischen Studientitel, ist dies schon eine relativ kleinlaute und einschränkende Darstellung des Papers.

4. Keine Alternativerklärungen berücksichtigt

In welchen Spielen wird denn überhaupt verstärkt auf Über- oder Untertore gesetzt? Zum einen in Spielen, in denen womöglich ein Underdog zu Gast beim Tabellenführer ist. Zum anderen vielleicht in Spielen, die allgemein mehr im Interesse der Öffentlichkeit und Fußballfans stehen. Darunter fallen bspw. exponierte Spiele wie das Topspiel am Samstag Abend oder Derbies.

Die Erfahrung zeigt, dass es häufig dieselben Schiedsrichter sind, die diese Spiele pfeifen. Schiedsrichter werden eben nicht zufällig zu bestimmten Spielen angesetzt. Denn wenn jemand wie Manuel Gräfe oder Felix Brych überwiegend Topspiele mit höherem Interesse an Wettmärkten leitet, dann überrascht es nicht, dass die von ihnen geleiteten Spiele im Vergleich zu anderen nach Schiedsrichtern sortierten Spielen statistisch bedeutsam auffallen. Wäre dies ein Beleg oder auch nur ein leiser Verdachtsmoment für einen etwaigen Wettbetrug? Keineswegs. 

Eine zufällige Zuweisung zu Spielen wäre für die statistischen Modelle eigentlich maßgebliche Voraussetzung. Ganz am Ende der Studie heißt es in einem Satz, auf den dann nicht weiter eingegangen wird: „Referees are not totally randomly assigned to games“. Sieh an. Diese Annahme hätte man im Vorfeld und bei der Untersuchung berücksichtigen können und müssen, bevor man die Gruppe der Schiedsrichter semi-anonymisiert und auf statistisch wie konzeptionell fragwürdige Art und Weise unter Generalverdacht stellt. Wenn dies das Ziel der Autoren war: Glückwunsch, wahrscheinlich gelungen. Im Gegensatz zu Stindls Handspiel würden hier Absicht und Effekt Hand in Hand gehen...


Literatur

Oudejans, R. R. D., Bakker, F. C., Verheijen, R., Gerrits, J. C., Steinbrückner, M., & Beek, P. J. (2005). How position and motion of expert assistant referees in soccer relate to the quality of their offside judgments during actual match play. International Journal Sport Psychology, 36, 3–21.

Nachspielzeit (21. Spieltag): Vier Augen sehen mehr als zwei - vor allem aus seitlichen Blickwinkeln

20.2.17 Kommentarbereich
Auch wenn in dieser Spielwoche und ganz besonders an diesem Bundesligaspieltag die Debatte über das Thema Nachspielzeit dominierte (Hintergründe zur Nachspielzeit hier), so gab es aus Schiedsrichtersicht in einigen Spielen eine weitere bemerkenswerte Parallelität der Ereignisse. Was ein nicht gegebener Strafstoß bei Dortmunds Champions-League-Autritt in Lissabon, zwei verschossene Strafstöße in Hamburg und Mönchengladbach sowie der erste Platzverweis in Frankfurt gemeinsam hatten.

Vom Schiedsrichterassistenten 'überstimmt': Strafstoß für Hamburg


Schiedsrichterassistenten sind schon seit langem keineswegs mehr nur "Linienrichter", die lediglich Einwürfe, Eckstöße und Abstöße anzeigen sollen und nur im Extremfall vielleicht mal ein Foul signalisieren dürfen. Stattdessen handelt es sich in modernen Gespannen heute um nahezu gleichberechtigte Unterstützer des Schiedsrichters in vielen relevanten Bereichen der Spielleitung.

Ihnen kommt gerade im schnelllebigen Profifußball eine besondere Bedeutung zu, da dem Schiedsrichter trotz idealen Positionsspiels nicht immer alle Sichtkanäle und Blickwinkel zur Verfügung stehen, die zum akkuraten Treffen einer Entscheidung benötigt würden. Durch eine weitere visuelle Perspektive und einen anderen Sichtwinkel erhalten Referees von ihren Assistenten in vielen Situationen daher zusätzliche, im wahrsten Sinne des Wortes 'entscheidende' Informationen.

Dieser Umstand unterstreicht die Bedeutung, Schiedsrichter nicht nur als Individuen, sondern ihre Gespanne als Einheit, in der vertrauensvolles, effektives Teamwork maßgeblich zu erfolgreichen Spielleitung beiträgt, zu begreifen. Nicht umsonst steht Team häufig plakativ für 'Together Everybody Achieves More' eingesetzt.

Genau dieses Prinzip offenbarte sich in den oben angesprochenen und in der Folge analysierten Spielsituationen. Sie sind Musterbeispiele dafür, welch entscheidende Rolle Schiedsrichterassistenten durch ihre besondere 'Sicht auf die Dinge' spielen.


Borussia Mönchengladbach - RB Leipzig

Es lief die 44. Spielminute im Borussiapark. Nach einem hohen, langen Pass auf Lars Stindl war dieser gerade im Begriff, den Ball in der Höhe zu kontrollieren, als er von Leipzig-Verteidiger Marvin Compper unfair am Fuß getroffen wurde (s. Video). Wie Zeitlupen später belegten, ereignete sich der strafbare Kontakt an der Kante des Strafraums - und zwar genau auf der Strafraumlinie, so dass Schiedsrichter Felix Zwayer vollkommen zurecht auf den Punkt zeigte (denn gemäß Spielregeln gehört die Linie zum Strafraum).

Die eigentliche Entscheidung wurde jedoch von jemand anderem getroffen: vom 1. Schiedsrichterassistenten Thorsten Schiffner. Denn bei Entscheidungen der Kategorie 'Innerhalb vs Außerhalb' kommt es vor allem auf den Input des Assistenten an. Dieser befand sich zum Zeitpunkt des Kontakts - wie vorgeschrieben - auf ungefährer Höhe des zweitletzten Verteidigers und in diesem Fall daher auch glücklicherweise genau auf Höhe der Strafraumlinie. Durch seinen seitlichen Blickwinkel konnte er erkennen, dass der Kontakt auf der Strafraumlinie erfolgte. Sofort signalisierte der erfahrene FIFA-Assistent mit Fahnenzeichen, dass ein Foulspiel vorlag und bewegte sich zudem in Richtung der Eckfahne bzw. Torlinie. Dadurch und durch die zweifelsohne präzise Kommunikation über das Headset hat er seinem Chef auch die korrekte Spielfortsetzung (Strafstoß) übermittelt. So konnte Zwayer praktisch ohne zeitliche Verzögerung pfeifen und, noch viel wichtiger, direkt auf den Punkt zeigen, bevor Proteste oder Unklarheiten aufkeimen konnten. Nicht verwunderlich also, dass Zwayer nicht nur auf den Punkt, sondern seinem Assistenten Schiffner anschließend auch den Daumen zeigte. Dass der Elfmeter verschossen wurde, sollte den spielbeeinflussenden Charakter dieser vorzüglichen Teamarbeit nicht mindern.


Hamburger SV - SC Freiburg

Nicht ganz so sauber, aber ähnlich lief es auch in der Schlussphase des Spiels Hamburg gegen Freiburg. Beim Stand von 2:2 betrat Aaron Hunt den Freiburger Sechzehner und wurde schließlich von Torrejón gestellt. Daher drehte sich Hunt 180° um die eigene Achse und schien so in Rücklage zu geraten, so dass er schließlich über Torrejóns Beine stolperte (s. Video). So sah es zumindest zunächst aus. Und scheinbar auch für Schiedsrichter Christian Dingert, der mit der Gestik "Steh auf, war nichts" schnell andeutete, dass das für einen Elfmeterpfiff nicht ausreichte, und bereits auf dem Absatz kehrt machte, um sich in Richtung Mittelfeld zu bewegen. Ganz offenbar hat er dann jedoch von seinem 1. Assistenten Tobias Christ Informationen erhalten, die ihn dazu bewegten, seine Einschätzung zu ändern und auf den Punkt zu zeigen.

Die Zeitlupen waren leicht widersprüchlich: Aus zwei Blickwinkeln sah es tatsächlich so aus, als habe Hunt schlicht weg die Balance verloren. Die Zeitlupen, die das Geschehen von der Seite aus betrachten ließen, sprachen eine andere Sprache: Demnach befand sich Hunt zwar in leichter Rücklage - ursächlich für sein Fallen war aber womöglich ein fahrlässiger Kontakt von Torrejón, der Hunt mit seinem rechten Bein unten entscheidend touchierte. Das war so vermutlich nur für den Assistenten zu sehen, der eben - im Gegensatz zu Dingert - einen perfekten 90°-Sichtwinkel von der Seite hatte. Hier wäre der Schiedsrichter vielleicht gut beraten gewesen, sich nicht sofort festzulegen, sondern zuerst Informationen vom Assistenten her einzuholen (durch Augenkontakt und Headsetkommunikation). Erst abzuwinken und dann auf den Punkt zu zeigen, weckte unnötige Hoffnungen bei den Freiburgern, sorgte für Konfusion und führte vielleicht sogar zu stärkeren Protesten und größerem Unverständnis, als es hätte sein müssen. Wichtiger ist allerdings, ob am Ende die korrekte oder zumindest vertretbare Entscheidung stand. Und das war wohl der Fall - dank des guten Sichtwinkels und 'mutigen' Einschreitens des Assistenten.


Eintracht Frankfurt - FC Ingolstadt 

Ähnlich lässt sich auch erklären, wieso Schiedsrichter Guido Winkmann David Abrahams grobes Foulspiel, das an einen Kungfu-Tritt erinnert, akkurat einordnen und ahnden konnte (s. Video bei 0:24). Die gestreckte Sohle, mit der Abraham seinen Gegenspieler in der Taillengegend mit übermäßiger Härte und offensichtlicher Gesundheitsgefähdung traf, war in der Form vor allem der Seite zu erkennen. Winkmann war zum Geschehen etwa 20m entfernt und hatte keinen optimalen Blickwinkel (~ 20°) auf die Situation. Zwar konnte er das Vorliegen eines womöglich schwerwiegenden Foulspiels erkennen und somit auch schnell pfeifen. Dass er zuerst in seine linke Brusttasche gelangt hat und offenbar eine Gelbe Karte hervorholen wollte, schließlich aber Rot zeigte, lässt erahnen, dass er evtl. von seinem Assistenten Christian Bandurski entsprechende Hinweise erhalten hat.

Der Assistent befand sich nämlich genau auf Höhe des Vergehens, hatte freie Sicht und einen perfekten seitlichen Einblick in die Szene - und wie die Zeitlupen (bei 0:26 im Video) nahelegen, ist auch in diesem Fall eine seitliche Perspektive nötig, um die Schwere des Foulspiels angemessen einschätzen und sanktionieren zu können. Vielleicht war sich der Unparteiische selbst nicht sicher, ob das Foul mit Gelb oder Rot zu ahnden sei. In solchen Fällen ist es immer hilfreich, Informationen von den eigenen Teamkollegen zu erhalten und diese in die Entscheidung mit einzubeziehen. Im unspektakulärsten Fall werden Schiedsrichter von diesen Informationen nur noch zusätzlich in ihrer eigenen Wahrnehmung bestärkt, was positiv zu einem selbstbewussteren Verkaufen und Kommunizieren der Entscheidung beiträgt.


SL Benfica - Borussia Dortmund 

Dass dies nicht immer gelingt, zeigte die 40. Minute im Estádio da Luz: Beim Spielstand von 0:0 drehte Dortmunds Dembélé auf der rechten Außenbahn auf und versuchte trotz eines verunglückten Zuspiels den Ball noch zu erreichen. Verteidiger Lindelof verließ sich auf Benfica-Schlussman Ederson, der bereits im Begriff war, aus seinem Tor herauszukommen. Lindelof hatte Dembélés Geschwindigkeit jedoch unterschätzt, so dass der Dortmunder kurz vor dem Torwart an den Ball kam und ihn mit der Fußspitze spielen konnte. Ederson hatte indes schon ausgeholt, um den Ball in Richtung Tribüne zu schießen. Anstelle des Balls traf er nur Dembélé. Erstaunlicherweise blieb die Pfeife des WM-2014-Final-Schiedsrichters Nicola Rizzoli aus Italien stumm (s. Video).

Dass Dembélé zuvor gefoult wurde, hätte vor allem der Assistent von der Seite sehen können

Auch hier legten Zeitlupen nahe, dass sich der Kontakt wohl auf der Strafraumlinie ereignete, so dass Dortmund hier einen Elfmeter hätte bekommen sollen (s. 0:50 im Video). Manch einer wird sich zudem wieder einmal über "diese Torrichter" echauffiert haben, die ja zu nichts zu gebrauchen seien. Bei einer tiefergehenden Analyse der Situation zeigt sich, dass den zusätzlichen Schiedsrichterassistenten (Additional Assistant Referee, AAR) keine Schuld trifft.

Das Foul war auch in diesem Fall am besten von der Seite - idealerweise also aus einem 90°-Winkel, wobei hier auch weniger ausgereicht hätte - zu sehen (s. Screenshot hier). Keinesfalls zu sehen war dies aus einem kleinen Blickwinkel von einer Position hinter dem Torwart - aber genau die hatte der AAR. Für ihn muss das Ganze wie eine Kollision ausgesehen haben. Ob dabei ein strafbarer Kontakt vorgelegen hat, war für ihn höchstwahrscheinlich unmöglich zu erkennen, da er wohl kaum durch Ederson hindurch blicken konnte. Der Schiedsrichter war so weit entfernt und ungünstig positioniert, dass seine Sicht höchstwahrscheinlich blockiert war (wozu er aber durchaus selbst etwas konnte).

Den beschriebenen seitlichen Blickwinkel hätte insbesondere der 1. Assistent Elenito Di Liberatore gehabt, wenn er korrekt positioniert gewesen wäre (s. die Zeitlupe von der Seitenlinie). Doch das war er nicht. Auch nicht sein Chef Rizzoli. Beide schlossen mit der Szene offenbar in dem Moment ab, als Lindelof den Ball nicht weiter verfolgte und ihn seinem Torhüter überließ. Dass Dembélé durchziehen und dem Ball hinterherjagen würde, hatten beide Offiziellen wohl nicht auf dem Zettel. Nur so lässt es sich erklären, wieso Rizzoli, der gut 30m entfernt war, und vor allem sein Assistent ihre Laufwege vor dem Kontakt verlangsamten. Gerade der Assistent hätte eigentlich durchlaufen müssen, um auf der Höhe des zweitletzten Verteidigers zu bleiben. Hätte er dies getan, hätte er den nötigen seitlichen Blickwinkel gehabt, um das eindeutige Vergehen des Torwarts als solches zu erkennen und es Rizzoli rückzumelden. Erst dann hätte der AAR dabei helfen können, den genauen Ort des Vergehens zu identifizieren - denn dieser stand korrekterweise auf Höhe der zur Torlinie senkrechten Strafraumgrenze.

Diese Situation verdeutlicht noch einmal die Relevanz der Herstellung seitlicher Blickwinkel auf Spielsituationen und gleichermaßen auch die Notwendigkeit, selbst in unvorhergesehenen Situationen konzentriert zu bleiben. Dies spiegelt die UEFA-interne Phrase "Always expect the unexpected" - also: "Erwarte stets das Unerwartete" - prägnant wider.


Was Unparteiische aus diesen Szenen mitnehmen können

1. Im eigenen Positionsspiel stets versuchen, seitliche Blickwinkel herzustellen.

2. Bei Entscheidungen, in denen die Unterstützung durch einen Assistenten hilfreich sein könnte, den Kontakt zum Kollegen suchen (Augenkontakt, Handzeichen, Headset ...).

3. Das eigene Schiedsrichtergespann als Team begreifen, in dem alle Mitglieder zu korrekten Entscheidungen durch ihre jeweils verschiedenen, sich aber wertvoll ergänzenden Perspektiven beitragen können.

4. Als Schiedsrichter die eigenen Assistenten dazu ermutigen, exklusive Informationen, die nur sie wahrnehmen können, an sich weiterzuleiten und so Entscheidungen, die Assistenten aus ihrem Sicht- und Verantwortungsbereich sicher treffen können, herbeizuführen (Fahnenzeichen, Headset...).

5. Sich bei wichtigen Entscheidungen mit dem Assistenten - gerade wenn er gut und nah positioniert ist - vor dem Treffen einer Entscheidungen abstimmen, z.B. durch Augenkontakt oder auf Profiebene durch diskrete, elektronische Kommunikationswege.

6. Und, wie immer, stets das Unerwartete erwarten!



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Lehreinheit Nr. 3: Selbstmanagement als Schiedsrichter (I) - Effektives Zielsetzungsmanagement

18.2.17 Kommentarbereich
Wie kann ich als Schiedsrichter besser werden? - Diese Frage stellt sich sicherlich jedem engagierten und selbstkritischen Unparteiischen. Antworten darauf sind nicht immer einfach. Ein Ansatzpunkt besteht jedoch darin, die eigenen Stärken und Schwächen zu analyiseren und sich darauf aufbauend anspruchsvolle, motivierende und handlungsleitende Ziele zu setzen. 
Wie das gelingen kann und wie "gute Ziele" formuliert sein sollten, so dass sie ihre leistungs-förderliche Wirkung entfalten können, klärt die Lehreinheit Nr. 3!

Vor allem die Besten der Besten setzen sich anspruchsvolle, langfristige Ziele

"My philosophy has always been to give my best, whatever I do. Of course I had certain objectives when I first started as a referee, such as being a first-class referee and taking part in big games such as finals. I always worked that way, set my objectives and was patient. If you work hard, then you get rewarded.” (UEFA.org)

Das obige Zitat stammt von Cüneyt Çakır (Foto), einem UEFA-Elite-Schiedsrichter aus der Türkei kurz vor dem von seinem Team geleiteten Champions League Finale 2015 zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona in Berlin.

Wie von diesem Spitzenschiedsrichter beschrieben geht es also darum, sich anspruchsvolle Ziele zu setzen und diese konsequent zu verfolgen.

Denn neben rein fachlichen Qualitäten, die sich lediglich auf dem "Spielfeld" bemerkbar machen, werden wie im Berufsleben auch im Schiedsrichterwesen überfachliche Aspekte, die sich eher auf Personenebene und vor allem außerhalb des Spielfeldes offenbaren, zunehmend relevanter. Dazu zählt auch die gesamte Bandbreite des Selbstmanagements - besonders für Fußballschiedsrichter.

Unter Selbstmanagement (oder auch Selbstregulation) werden selbstkontrollierende Aktivitäten verstanden, "bei denen es um das Erreichen bereits (extern) gesetzter Ziele geht, zu deren Gunsten auch gegen innere Widerstände gehandelt wird" (Müller & Wiese, 2010, S. 626). Unter dieses Spektrum fällt u.a. das Zielsetzungsmanagement.


Zielorientiertes Handeln

Ein Ziel wird alltagssprachlich als der Zweck von absichtlichen Handlungen verstanden. Psychologische Definitionen begreifen Ziele als „Vorwegnahmen von Handlungsfolgen, die mehr oder weniger bewusst zustande kommen. Sie beziehen sich auf zukünftige, angestrebte Handlungsergebnisse und beinhalten zugleich auch eine kognitive Repräsentation dieser Handlungsergebnisse.“ (Kleinbeck, 2010, S. 286).

Im Vordergrund beider Definitionen stehen dabei Handlungen, die auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sind. Nach Kuhl (1983) gliedert sich zielorientiertes Handeln in zwei verschiedene Facetten:

1. Das Setzen von Zielen als Resultat der Abschätzung ihrer erwarteten Werte sowie der Erwartung, die Ziele zu erreichen (d.h.: es werden vor allem die Ziele verfolgt, die persönlich als attraktiv und erreichbar eingeschätzt werden). Hier spielt die individuelle Motivationslage eine wichtige Rolle – Ziele sind gewissermaßen das Ergebnis von Motivation.

2. Das Zielstreben, also der eigentliche Prozess der Zielverfolgung in Form von zielrealisierenden Handlungen. Hier geht es also eher darum, den nötigen Willen (Volition) zu zeigen, gesetzte Ziele zu erreichen.

Zunächst soll geklärt werden, welche Bereiche für Schiedsrichter im Hinblick auf Zielsetzung und Zielstreben relevant erscheinen:


Spielleitungsbezogene Ziele: betreffen u.a. den Bereich der Spielleitung einschließlich Regelanwendung, Regelauslegung und Spielkontrolle (z.B.: Verbesserung des Stellungsspiels in Strafraumnähe, indem der diagonale Laufweg besser ausgelaufen wird und der Strafraum betreten wird).

Fitnessbezogene Ziele: betreffen die eigene Fitness auf körperlicher (Ausdauer, Beschleunigung, Sprintschnelligkeit, Ernährung, physikalische Werte wie z.B. Körperfettanteil usw.) und geistiger Ebene (Konzentrationsfähigkeit usw.) (z.B.: den FIFA-Fitnesstest in einer bestimmten Sekundenzahl laufen und bestehen).

Persönlichkeitsbezogene Ziele: betreffen die individuelle Persönlichkeitsstruktur, das Selbstmanagement, Kommunikationsfertigkeiten sowie die Außenwirkung als Schiedsrichter (z.B.: mehr Selbstbewusstsein in der Körpersprache ausstrahlen).

Karrierebezogene Ziele: betreffen die eigene Schiedsrichterkarriere und -tätigkeit (z.B.: am Ende der Saison eine Durchschnittsnote von mindestens 8,40 haben; in eine höhere Liga aufsteigen).


Ziele setzen und verfolgen – Theoretische Fundierung

Zur Erklärung beider Stufen zielorientierten Handelns existieren zahlreiche Theorien. Wir beschränken uns hier auf die Darstellung zweier Theorien, aus denen sich für Schiedsrichter ein großer praktischer Nutzen ableiten lässt. Wen die theoretische Herleitung nicht interessiert, kann direkt zum praktischen Teil weiter unten springen.


Das Setzen von Zielen – die VIE-Theorie

Die Valenz-Instrumentalitäts-Erwartungs-Theorie (VIE-Theorie; Vroom, 1964) ist eine Motivationstheorie, die sich vor allem mit Prozessen auseinandersetzt, die zur Entscheidung für eine bestimmte Handlungsalternative – also im Prinzip bestimmter Ziele – führen.
V
Valenz = der persönlich empfundene Wert bzw. die subjektive Attraktivität einer Handlung und ihrer Folgen
I
Instrumentalität = die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus einem Handlungsergebnis bestimmte Folgen ergeben, also inwieweit eine Handlung Mittel zum Zweck für etwas ist
E
Erwartung = die subjektive Wahrscheinlichkeit, mit der eine Handlung zu einem bestimmten Handlungsergebnis führt

Die VIE-Theorie (s. Abb. 2) nimmt daher an, dass Ziele das Ergebnis einer multiplikativen Abschätzung der drei Komponenten Valenz, Instrumentalität und Erwartung sind. Zielorientiertes Handeln besteht also darin, 

1. Handlungen auszuüben, von denen angenommen wird, dass sie sehr wahrscheinlich zu bestimmten Ergebnissen führen (Erwartung)
2. dass diese Ergebnisse wiederum sehr wahrscheinlich zu einem übergeordneten Ziel führen (Instrumentalität) und
3. dass dieses übergeordnete Ziel einen bestimmten persönlichen Wert (Valenz) für das Individuum hat.





Sind all diese Zusammenhänge gegeben, so wird das Verhalten laut der Theorie mit hoher Anstrengung auf das übergeordnete Ziel hin ausgerichtet – es ergeben sich folglich positive Leistungs- und Motivationseffekte.

Bei der Zielsetzung ist also eine Identifikation von Zwischenzielen (Ergebnissen bestimmter Handlungen) sowie eine realistische Einschätzung darüber, ob diese Zwischenziele zur Erreichung eines positiv bewerteten Hauptziels beitragen, entscheidend. Wichtig erscheint hierbei, dass das übergeordnete Ziel für die Person attraktiv sein sollte. Ist es das nicht – oder empfindet eine Person das Ziel X sogar als negativ –, so ergeben sich laut VIE-Theorie negative Motivations- und Leistungseffekte.

Für Schiedsrichter und (falls vorhanden) ihre Coaches bedeutet dies:

1. Klären, welche übergeordneten Ziele für sich selbst / den Schiedsrichter attraktiv sind.
2. Den Weg zum Ziel definieren: Was müsste gegeben sein, dass die übergeordneten Ziele erreicht werden?
3. Handlungen bzw. Verhaltensweisen identifizieren, die dazu beitragen, die Voraussetzungen für die Zielerreichung zu erfüllen.

Das folgende Beispiel verdeutlicht dies für den fiktiven Fall eines Juniorenbundesligaschiedsrichters:

Der Schiedsrichter festgestellt, dass ihm in seinen letzten Spielen gerade in der Schlussphase bei kritischen Situationen im Strafraum gelegentlich das optimale Stellungsspiel fehlte, er zu häufig zu weit entfernt positioniert war und den nötigen seitlichen Einblick in Zweikämpfe vermissen ließ. Dadurch kam es in seinem letzten Spiel zu einem übersehenen Strafstoß und einigen weiteren Szenen, in denen er sich nicht 100% sicher in seiner strafraumnahen Zweikampfbewertung fühlte. Darunter hat nicht nur sein Vertrauen in die eigenen Entscheidungen, sondern – so das Gefühl des Schiedsrichters – auch das Vertrauen der Spieler in ihn als Schiedsrichter gelitten, was sich in vermehrtem Reklamieren äußerte.

Gemeinsam mit seinem Coach diskutiert er das Problem. Nach der Videoanalyse der relevanten Spielsituationen fällt dem Coach auf, dass die Ausdauer des Schiedsrichters in der Schlussphase intensiver Spiele verbesserungswürdig ist. Vor allem in den letzten Spielminuten gingen ihm zuweilen die Sprintgeschwindigkeit verloren und die „Körner“ aus.

Daher definieren der Schiedsrichter und das Coach das übergeordnete Ziel, die Wege zur Zielerreichung und dazu nötige Handlungen:




Mit dem Setzen von Zielen ist es allerdings nicht getan. Im Folgenden geht es darum, wie gute Ziele formuliert sein sollten, wie Ziele realisiert werden und wie Zielstreben im Inneren funktioniert.


Das Zielstreben – die Zielsetzungstheorie

Die Forschung von Edwin Locke und Gary Latham, die 1990 bzw. 2002 in die Zielsetzungstheorie bzw. den sog. High Performance Cycle mündete, beantwortet drei wesentliche Fragen:

1. Wie wirken sich Ziele auf die individuelle Leistung aus?
2. Unter welchen Umständen entfaltet sich eine mögliche Wirkung?
3. Wie sollten Ziele demzufolge formuliert und gestaltet werden?

Die folgende Abbildung veranschaulicht den High Performance Cycle.




Wie oben illustriert, führen Ziele über zielorientiertes Handeln zu Leistung. Dieser Wirkmechanismus entfaltet sich über die investierte Anstrengung, Ausdauer der Handlung, das Schmieden von Plänen und Strategien zur Zielerreichung sowie einem zieldienlichen Handlungsfokus. Allerdings hängt die Stärke und Richtung dieses Effekts von einigen Moderatoren ab, darunter Feedback, das eigene Selbstwirksamkeitsempfinden und Commitment, also Zielbindung. Darauf wird weiter unten nochmals Bezug genommen.

Die empirisch abgesicherte Theorie liefert zudem Hinweise, wie gute Ziele idealerweise formuliert werden sollten. Demzufolge führen nur spezifische – also konkret und präzise formulierte –, anspruchsvolle und schwierige sowie partizipativ gestaltete Ziele zu dem dargestellten Effekt auf die Leistung.

Entsprechende Leistungseffekte sollten gemäß der Theorie weiterhin belohnt werden, nämlich zum einen intrinsisch (in der Person liegend) und extrinsisch (aus der Umwelt stammend). Ist dies gegeben, so besteht eine hohe Bereitschaft (Commitment) dazu, Ziele oder Aktivitäten weiterhin zu verfolgen (s. Punkt 10. weiter unten).


Ziele setzen und verfolgen - Praktische Anwendung

Daraus folgt für Schiedsrichter und (falls vorhanden) ihre Coaches:

1. Ist-Soll-Analyse durchführen

Schiedsrichter sollten zu allererst ihre Stärken (Ressourcen) und Schwächen (Weiterentwicklungs-potenziale) analysieren und einen Ist-Soll-Abgleich vornehmen. Wo sollte ich im Bereich X sein, wo stehe ich tatsächlich? In welchen Bereichen bin ich bereits gut und was kann ich tun, um mich dort zu stabilisieren? Worin kann ich besser werden und wie kann mir das gelingen?

Idealerweise sollten sich Schiedsrichter hierzu Rückmeldungen von möglichst vielen Seiten einholen. Neben der eigenen Selbsteinschätzung erstreckt sich dies u.a. auf Feedback von Schiedsrichterkollegen, Schiedsrichterbeobachtern und dem eigenen Schiedsrichtercoach. In vielen Fällen erhalten Schiedsrichter – gerade auf Amateurebene – allerdings keine Beobachtungen oder Coachings. Hier kommt der eigenen Einschätzung ein besonders starkes Gewicht zu, welche daher mit der nötigen selbstkritischen Distanz vorgenommen werden sollte.

Gerade in höheren Ligen sind Unparteiischen in der Regel Beobachter und Coaches zugeteilt. Gemeinsam mit dem Coach kann der Ist-Soll-Abgleich daher ggf. unter Berücksichtigung zurückliegender Beobachtungsberichte bspw. halbjährlich erfolgen. Dabei sollten vor allem systematische Stärken und Schwachstellen identifiziert werden.


2. Ziele SMARTER formulieren

Eine weit verbreitete Formel fasst einprägsam zusammen, wie gute, reizvolle Ziele idealerweise formuliert werden sollten. Dabei handelt es sich um die sog. SMART-Formel. Für diese Lehreinheit wird auf Basis der Theorie eine Adaption und Erweiterung vorgenommen: Statt smarten Zielen, sollten hingegen smartere definiert werden. Die SMARTER-Formel im Überblick:


S
Spezifisch: Ziele sollten so präzise, eindeutig und konkret wie möglich formuliert werden. Von vage formulierten Zielen (z.B.: „Gib im nächsten Spiel einfach alles!“ oder „Verbessere dein Positionsspiel“) sollte daher Abstand genommen werden, da sie zu Leistungseinbußen führen (Bipp & Kleingeld, 2008).
M
Messbar: Ziele sollten messbar oder zumindest beobachtbar sein. Es sollten klare Kriterien definiert werden, anhand derer eine Zielerreichung ablesbar ist.
A
Anspruchsvoll: Ziele sollten anspruchsvoll und schwierig formuliert werden, …
R
Realistisch: … dabei aber in Qualität und Quantität realistisch und erreichbar bleiben.
T
Terminiert: Ziele sollten einen klaren zeitlichen Horizont, Deadlines und Zwischenüberprüfungen vorsehen
E
Ermutigend: Ziele sollten subjektiv attraktiv und mit Belohnungen verbunden sein.
R
Rückgemeldet: Ziele sollten partizipativ formuliert und rückmeldungsorientiert. Die Zielerreichung sollte durch Feedback laufend bzw. zu gegebener Zeit überprüft und unterstützt werden. Ziele sind somit das Ergebnis von Selbst- und Fremdeinschätzungen über Feedback.

3. Anspruchsvolle Ziele wählen

Ziele sollten schwierig zu erreichen sein, aber dennoch erreichbar bleiben. Sie sollten fordern und fördern. Dagegen demotivieren zu einfache Ziele, die leicht erreicht werden können, so dass auf sie verzichtet werden sollte (Bakker & Demerouti, 2007).


4. Zeitlichen Horizont berücksichtigen und definieren

Ziele sollten stets an einen bestimmten Zeitpunkt oder wenigstens Zeithorizont gebunden sein. Eine grobe Einteilung in kurz-, mittel- und langfristige Ziele ist hier sinnvoll. Wichtig ist, bei der Zielvereinbarung dennoch möglichst konkrete Daten oder Termine festzuhalten, bis zu denen ein Ziel zu einem bestimmten Grad erreicht sein sollte (z.B.: „bis zum Saisonende“ oder „bis zum nächsten Fitnesstest am 20.02.“).


5. Ziele aktiv und positiv gestalten

Aktiv formulierte Ziele sind üblicherweise motivierender als passiv formulierte. Außerdem sollten Ziele stets positiv und nicht negativ ausgerichtet sein. Unsere linke Hirnhälfte verarbeitet Verneinungen nämlich logisch und akkurat – unsere rechte jedoch nicht, sie kann Verneinungen nicht verarbeiten. Eine negative Botschaft löst daher eine logische Reaktion in der einen und eine mit ihr in Konflikt stehende Reaktion in der anderen Hirnhälfte aus. Statt dem passiv-negativen Ziel „In der nächsten Saison weniger von Stress beeinflusst werden“ könnte man eher die aktiv-positive Formulierung „In der nächsten Saison effektiver mit Stress umgehen“ wählen. Es sollten also Annäherungs- statt Vermeidungsziele gewählt werden.


6. Nach Bereich strukturieren

Zur Strukturierung und Übersichtlichkeit empfiehlt es sich gerade in Coach-Schiedsrichter-Gesprächen, Ziele nach den oben dargestellten vier Bereichen zu gliedern und Bereich für Bereich nacheinander durchzugehen.


7. Nicht überladen

Mit Blick auf ihre Qualität sollten Ziele zwar anspruchsvoll sein , aber trotzdem erreichbar bleiben. Sie sollten auf das Fähigkeitslevel des Unparteiischen zugeschnitten sein und es nicht übermäßig übersteigen, aber auch keinen Stillstand herbeiführen. Auch hinsichtlich ihrer Anzahl sollten Ziele Schiedsrichter nicht überladen: Mehr als 2-3 Ziele bzw. Verbesserungspunkte je Bereich sind wohl kaum zu "verdauen" und gleichzeitig zu verfolgen.


8. Regelmäßiges Feedback

Um Schiedsrichter in die Lage zu versetzen, ihren Leistungsstand und ihre Zielverfolgung einschätzen zu können, bedarf es regelmäßiger Beobachtungen und Coachings. Erfahrene Schiedsrichter bzw. Beobachter sollten gerade junge Unparteiische nicht nur in ihren ersten Spielen, sondern regelmäßig begleiten und beurteilen. Wie gutes Feedback aussieht, wird in einer der künftigen Lehreinheiten besprochen. Für Unparteiische in niedrigklassigen Ligen, die weder beobachtet, noch gecoached werden, empfiehlt es sich, sich selbst Ziele zu setzen und zu versuchen, ihre Erreichung möglichst objektiv zu überprüfen. Ein guter Ansatzpunkt ist es, sich nach jedem (wichtigen) Spiel drei positive Punkte und drei Verbesserungspunkte zu notieren, an denen in den nächsten Spielen gearbeitet werden kann.

Wie man als Beobachter bzw. Coach effektives Feedback gibt und welche Feedbackregeln Schiedsrichter beherzigen sollten, wird in einer künftigen Lehreinheit thematisiert.


9. Motivierende Ziele wählen

Ziele können überaus motivierend sein, wenn sie richtig gewählt werden. Werden sie, wie oben dargestellt, richtig und attraktiv formuliert, können sie den Schiedsrichter im Sinne eines sog. „Pull-Faktors“ zu Spitzenleistungen anspornen. Denn neben sog. „Push-Faktoren“, wie z.B. eine hoch ausgeprägte Leistungsmotivation, die Personen also quasi zu Leistung „schieben“, können Ziele hingegen „anziehend“ und „mitreißend“ wirken.


10. Passende Belohnungen bzw. Konsequenzen wählen

Schiedsrichterfunktionäre sollten gute Leistungen und positive Zielerreichungen angemessen belohnen. Möglichkeiten dazu bestehen bspw. in offen kommunizierter Anerkennung, interessanten Ansetzungen mit steigender Wichtigkeit oder gar Aufstiegen in höhere Ligen. Bekommen Schiedsrichter auf lange Frist das Gefühl, dass deutliche Leistungssteigerungen nicht angemessen honoriert werden, könnte dies negative Auswirkungen auf ihre Motivation, Zufriedenheit und dadurch auch auf ihre Leistung haben.


Ein systematisches Zielmanagement setzt voraus, dass die besprochenen oder selbst festgelegten Ziele schriftlich festgehalten und somit greifbar gemacht werden. Mit dem folgenden Zielmanagementbogen für Schiedsrichter und ihre Coaches kann dies gelingen:

> Dokument: Zielmanagementbogen für Schiedsrichter und ihre Coaches
> PDF: Beispielbogen für den fiktiven Fall eines Juniorenbundesligaschiedsrichters


Abschließend seien Schiedsrichter und Coaches also ausdrücklich dazu ermutigt, anspruchsvolle und motivierende Ziele in den vier genannten relevanten Bereichen zu formulieren, zu verfolgen und zu überprüfen. Denn die dargestellten, empirisch fundierten Theorien zeigen eindrücklich: Wer sich Ziele setzt, dabei auf einige Regeln der Zielformulierung achtet und sich regelmäßiges Feedback einholt, kann seine Leistung auf und neben dem Platz effektiv steigern und so Stück für Stück seine Stärken stabilisieren und an seinen Schwächen feilen.

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Literatur

Bakker, A.B. & Demerouti, E. (2007). The job demands-resources model: State of the art. Journal of Managerial Psychology, 22, 309-328.

Bipp, T. & Kleingeld, A. (2011). Goal-setting in practice – the effects of personality and perceptions of the goal-setting process on job satisfaction and goal commitment. Personnel Review, 40(3), 306-323.

Kleinbeck, U. (2010). Handlungsziele. In J. Heckhausen & H. Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln. (4. Aufl., S. 285-308). Heidelberg: Springer.

Kuhl, J. (1983). Motivation, Konflikt und Handlungskontrolle. Berlin: Springer.

Locke, E.A. & Latham, G.P. (1990). A Theory of Goal Setting and Task Performance. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall.

Locke, E.A. & Latham, G.P. (2002). Building a practically useful theory of goal setting and task motivation. American Psychologist, 57, 705-717.

Müller, G.F. & Wiese, B.S. (2010). Selbstmanagement und Selbstführung in der Arbeit. In U. Kleinbeck & K.-H. Schmidt (Hrsg.), Arbeitspsychologie. Enzyklopädie der Psychologie D/III/1. (S. 623-669). Göttingen: Hogrefe.

Nerdinger, F.W. (2013). Arbeitsmotivation und Arbeitshandeln. Kröning: Asanger.

Tozar, T. & Chaplin, M. (2015). Cüneyt Çakır 'enjoying the moment'. http://www.uefa.org/protecting-the-game/refereeing/news/newsid=2253801.html, abgerufen am 18.02.2017.

Vroom, V. (1964). Work and motivation. New York: Wiley.


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Nachspielzeit (DFB-Pokal): Sokratis' Doppel-Gelb - ein Spiel um Macht und Autorität

13.2.17 Kommentarbereich
Doppel-Gelb gegen denselben Spieler hat es in der jüngeren Bundesliga- bzw. Pokalgeschichte durchaus häufiger gegeben, zuletzt bspw. bei der Partie Ingolstadt gegen Leipzig, als Matthew Leckie für zwei verwarnungswürdige Vergehen in derselben Situation zweimal Gelb hintereinander sah. In Erinnerung blieb auch das DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Köln aus dem Februar 2010: Damals gab es gleich zweimal Doppel-Gelb für fortgesetztes Meckern inkl. abfälliger Gesten gegen die Geisböcke (s. Video). Fast auf den Tag genau sieben Jahre später reiht sich nun also Dortmunds Sokratis in diese unrühmliche Serie komplett unnötiger Platzverweise ein, als Schiedsrichter Deniz Aytekin ihn in der 119. Spielminute wegen Meckerns gleich zweimal verwarnte und folglich vom Platz stellte. Ein Rückblick auf den vielleicht kuriosesten Platzverweis der laufenden Spielzeit.


Was war passiert? Sokratis bekam einen direkten Freistoß zugesprochen, wollte den Tatort aber offensichtlich noch ein bis zwei Meter näher zum Strafraum verlegen. Mehr oder minder nachvollziehbar war daher das Verhalten der Herthaner, die sich demonstrativ vor den Ball stellten und so nicht nur eine schnelle Ausführung, sondern auch ein weiteres Verschleppen des Balls verhindern wollten. Korrekterweise wies der Unparteiische Sokratis an, den Ball zwei Meter weiter zurück zu legen, woraufhin dieser auf abfällige und respektlose Art und Weise zu gestikulieren begann.

In solch eindeutigen Fällen bleibt dem Schiedsrichter keine Wahl: Protestiert ein Spieler durch Worte oder Handlungen, so ist er zwingend zu verwarnen. Unparteiische sind grundsätzlich dazu angehalten, erste Anzeichen von eindeutigen Protesten kraft ihrer Persönlichkeit und, wenn nötig, über Disziplinarstrafen aus dem Spiel zu nehmen und so weiteren Protesten vorzubeugen.

Die Gelbe Karte war somit vollkommen gerechtfertigt. Angesichts des Ausmaßes an Respektlosigkeit, das Sokratis an den Tag legte, ist es ebenfalls verständlich, dass Aytekin ihm noch einige warme Worte mit auf den Weg gab. Als Sokratis selbst auf die eindeutige Ansage und Gestik, dass er „beim nächsten Mal fliegt“, erneut mit abfälliger und höhnischer Gestik reagierte, hatte Aytekin letztlich keine Wahl und musste ihn mit Gelb-Rot herunterstellen.

Diese Entscheidung hat natürlich gerade angesichts des Spielkontexts eine begrüßenswerte Strahlkraft: Schließlich wurde das Spiel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen frei empfangbar übertragen, genoss einen gewissen Stellenwert als Topspiel und erreichte somit ohne Zweifel eine breite Öffentlichkeit. Hier die Botschaft zu senden, dass Respektlosigkeit gegen Unparteiische nicht toleriert, sondern bestraft wird, kommt besonders den Wochenende für Wochenende aktiven Schiedsrichtern auf Amateurebene zu Gute. Eine solche top-down-verlaufende Signalwirkung vom Profifußball auf die unteren Ligen war zuletzt u.a. bei Felix Zwayers Kabinengang zu beobachten, als sich Leverkusen-Trainer Schmidt weigerte, auf der Tribüne Platz zu nehmen.


Regelkonform, aber vermeidbar?

Schiedsrichterentscheidungen kann man rückblickend grundsätzlich danach beurteilen, ob die finale Entscheidung korrekt bzw. konsistent war und welche prospektive Signalwirkung sie besaß. Wie oben ausgeführt, stellen beide Betrachtungsweisen den Platzverweis in ein überaus positives Licht.

Eine andere Betrachtungsebene beurteilt Schiedsrichterentscheidungen dahingehend, ob sie trotz regeltechnischer Korrektheit unter Umständen präventiv vermeidbar gewesen wäre und untersucht sie mit Blick auf Aktions-Reaktions-Schleifen. Dies ist gerade dann wichtig, wenn sich die Entscheidung nicht etwa auf ein alltägliches Foul bezieht, sondern sie sich eher auf der Beziehungsebene zwischen Schiedsrichter und Spieler abspielt.

Konkret könnte man allgemein fragen: War die Entscheidung seitens des Schiedsrichters präventiv vermeidbar? Hatte der Schiedsrichter einen Anteil daran, dass es so weit kam? Wie hätte sich der Schiedsrichter ggf. verhalten können, um es nicht so weit kommen zu lassen?

Aus psychologischem Blickwinkel sind diese Fragen vor allem deshalb hochinteressant, da gute Schiedsrichter sich selbst und solche einschneidenden Abläufe stets kritisch hinterfragen sollten.

Denn eines ist klar: Es kann keinesfalls der Wunsch von Aytekin gewesen sein, in der 119. Spielminute, die aus Schiedsrichtersicht brilliant verliefen, einen Spieler für eine derartige Aktion vom Platz zu stellen. Schiedsrichter möchten üblicherweise das Spiel und den Fußball in den Vordergrund stellen. Das gilt im Profifußball, wo die mediale Inszenierung deutlich mehr im Fokus steht, natürlich noch einmal mehr als auf Amateurebene.

Schließlich war das Spiel in dem Moment trotz der hohen Spannung eher davon geprägt, dass Krämpfe zunahmen, die Spielgeschwindigkeit deutlich verflachte und sich beide Teams mit dem Unentschieden nach 120 Minuten abzufinden schienen. Die Spielatmosphäre war also eher ruhig.

Schauen wir uns also den Situationsverlauf rückblickend an. Dazu können wir uns jeweils fragen, welche Handlungsmöglichkeiten sich dem Schiedsrichter zu jeweils verschiedenen Sequenzen der Situation eröffneten. Wir versetzen uns also jeweils in verschiedene Momente der Situation. Die folgenden Zeitangaben beziehen sich auf das folgende Youtube-Video.



4:47: Sokratis protestiert durch Handlungen, und zwar auf respektlose und abfällige Art und Weise. Aytekin muss ihn zwingend dafür verwarnen. Dafür hat er mindestens zwei Möglichkeiten: Entweder er läuft ihm hinterher und zeigt ihm mit energischer Körpersprache die Gelbe Karte oder er holt sich ihn heran, sichert seine Aufmerksamkeit, ermahnt ihn verbal auf deutliche Art und Weise und zeigt ihm dann die Gelbe Karte verbunden mit der Aufforderung, das nicht noch einmal zu tun. Aytekin entschied sich für die erste Möglichkeit. Da der griechische Innenverteidiger quasi auf der Ebene eines rebellischen und trotzigen Kindes agiert hat, ist dies verständlich. Denn hier galt es, Autorität zu zeigen und sich auf keine Diskussionen einzulassen. Demgegenüber stehen die ruhige Spielatmosphäre und Aytekins vorherige Spielleitung, die eher durch positive, wenn auch autoritäre Körpersprache und einen guten Draht zu den Spielern gekennzeichnet war.

4:50: Nach drei abfälligen Gesten verwarnt Aytekin Sokratis. Dieser läuft mit dem Rücken zugewandt davon, was während des Aussprechens einer Verwarnung grundsätzlich nicht ideal ist. Sokratis scheint sich allerdings beruhigt und mit der Szene abgeschlossen zu haben. Dem Unparteiischen bleiben hier wieder zwei Möglichkeiten: 1. Ihm noch Worte mit auf den Weg geben – womöglich hat er Sokratis dazu aufgefordert, sich umzudrehen, der dies aber nicht gemacht hat – und ihm ggf. klarzumachen, dass er beim nächsten Mal Gelb-Rot sieht oder 2. sich als Schiedsrichter nach dem Zeigen der Verwarnungskarte umdrehen und weggehen.

4:56: Aytekin entscheidet sich dafür, ihm mit einer klaren Gestik zu verdeutlichen, dass er beim nächsten Mal vom Platz gestellt wird. In dem Moment dreht sich Sokratis um und reagiert auf Aytekins Ermahnung erneut mit rebellischer, abfälliger und trotziger – später gar mit höhnischer – Gestik. Ab diesem Punkt bleibt dem Schiedsrichter nur noch eine Möglichkeit: Gelb-Rot.


Wie dargestellt, blieben Aytekin ab dem Moment bei 4:56 im Video keine Alternativen zum Platzverweis. Bei dem Versuch zu verstehen, wie die Situation vielleicht gar nicht so weit gekommen wäre, bzw. ob es elegantere Lösungen gegeben hätte, sind also die ersten beiden Zeitpunkte relevant.

Tendenziell erscheint die bei 4:47 gewählte Möglichkeit als die sinnvollere und verständlichere der beiden. Am ehesten können wir daher bei 4:50 ansetzen: Sokratis hatte sich mit der Verwarnung abgefunden. Er war das rebellische Kind, das seine gerechte Bestrafung erhalten hat. Die Frage ist nun, ob es taktisch clever war, Sokratis weitere Aufmerksamkeit zu schenken oder es nicht einfach dabei zu belassen.


Es ging in erster Linie um Macht und Autorität

Eines steht nämlich fest: Bei dem weiteren Situationsverlauf ging es aus psychologischer Sicht in erster Linie nicht um die Umsetzung des Regelwerks, sondern um Macht und Autorität. Es ging um die Frage, wer die Oberhand behält. Wer gewinnt und wer verliert. Durch seine „noch einmal und du fliegst“-Gestik hat der Schiedsrichter den Spieler ein Stück weit herausgefordert (Aktion), provoziert, vielleicht sogar ein erloschenes Feuer wieder entfacht (denn wie gesagt: Sokratis hatte mit der Szene abgeschlossen), worauf dieser wiederum mit weiteren abfälligen Gesten einstieg (Reaktion). 

Es bestand also eine klassische Win-Lose-Situation, aus der Sokratis mit seinem Temperament ebenso wenig als Verlierer hervorgehen wollte wie Aytekin, der dort nicht der Verlierer sein darf – denn sonst kann er seine zuvor untergrabene Autorität gleich begraben. Letztendlich hat sich der Referee durch die „noch einmal“-Gestik also selbst ein bisschen unter Zugzwang gesetzt. Da Schiedsrichter stets einen kühlen Kopf behalten und über den Dingen stehen sollten, war das rückblickend vielleicht nicht die allerbeste Idee.

Diese Überlegungen sind selbstverständlich nicht als Kritikpunkte, sondern vielmehr als Denkanstöße gemeint. Und sie sind mit zwei Einschränkungen verbunden: Erstens wissen wir, wie gesagt, nicht, was Aytekin Sokratis zuvor schon gesagt hatte bzw. ob es frühere Begegnungen der zwei Akteure gab. Zweitens weiß man hinterher alles besser - wobei hier nicht einmal zum Ausdruck kommen soll, dass eine andere Alternative zwangsläufig besser gewesen wäre. Diese Rückschauverzerrung wird allerdings dadurch abgemildert, dass die vorherige Analyse in der konkreten Situation mit den zu dem jeweiligen Zeitpunkt vorliegenden Umständen ansetzt - also quasi in die Situation hineingeht und sich in sie hineinversetzt - und die Dinge nicht aus einer allgemeinen Rückschau betrachtet.

Klar ist auch: In erster Linie ist hier Sokratis‘ einigermaßen unkluges Verhalten zu bemängeln. Jeder Spieler ist für sein Verhalten (und seine Dummheit) letztlich selbst verantwortlich. Das zeigen auch die Reaktionen der Beteiligten, inkl. Trainer Thomas Tuchel, die ausschließlich Sokratis rügten. Von der wichtigen, positiven Signalwirkung, die Aytekins konsequentes Vorgehen für untere Ligen hat und für die man ihm nur dankbar sein kann, mal ganz zu schweigen.